Sie waren auf der anderen Seite, als sie ein Heulen hörten, ein langes, lauter werdendes Heiden, das wie kalter Wind durch die Bäume wehte. Bran hob den Kopf und lauschte.»Summer«, sagte er. Kaum hatte er das gesagt, als eine zweite Stimme in das Geheul der ersten einfiel.
«Sie haben etwas gerissen«, sagte Robb beim Aufsteigen.»Ich sollte besser hinreiten und sie zurückholen. Warte hier. Theon und die anderen müßten bald dasein.«
«Ich will mitkommen«, sagte Bran.»Allein finde ich sie schneller. «Robb gab seinem Wallach die Sporen und verschwand zwischen den Bäumen.
Kaum war er fort, da schienen die Bäume um Bran näher zu kommen. Mittlerweile schneite es heftiger. Wenn der Schnee auf die Erde fiel, schmolz er, doch Steine und Äste trugen schon eine dünne, weiße Decke. Während er dort wartete, wurde ihm bewußt, wie unwohl er sich fühlte. Er spürte seine Beine nicht, die nutzlos in den Steigbügeln hingen, doch der Riemen um seine Brust war stramm und scheuerte, und der schmelzende Schnee hatte seine Handschuhe durchweicht, und seine Hände waren kalt. Er fragte sich, was Theon und Maester Luwin und Joseth und die anderen aufhalten mochte.
Als er das Rascheln von Blättern hörte, drehte er Dancer mit Hilfe der Zügel um und erwartete, seine Freunde zu sehen, doch die zerlumpten Gestalten, die ans Ufer des Baches traten, waren Fremde.
«Einen guten Tag wünsche ich Euch«, sagte er unsicher. Mit einem Blick erkannte Bran, daß sie weder Waldbewohner noch Bauern waren. Plötzlich wurde ihm bewußt, wie reich er gekleidet war. Sein Wappenrock war neu, dunkelgraue Wolle mit silbernen Knöpfen, und eine schwere Silbernadel hielt seinen pelzbesetzten Umhang an den Schultern. Auch seine Stiefel und Handschuhe waren mit Pelz besetzt.
«Ganz allein, was?«sagte der Größte von ihnen, ein kahler Mann mit grobem, vom Wind gerötetem Gesicht.»Im Wolfswald verirrt, armer Kerl.«
«Ich habe mich nicht verirrt. «Es gefiel Bran nicht, wie die Fremden ihn ansahen. Er zählte vier, doch als er sich umdrehte, sah er zwei weitere hinter sich.»Mein Bruder ist eben erst fortgeritten, und meine Wache wird gleich hier sein.«
«Deine Wache, ja?«sagte ein zweiter Mann. Graue Stoppeln überzogen sein ausgezehrtes Gesicht.»Und was sollten sie bewachen, mein kleiner Lord? Ist das eine Silbernadel, die ich da an deinem Umhang sehe?«
«Hübsch«, sagte eine Frauenstimme. Doch ihre Besitzerin war kaum als Frau auszumachen. Groß und schlank, mit dem gleichen harten Gesicht wie die anderen, das Haar unter einem tellerförmigen Halbhelm verborgen. Der Speer in ihrer Hand war acht Fuß lang und aus schwarzer Eiche, mit rostigem Stahl an der Spitze.
«Sehen wir mal nach«, sagte der große, kahle Mann.
Ängstlich musterte Bran ihn. Die Kleider des Mannes waren verdreckt, fielen fast auseinander, waren hier mit Braun und Blau und dort mit dunklem Grün geflickt, und überall zu Grau verblaßt, doch früher einmal mochte dieser Umhang schwarz gewesen sein. Auch der graue, stoppelbärtige Mann trug schwarze Lumpen, wie er mit jähem Schrecken erkannte. Plötzlich fiel Bran der Eidbrüchige ein, den sein Vater geköpft hatte, an jenem Tag, als sie die Wolfsjungen gefunden hatten. Auch dieser Mann hatte Schwarz getragen, und sein Vater hatte gesagt, er sei ein Deserteur aus der Nachtwache. Niemand ist gefährlicher, so hatte er Lord Eddards Worte in Erinnerung. Der Deserteur weiß, daß sein Leben verwirkt ist, wenn er gefaßt wird, daher wird er vor keinem Verbrechen zurückschrecken, so schändlich oder grausam es auch sein mag.
«Die Nadel, Kleiner«, sagte der große Mann. Er streckte seine Hand aus.
«Das Pferd nehmen wir auch«, sagte jemand anders, eine Frau, die kleiner als Robb war, mit breitem, flachem Gesicht und glattem, gelbem Haar.»Steig ab, und spute dich dabei. «Ein Messer glitt ihr aus dem Ärmel in die Hand, die Klinge gezackt wie eine Säge.
«Nein«, platzte Bran heraus.»Ich kann nicht… «
Der große Mann packte seine Zügel, bevor Bran darauf kam, Dancer herumzureißen und davonzugaloppieren.»Du kannst, kleiner Lord… und das wirst du auch, wenn du weißt, was gut für dich ist.«
«Stiv, sieh dir an, wie er festgeschnallt ist. «Die große Frau deutete mit ihrem Speer auf die Riemen.»Vielleicht sagt er die Wahrheit.«
«Riemen, ja?«sagte Stiv. Er zog einen Dolch aus der Scheide an seinem Gürtel.»Die Riemen bekommen wir schon auf!«
«Bist du so was wie ein Krüppel?«fragte die kleine Frau.
