Die Halle war gewaltig groß und zugig, selbst wenn ein Feuer in ihrem mächtigen Kamin prasselte. Krähen nisteten im Gebälk der hohen Decke. Jon hörte sie über sich schreien, als er eine Schale mit Eintopf und einen Brotkanten von den Köchen entgegennahm. Grenn und Toad und einige der anderen saßen auf der Bank, die dem Feuer am nächsten stand, lachten und verfluchten einander mit rauhen Stimmen. Jon betrachtete sie nachdenklich für einen Augenblick. Dann suchte er sich einen Platz am anderen Ende der Halle, weit abseits der anderen.
Tyrion Lannister setzte sich ihm gegenüber, schnüffelte mißtrauisch am Eintopf herum.»Gerste, Zwiebel, Karotte«, murmelte er.»Jemand sollte den Köchen sagen, daß eine Rübe kein Fleisch ist.«
«Es ist Hammeleintopf. «Jon zog die Handschuhe aus und wärmte seine Hände an dem Dampf, der von der Schale aufstieg. Bei diesem Duft lief ihm das Wasser im Mund zusammen.
«Snow.«
Jon kannte Alliser Thornes Stimme, doch lag ein seltsamer Unterton darin, den er noch nie gehört hatte. Er wandte sich um.
«Der Lord Commander will dich sehen. Sofort.«
Einen Moment lang konnte sich Jon vor Angst nicht rühren. Warum sollte der Lord Commander ihn sehen wollen? Sie hatten etwas von Benjen gehört, dachte er sofort, er war tot, das Traumbild war zur Wahrheit geworden.»Ist es mein Onkel?«platzte er heraus.»Ist er sicher heimgekehrt?«
«Der Lord Commander ist es nicht gewohnt zu warten«, war Ser Allisers Erwiderung.»Und ich bin es nicht gewohnt, meine Befehle von Bastarden in Frage stellen zu lassen.«
Tyrion Lannister schwang sich von der Bank und stand auf.»Hört auf, Thorne. Ihr macht dem Jungen angst.«
«Mischt Euch nicht in Angelegenheiten, die nicht die Euren sind, Lannister. Hier ist nicht der rechte Platz für Euch.«
«Allerdings habe ich meinen Platz bei Hofe«, entgegnete der Zwerg lächelnd.»Ein Wort ins richtige Ohr, und Ihr sterbt als trauriger, alter Mann, bevor Ihr noch einen weiteren Jungen ausbilden könnt. Jetzt verratet Snow, wieso der alte Bär ihn sehen will. Gibt es Neues von seinem Onkel?«
«Nein«, sagte Ser Alliser.»Es geht um eine ganz andere Sache. Heute morgen ist ein Vogel aus Winterfell eingetroffen, mit einer Nachricht, die seinen Bruder betrifft. «Er korrigierte sich.»Seinen Halbbruder.«
«Bran«, flüsterte Jon, indem er aufsprang.»Etwas ist mit Bran geschehen.«
Tyrion Lannister legte ihm eine Hand auf den Arm.»Jon«, sagte er.»Es tut mir ehrlich leid.«
Jon hörte ihn kaum. Er streifte Tyrions Hand ab und durchquerte die Halle. Er rannte, als er zu den Türen kam. Er hastete zum Turm des Kommandanten, stürmte durch alte Schneewehen. Nachdem die Wachen ihn durchgelassen hatten, nahm er je zwei Stufen mit einem Satz. Als er vor dem Lord Commander stand, waren seine Stiefel aufgeweicht, und Jon keuchte mit wildem Blick.»Bran«, sagte er.»Was steht da über Bran?«
Jeor Mormont, Lord Commander der Nachtwache, war ein barscher, alter Mann mit mächtigem, kahlem Kopf und zottigem, grauem Bart. Er hielt einen Raben auf dem Arm und fütterte ihn mit Korn.»Man sagt mir, du könntest lesen. «Er schüttelte den Raben ab, und dieser flatterte mit den Flügeln und flog zum Fenster, wo er sitzen blieb und beobachtete, wie Mormont ein gerolltes Blatt Papier aus seinem Gürtel zog und es Jon reichte.»Korn«, krächzte der Rabe mit heiserer Stimme.»Korn, Korn.«
Jons Finger zeichnete die Umrisse des Schattenwolfes im weißen Wachs des aufgebrochenen Siegels nach. Er erkannte Robbs Schrift, doch schienen die Buchstaben zu verwischen und zu verlaufen, als er versuchte, sie zu lesen. Er merkte, daß er weinte. Und dann, durch seine Tränen, erkannte er den Sinn in den Worten und hob den Kopf.»Er ist aufgewacht«, sagte er.»Die Götter haben ihn zurückgegeben.«
«Verkrüppelt«, sagte Mormont.»Es tut mir leid, Junge. Lies den Rest des Briefes.«
Er sah die Worte an, doch hatten sie keine Bedeutung. Nichts hatte Bedeutung. Bran würde leben.»Mein Bruder wird leben«, erklärte er Mormont. Der Lord Commander schüttelte den Kopf, nahm eine Handvoll Körner und stieß einen Pfiff aus. Der Rabe flog auf seine Schulter und schrie:»Leben! Leben!«
Jon rannte die Treppe hinunter, mit einem Lächeln auf dem Gesicht und Robbs Brief in der Hand.»Mein Bruder wird leben«, erklärte er den Wachen. Die wechselten einen Blick. Er lief in den Speisesaal zurück, wo Tyrion Lannister eben seine Mahlzeit beendete. Er packte den kleinen Mann unter den Armen, hob ihn in die Luft und drehte ihn im Kreis herum.»Bran wird leben!«jauchzte er. Lannister machte ein verdutztes Gesicht. Jon setzte ihn ab und warf ihm das Blatt Papier in die Hände.»Hier, lest selbst«, sagte er.
