«Ich überlasse Euch Euren Angelegenheiten«, sagte Kapitän Moreo. Er verneigte und empfahl sich.
Wie eine Libelle flog die Galeere übers Wasser, und ihre Ruder tauchten im perfekten Gleichklang ein und wieder auf.
Ser Rodrik hielt sich an der Reling fest und sah zum vorüberziehenden Ufer hin.»Ich war nicht eben der heldenhafteste aller Beschützer.«
Catelyn legte ihm die Hand auf den Arm.»Wir sind da, Ser Rodrik, und zwar unbeschadet. Nur das allein zählt wirklich.«
Ihre Hand suchte etwas unter ihrem Umhang, mit steifen, unsteten Fingern. Der Dolch war noch an ihrer Seite. Hin und wieder mußte sie ihn berühren, um sich zu beruhigen.»Nun müssen wir den Waffenmeister des Königs erreichen und beten, daß ihm zu trauen ist.«
«Ser Aron Santagar ist ein eitler Mann, doch auch ein ehrlicher. «Ser Rodrik hob eine Hand an sein Gesicht, um über den Backenbart zu streichen, und stellte einmal mehr fest, daß dieser nicht mehr vorhanden war. Er wirkte ratlos.»Er könnte den Dolch kennen, ja… nur, Mylady, sobald wir an Land gehen, befinden wir uns in Gefahr. Und es gibt bei Hofe auch solche, die Euch vom Sehen her kennen.«
Catelyn kniff den Mund zusammen.»Littlefinger«, murmelte sie. Sie sah sein Gesicht vor Augen, ein jungenhaftes Gesicht, auch wenn er schon lange kein Junge mehr war. Sein Vater war vor Jahren gestorben, so daß er nun selbst Lord Baelish hieß, dennoch nannte man ihn Littlefinger. Ihr Bruder Edmure hatte ihm diesen Namen gegeben, vor langer Zeit in Riverrun. Die bescheidenen Besitztümer seiner Familie lagen auf dem kleinsten der Finger, und Petyr war für sein Alter schmal und klein gewesen.
Ser Rodrik räusperte sich.»Lord Baelish hat einmal, nun…«Sein Gedanke verklang unsicher auf der Suche nach einem höflichen Ausdruck.
Catelyn setzte sich über etwaige Empfindlichkeiten hinweg.»Er war Mündel meines Vaters. Wir sind in Riverrun zusammen aufgewachsen. Für mich war er wie ein Bruder, doch seine Gefühle für mich waren… mehr als brüderlich. Als verkündet wurde, daß ich Brandon Stark heiraten sollte, forderte Petyr ihn zum Kampf um das Recht auf meine Hand heraus. Es war Irrsinn. Brandon war zwanzig, Petyr kaum fünfzehn. Ich mußte Brandon anflehen, Petyrs Leben zu schonen. Er ließ ihn mit einer Narbe entkommen. Danach schickte mein Vater ihn fort. Seither habe ich ihn nicht gesehen. «Sie hob ihr Gesicht der Gischt zu, als könne der frische Wind Erinnerungen verwehen.»Er hat mir nach Riverrun geschrieben, nachdem Brandon tot war, doch habe ich den Brief ungelesen verbrannt. Inzwischen wußte ich, daß Ned mich an seines Bruders Stelle heiraten würde.«
Erneut tasteten Ser Rodriks Finger nach dem nicht vorhandenen Backenbart.»Littlefinger sitzt mittlerweile im Kleinen Rat.«
«Ich wußte, er würde es weit bringen«, sagte Catelyn.»Er war schon immer findig, schon als Junge, nur ist es eine Sache, findig zu sein, und eine andere, weise zu sein. Ich frage mich, was die Jahre aus ihm gemacht haben.«
Hoch über ihnen rief der Ausguck etwas aus der Takelage. Kapitän Moreo hastete übers Deck, gab Befehle, und überall um sie breitete sich hektisches Treiben auf der Storni Dancer aus, als King's Landing auf seinen drei hohen Hügeln in Sicht kam.
Vor dreihundert Jahren, das wußte Catelyn, waren diese Hügel von Wald bedeckt gewesen, und nur eine Handvoll Fischer hatte an der Nordküste des Blackwater Rush gelebt, wo dieser tiefe, schnelle Fluß ins Meer mündete. Dann war Aegon der Eroberer von Dragonstone gekommen. Hier hatte er seine Armee zum ersten Mal an Land gebracht, und dort auf dem höchsten Hügel seine erste grobe Schanze aus Holz und Erde errichtet.
