«Ach, den habe ich auch getötet?«hatte Tyrion gesagt, wie ein Narr.
Es wäre ein sehr guter Augenblick gewesen, den Mund zu halten und in der Verbeugung zu verharren. Das sah er nun ein. Bei allen sieben Höllen, er hatte es auch da schon gewußt. Die Hohe Halle der Arryns war lang, schmucklos und derart abstoßend kalt mit diesen Mauern aus blauädrigem, weißem Marmor, doch die Gesichter um ihn waren bei weitem noch kälter gewesen. Die Macht von Casterly Rock war hier in weiter Ferne, und es gab keine Freunde der Lannisters im Grünen Tal von Arryn. Unterwürfigkeit und Schweigen wären seine beste Verteidigung gewesen.
Doch für Vernunft war Tyrion zu übellaunig gewesen. Zu seiner Schande hatte er auf der letzten Etappe ihres Aufstiegs zur Eyrie, der den ganzen Tag in Anspruch nahm, versagt, da seine verkümmerten Beine unterwegs aufgaben. Bronn hatte ihn den Rest des Weges getragen, und die Erniedrigung hatte Öl in die Flammen seines Zornes gegossen.»Anscheinend bin ich ja ein eifriger, kleiner Kerl«, hatte er mit bitterem Sarkasmus gesagt.»Ich frage mich, wann ich die Zeit hatte, all diese Morde zu begehen.«
Er hätte bedenken sollen, mit wem er es zu tun hatte. Lysa Arryn und ihr halbirrer Schwächling von einem Sohn waren bei Hofe nicht eben für ihre Liebe zum Scherzen bekannt, besonders nicht, wenn diese sich gegen sie selbst richteten.
«Gnom«, hatte Lysa kalt geantwortet,»Ihr werdet Eure spöttische Zunge hüten und höflich zu meinem Sohn sprechen, oder ich verspreche Euch, daß Ihr es bereuen werdet. Erinnert Euch, wo Ihr seid. Hier ist die Eyrie, und das sind die Ritter aus dem Grünen Tal, die Ihr um Euch stehen seht, ehrliche Männer, die Jon Arryn liebten. Jeder einzelne von ihnen würde für mich sterben.«»Lady Arryn, sollte mir etwas geschehen, würde mein Bruder Jaime mit Freude erwarten, was sie tun. «Schon als er die Worte ausgespuckt hatte, war ihm bewußt gewesen, daß sie eine Dummheit waren.
«Könnt Ihr fliegen, Mylord von Lannister?«hatte Lady Lysa gefragt.»Haben Zwerge Flügel? Falls nicht, solltet Ihr klug genug sein, die nächste Drohung, die Euch in den Sinn kommt, herunterzuschlucken.«
«Ich habe keine Drohung ausgesprochen«, hatte Tyrion geantwortet.»Es war ein Versprechen.«
Der kleine Lord Robert war aufgesprungen, derart beunruhigt, daß er seine Puppe hatte fallen lassen.»Ihr könnt uns nichts tun«, hatte er geschrien.»Keiner kann uns hier was tun. Sag es ihm, Mutter, sag, daß uns hier keiner was tun kann. «Der Junge hatte zu zucken begonnen.
«Die Eyrie ist uneinnehmbar«, hatte Lysa Arryn ihm gelassen erklärt, ihren Sohn nah an sich herangezogen und ihn in ihren fleischigen, weißen Armen gehalten.»Der Gnom versucht, uns angst zu machen, mein kleiner Liebling. Die Lannisters sind allesamt Lügner. Niemand wird uns etwas tun, mein süßer Junge.«
Teufel noch eins, damit hatte sie ohne Zweifel recht. Nachdem er gesehen hatte, welchen Weg man nehmen mußte, konnte sich Tyrion gut vorstellen, wie es einem Ritter erginge, der in seiner Rüstung versuchte, sich den Weg freizukämpfen, während es von oben Steine und Pfeile regnete und sich ihm bei jedem Schritt ein neuer Feind entgegenstellte. Alptraum beschrieb es nicht mal im Ansatz. Kein Wunder, daß die Eyrie niemals eingenommen worden war.
Dennoch hatte sich Tyrion nicht zum Schweigen bringen können.»Nicht uneinnehmbar«, hatte er gefrotzelt,»nur unbequem.«
Der junge Robert hatte mit zitternder Hand auf ihn gezeigt.»Ihr seid ein Lügner. Mutter, ich will ihn fliegen sehen. «Zwei Gardisten in himmelblauen Umhängen hatten Tyrion bei den Armen gepackt und ihn vom Boden aufgehoben.
