«Es wäre mir ein Vergnügen, Mutter«, sagte Joffrey sehr förmlich. Er nahm sie beim Arm und führte sie von der Karosse fort, und Sansas Lebensgeister vollführten einen Luftsprung. Ein ganzer Tag mit ihrem Prinzen! Anbetungsvoll sah sie Joffrey an. Er war so galant, dachte sie. Wie er sie vor Ser Ilyn und dem Bluthund gerettet hatte, nun, fast war es wie in den Liedern, wie damals, als Serwyn mit dem Spiegelschild die Prinzessin Daeryssa vor den Riesen gerettet hatte oder Prinz Aemon, der Drachenritter, die Ehre von Königin Naerys gegen die Verleumdungen Ser Morgils verteidigte.
Joffreys Hand auf ihrem Ärmel ließ ihr Herz gleich schneller schlagen.»Was würdet Ihr gern tun?«
Bei Euch sein, dachte Sansa, doch sagte sie:»Was immer Ihr gern tun würdet, mein Prinz.«
Joffrey überlegte einen Augenblick.»Wir könnten reiten gehen.«
«Oh, ich liebe das Reiten«, flötete Sansa. Joffrey warf einen Blick auf Lady, die ihr auf den Fersen folgte.»Euer Wolf dürfte die Pferde erschrecken, und mein Hund scheint Euch zu erschrecken. Laßt uns beide zurücklassen und allein ausreiten, was meint Ihr?«
Sansa zögerte.»Wenn Ihr es wünscht«, sagte sie verunsichert.»Ich denke, ich könnte Lady anbinden. «Doch verstand sie nicht so recht.»Ich wußte nicht, daß Ihr einen Hund habt… «
Joffrey lachte.»In Wahrheit ist er der Hund meiner Mutter. Sie hat ihn auf mich angesetzt, damit er mich bewacht, und das tut er auch.«
«Ihr meint den Bluthund?«fragte sie. Sie hätte sich ohrfeigen können, weil sie so langsam war. Ihr Prinz würde sie niemals lieben, wenn sie ihm dumm erschiene.»Ist es denn sicher, ihn zurückzulassen?«
Prinz Joffrey wirkte verärgert, daß sie auch nur fragte.»Habt keine Angst, Lady. Ich bin bald erwachsen, und ich kämpfe nicht mit Holz wie Eure Brüder. Ich brauche nur das hier. «Er zog sein Schwert und zeigte es ihr, ein Langschwert, das geschickt verkleinert war, damit es einem Jungen von zwölf Jahren paßte, aus schimmernd blauem Stahl, mit zweischneidiger Klinge, Ledergriff und einem goldenen
Löwenkopf als Knauf. Vor Bewunderung stieß Sansa einen kleinen Schrei aus, und Joffrey schien zufrieden.»Ich nenne es Lion's Tooth«, erklärte er.
Und so ließen sie ihren Schattenwolf und seine Leibwache zurück und streiften östlich am Nordufer des Trident entlang, ohne Begleitung, bis auf Lion's Tooth.
Es war ein herrlicher Tag, ein magischer Tag. Die Luft war warm und duftete nach Blumen, und die Wälder dort besaßen eine sanfte Schönheit, die Sansa im Norden nie gesehen hatte. Prinz Joffreys Pferd war ein fuchsroter Renner, schnell wie der Wind, und er ritt es mit verwegener Ausgelassenheit, so schnell, daß Sansa es nicht leicht hatte, auf ihrer Stute mitzuhalten. Es war ein Tag für Abenteuer. Sie erkundeten die Höhlen am Ufer, folgten einer Schattenkatze zu ihrem Bau, und als sie hungrig wurden, fand Joffrey eine Herberge durch deren Rauch und befahl den Leuten, Speisen und Wein für ihren Prinzen und seine Lady aufzutischen. Sie speisten Forelle, frisch aus dem Fluß, und Sansa trank mehr Wein als je zuvor.»Mein Vater läßt uns nur einen Becher trinken, und auch nur bei Festen«, gestand sie ihrem Prinzen.
«Meine Verlobte kann soviel trinken, wie sie will«, beteuerte Joffrey und schenkte ihr nach.
Nachdem sie gegessen hatten, ritten sie langsamer. Joffrey sang für sie, mit hoher, reiner, lieblicher Stimme. Sansa war etwas benommen vom Wein.»Sollten wir nicht umkehren?«fragte sie.
«Bald«, sagte Joffrey.»Das Schlachtfeld liegt gleich da vorn bei der Flußbiegung. Dort hat mein Vater Rhaegar Targaryen erschlagen, müßt Ihr wissen. Er hat ihm die Brust zerschmettert, knirsch, geradewegs durch die Rüstung. «Joffrey schwang einen imaginären Streithammer, um ihr zu zeigen, wie man es machte.»Dann hat mein Onkel Jaime den alten Aerys getötet, und mein Vater wurde König. Hört Ihr das? Was ist
das?«
Auch Sansa hörte es, wie es durch die Wälder hallte, eine Art hölzernes Klappern, klapp, klapp, klapp.»Ich weiß nicht«, sagte sie. Doch machte es sie nervös.»Joffrey, laßt uns umkehren.«
«Ich will sehen, was es ist. «Joffrey wendete sein Pferd in Richtung der Geräusche, und Sansa blieb nur, ihm zu folgen. Das Klappern wurde lauter und deutlicher, ein Schlagen von Holz auf Holz; als sie näher kamen, hörten sie auch schweres Atmen, und hin und wieder ein Stöhnen.
«Da ist jemand«, sagte Sansa ängstlich. Sie merkte, wie sehr sie an Lady dachte, sich wünschte, daß sie da wäre.