Jetzt überzog die Stadt das Ufer so weit Catelyns Auge reichte. Wohnhäuser und Lauben und Kornkammern, steinerne
Lagerhäuser und hölzerne Wirtshäuser und Händlerbuden, Tavernen und Friedhöfe und Bordelle, alles übereinandergestapelt. Sie konnte das Geschrei vom Fischmarkt selbst aus dieser Entfernung hören. Zwischen den Häusern führten breite, von Bäumen gesäumte Straßen, gewundene, bucklige Gassen, die so schmal waren, daß zwei Männer kaum aneinander vorübergehen konnten. Visenyas Hügel war von der Großen Septe von Baelor mit ihren sieben Kristalltürmen gekrönt. Auf der anderen Seite der Stadt, auf dem Hügel von Rhaenys, standen die schwarzen Mauern der Drachenhöhle, deren mächtige Kuppel in sich zusammengebrochen war und deren bronzene Türen nun seit einem Jahrhundert schon verschlossen waren. Dazwischen verlief die Straße der Schwestern, schnurgerade. In der Ferne ragten die Stadtmauern auf, hoch und fest.
Einhundert Kais reihten sich im Hafen aneinander, und an ihnen drängten sich die Schiffe. Fischerboote und Kähne kamen und gingen, Fährmänner stakten über den Blackwater Rush hin und her, Handelsgaleeren entluden Lebensmittel aus Braavos und Pentos und Lys. Catelyn entdeckte die reichverzierte Barkasse der Königin, die neben einem dickbäuchigen Walfänger aus dem Hafen von Ibben vertäut lag, dessen Rumpf schwarz vom Teer war, während flußaufwärts ein Dutzend schlanker, goldener Kriegsschiffe auf Holzgerüsten ruhte, die Segel eingerollt, vorn mit schrecklichen Eisenrammen bestückt, an die das Wasser schlug.
Und über allem ragte der Red Keep auf, blickte finster von Aegons hohem Hügel herab: sieben mächtige Rundtürme, von eiserner Brustwehr gekrönt, ein riesenhaftes, grimmiges Vorwerk, große Gewölbe und überdachte Brücken, Kasernen und Verliese und Getreidespeicher, massive Zwischenmauern, besetzt mit Nestern für Bogenschützen, alles aus hellem, rotem Stein. Aegon, der Eroberer, hatte den Bau befohlen. Sein Sohn
Maegor, der Grausame, hatte ihn fertiggestellt. Danach hatte er jeden einzelnen Steinmetz, Zimmermann und Maurer, der daran mitgearbeitet hatte, köpfen lassen. Nur das Blut des Drachen sollte je um die Geheimnisse dieser Festung wissen, welche die Drachenlords erbaut hatten, so lautete sein Schwur.
Doch inzwischen waren die Banner, die von ihren Zinnen flatterten, golden, nicht schwarz, und wo einst der dreiköpfige Drachen Feuer spie, stolzierte nun der gekrönte Hirsch des Hauses Baratheon.
Ein langmastiges Schwanenschiff von der Summer Isles kam gerade aus dem Hafen, die weißen Segel prall im Wind. Die Storni Dancer zog an ihm vorüber, steuerte langsam das Ufer an.
«Mylady«, sagte Ser Rodrik,»während ich bettlägerig war, habe ich darüber nachgedacht, wie wir am besten vorgehen. Ihr dürft die Burg in keinem Fall betreten. Ich werde an Eurer Stelle gehen und Ser Aron an einem sicheren Ort zu Euch bringen.«
Sie betrachtete den alten Ritter, als sich die Galeere einem Pier näherte. Moreo rief etwas im üblichen Valyrisch der Freien Städte.»Ihr würdet ein ebenso großes Risiko eingehen wie ich.«
Ser Rodrik lächelte.»Vorhin habe ich mein Spiegelbild im Wasser gesehen und mich kaum erkannt. Meine Mutter war die letzte, die mich ohne Bart gesehen hat, und die ist seit vierzig Jahren tot. Ich denke, ich setze mich keiner Gefahr aus, Mylady. «Moreo bellte ein Kommando. Wie ein Mann hoben sechzig Ruderer ihre Riemen aus dem Wasser, drehten sie um und setzten zurück. Die Galeere wurde langsamer. Wieder ein Bellen. Die Riemen glitten in den Rumpf zurück. Als das Schiff an die Kaimauer stieß, sprangen einige Tyroshi herunter, um es zu vertäuen. Moreo kam eilig heran, strahlte.»King's Landing, Mylady, ganz wie Ihr befohlen, und kein Schiff hat je eine schnellere oder sicherere Reise hinter sich gebracht. Braucht Ihr Beistand, um Euer Gepäck zur Burg zu bringen?«
«Wir wollen nicht zur Burg. Vielleicht könntet Ihr uns ein Wirtshaus empfehlen, sauber, komfortabel und nicht zu weit vom Fluß entfernt.«
Der Tyroshi fingerte an seinem grünen Gabelbart herum.»Gut möglich. Ich kenne verschiedene Häuser, die Euren Wünschen entsprechen dürften. Doch erst, wenn ich so unhöflich sein dürfte, ist da noch die Sache mit der zweiten Hälfte der Zahlung, auf die wir uns geeinigt haben. Und natürlich das zusätzliche Silber, das Ihr freundlicherweise in Aussicht gestellt hattet. Sechzig Hirsche, glaube ich, waren es.«