Jon haßte diesen Spottnamen, den Ser Alliser ihm am ersten Tag seiner Ausbildung gegeben hatte. Die Jungen hatten ihn übernommen, und nun hörte er ihn überall. Er schob das Langschwert wieder in die Scheide.»Nein«, gab er zurück.
Thorne schritt ihm entgegen, und sprödes, schwarzes Leder knirschte leise, wenn er ging. Er war ein gedrungener Mann von fünfzig Jahren, mager und hart, mit Grau im schwarzen Haar und Augen wie Splitter von Onyx.»Die Wahrheit«, befahl er.
«Ich bin müde«, räumte Jon ein. Sein Arm brannte vom Gewicht des Langschwerts, und jetzt, da der Kampf vorüber war, spürte er seine Prellungen.»Schwach bist du, das ist es.«»Ich habe gewonnen.«»Nein. Der Auerochse hat verloren. «Einer der anderen Jungen kicherte. Jon war klug genug, darauf nicht zu antworten. Er hatte jeden geschlagen, den Ser Alliser gegen ihn hatte antreten lassen, und dennoch brachte es ihm nichts ein. Der Waffenmeister zollte ihm nur Hohn und Spott. Thorne haßte ihn, dessen war Jon überzeugt. Natürlich haßte er die anderen Jungen noch mehr.
«Das wäre alles«, erklärte Thorne.»Mehr Unfähigkeit kann ich an einem Tag nicht ertragen. Falls uns die Anderen je holen wollen, bete ich darum, daß sie Bogenschützen haben, denn euer Haufen ist nur als Pfeilfutter zu gebrauchen.«
Jon folgte dem Rest zur Waffenkammer, ging allein. Er ging hier oft allein. Fast zwanzig Jungen waren in der Gruppe, mit der er übte, doch konnte er keinen davon seinen Freund nennen. Die meisten waren zwei oder drei Jahre älter als er, doch war keiner von ihnen auch nur ein halb so guter Kämpfer, wie Robb es mit vierzehn gewesen war. Dareon war schnell, fürchtete jedoch, getroffen zu werden. Pyp benutzte sein Schwert wie einen Dolch, Jeren war schwach wie ein
Mädchen, Grenn langsam und ungeschickt. Halders Hiebe waren brutal hart, doch lief er einem direkt in die Attacke. Je mehr Zeit er mit ihnen verbrachte, desto mehr verachtete Jon sie.
Drinnen hängte Jon Schwert und Scheide an einen Haken an der steinernen Wand, beachtete die anderen nicht. Systematisch begann er, Kettenhemd, Leder und schweißdurchtränkte Wollkleider abzulegen. Kohlebrocken brannten in eisernen Rosten an beiden Enden des langen Raumes, doch Jon merkte, daß er zitterte. Hier war die Kälte sein steter Begleiter geworden. In ein paar Jahren würde er vergessen haben, wie es sich anfühlte, wenn einem warm war.
Die Müdigkeit überkam ihn ganz plötzlich, als er die grobgewebten, schwarzen Sachen überzog, die ihre Alltagskleider waren. Er saß auf einer Bank, und seine Finger fummelten an den Verschlüssen seines Umhangs herum. So kalt, dachte er, erinnerte sich an die warmen Säle von Winterfell, wo die heißen Fluten wie Blut im Menschenleib durch die Wände strömten. Es gab kaum Wärme in Castle Black. Die Wände hier waren kalt, und die Menschen noch kälter.
Niemand hatte ihm gesagt, daß die Nachtwache so sein würde, niemand außer Tyrion Lannister. Der Zwerg hatte ihm auf der Straße in den Norden die Wahrheit gesagt, doch da war es bereits zu spät gewesen. Jon fragte sich, ob sein Vater gewußt hatte, wie die Mauer sein würde. Er mußte es gewußt haben, dachte er. Das machte alles nur noch schlimmer.
Selbst sein Onkel hatte sich an diesem kalten Ort am Ende der Welt von ihm zurückgezogen. Hier oben war aus dem herzlichen Benjen Stark, den er kannte, ein anderer Mensch geworden. Er war Oberster Grenzwächter, und er verbrachte seine Tage und Nächte mit Lord Commander Mormont, Maester Aemon und den anderen hohen Offizieren, während man Jon der weniger zartfühlenden Fürsorge Ser Alliser
Thornes überließ.