Allein die Götter wußten, was man mit ihm gemacht hätte, wäre da nicht Catelyn Stark gewesen.»Schwester«, hatte sie von unterhalb der beiden Throne aus gerufen,»ich bitte dich, zu bedenken, daß dieser Mann mein Gefangener ist. Ich will nicht, daß ihm etwas geschieht.«
Einen Moment lang hatte ihre Schwester sie kühl angesehen, dann war sie aufgestanden und majestätisch zu ihm herabgeschritten, wobei sie ihre langen Röcke hinter sich hergezogen harte. Einen Augenblick lang hatte er gefürchtet, sie wolle ihn schlagen, doch statt dessen hatte sie Befehl gegeben, ihn loszulassen. Ihre Männer hatten ihn zu Boden gestoßen, die Beine hatten unter ihm nachgegeben, und Tyrion war gestürzt.
Er mußte wirklich sehenswert gewesen sein, als er darum kämpfte, wieder auf die Beine zu kommen, und sich dann sein rechtes Bein verkrampft hatte, was ihn erneut zu Boden schickte. Gelächter hatte durch die Hohe Halle der Arryns gedonnert.
«Der kleine Gast meiner Schwester ist zu müde zum Stehen«, hatte Lady Lysa verkündet.»Ser Vardis, führt ihn hinunter in den Kerker. Etwas Ruhe in einer unserer Himmelszellen wird ihm guttun.«
Der Gardist hatte ihn hochgerissen. Tyrion Lannister hatte an seinen Armen gebaumelt, das Gesicht rot vor Scham.»Das werde ich nicht vergessen«, hatte er allen versprochen, als man ihn fortgetragen hatte.
Und das tat er auch nicht, ob es ihm nun etwas nützte oder nicht.
Anfangs hatte er sich damit getröstet, daß diese Gefangenschaft nicht lange dauern konnte. Lysa Arryn hatte ihn erniedrigen wollen, das war alles. Sie würde ihn wieder holen lassen, und das bald. Wenn nicht sie, dann würde doch Catelyn Stark ihn verhören wollen. Diesmal würde er seine Zunge besser hüten. Sie wagten nicht, ihn kurzerhand zu töten. Er war noch immer ein Lannister von Casterly Rock, und wenn sie sein Blut vergossen, bedeutete das Krieg. Das zumindest redete er sich ein. Nun war er nicht mehr so sicher.
Vielleicht wollten sie ihn hier nur verfaulen lassen, doch fürchtete er, daß ihm die Kraft fehlte, lange Zeit zu faulen. Mit jedem Tag wurde er schwächer, und es war nur eine Frage der Zeit, bis Mords Tritte und Hiebe ihn ernstlich verletzten, vorausgesetzt, daß der Kerkermeister ihn nicht vorher schon verhungern ließ. Noch ein paar Nächte Kälte und Hunger, und das Blau riefe auch nach ihm.
Er fragte sich, was jenseits der Mauern seiner Zelle geschah. Lord Tywin hatte sicher Reiter ausgesandt, als ihn die Nachricht erreicht hatte. Vielleicht führte Jaime schon jetzt ein
Heer durch die Berge des Mondes… falls er nicht statt dessen gegen Winterfell ritt. Wußte eigentlich irgendwer außerhalb des Tales, wohin Catelyn Stark ihn gebracht hatte? Er überlegte, was Cersei tun würde, wenn sie es hörte. Der König konnte befehlen, ihn freizulassen, doch würde Robert auf seine Frau oder seine Rechte Hand hören? Tyrion machte sich keine Illusionen hinsichtlich der Liebe des Königs zu seiner Schwester.
Falls Cersei ihren Verstand gebrauchte, würde sie darauf bestehen, daß der König selbst über Tyrion zu Gericht säße. Dagegen konnte nicht einmal Ned Stark etwas einzuwenden haben, nicht ohne die Ehre des Königs in Zweifel zu ziehen. Und Tyrion wäre nur allzu glücklich, vor Gericht sein Glück zu versuchen. Welche Morde sie ihm auch immer vorwerfen sollten, hatten die Starks doch, soweit er sehen konnte, keinerlei Beweis für irgendwas. Sollten sie ihren Fall vor den Eisernen Thron und die Lords des Landes bringen. Es würde ihr Ende sein. Wenn nur Cersei klug genug wäre, das zu erkennen…
Tyrion Lannister seufzte. Seine Schwester war sicher nicht ohne eine gewisse Niedertracht, doch war sie von ihrem Stolz geblendet. Sie würde die in der Anklage liegende Beleidigung erkennen, aber nicht die Gelegenheit. Und Jaime war noch schlimmer, unbesonnen und stur und leicht aufzubringen. Sein Bruder löste keinen Knoten, solange er diesen mit seinem Schwert in Stücke schlagen konnte.
Er fragte sich, wer von ihnen den Attentäter geschickt hatte, der den kleinen Stark zum Schweigen bringen sollte, und ob sie sich tatsächlich zum Tod Lord Arryns verschworen hatten. Wenn die alte Hand des Königs ermordet worden war, dann war es geschickt und voller Heimtücke vor sich gegangen. Männer seines Alters erlagen dauernd plötzlichen Erkrankungen. Dagegen irgendeinen Esel mit gestohlenem Messer auf Brandon Stark zu hetzen, erschien ihm unfaßbar plump. Und das war nicht so absonderlich, wenn man es recht bedachte…