Bran fuhr aus der Haut.»Ich bin Brandon Stark von Winterfell, und Ihr solltet besser mein Pferd loslassen, sonst lasse ich Euch alle töten.«
Der ausgezehrte Mann mit dem grauen Stoppelgesicht lachte.»Der Junge ist ein Stark, das wird wohl stimmen. Nur ein Stark ist dumm genug, zu drohen, wo klügere Männer betteln würden.«
«Schneid ihm seinen kleinen Schwanz ab und stopf ihm das Ding ins Maul«, schlug die kleine Frau vor.»Das sollte ihn zum Schweigen bringen.«
«Du bist so dumm, wie du häßlich bist, Hali«, sagte die große Frau.»Tot ist der Junge nichts wert, aber lebendig… verdammt sollen die Götter sein, überlegt mal, was Mance geben würde, wenn er Benjen Starks Fleisch und Blut als Geisel hätte!«
«Verdammt soll Mance sein«, fluchte der große Mann.»Willst du wieder dahin zurück, Osha? Eine Närrin bist du. Glaubst du, es interessiert die weißen Wanderer, ob du eine Geisel hast?«Wieder wandte er sich Bran zu und durchschnitt den Riemen um seinen Oberschenkel. Das Leder riß mit einem Seufzer.
Der Schnitt war schnell und beiläufig gewesen und tief gegangen. Als er an sich hinunterblickte, sah Bran weiße Haut, wo die Wolle seiner Hosen aufgeschnitten war. Dann floß das Blut. Er sah, wie sich der rote Fleck ausbreitete, fühlte sich benommen, merkwürdig abwesend. Er hatte keinen Schmerz gespürt, nicht den Hauch von Gefühl. Der große Mann stöhnte vor Überraschung auf.
«Legt auf der Stelle Eure Klinge weg, und ich verspreche, Euer Tod soll schnell und schmerzlos sein«, rief Robb.
Mit verzweifelter Hoffnung sah Bran auf, und da war er. Die Kraft der Worte wurde noch von der Art und Weise unterstrichen, wie sich seine Stimme vor Anspannung überschlug. Er war zu Pferd, der blutige Kadaver eines Elchs auf dem Rücken seines Pferdes, das Schwert in der Hand.
«Der Bruder«, sagte der Mann mit dem grauen Stoppelbart.»Ein wilder Bursche ist er«, höhnte die kleine Frau. Hali wurde sie genannt.»Willst du gegen uns kämpfen, Junge?«
«Sei kein Narr, Freund. Du bist allein gegen sechs. «Die große Frau, Osha, senkte ihren Spieß.»Runter vom Pferd, und wirf dein Schwert weg. Wir danken dir ganz herzlich für das Tier und für das Wildbret, und du kannst dich mit deinem Bruder trollen.«
Robb pfiff. Sie hörten das leise Tappen von weichen Pfoten auf feuchten Blättern. Das Unterholz teilte sich, tief hängende Zweige verstreuten den Schnee, der sich auf ihnen gesammelt hatte, und Grey Wind und Summer traten aus dem Grün hervor. Summer schnüffelte und knurrte.»Wölfe«, stöhnte Hali auf.
«Schattenwölfe«, sagte Bran. Obwohl erst halb ausgewachsen, waren sie doch größer als alle Wölfe, die er bisher gesehen hatte, doch die Unterschiede waren leicht zu erkennen, wenn man wußte, wonach man suchen mußte. Maester Luwin und Farlen, der Hundeführer, hatten es sie gelehrt. Ein Schattenwolf besaß einen größeren Kopf, im Verhältnis zu seinem Körper längere Beine, und seine Schnauze und der Unterkiefer waren merklich schlanker und traten weiter hervor. Sie wirkten ausgehungert und gräßlich, als sie dort inmitten des sanft rieselnden Schnees standen. Flecken von frischem Blut waren um Grey Winds Maul zu sehen.
«Hunde«, äußerte der große, kahle Mann verächtlich.»Doch sagt man, es gäbe nichts, was einen Mann bei Nacht besser wärmen könnte, als ein Wolfsfellmantel. «Er machte eine harsche Geste.»Fangt sie.«
Robb rief:»Winterfell!«, und trieb sein Pferd an. Der Wallach stürmte die Böschung hinab, als die Zerlumpten näher kamen. Ein Mann mit einer Axt stürmte vor, schreiend und achtlos. Robbs Schwert traf ihn voll im Gesicht, mit ekelhaftem Knirschen und einem Sprühregen von Blut. Der Mann mit dem ausgezehrten Bartgesicht griff nach den Zügeln, und eine halbe Sekunde lang hatte er sie… und dann war Grey Wind bei ihm und riß ihn zu Boden. Schreiend stürzte er rückwärts in den Bach und wedelte noch wild mit seinem Messer herum, als sein Kopf schon unterging. Der Schattenwolf sprang ihm nach, und das weiße Wasser färbte sich rot, wo sie verschwunden waren.