Drei Tage nach ihrer Ankunft hatte Jon gehört, daß Benjen Stark ein halbes Dutzend Männer auf eine Patrouille durch den Verwunschenen Wald führen sollte. An jenem Abend suchte er seinen Onkel in dem großen, holzgetäfelten Gemeinschaftssaal auf und flehte ihn an, ihn mitzunehmen. Benjen wies ihn barsch zurück.»Hier ist nicht Winterfell«, erklärte er, während er sein Fleisch mit Gabel und Dolch zerteilte.»Auf der Mauer bekommt ein Mann nur das, was er verdient. Du bist keine Grenzwache, Jon, nur ein grüner Junge, der noch den Duft des Sommers an sich hat.«
Dummerweise stritt Jon darum.»Ich werde fünfzehn an meinem Namenstag«, sagte er.»Fast schon ein erwachsener Mann. «Benjen Stark runzelte die Stirn.»Ein Junge bist du, und ein Junge wirst du bleiben, bis Ser Alliser sagt, daß du bereit bist, ein Mann der Nachtwache zu werden. Falls du geglaubt hast, mit deinem Blut der Starks hättest du hier leichtes Spiel, so hast du dich getäuscht. Wir entsagen unseren alten Familien, wenn wir unseren Eid sprechen. Dein Vater wird stets seinen Platz in meinem Herzen haben, doch diese hier sind jetzt meine Brüder. «Er deutete mit seinem Dolch auf die Männer um ihn, allesamt harte, kalte Männer in Schwarz.
Am nächsten Tag stand Jon im Morgengrauen auf, um zu sehen, wie sein Onkel auszog. Einer seiner Grenzwächter, ein großer, häßlicher Mann, sang ein unflätiges Lied, als er seinen Klepper sattelte, und sein Atem dampfte in der kalten Morgenluft. Darüber lächelte Ben Stark, doch für seinen Neffen hatte er kein Lächeln übrig.»Wie oft soll ich es dir noch sagen, Jon? Wir sprechen darüber, wenn ich zurück bin.«
Als er sah, wie der Onkel sein Pferd in den Tunnel führte, waren Jon die Dinge eingefallen, die Tyrion Lannister ihm auf der Kingsroad erzählt hatte, und vor seinem inneren Auge sah er Ben Stark tot am Boden liegen, sein Blut rot im Schnee. Der Gedanke bereitete ihm Übelkeit. Was war mit ihm los? Später suchte er Ghost in der Einsamkeit seiner Zelle auf und vergrub sein Gesicht in dessen dickem, weißem Fell.
Wenn er allein sein mußte, wollte er die Einsamkeit zu seinem Panzer machen. Castle Black besaß keinen Götterhain, nur eine kleine Septe und einen betrunkenen Septon, doch Jon stand nicht der Sinn danach, irgendwelche Götter anzubeten, weder alte noch neue. Wenn es sie wirklich gab, dachte er, waren sie grausam und unnachgiebig wie der Winter.
Ihm fehlten seine wahren Brüder: der kleine Rickon und seine strahlenden Augen, wenn er um Süßes bettelte; Robb, sein Rivale und bester Freund und ständiger Begleiter; Bran, halsstarrig und seltsam, der immer mitkommen und bei allem mitmachen wollte, was Jon und Robb taten. Auch die Mädchen fehlten ihm, selbst Sansa, die ihn nie anders als» mein Halbbruder «nannte, seit sie alt genug war, zu verstehen, was Bastard bedeutete. Und Arya… sie fehlte ihm noch mehr als Robb, das magere, kleine Ding mit aufgeschlagenen Knien, zerzaustem Haar und zerrissenen Kleidern, so wild und so eigenwillig. Arya schien sich nirgends einzufügen, ganz wie er selbst… doch stets brachte sie Jon zum Lächeln. Er hätte alles gegeben, um jetzt bei ihr sein zu können, um ihr Haar zu zerwühlen und zu sehen, wie sie dann eine Grimasse schnitt, um zu hören, wie sie mit ihm gemeinsam einen Satz zu Ende sprach.
«Du hast mir das Handgelenk gebrochen, Bastardbengel. «Jon blickte zu der verdrossenen Stimme auf. Grenn stand über ihn gebeugt, mit dickem Hals und rot im Gesicht, drei seiner Freunde hinter sich. Er kannte Todder, einen kleinen, häßlichen Jungen mit unangenehmer Stimme. Die Rekruten nannten ihn alle Toad. Die anderen beiden hatte Yoren mit in den Norden gebracht, wie Jon sich erinnerte, Vergewaltiger, die auf den Fingers gefaßt worden waren. Ihre Namen hatte er vergessen. Er sprach kaum jemals mit ihnen, wenn es sich vermeiden ließ. Sie waren brutale Maulhelden, ohne auch nur einen Fingerhut
voll Ehrgefühl in sich.
Jon stand auf.»Ich brech dir auch das andere, wenn du mich nett bittest. «Grenn war sechzehn und einen Kopf größer als Jon. Alle vier waren größer als er, doch machten sie ihm keine Angst. Jeden einzelnen von ihnen hatte er auf dem Hof geschlagen.
«Vielleicht machen wir dich fertig«, sagte einer der Vergewaltiger.
«Versucht es. «Jon griff nach seinem Schwert, doch einer von ihnen packte seinen Arm und drehte ihn auf seinen Rücken.