Ihre Kehle war trocken.»Familie, Pflicht, Ehre«, antwortete sie steif. Er kannte sie zu gut.
«Familie, Pflicht, Ehre«, wiederholte er.»Die allesamt von Euch verlangten, daß Ihr auf Winterfell bleibt, wo unsere
Rechte Hand Euch zurückgelassen hat. Nein, Mylady, irgend etwas ist geschehen. Diese überstürzte Reise verrät eine gewisse Dringlichkeit. Ich bitte Euch, laßt mich helfen. Gute, alte Freunde sollten niemals zögern, sich aufeinander zu verlassen. «Es klopfte leise an der Tür.»Herein«, rief Littlefinger.
Der Mann, der durch die Tür trat, war plump, parfümiert, gepudert und haarlos wie ein Ei. Er trug eine Weste aus gewebtem Goldfaden über einer weiten Robe aus roter Seide, und an seinen Füßen steckten spitze Pantoffeln aus weichem Samt.»Lady Stark«, grüßte er und hielt ihre Hand mit beiden Händen,»Euch nach so vielen Jahren wiederzusehen, ist mir eine Freude. «Seine Haut war weich und feucht, und sein Atem roch nach Veilchen.»Oh, Eure armen Hände. Habt Ihr Euch verbrannt, Verehrteste? Die Hände sind so zart… Unser guter Maester Pycelle stellt eine großartige Salbe her. Soll ich einen Tiegel bringen lassen?«
Catelyn zog ihre Hand aus seinem Griff.»Ich danke Euch, Mylord, doch mein eigener Maester Luwin hat sich meiner Schmerzen bereits angenommen.«
Varys nickte ausgiebig.»Ich war zutiefst erschüttert, von Eurem Sohn zu hören. Und noch so jung. Die Götter sind grausam.«
«Darin sind wir einig, Lord Varys«, erwiderte sie. Der Titel war nur eine Gefälligkeit aufgrund seiner Tätigkeit als Ratsherr. Varys war nur Lord über sein Spinnennetz, Herr nur über seine Ohrenbläser.
Der Eunuch breitete seine weichen Arme aus.»In noch weit mehr, wie ich hoffe, Verehrteste. Ich habe große Achtung vor Eurem Mann, unserer neuen Rechten Hand, und ich weiß, daß wir beide König Robert lieben.«
«Ja«, sagte sie gezwungenermaßen.»Mit Gewißheit.«»Nie zuvor war ein König so beliebt wie unser Robert«, spöttelte
Littlefinger. Er lächelte verschlagen.»Zumindest nach allem, was Lord Varys hört.«
«Gute Frau«, sagte Varys mit übertriebenem Eifer.»Es gibt in den Freien Städten Männer mit wundersamen Heilkräften. Sagt nur ein Wort, und ich schicke Euch jemanden für Euren geliebten Bran.«
«Maester Luwin tut alles, was für Bran zu tun ist«, erklärte sie ihm. Sie wollte nicht über Bran sprechen, nicht hier, nicht mit diesen Männern. Sie vertraute Littlefinger nur wenig und Varys überhaupt nicht. Diesen beiden wollte sie ihre Trauer nicht offenbaren.»Lord Baelish sagt, ich hätte es Euch zu verdanken, daß man mich hergebracht hat.«
Varys kicherte wie ein kleines Mädchen.»Oh, ja, ich vermute, daß es meine Schuld ist. Ich hoffe, Dir verzeiht mir, freundliche Lady. «Er ließ sich auf einen Stuhl herab und legte die Hände ineinander.»Ich frage mich, ob wir Euch die Unannehmlichkeit zumuten dürfen, uns den Dolch zu zeigen?«
Catelyn Stark starrte den Eunuchen mit sprachlosem Unglauben an. Er war eine Spinne, dachte sie, ein Zauberer oder Schlimmeres. Er wußte Dinge, die unmöglich jemand wissen konnte, es sei denn…»Was habt Ihr mit Ser Rodrik gemacht?«verlangte sie zu wissen.
Littlefinger war verdutzt.»Ich fühle mich etwas wie ein Ritter, der ohne seine Lanze zur Schlacht erscheint. Von welchem Dolch ist hier die Rede? Wer ist Ser Rodrik?«
«Ser Rodrik Cassel ist Waffenmeister auf Winterfell«, erklärte Varys.»Ich versichere Euch, Lady Stark, dem guten Ritter ist nicht das mindeste geschehen. Er besuchte uns am frühen Nachmittag. Er war bei Ser Aron Santagar in der Waffenkammer, und sie haben sich über einen bestimmten Dolch unterhalten. Bei Sonnenuntergang verließen sie die Burg gemeinsam und liefen zu dieser entsetzlichen Bruchbude, in der Ihr wohnt. Sie sind noch dort, trinken im Schankraum, warten auf Eure Rückkehr. Ser Rodrik war sehr besorgt, als er feststellte, daß Ihr fort wart.«
«Wie könnt Ihr das alles wissen?«
«Das Geflüster kleiner Vögel«, antwortete Varys lächelnd.»Ich weiß manches, Verehrteste. Das ist der Sinn meiner Dienste. «Er zuckte mit den Achseln.»Ihr habt doch einen Dolch bei Euch, ja?«
Catelyn zog ihn unter ihrem Umhang hervor und warf ihn vor ihm auf den Tisch.»Hier. Vielleicht flüstern Euch die kleinen Vögel den Namen des Mannes zu, dem er gehört.«
Varys hob das Messer mit übertriebenem Zartgefühl an und strich mit dem Daumen an der Klinge entlang. Blut quoll hervor, und er stieß einen Schrei aus und ließ den Dolch auf die Tischplatte fallen.
