zu fliegen.
«Ich würde mit dir um die Wette reiten, aber ich fürchte, du würdest gewinnen. «Robbs Stimme klang gelöst und scherzend, dennoch merkte Bran, daß sein Bruder hinter dem Lächeln Sorgen verbarg.
«Ich will nicht um die Wette reiten. «Bran sah sich nach den Schattenwölfen um. Beide waren im Wald verschwunden.»Hast du gehört, wie Summer gestern nacht geheult hat?«
«Grey Wind war ebenso unruhig«, sagte Robb. Sein kastanienbraunes Haar war struppig und ungekämmt, und rötliche Stoppeln überzogen sein Kinn, wodurch er älter aussah als die fünfzehn Jahre, die er war.»Manchmal denke ich, sie wissen Dinge… spüren Dinge…«Robb seufzte.»Ich wünschte, du wärst älter.«
«Ich bin schon acht!«sagte Bran.»Acht ist nicht mehr so viel jünger wie fünfzehn, und ich bin der Erbe von Winterfell, gleich nach dir.«
«Das bist du. «Robb klang traurig und sogar etwas ängstlich.»Bran, ich muß dir etwas sagen. Gestern nacht kam ein Vogel. Aus King's Landing. Maester Luwin hat mich geweckt.«
Plötzlich stieg Furcht in Bran auf. Dunkle Schwingen, dunkle Worte, sagte Old Nan immer, und in letzter Zeit hatten die Briefraben den Wahrheitsgehalt dieses Sprichwortes bewiesen. Als Robb dem Lord Commander der Nachtwache schrieb, brachte der Vogel, der zurückkam, die Nachricht, daß Onkel Benjen nach wie vor vermißt würde. Dann kam ein Brief von der Eyrie, von Mutter, doch auch dieser brachte keine guten Nachrichten. Sie sagte nicht, wann sie zurückkommen wollte, nur daß sie den Gnom gefangengenommen habe. Bran hatte den kleinen Mann eigentlich gemocht, doch schickte ihm der Name Lannister kalte Finger über den Rücken. Diese Lannisters hatten etwas an sich, woran er sich erinnern sollte, aber als er daran zu denken versuchte, was es war, wurde ihm schwindlig und sein Magen krampfte sich hart wie ein Stein zusammen. Robb verbrachte fast den ganzen Tag hinter verschlossenen Türen mit Maester Luwin, Theon Greyjoy und Hallis Mollen. Danach wurden Reiter ausgesandt, die Robbs Befehle im Norden verbreiteten. Bran hörte von Moat Cailin, der uralten Festung, welche die Ersten Menschen oben am Neck errichtet hatten. Niemand sagte ihm, was vor sich ging, doch wußte er, es war nichts Gutes.
Und nun der nächste Rabe, die nächste Nachricht. Bran fragte:»Kam der Vogel von Mutter? Kommt sie heim?«
«Die Nachricht kam von Alyn in King's Landing. Jory Cassel ist tot. Und Wyl und Heward ebenso. Vom Königsmörder erschlagen. «Robb hob das Gesicht dem Schnee entgegen, und die Flocken schmolzen auf seinen Wangen.»Mögen die Götter ihnen Frieden geben. «Bran wußte nicht, was er sagen sollte. Er fühlte sich, als hätte man ihn geschlagen. Jory war schon Hauptmann der Hausgarde gewesen, als Bran noch nicht geboren war.»Jory ist tot?«Er dachte an die vielen Male, die Jory ihn über die Dächer gejagt hatte. Er sah ihn vor sich, wie er in Kettenhemd und Panzer über den Hof marschierte oder an seinem Stammplatz auf der Bank in der Großen Halle saß und beim Essen scherzte.»Warum sollte jemand Jory töten?«
Wortlos schüttelte Robb den Kopf, der Schmerz deutlich in seinen Augen.»Ich weiß nicht, und… Bran, das ist noch nicht das Schlimmste. Vater wurde beim Kampf unter einem stürzenden Pferd eingeklemmt. Alyn sagt, das Bein sei gesplittert und… Maester Pycelle hat ihm Mohnblumensaft gegeben, aber sie sind nicht sicher, wann… wann er…«Hufgetrappel ließ ihn die Straße hinunterblicken, wo Theon und die anderen kamen.»Wann er wieder aufwacht«, endete Robb. Dann legte er seine Hand auf den Knauf seines Schwertes und fuhr mit der feierlichen Stimme von Robb, dem Lord, fort.»Bran, ich verspreche dir, was immer auch geschieht: Ich werde dafür sorgen, daß es nicht in Vergessenheit gerät.«
Etwas in seiner Stimme weckte Brans Angst nur um so mehr.»Was willst du tun?«fragte er, als Theon Greyjoy neben ihnen zum Stehen kam.
«Theon meint, ich sollte zu den Fahnen rufen«, sagte Robb.
