Ned war sprachlos.»Wollt Ihr damit behaupten, die Krone sei um drei Millionen Goldstücke verschuldet?«
«Die Krone ist um mehr als sechs Millionen Goldstücke verschuldet, Lord Stark. Den Lannisters gehört der größte Teil davon, aber wir haben auch bei Lord Tyrell geliehen, der Eisernen Bank von Braavos und verschiedenen Handelskartellen der Tyroshi. In letzter Zeit mußte ich mich an den Glauben wenden. Der Hohe Septon feilscht schlimmer als ein dornischer Fischhändler.«
Ned war entgeistert.»Aerys Targaryen hat eine Schatzkammer hinterlassen, die vor Gold überquoll. Wie konntet Ihr das geschehen lassen?«
Littlefinger zuckte mit den Achseln.»Der Meister der Münze beschafft das Geld. Der König und die Rechte Hand geben es aus.«
«Ich kann nicht glauben, daß Jon Arryn Robert erlaubt hat, das Reich an den Bettelstab zu bringen«, entfuhr es Ned aufgebracht.
Grand Maester Pycelle schüttelte seinen großen, kahlen Kopf, und seine Ketten klirrten leise.»Lord Arryn war ein umsichtiger Mann, doch fürchte ich, daß Seine Majestät nicht immer auf weise Ratschläge umlenkt.«
«Mein königlicher Bruder liebt Turniere und Feste«, sagte Renly Baratheon,»und er haßt das, was er >Linsenzählen< nennt.«
«Ich werde mit Seiner Majestät sprechen«, entschloß sich Ned.»Dieses Turnier ist eine Ausschweifung, die sich das Reich nicht leisten kann.«
«Sprecht mit ihm, wenn Ihr wollt«, sagte Lord Renly,»wir sollten dennoch besser unsere Pläne machen.«
«An einem anderen Tag«, sagte Ned. Vielleicht zu scharf, nach den Blicken zu urteilen, die sie ihm zuwarfen. Er würde daran denken müssen, daß er nicht mehr auf Winterfell war, wo nur der König über ihm stand. Hier war er nur Erster unter Gleichen.»Verzeiht mir, Mylords«, fügte er mit milderer Stimme hinzu.»Ich bin müde. Laßt uns für heute einen Schlußstrich ziehen und fortfahren, wenn wir wacher sind. «Er bat nicht um ihre Zustimmung, sondern stand abrupt auf, nickte allen zu und machte sich zur Tür auf.
Draußen strömten noch immer Wagen und Reiter durch die Burgtore herein, und der Hof war ein Tumult von Schlamm und Pferden und brüllenden Männern. Der König war noch nicht eingetroffen, wie man ihm erklärte. Seit den schändlichen Vorkommnissen am Trident waren die Starks mit ihrem Haushalt der Hauptkolonne weit vorausgeritten, um sich von den Lannisters und der wachsenden Spannung abzusetzen. Robert war kaum noch zu sehen gewesen. Man sagte, er reiste in der riesigen Karosse, die meiste Zeit betrunken. Falls dem so war, mochte er Stunden zurückliegen, doch käme er für Neds Geschmack noch immer viel zu früh. Er mußte nur in Sansas Gesicht sehen, um zu spüren, wie der Zorn in ihm erneut aufflammte. Die letzten zwei Wochen ihrer Reise waren ein einziges Elend gewesen. Sansa gab Arya die Schuld und sagte ihr, daß eigentlich Nymeria hätte sterben sollen. Und Arya hatte allen Halt verloren, als sie hörte, was mit dem Schlachterjungen geschehen war. Sansa weinte sich in den Schlaf, Arya brütete den ganzen Tag schweigend vor sich hin, und Eddard Stark träumte von einer eisigen Hölle, die den Starks von Winterfell vorbehalten war.
Er überquerte den Außenhof, ging unter einem Fallgitter in den Innenhof und war gerade auf dem Weg zu dem, was er für den Turm der Rechten Hand hielt, als Littlefinger vor ihm erschien.»Ihr lauft in die falsche Richtung, Stark. Kommt mit mir. «Zögernd folgte Ned. Littlefinger führte ihn in einen Turm, eine Treppe hinab, über einen kleinen, vertieften Burghof und einen verlassenen Korridor entlang, in welchem leere Rüstungen entlang der Wände Wache hielten. Es waren Relikte der Targaryen, schwarzer Stahl mit Drachenschuppen als Helmschmuck, jetzt staubig und vergessen.»Das ist nicht der Weg zu meinen Räumen«, sagte Ned.