«Vorsicht«, warnte Catelyn,»er ist scharf.«
«Nichts hat eine Schneide wie valyrischer Stahl«, sagte Littlefinger, während Varys an seinem blutenden Daumen sog und Catelyn mit stiller Drohung anblickte. Littlefinger hielt das Messer lose in der Hand, prüfte den Griff. Er warf es in die Luft, fing es mit der anderen Hand auf.»Welch wunderbare Balance. Ihr wollt den Besitzer finden, ist das der Grund für diesen Besuch? Dafür braucht Ihr Ser Aron nicht. Ihr hättet zu mir kommen sollen.«
«Und wenn ich es getan hätte«, sagte sie,»was hättet Ihr mir erklärt?«
«Ich hätte Euch erklärt, daß es nur ein solches Messer in King's Landing gibt. «Er hielt die Klinge zwischen Daumen und Zeigefinger, hob sie über seine Schulter und warf sie mit geübtem Dreh aus dem Handgelenk durchs Zimmer. Sie traf die Tür und bohrte sich zitternd tief in die Eiche.»Es gehört mir.«
«Euch?«Es ergab keinen Sinn. Petyr war nicht in Winterfell
gewesen.
«Bis zum Turnier an Prinz Joffreys Namenstag«, sagte er und durchmaß das Zimmer, um den Dolch aus dem Holz zu ziehen.»Ich habe Ser Jaime beim Kampf unterstützt, gemeinsam mit dem halben Hofstaat. «Mit seinem schüchternen Lächeln sah Petyr halbwegs wieder wie ein Junge aus.»Als Loras Tyrell ihn aus dem Sattel hob, wurde mancher von uns um einiges ärmer. Ser Jaime verlor einhundert Golddrachen, die Königin verlor eine Smaragdkette, und ich verlor mein Messer. Ihre Majestät bekam den Smaragd zurück, doch den Rest hat der Gewinner einbehalten.«
«Wer?«forderte Catelyn zu wissen, und ihr Mund war trocken vor Angst. Ihre Finger brannten vom Schmerz in ihrer Erinnerung.
«Der Gnom«, sagte Littlefinger, während Lord Varys ihr Gesicht im Auge behielt.»Tyrion Lannister.«
Jon
Das Klirren von Schwertern erfüllte den Burghof.
Unter schwarzer Wolle, dickem Leder und Kettenhemd tropfte der Schweiß eisig an Jons Brust herab, als er zum Angriff überging. Grenn taumelte rückwärts, verteidigte sich unbeholfen. Als er sein Schwert anhob, ging Jon mit einem ausladenden Hieb darunter weg, mit dem er das Bein des anderen Jungen an der Rückseite traf und ihn ins Stolpern brachte. Grenns Abwärtshieb wurde mit einem hohen Schwinger beantwortet, der seinen Helm verbeulte. Als er einen Seitenhieb versuchte, schlug Jon seine Klinge beiseite und rammte ihm einen kettenbehängten Unterarm an die Brust. Grenn verlor den Halt und setzte sich hart in den Schnee. Mit einem Hieb aufs Handgelenk, der einen Schmerzensschrei auslöste, schlug er ihm das Schwert aus den Fingern.
«Genug!«Ser Alliser Thorne besaß eine Stimme von der Schärfe valyrischen Stahls.
Grenn hielt seine Hand.»Der Bastard hat mir das Handgelenk gebrochen.«
«Der Bastard hat deine Achillessehne durchtrennt, deinen leeren Schädel aufgeschlagen und dir die Hand abgehackt. Oder hätte es zumindest, wenn diese Schwerter scharfe Klingen wären. Dein Glück ist, daß die Wache Stalljungen ebenso benötigt wie Grenzposten. «Ser Alliser winkte Jeren und Toad.»Schafft den Auerochsen auf die Füße, er muß sich um seine Beerdigung kümmern.«
Jon nahm seinen Helm ab, während die anderen Jungen Grenn auf die Beine halfen. Die frostige Morgenluft fühlte sich gut im Gesicht an. Er stützte sich auf sein Schwert, holte tief Luft und genoß nur einen Augenblick lang seinen Sieg.
«Das ist ein Langschwert, kein Stock für einen alten Mann«, fuhr ihn Ser Alliser scharf an.»Schmerzen Eure Beine, Lord Snow?«