Robb sah hinüber, wo Stiv am Boden ausgestreckt lag und sich sein zerlumpter, schwarzer Umhang unstet bewegte, wenn die Strömung daran riß.»Deserteure der Nachtwache«, sagte er grimmig.»Sie müssen Dummköpfe gewesen sein, sich Winterfell so weit zu nähern.«
«Dummheit und Verzweiflung sind oft schwer zu unterscheiden«, meinte Maester Luwin dazu.
«Sollen wir sie begraben, M'lord?«fragte Quent.
«Die hätten uns auch nicht begraben«, sagte Robb.»Hackt ihnen die Köpfe ab, die schicken wir zur Mauer. Den Rest überlaßt den Aaskrähen.«
«Und die hier?«Quent deutete mit einem Daumen auf Osha.
Robb ging zu ihr hinüber. Sie war einen Kopf größer als er,
doch fiel sie auf die Knie, als er sich ihr näherte.
«Schenkt mir das Leben, M'lord von Stark, und ich gehöre Euch.«
«Mir? Was soll ich mit einer Eidbrüchigen?«
«Ich habe keinen Eid gebrochen. Stiv und Wallen sind von der Mauer geflohen, nicht ich. Die schwarzen Krähen haben keinen Platz für Frauen.«
Theon Greyjoy kam näher.»Überlaß sie den Wölfen«, drängte er Robb. Die Augen der Frau wanderten zu dem, was von Hali übrig war, und ebenso schnell wieder davon fort. Sie zitterte. Selbst den Gardisten war nicht wohl dabei.
«Sie ist eine Frau«, sagte Robb. '
«Eine Wilde«, erklärte Bran.»Sie hat gesagt, die anderen sollten mich leben lassen, damit sie mich zu Mance Rayder bringen konnten.«
«Hast du einen Namen?«fragte Robb sie.
«Osha, wenn es den Herrn beliebt«, murmelte sie verdrießlich.
Maester Luwin erhob sich.»Es könnte uns nützen, sie zu verhören.«
Bran sah die Erleichterung auf dem Gesicht des Bruders.»Wie Ihr meint, Maester. Wayn, fessle ihre Hände. Sie kommt mit uns nach Winterfell… und lebt oder stirbt, je nach den Wahrheiten, die sie uns verrät.«
Tyrion
Willst du essen?«fragte Mord mit düsterem Blick. Er hielt einen Teller mit gekochten Bohnen in den Stummelfingern seiner dickenHand.
Tyrion Lannister war dem Verhungern nah, doch ließ er nicht zu, daß dieser Rohling ihn winseln sah.»Eine Lammkeule wäre angemessen«, sagte er von dem Haufen modernden Strohs in der Ecke seiner Zelle aus.»Vielleicht ein Teller Erbsen und Zwiebeln, etwas frischgebackenes Brot mit Butter und einen Krug gewürzten Wein, um das alles herunterzuspülen. Oder Bier, falls das einfacher ist. Ich will nicht allzu viele Umstände machen.«
«Sind Bohnen«, sagte Mord.»Hier. «Er hielt ihm den Teller hin. Tyrion seufzte. Der Kerkermeister war ein zweieinhalb Zentner schwerer Klotz von abstoßender Dummheit, mit braunen, fauligen Zähnen und kleinen, dunklen Augen. Auf der linken Seite seines Gesichts glänzte eine Narbe, wo ihm eine Axt sein Ohr und einen Teil der Wange abgeschnitten hatte. Er war so berechenbar wie häßlich, doch Tyrion hatte Hunger und griff nach dem Teller.
Mord riß ihn zurück, grinste.»Ist hier«, sagte er und hielt ihn dorthin, wo Tyrion ihn nicht erreichen konnte.
Steif kam der Zwerg auf die Beine, und alle Gelenke schmerzten.»Müssen wir dasselbe Narrenspiel bei jeder Mahlzeit wiederholen?«Noch einmal griff er nach den Bohnen.
Mord schlurfte rückwärts, grinste durch seine verfaulten Zähne.»Ist hier, Zwergmann. «Er hielt den Teller auf Armeslänge, über den Rand, wo die Zelle endete und der Himmel begann.»Na, essen? Hier. Komm, nimm.«
Tyrions Arme waren zu kurz, als daß er den Teller hätte erreichen können, und er wollte nicht so nah an den Rand treten. Es wäre nur ein kurzer Stoß von Mords schwerem, weißem Wanst vonnöten, und er würde als ekelerregender, roter Fleck auf den Steinen von Sky enden, wie so viele andere Gefangene der Eyrie im Laufe der Jahrhunderte.»Wenn ich es recht bedenke, habe ich gar nicht solchen Hunger«, erklärte er und zog sich in die Ecke seiner Zelle zurück.
Mord grunzte und öffnete seine dicken Finger. Der Wind packte den Teller und kippte ihn im Fallen um. Eine Handvoll Bohnen wehte ihnen entgegen, als das Essen außer Sicht fiel. Der Kerkermeister lachte, und sein Wanst zitterte wie eine Schüssel Pudding.