«Blut für Blut. «Diesmal lächelte Greyjoy nicht. Sein schmales, dunkles Gesicht hatte einen hungrigen Ausdruck, und schwarzes Haar fiel über seine Augen.
«Nur der Lord kann zu den Fahnen rufen«, sagte Bran, während Schnee sie umwehte.
«Wenn euer Vater stirbt«, sagte Theon,»ist Robb der Lord von Winterfell.«
«Er wird nicht sterben!«schrie Bran ihn an.
Robb nahm seine Hand.»Er wird nicht sterben, nicht Vater«, sagte er ruhig.»Dennoch… die Ehre des Nordens liegt nun in meinen Händen. Als unser Hoher Vater uns verließ, hat er zu mir gesagt, ich solle stark sein, für dich und für Rickon. Ich bin fast ein erwachsener Mann, Bran.«
Ein Schauer durchfuhr Bran.»Ich wünschte, Mutter wäre zurück«, sagte er niedergeschlagen. Er sah sich nach Maester Luwin um. Sein Esel war in weiter Ferne zu sehen, wo er über eine Anhöhe trottete.»Sagt auch Maester Luwin, daß du zu den Fahnen rufen solltest?«
«Der Maester ist furchtsam wie ein altes Weib«, erwiderte Theon.
«Vater hat stets auf seinen Rat gehört«, erinnerte Bran seinen Bruder.»Mutter auch.«
«Ich höre auf ihn«, beharrte Robb.»Ich höre auf alle.«
Die Freude, die Bran über seinen Ritt empfunden hatte, schmolz dahin wie der Schnee auf seinem Gesicht. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er den Gedanken daran, daß Robb zu der
Fahnen rief und in den Krieg zog, aufregend gefunden, doch nur empfand er nur Angst.»Können wir jetzt zurückreiten?«fragt er.»Mir ist kalt.«
Robb sah in die Runde.»Wir müssen die Wölfe finden. Kannst du es noch etwas aushalten?«
«Ich kann so lange, wie du kannst. «Maester Luwin hatte gewarnt, sie sollten den Ritt kurzhalten, aus Angst vor wunder Stellen durch den Sattel, doch wollte Bran vor seinem Bruder keine Schwäche eingestehen. Er hatte genug davon, daß sich jedermann um ihn sorgte und ihn fragte, wie es ihm ging.
«Dann laßt uns die Jäger jagen«, sagte Robb. Seite an Seite führten sie ihre Pferde von der Kingsroad und brachen in der Wolfswald auf. Theon blieb zurück, folgte ihnen in einigem Abstand und redete und scherzte mit den Gardisten.
Es war schön unter den Bäumen. Bran ließ Dancer langsam gehen, hielt die Zügel locker und sah sich dabei um. Er kannte diesen Wald, doch war er so lange auf Winterfell eingesperrt gewesen, daß er sich fühlte, als sähe er ihn zum ersten Mal. Die Gerüche stiegen ihm in die Nase, der scharfe, frische Duft von Kiefernnadeln, der erdige Geruch feuchter, modernder Blätter, der Hauch von Tierduft und von fernen Lagerfeuern. Kurz sah er, wie ein schwarzes Eichhörnchen über die schneebedeckten Äste einer Eiche lief, und blieb stehen, um sich das silbrige Netz einer Kaiserspinne anzusehen.
Immer weiter fielen Theon und die anderen zurück, bis Bran ihre Stimmen nicht mehr hören konnte. Voraus hörte er das leise Rauschen von Wasser. Tränen brannten in seinen Augen.»Bran?«fragte Robb.»Was ist los?«
Bran schüttelte den Kopf.»Ich mußte nur gerade an etwas denken«, sagte er.»Jory hat uns einmal hierhergebracht, zum Forellenangeln. Dich und mich und Jon. Weißt du noch?«»Das weiß ich noch«, sagte Robb mit leiser, trauriger Stimme.»Ich habe nichts gefangen«, erinnerte sich Bran,»aber Jon hat mir seinen Fisch auf dem Heimweg nach Winterfell geschenkt. Werden wir Jon je wiedersehen?«
«Onkel Benjen haben wir gesehen, als der König zu Besuch kam«, erinnerte Robb.»Jon wird uns auch besuchen, ganz bestimmt.«
Das Wasser im Bach stand hoch und floß schnell. Robb stieg ab und führte seinen Wallach über die Furt. An der tiefsten Stelle reichte das Wasser halb den Oberschenkel hinauf. Drüben band er sein Pferd an einen Baum und watete zurück, um Bran und Dancer zu holen. Die Strömung schäumte um Fels und Wurzel, und Bran spürte die Gischt auf seinem Gesicht, als Robb ihn hinüberführte. Er mußte lächeln. Einen Moment lang fühlte er sich wieder stark und ganz. Er blickte zu den Bäumen auf, nach oben zu den Wipfeln, und der ganze Wald breitete sich unter ihm aus.