«Bei mir seid Ihr in Sicherheit. «Joffrey zog Lion's Tooth aus dessen Scheide. Der Klang von Stahl auf Leder ließ sie zittern.»Hier entlang«, wies er den Weg und ritt zwischen ein paar Bäumen hindurch.
Dahinter, auf einer Lichtung am Fluß, stießen sie auf einen Jungen und ein Mädchen, die Ritter spielten. Ihre Schwerter waren Holzstöcke, Besenstiele, wie es aussah, und sie stürmten übers Gras, schlugen heftig aufeinander ein. Der Junge war um Jahre älter, einen Kopf größer und viel stärker, und er griff an. Das Mädchen, ein dürres Ding in schmutzigem Leder, wich aus und schaffte es, mit ihrem Stock die meisten Hiebe des Jungen abzuwehren, doch nicht alle. Als sie versuchte, sich auf ihn zu stürzen, fing er ihren Stecken mit dem seinen ab, warf ihn beiseite und schlug ihr fest auf die Finger. Sie schrie auf und verlor ihre Waffe.
Prinz Joffrey lachte. Der Junge sah sich um, mit großen Augen und erschrocken, dann ließ er seinen Stock ins Gras fallen. Wütend sah das Mädchen sie an, nuckelte an ihren Knöcheln, um den Schmerz zu lindern, und Sansa war entsetzt.»Arya?«rief sie ungläubig aus.
«Geht weg«, rief Arya ihnen zu, mit Tränen der Wut in den
Augen.»Was tut ihr hier? Laßt uns allein.«
Joffrey sah von Arya zu Sansa und zurück.»Eure Schwester?«Sie nickte, errötete. Joffrey betrachtete den Jungen, einen linkischen Burschen mit grobem, sommersprossigem Gesicht und dickem, rotem Haar.»Und wer bist du, Junge?«fragte er in einem Befehlston, der keine Rücksicht auf den Umstand nahm, daß der andere ein Jahr älter als er war.
«Mycah«, murmelte der Junge. Er erkannte den Prinzen und senkte seinen Blick.»M'lord.«
«Er ist der Schlachterjunge«, merkte Sansa an.
«Ein Schlachterjunge, der ein Ritter sein will, habe ich recht?«Joffrey schwang sich von seinem Pferd, mit dem Schwert in der Hand.»Nimm dein Schwert auf, Schlachterjunge«, verlangte er, und seine Augen leuchteten vor Freude.»Laß uns sehen, wie gut du bist.«
Mycah stand da, vor Angst erstarrt.
Joffrey ging ihm entgegen.»Mach schon, nimm es auf. Oder kämpfst du nur mit kleinen Mädchen?«
«Sie hat mich darum gebeten, M'lord«, verteidigte sich Mycah.»Sie hat mich darum gebeten.«
Sansa mußte nur einen Blick auf Arya werfen und die Schamesröte auf dem Gesicht ihrer Schwester sehen, um zu erkennen, daß der Junge die Wahrheit sprach, doch Joffrey war nicht in der Stimmung, zuzuhören. Der Wein hatte ihn wild gemacht.»Nimmst du dein Schwert auf?«
Mycah schüttelte den Kopf.»Es ist nur ein Stecken, M'lord. Es ist kein Schwert, es ist nur ein Stecken.«
«Und du bist nur ein Schlachterjunge und kein Ritter. «Joffrey hob Lion's Tooth an und setzte dessen Spitze auf Mycahs Wange, während der Schlachterjunge zitternd dastand.»Du hast auf die Schwester meiner Verlobten eingeschlagen, weißt du das?«Eine helle Knospe von Blut erblühte dort, wo sein Schwert in Mycahs Haut schnitt, und langsam lief ein roter Tropfen über die Wange des Jungen.
«Hört auf!«schrie Arya. Sie hob ihren Stock auf. Sansa fürchtete sich.»Arya, misch dich nicht ein!«»Ich werde ihm nicht weh tun… nicht sehr«, erklärte Joffrey Arya, ohne seinen Blick von dem Schlachterjungen abzuwenden. Arya stürzte sich auf ihn.
Sansa glitt von ihrer Stute, doch war sie zu langsam. Arya holte mit beiden Händen aus. Es gab ein lautes Knacken, als das Holz den Prinzen am Hinterkopf traf, und dann geschah vor Sansas entsetzten Augen alles mit einem Mal. Joffrey taumelte und fuhr herum, brüllte fluchend. Mycah rannte zu den Bäumen, so schnell seine Beine ihn trugen. Wieder holte Arya gegen den Prinzen aus, doch diesmal fing Joffrey den Hieb mit Lion's Tooth ab und schlug ihr den zerbrochenen Stecken aus der Hand. Sein Hinterkopf war blutig, und seine Augen sprühten Feuer. Sansa kreischte:»Nein, nein, hört auf, hört auf, alle beide, ihr verderbt alles«, doch niemand hörte auf sie. Arya griff sich einen Stein vom Boden und schleuderte ihn Joffreys Kopf entgegen. Statt dessen traf sie sein Pferd, und der Fuchs bäumte sich auf und galoppierte Mycah hinterher.»Hört auf, nicht, hört auf!«schrie Sansa. Joffrey schlug mit seinem Schwert nach Arya, schrie Obszönitäten, schreckliche Worte, schmutzige Worte. Arya wich zurück, voller Angst, doch Joffrey folgte ihr, scheuchte sie zum Wald hin, drängte sie an einen Baum. Sansa wußte nicht, was sie tun sollte. Hilflos sah sie zu, fast blind vor Tränen.