Tyrion spürte, wie der Zorn in ihm hochkam.»Du beschissener Sohn einer pockenkranken Eselin«, schrie er ihn an.»Ich hoffe, du stirbst an der roten Ruhr.«
Dafür versetzte Mord ihm einen Tritt.»Ich nehme es zurück!«stöhnte er, als er auf dem Stroh zusammensank.»Ich werde dich eigenhändig erschlagen, das schwöre ich!«Die schwere, eisenbeschlagene Tür fiel krachend ins Schloß. Tyrion hörte das Klappern von Schlüsseln.
Für einen kleinen Mann war er mit einem gefährlich großen Mundwerk verflucht, so dachte er, als er wieder in seine Ecke dessen kroch, was die Arryns lächerlicherweise ihren Kerker schimpften. Er kauerte sich unter die dünne Decke, die sein einziges Bettzeug war, und starrte in den leeren, blauen Himmel und zu den fernen Bergen, die kein Ende zu nehmen schienen, und wünschte, er hätte noch immer den Umhang aus Schattenfell, den er beim Würfeln von Marillion gewonnen hatte, nachdem der Sänger ihn der Leiche dieses Räuberhauptmannes gestohlen hatte. Das Fell hatte nach Blut und Schimmel gerochen, doch war es warm und dick gewesen. Mord hatte ihn an sich genommen, sobald er ihn gesehen hatte.
Mit Böen, die scharf wie Krallen waren, zerrte der Wind an seiner Decke. Die Zelle war entsetzlich klein, selbst für einen Zwerg. Keine fünf Fuß entfernt, wo eine Mauer hätte sein sollen, wo in einem ordentlichen Kerker eine Mauer gewesen wäre, endete der Boden, und der Himmel begann. Er hatte reichlich frische Luft und Sonnenschein, und bei Nacht Mond und Sterne, doch hätte Tyrion das alles noch im selben Augenblick gegen das feuchteste, finsterste Loch von Casterly Rock getauscht.
«Du fliegst«, hatte Mord ihm versprochen, als er ihn in die Zelle stieß.»Zwanzig Tage, dreißig, fünfzig vielleicht. Dann fliegst du.«
Die Arryns besaßen den einzigen Kerker im ganzen Reich, der die Gefangenen zur Flucht anhielt. Am ersten Tag, nachdem er stundenlang all seinen Mut zusammengenommen hatte, lag Tyrion flach auf dem Bauch und kroch zum Rand, schob seinen Kopf darüber hinaus und sah hinab. Wenn er den Hals so weit reckte, wie es ging, konnte er rechts und links und über sich weitere Zellen erkennen. Er war eine Biene in einer steinernen Honigwabe, und jemand hatte ihm die Flügel ausgerissen.
Es war kalt in der Zelle, der Wind heulte bei Tag und Nacht, und das Schlimmste: Der Boden war abschüssig. Nur ganz leicht, und doch reichte es. Er fürchtete, die Augen zu schließen, fürchtete, daß er im Schlaf über die Kante rollen, plötzlich entsetzt aufwachen und feststellen mochte, daß er abrutschte. Kein Wunder, daß die Himmelszellen Menschen um den Verstand brachten.
Mögen mich die Götter retten, hatte ein früherer Bewohner mit etwas an die Wand geschrieben, das verdächtig nach Blut aussah. Das Blau ruft. Anfangs überlegte Tyrion noch, wer das gewesen sein mochte und was aus ihm geworden war. Später kam er zu dem Schluß, daß er es lieber nicht wissen wollte. Wenn er doch nur den Mund gehalten hätte… Der verfluchte Junge hatte damit angefangen, als er von einem Thron aus geschnitztem Wehrholz unter den Mond-und-Falken-Bannern des Hauses Arryn auf ihn herabsah. Sein Leben lang hatte alle Welt auf Tyrion Lannister herabgesehen, doch nur selten Sechsjährige mit feuchten Augen, die sich dicke Kissen unter den Hintern schieben mußten, damit sie groß wie ein Mann wurden.»Ist das ein böser Mann?«hatte der Junge gefragt und seine Puppe an sich gedrückt.
«Das ist er«, hatte die Lady Lysa vom niedrigeren Thron daneben gesagt. Sie war ganz in Blau, gepudert und parfümiert für die Bittsteller, die ihren Hof bevölkerten.
«Er ist so klein«, hatte der Lord über die Eyrie kichernd gesagt.
«Das ist Tyrion, der Gnom, aus dem Hause Lannister, der deinen Vater ermordet hat. «Sie hatte mit lauter Stimme gesprochen, damit diese die Hohe Halle auf der Eyrie erfüllte, von den milchweißen Mauern und schlanken Säulen hallte und von jedermann zu hören war.»Er hat die Rechte Hand des Königs ermordet!«