«Hatte ich das behauptet? Ich führe Euch ins Verlies, um Euch die Kehle aufzuschlitzen und Eure Leiche einzumauern«, gab Littlefinger zurück, und seine Stimme quoll über vor Sarkasmus.»Wir haben dafür keine Zeit, Stark. Eure Frau erwartet Euch.«
«Was spielt Ihr hier, Littlefinger? Catelyn ist in Winterfell,
Hunderte von Meilen weit entfernt.«
«Ach?«Littlefingers grüngraue Augen glitzerten vor Vergnügen.»Dann, so scheint es mir, muß jemand eine erstaunliche Imitation beherrschen. Zum letzten Maclass="underline" Kommt! Oder kommt nicht, und ich behalte sie für mich. «Er hastete die Stufen hinab.
Ned folgte ihm müde, fragte sich, ob dieser Tag wohl jemals enden würde. Er fand keinen Geschmack an diesen Intrigen, doch wurde ihm langsam klar, daß sie für einen Mann wie Littlefinger die reine Wonne waren.
Am Fuße der Treppe war eine schwere Tür aus Eiche und Eisen. Petyr Baelish hob den Riegel an und winkte Ned hindurch. Sie traten in den rötlichen Glanz der Dämmerung hinaus, auf eine felsige Klippe hoch über dem Fluß.»Wir sind draußen vor der Burg«, stellte Ned fest.
«Ihr seid nur schwer zu täuschen, Stark«, höhnte Littlefinger und grinste.»War es die Sonne, die es Euch verraten hat, oder der Himmel? Folgt mir. Es sind Nischen in den Fels gehauen. Versucht, nicht zu Tode zu stürzen, Catelyn würde es mir nie glauben. «Mit diesen Worten war er hinter der Klippe verschwunden und stürmte schnell wie ein Äffchen hinab.
Ned betrachtete die Felswand der Klippe für einen Moment, dann folgte er ihm langsamer. Die Nischen waren da, ganz wie Littlefinger es angekündigt hatte, flache Mulden, die von unten nicht zu sehen waren, wenn man nicht genau wußte, wo man suchen sollte. Der Fluß lag in weiter, schwindelerregender Tiefe unter ihm. Ned hielt sein Gesicht fest an den Fels gepreßt und gab sich Mühe, nicht öfter als notwendig hinunterzublicken.
Als er endlich unten ankam, an einem schmalen, schlammigen Pfad am Ufer, faulenzte Littlefinger auf einem Stein und aß einen Apfel. Er war schon fast beim Kerngehäuse.»Ihr werdet alt und langsam, Stark«, sagte er und schnippte den
Apfel beiläufig ins rauschende Wasser.»Macht nichts, wir reiten den Rest des Weges. «Zwei Pferde warteten. Ned stieg auf und trabte ihm hinterher, den Pfad hinab zur Stadt.
Schließlich hielt Baelish vor einem baufälligen Haus, dreistöckig, aus Holz gebaut, die Fenster hell vom Lampenschein in der Abenddämmerung. Musik und heiseres Gelächter war zu hören und trieb übers Wasser hin. Neben der Tür hing eine verzierte Öllampe an einer schweren Kette, mit einer Kugel aus rotem Bleiglas.
Wutentbrannt stieg Ned Stark von seinem Pferd.»Ein Bordell«, sagte er, als er Littlefinger bei der Schulter nahm und ihn herumdrehte.»Ihr habt mich den ganzen Weg hierhergebracht, um mich in ein Bordell zu führen.«
«Eure Frau ist dort drinnen«, sagte Littlefinger.
Es war die endgültige Beleidigung.»Brandon war zu gut gegen Euch«, sagte Ned, als er den kleinen Mann gegen die Wand schlug und ihm seinen Dolch unter den spitzen Kinnbart hielt.
«Mylord, nein«, rief eine aufgebrachte Stimme.»Er spricht die Wahrheit. «Hinter ihm waren Schritte zu hören.
Ned fuhr herum, mit dem Messer in der Hand, als ein alter, weißhaariger Mann ihnen entgegenstürzte. Er trug grobes, braunes Tuch, und die weiche Haut unter seinem Kinn schwabbelte, wenn er rannte.»Das ist nicht Eure Sache«, setzte Ned an, dann plötzlich erkannte er ihn. Erstaunt ließ er den Dolch sinken.»Ser Rodrik?«
Rodrik Cassel nickte.»Eure Lady erwartet Euch oben.«
Ned wußte nicht mehr weiter.»Catelyn ist wirklich hier? Das Ganze ist kein schlechter Scherz von Littlefinger?«Er steckte seine Klinge ein.
«Wenn es nur so wäre, Stark«, sagte Littlefinger.»Folgt mir und versucht, einen Hauch lüsterner und etwas weniger wie die
Rechte Hand des Königs zu wirken. Es wäre nicht von Vorteil, wenn man Euch erkennt. Vielleicht solltet Ihr die eine oder andere Brust tätscheln, nur so im Vorübergehen.«