Jahrhunderte von wehendem Schmutz hatten sie vernarbt und poliert, sie wie mit einem Schleier überzogen, und oftmals schien sie hellgrau, wie die Farbe eines bedeckten Himmels… doch wenn die Sonne an einem schönen Tag auf sie fiel, dann leuchtete sie, wurde lebendig, eine gigantische, blauweiße Klippe, die den halben Himmel ausfüllte.
Der größte Bau, den Menschenhände je errichtet hatten, wie Benjen Stark Jon auf der Kingsroad erklärt hatte, als die Mauer aus der Ferne zum ersten Mal zu sehen war.»Und zweifellos der nutzloseste«, hatte Tyrion Lannister mit einem Grinsen hinzugefügt, doch selbst der Gnom schwieg, als sie näher kamen. Man konnte sie meilenweit sehen, ein hellblauer Strich am nördlichen Horizont, der sich von Ost nach West erstreckte und in der Ferne verschwand, immens und lückenlos. Das ist das Ende der Welt, schien sie zu sagen.
Als sie schließlich Castle Black entdeckten, sahen dessen hölzerne Palisaden und steinerne Türme fast wie eine Handvoll Bauklötze aus, die dort im Schnee verstreut lagen, unter der endlosen Mauer aus Eis. Die alte Festung der schwarzen Brüder war kein Winterfell, eigentlich gar keine Burg. Ihr fehlten Mauern, sie war nicht zu verteidigen, nicht nach Süden hin, nach Osten oder Westen, doch war es nur der Norden, der die Nachtwache beschäftigte, und im Norden ragte die Mauer auf. Fast siebenhundert Fuß war sie hoch, dreimal so hoch wie der höchste Turm der Festung, die sie schützte. Sein Onkel sagte, oben sei sie so breit, daß ein ganzes Dutzend Ritter nebeneinander herreiten konnten. Die kahlen Umrisse mächtiger Katapulte und monströser Holzkräne standen dort oben Wache wie die Skelette großer Vögel, und unter ihnen liefen Männer in Schwarz, klein wie Ameisen.
Als er dort vor der Waffenkammer stand und aufblickte, war Jon fast so überwältigt wie an jenem Tag auf der Kingsroad, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. So war die Mauer. Manchmal konnte er fast vergessen, daß sie da war, wie man auch den Himmel oder die Erde unter seinen Füßen vergaß, doch dann wieder gab es Augenblicke, in denen es schien, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Sie war älter als die Sieben Königslande, und wenn er darunter stand und aufblickte, wurde Jon ganz schwindlig. Er konnte das Gewicht des Eises spüren, das auf ihr lastete, als wollte sie umstürzen, und irgendwie wußte Jon, daß wenn sie fiele, die Welt mit ihr fallen mußte.
«Man fragt sich, was dahinter liegt«, sagte eine vertraute Stimme.
Jon sah sich um.»Lannister. Ich habe Euch gar nicht gesehen… ich meine, ich dachte, ich wäre allein.«
Tyrion Lannister war derart dick in Felle gewickelt, daß er wie ein sehr kleiner Bär aussah.»Es hat viel Gutes an sich, Leute zu überraschen. Man weiß nie, was man erfährt.«
«Von mir erfahrt Ihr nichts«, erklärte Jon. Seit dem Ende der Reise hatte er den Zwerg nur selten getroffen. Als Bruder der Königin war Tyrion Lannister Ehrengast der Nachtwache. Der Lord Commander hatte ihm Räume im King's Tower gegeben — der so hieß, obwohl seit hundert Jahren kein König mehr hier gewesen war — , und Lannister speiste an Mormonts Tisch und verbrachte seine Tage mit Ritten auf der Mauer und seine Abende beim Würfeln und Trinken mit Ser Alliser und Bö wen Marsh und den anderen hohen Offizieren.
