«Ich habe ihn speziell für dich von Doreah nähen lassen«, erklärte sie ihm verletzt.»Es sind Gewänder, wie sie einem khal gebühren.«
«Ich bin der Herr über die Sieben Königslande, kein Wilder mit Glöckchen im Haar und Grasflecken an der Hose«, spuckte Viserys ihr ins Gesicht. Er packte sie am Arm.»Du vergißt dich, Hure. Glaubst du, daß dein dicker Bauch dich schützen kann, wenn du den Drachen weckst?«
Schmerzhaft drückten seine Finger in ihren Arm, und einen
Augenblick lang fühlte sich Dany wieder wie ein Kind, das angesichts seines Zornes erzitterte. Sie ergriff das erstbeste, dessen sie habhaft wurde, den Gürtel, den sie ihm hatte schenken wollen, eine schwere Kette aus verzierten Bronzemedaillons. Mit aller Kraft schlug sie nach ihm.
Sie traf ihn mitten ins Gesicht. Viserys ließ sie los. Blut lief über seine Wange, wo die scharfe Kante eines der Medaillons einen Schnitt hinterlassen hatte.»Du bist es, der sich vergißt«, fuhr Dany ihn an.»Hast du an jenem Tag im Gras denn nichts gelernt? Geh jetzt, bevor ich dich von meinen khas hinauswerfen lasse. Und bete, das Khal Drogo nichts davon erfährt, sonst reißt er dir den Bauch auf und füttert dich mit deinen Eingeweiden.«
Schwankend kam Viserys auf die Beine.»Wenn ich in mein Königreich komme, wirst du diesen Tag bereuen, Hure. «Er ging, hielt sich das verletzte Gesicht, ließ ihre Geschenke zurück.
Blutstropfen waren auf den schönen Umhang aus Rohseide gespritzt. Dany nahm den weichen Stoff an ihre Wange und saß mit gekreuzten Beinen auf ihren Schlafmatten.
«Eure Speisen sind bereitet, Khaleesi«, verkündete Jhiqui.»Ich habe keinen Hunger«, sagte Dany traurig. Plötzlich war sie sehr müde.»Teilt die Speisen unter Euch, und schickt etwas davon Ser Jorah, seid so gut. «Einen Moment später fügte sie hinzu:»Bitte, bring mir eins von diesen Dracheneiern.«
Irri nahm das Ei mit der dunkelgrünen Schale, und bronzene Flecken schimmerten inmitten der Schuppen, als sie es in ihren kleinen Händen wendete. Dany rollte sich auf der Seite zusammen, zog den Umhang aus Rohseide über sich und legte das Ei in die Grube zwischen ihrem prallen Bauch und den kleinen, zarten Brüsten. Es gefiel ihr, es zu halten. Es war so wunderschön, und manchmal gab die bloße Nähe ihr das Gefühl, als zöge sie Kraft aus den steinernen Drachen, die
darin gefangen waren.
Sie lag da und hielt das Ei, als sie spürte, wie sich das Kind in ihrem Bauch bewegte… als wollte es zu ihm, der Bruder zum Bruder, das Blut zum Blut.»Du bist der Drache«, flüsterte Dany ihm zu,»der wahre Drache. Ich weiß es. Ich weiß es. «Und sie lächelte, schlief ein und träumte von der Heimat.
Bran
Leichter Schnee fiel. Bran konnte spüren, wie er schmolz, wenn er sein Gesicht wie sanfter Regen berührte. Aufrecht saß er auf seinem Pferd und sah zu, wie das eiserne Fallgitter hochgezogen wurde. Sosehr er sich auch darum mühte, ruhig zu bleiben, flatterte doch sein Herz in der Brust.
«Bist du bereit?«fragte Robb.
Bran nickte, gab sich Mühe, seine Angst nicht zu zeigen. Seit seinem Sturz hatte er Winterfell nicht mehr verlassen, doch war er entschlossen, stolz wie ein Ritter auszureiten.
«Nun, dann laß uns reiten. «Robb gab seinem großen, grauweißen Wallach die Fersen und führte das Pferd unter dem Fallgitter hindurch.
«Geh«, flüsterte Bran seinem eigenen Pferd zu. Sanft berührte er dessen Hals, und das kleine, braune Fohlen kam in Bewegung. Bran hatte der jungen Stute den Namen Dancer gegeben. Sie war zwei Jahre alt, und Joseth sagte, sie sei klüger als ein Pferd sein dürfe. Man hatte sie speziell abgerichtet, damit sie auf Zügel, Stimme und Berührung reagierte. Bisher hatte Bran sie nur auf dem Burghof geritten. Anfangs führten Joseth oder Hodor sie noch, während Bran auf ihrem Rücken in dem übergroßen Sattel festgeschnallt saß, den der Gnom für ihn entworfen hatte, doch seit zwei Wochen ritt er sie allein, trabte Runde auf Runde und wurde mit jedem Mal mutiger.