Die anderen versammelten sich um sie und sahen ihn neugierig an. Jon bemerkte Grenn ein wenig abseits. Ein dicker, wollener Verband war um seine Hand gewickelt. Er wirkte unsicher und betreten, ganz und gar nicht bedrohlich. Jon ging zu ihm. Grenn wich zurück und hob die Hände.»Halt dich von mir fern, du Bastard.«
Jon lächelte ihn an.»Das mit deinem Handgelenk tut mir leid. Robb hat mit mir einmal dasselbe gemacht, nur mit einem Holzschwert. Es hat höllisch weh getan, aber bei dir muß es noch schlimmer sein. Paß auf, wenn du willst, kann ich dir zeigen, wie man sich dagegen wehrt.«
Alliser Thorne hörte ihn.»Jetzt will Lord Snow meinen Posten übernehmen. «Er grinste höhnisch.»Ich könnte eher einem Wolf das Jonglieren beibringen, als daß du diesem Auerochsen etwas beibringst.«
«Die Wette nehme ich an, Ser Alliser«, sagte Jon.»Ich würde nur zu gern sehen, wie Ghost jongliert.«
Jon hörte, wie Grenn erschrocken Luft holte. Es wurde still.
Dann brach Tyrion Lannister in Gelächter aus. Drei der schwarzen Brüder stimmten vom Nachbartisch aus mit ein. Das Gelächter breitete sich über alle Bänke aus, bis sogar die Köche mit einstimmten. Die Vögel rührten sich auf den Dachbalken, und schließlich gluckste sogar Grenn.
Ser Alliser starrte Jon unverwandt an. Während sich das Gelächter um ihn herum ausbreitete, verfinsterte sich seine Miene, und seine Schwerthand ballte sich zur Faust.»Das war ein schwerer Fehler, Lord Snow«, verkündete er schließlich mit der beißenden Stimme eines Feindes.
Eddard
Wund, müde, hungrig und gereizt ritt Eddard Stark durch die hoch aufragenden Bronzetore des Red Keep. Er war noch zu Pferd, träumte von einem langen, heißen Bad, gebratenem Geflügel und einem Federbett, als der königliche Haushofmeister ihm erklärte, daß der Grand Maester Pycelle ein dringendes Treffen des Kleinen Rates einberufen habe. Die Anwesenheit der Rechten Hand sei erwünscht, sobald es konveniere.»Konvenieren würde es morgen früh«, fuhr Ned ihn an, als er abstieg.
Der Haushofmeister verneigte sich sehr tief.»Ich werde den Ratsherren Euer Bedauern zum Ausdruck bringen, Mylord.«
«Nein, verdammt«, sagte Ned. Es wäre nicht gut, den Rat zu verprellen, bevor er seine Arbeit auch nur aufgenommen hatte.»Ich werde mich mit ihnen treffen. Gebt mir nur etwas Zeit, etwas Präsentableres überzuziehen.«
«Ja, Mylord«, sagte der Haushofmeister.»Wir haben Euch Lord Arryns ehemalige Gemächer im Turm der Rechten Hand gegeben, sofern es Euch beliebt. Ich werde Eure Sachen dorthin bringen lassen.«
«Meinen Dank«, sagte Ned, während er seine Reithandschuhe abstreifte. Der Rest seines Haushalts kam hinter ihm durchs Tor. Ned sah Vayon Poole, seinen eigenen Haushofmeister, und rief nach ihm.»Es scheint, als würde ich dringend im Rat gebraucht. Sorgt dafür, daß meine Töchter ihre Schlafgemächer finden, und sagt Jory, er soll darauf achten, daß sie dort bleiben. Arya wird nicht auf Erkundung gehen. «Poole verneigte sich. Ned wandte sich wieder dem königlichen Haushofmeister zu.»Meine Wagen kämpfen sich noch immer durch die Stadt. Ich werde angemessene Kleidung brauchen.«
«Es wird mir eine große Freude sein«, bot der Haushofmeister seine Hilfe an.