«Oh, ich erfahre überall etwas, wohin ich auch gehe. «Der kleine Mann deutete mit einem knorrigen, schwarzen Gehstock zur Mauer hinauf.»Wie ich schon sagte… warum ist es so, daß wenn einer eine Mauer baut, der nächste sofort wissen will, was sich auf der anderen Seite befindet?«Er neigte den Kopf und sah Jon mit seinen seltsam ungleichen Augen an.»Du willst doch wissen, was auf der anderen Seite ist, oder?«
«Da ist nichts Besonderes«, sagte Jon. Er wollte mit Benjen Stark auf dessen Streifzüge gehen, tief in die Geheimnisse des
Verwunschenen Waldes, wollte Mance Rayders Wildlinge bekämpfen und das Reich gegen die Anderen schützen, doch war es besser, nicht davon zu sprechen, was man sich wünschte.»Die Grenzwachen sagen, dort gäbe es nur Wald und Berge und gefrorene Seen mit viel Schnee und Eis.«
«Und die Grumkins und die Snarks«, fügte Tyrion hinzu.»Die wollen wir doch nicht vergessen, Lord Snow, denn wozu ist dieses Ding sonst da?«
«Nennt mich nicht Lord Snow.«
Der Zwerg zog eine Augenbraue hoch.»Möchtest du lieber Gnom genannt werden? Zeig ihnen, daß ihre Worte dich treffen, und du wirst nie ohne ihren Spott sein. Wenn sie dir einen Namen geben wollen, nimm ihn an, mach ihn zu deinem eigenen. Dann können sie dich nicht mehr treffen. «Er wedelte mit seinem Stock.»Komm, geh ein Stück mit mir. Mittlerweile dürfte im Speisesaal irgendein abscheulicher Eintopf serviert werden, und ich könnte eine Schale mit irgend etwas Warmem gebrauchen.«
Auch Jon war hungrig, also blieb er an Lannisters Seite, ging langsam, um sich den unbeholfenen, watschelnden Schritten des Zwergs anzupassen. Wind kam auf, und sie konnten hören, wie die alten Holzbauten um sie herum zu knarren begannen, und in der Ferne schlug ein vergessener Fensterladen, immer und immer wieder. Einmal tat es einen dumpfen Schlag, als Schnee von einem Dach rutschte und neben ihnen landete.
«Ich sehe deinen Wolf nicht«, sagte Lannister im Gehen.
«Ich kette ihn in den alten Ställen an, wenn wir uns im Schwertkampf üben. Sie haben alle Pferde jetzt in den Ostställen untergebracht, und so stört ihn niemand. Den Rest der Zeit ist er bei mir. Meine Schlafzelle ist im Hardin's Tower.«
«Das ist der mit den geborstenen Zinnen, nicht? Zerschlagener Stein im Hof darunter und schief wie unser edler
König Robert nach gut durchzechter Nacht? Ich dachte, diese Gebäude seien längst nicht mehr bewohnt.«
Jon zuckte mit den Achseln.»Niemand kümmert sich darum, wo man schläft. Die meisten alten Festungen stehen leer, und man kann sich irgendeine Zelle aussuchen. «Einst hatte Castle Black fünftausend kampfbereite Männer samt Pferden, Dienern und Waffen beherbergt. Inzwischen bot es etwa einem Zehntel davon eine Heimstatt, und Teile der Burg verfielen zu Ruinen.
Tyrion Lannisters Gelächter dampfte in der kalten Luft.»Ich werde deinem Vater sagen, er soll mehr Steinmetze verhaften, bevor dein Turm in sich zusammenfällt.«
Jon spürte den Spott, doch ließ sich die Wahrheit nicht verleugnen. Die Wache hatte neunzehn große Bollwerke entlang der Mauer errichtet, doch nur drei davon waren noch besetzt: Eastwatch an seiner grauen, windgepeitschten Küste, der Shadow Tower direkt an den Bergen, wo die Mauer endete, und dazwischen Castle Black, am Ende der Kingsroad. Die anderen Festen waren lang schon verlassene, einsame, verwunschene Bauten, durch deren schwarze Fenster kalte Winde pfiffen und wo die Geister der Toten die Brustwehr bemannten.
«Es ist besser, wenn ich allein bin«, sagte Jon störrisch.»Die anderen fürchten sich vor Ghost.«
«Kluge Jungs«, befand Lannister. Dann wechselte er das Thema.»Es heißt, dein Onkel sei überfällig.«
Jon erinnerte sich an seinen Wunsch, der ihm im Zorn gekommen war, das Traumbild von Benjen Stark tot im Schnee, und eilig wandte er sich ab. Der Zwerg hatte so eine Art, Dinge zu erahnen, und Jon wollte ihm das Schuldgefühl in seinen Augen nicht zeigen.»Er sagte, er wäre zu meinem Namenstag zurück«, gab er zu. Sein Namenstag war gekommen und gegangen, unbemerkt, vor vierzehn Tagen.»Sie wollten nach Ser Waymar Royce suchen; sein Vater ist
Lord Arryns Vasall. Onkel Benjen sagte, sie würden vielleicht bis hin zum Shadow Tower suchen müssen. Das ist ganz oben in den Bergen.«
«Wie ich höre, sind in letzter Zeit eine ganze Menge Grenzwachen verschwunden«, sagte Lannister, als sie die Stufen zum Speisesaal erklommen. Er grinste und zog die Tür auf.»Vielleicht sind die Grumkins in diesem Jahr besonders hungrig.«