Sie kamen unter dem Wachhaus hindurch, über die Zugbrücke, durch die äußere Mauer. Summer und Grey Wind sprangen neben ihnen herum, schnüffelten im Wind. Gleich nach ihnen kam Theon Greyjoy mit seinem Langbogen und einem Köcher voller Pfeile mit breiten Spitzen. Er wollte einen Hirsch erlegen, so hatte er gesagt. Ihm folgten vier Gardisten mit Kettenhemden und Hauben, und Joseth, ein dürrer
Besenstiel von einem Stallknecht, den Robb zum Stallmeister ernannt hatte, solange Hüllen fort war. Maester Luwin bildete die Nachhut, ritt auf einem Esel. Es hätte Bran besser gefallen, wenn Robb und er allein ausgeritten wären, doch davon wollte Hai Mollen nichts hören, und Maester Luwin gab ihm recht. Für den Fall, daß Bran von seinem Pferd fiel oder sich verletzte, war der Maester fest entschlossen, bei ihm zu sein.
Außerhalb der Burg lag der Marktplatz, dessen hölzerne Buden jetzt leer waren. Sie ritten durch die schlammigen Straßen des Dorfes, an hübschen, kleinen Häusern aus Holz und unverputztem Stein vorüber. Nicht einmal eines unter fünfen war bewohnt. Von diesen jedoch stiegen dünne Ranken Rauch kräuselnd aus den Schornsteinen auf. Die restlichen Häuser würden sich eines nach dem anderen füllen, je kälter es würde. Wenn der Schnee fiel und die eisigen Winde aus dem Norden heulten, so sagte Old Nan, verließen die Bauern ihre gefrorenen Felder und fernen Gehöfte, beluden ihre Wagen, und dann kam Leben ins Winterdorf. Bran hatte dies noch nie gesehen, doch Maester Luwin sagte, der Winter käme immer näher. Das Ende des langen Sommers stünde bald bevor. Der Winter naht.
Einige Dörfler beäugten die Schattenwölfe voller Sorge, als die Reiter vorüberkamen, und ein Mann ließ das Holz, das er trug, fallen und schreckte vor Angst zurück, die meisten Bewohner hatten sich hingegen an den Anblick gewöhnt. Sie fielen auf die Knie, wenn sie die Jungen sahen, und Robb grüßte jeden von ihnen mit einem hochherrschaftlichen Nicken.
Da seine Beine nicht zupacken konnten, verunsicherte das Schaukeln des Pferdes Bran anfangs, doch der riesige Sattel mit dem dicken Horn und hohem Rücken umfaßte ihn bequem, und die Riemen um Brust und Beine verhinderten, daß er herausfiel. Nach einiger Zeit fühlte sich der Rhythmus fast natürlich an. Seine Angst verflog, und ein vorsichtiges Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
Zwei Kellnerinnen standen unter dem Schild des» Smoking Log«, der hiesigen Bierschenke. Als Theon Greyjoy sie rief, errötete das jüngere der beiden Mädchen und versteckte ihr Gesicht. Theon gab seinem Pferd die Sporen, um an Robbs Seite zu gelangen.»Die süße Kyra«, sagte er lachend.»Im Bett windet sie sich wie ein Wiesel, doch sagt man auf der Straße auch nur ein Wort zu ihr, errötet sie wie eine Jungfer. Habe ich dir je von der Nacht erzählt, als sie und Bessa…«
«Nicht, solange mein Bruder dich hören kann, Theon«, warnte Robb mit einem Blick auf Bran.
Bran wandte sich ab und tat, als hätte er nichts mitbekommen, doch spürte er Greyjoys Blicke. Ohne Zweifel lächelte er. Er lächelte oft, als wäre die Welt ein heimlicher Witz, den nur er verstehen konnte. Robb schien Theon zu bewundern und seine Gesellschaft zu genießen, Bran war allerdings mit dem Mündel seines Vaters nie recht warm geworden.
Robb ritt näher heran.»Du machst dich gut, Bran.«
«Ich möchte schneller reiten«, erwiderte Bran.
Robb lächelte.»Wie du willst. «Er brachte seinen Wallach in Trab. Die Wölfe hetzten ihm nach. Bran schlug scharf mit den Zügeln, und Dancer nahm den Schritt auf. Er hörte Theon Greyjoy rufen und das Hufgetrappel der anderen Pferde hinter ihm.
Brans Umhang blähte sich auf, flatterte im Wind, und der Schnee peitschte ihm ins Gesicht. Robb war weit voraus, sah von Zeit zu Zeit über seine Schulter, um sicherzugehen, daß Bran und die anderen ihm folgten. Wieder schlug er mit den Zügeln. Sanft wie Seide ging Dancer in einen Galopp über. Der Abstand wurde kleiner. Als er Robb am Rande des Wolfswaldes einholte, zwei Meilen hinter dem Winterdorf, hatten sie die anderen weit hinter sich gelassen.»Ich kann reiten!«rief Bran grinsend. Fast fühlte es sich so gut an, wie