«Als ich klein war, sagte man, ein langer Sommer bedeute stets, daß auch ein langer Winter folgte. Dieser Sommer dauerte neun Jahre, Tyrion, und ein zehntes wird sich bald anschließen. Denkt daran.«
«Als ich klein war«, erwiderte Tyrion,»erzählte meine Amme mir, daß eines Tages, sofern die Menschen gut seien, die Götter der Welt einen Sommer ohne Ende schenken würden. Vielleicht waren wir besser, als wir denken, und der Große Sommer ist endlich gekommen. «Er grinste.
Der Lord Commander schien darüber nicht lachen zu können.»Ihr seid nicht Narr genug, um das zu glauben, Mylord. Schon werden die Tage kürzer. Es kann kein Zweifel daran bestehen. Aemon hat Briefe von der Citadel bekommen, Erkenntnisse, die mit seinen eigenen übereinstimmen. Das Ende des Sommers steht uns kurz bevor. «Mormont streckte einen Arm aus und hielt Tyrion fest bei der Hand.»Ihr müßt es Ihnen begreiflich machen. Ich sage Euch, Mylord, die Finsternis kommt. Es gibt wilde Tiere in den Wäldern, Schattenwölfe und Mammuts und Schneebären von der Größe eines Auerochsen, und in meinen Träumen habe ich noch finsterere Gestalten gesehen.«
«In Euren Träumen«, wiederholte Tyrion und dachte daran,
wie dringend er noch einen starken Trunk benötigte.
Mormont war dem scharfen Unterton in seiner Stimme gegenüber taub.»Die Fischer bei Eastwatch haben Weiße Wanderer am Ufer gesehen.«
Diesmal konnte Tyrion seine Zunge nicht hüten.»Die Fischer von Lannisport sehen oftmals Meerjungfrauen.«
«Denys Mallister schreibt, daß die Bergmenschen gen Süden ziehen und in größerer Zahl als je zuvor am Shadow Tower vorüberkommen. Sie fliehen, Mylord… nur wovor fliehen sie?«Lord Mormont trat ans Fenster und starrte in die Nacht hinaus.»Meine Knochen sind alt, Lannister, doch haben sie nie zuvor eine Kälte wie diese gespürt. Berichtet dem König, was ich Euch sage, ich bitte Euch. Der Winter naht, und wenn die Lange Nacht kommt, wird nur die Nachtwache zwischen dem Reich und der Finsternis stehen, die von Norden her drängt. Die Götter mögen uns beistehen, wenn wir dafür nicht vorbereitet sind.«
«Die Götter mögen mir beistehen, wenn ich heute nacht nicht etwas Schlaf bekomme. Yoren ist fest entschlossen, beim ersten Licht des Tages aufzubrechen. «Tyrion erhob sich, schläfrig vom Wein und des Untergangs müde.»Ich danke Euch für alle Freundlichkeit, die Ihr mir entgegengebracht habt, Lord Mormont.«
«Erzählt es ihnen, Tyrion. Erzählt es ihnen, damit sie es glauben. Das ist aller Dank, den ich brauche. «Er stieß einen Pfiff aus, und sein Rabe flog zu ihm und hockte sich auf seine Schulter. Mormont lächelte und gab dem Vogel ein paar Körner aus seiner Tasche, und so ließ Tyrion ihn zurück.
Draußen war es bitterkalt. In dicke Felle gewickelt zog Tyrion seine Handschuhe an und nickte den armen, erfrorenen Wichten zu, die vor dem Turm des Kommandanten Wache schoben. Er machte sich auf den Weg über den Hof zu seinen eigenen Gemächern im King's Tower, wobei er so schnell ging, wie seine kurzen Beine es zuließen. Schnee knirschte unter seinen Füßen, wenn seine Stiefel die nächtliche Kruste durchbrachen, und sein Atem dampfte vor ihm wie ein Banner. Er schob die Hände unter die Achseln und lief schneller, betete, daß Morrec daran gedacht hatte, sein Bett mit heißen Ziegeln aus dem Feuer vorzuwärmen.
Hinter dem King's Tower schimmerte die Mauer im Licht des Mondes, unermeßlich und geheimnisvoll. Einen Augenblick blieb Tyrion stehen, um hinaufzusehen. Seine Beine schmerzten vor Kälte und Eile.
Plötzlich ergriff ihn eine seltsame Tollheit, die Sehnsucht, einmal noch über das Ende der Welt hinauszublicken. Es wäre seine letzte Chance, dachte er, morgen würde er gen Süden reiten, und er konnte sich nicht vorstellen, wieso er jemals wieder in diese erfrorene Einsamkeit zurückkehren sollte. Vor ihm stand der King's Tower mit seinem Versprechen von Wärme und einem weichen Bett, doch merkte Tyrion, daß er an ihm vorüberging, hinüber zur ungeheuren, blassen Palisade der Mauer.
Eine Holztreppe führte an der Südseite hinauf, gestützt von riesigen, grob behauenen Stämmen, die tief im Eis verankert und dort festgefroren waren, gezackt wie ein Blitz. Die schwarzen Brüder hatten ihm versichert, daß sie erheblich stabiler war, als sie aussah, doch Tyrion hatte furchtbare Krämpfe in den Beinen und dachte gar nicht daran, hinaufzulaufen. Statt dessen ging er zum Eisenkäfig neben dem Schacht, kletterte hinein, riß hart am Glockenstrang, dreimal kurz.
Es schien, als mußte er eine Ewigkeit warten, während er dort mit der Mauer im Rücken hinter den Gitterstäben stand. Lange genug, daß Tyrion sich zu fragen begann, weshalb er das alles tat. Gerade hatte er beschlossen, seinen wunderlichen Einfall zu vergessen und ins Bett zu gehen, als der Käfig einen Ruck tat und sich auf den Weg nach oben machte.
Langsam stieg er auf, ruckend und zuckend erst, dann gleichmäßiger. Die Erde blieb unter ihm zurück, der Käfig schaukelte, und Tyrion klammerte sich an die Eisenstäbe. Er konnte das kalte Metall selbst durch seine Handschuhe noch fühlen. Morrec hatte Feuer in seinem Zimmer gemacht, wie er anerkennend bemerkte, doch im Turm des Lord Commanders war alles dunkel. Der alte Bär hatte mehr Verstand als er, wie es schien.
Dann war er über den Türmen, noch immer langsam auf dem Weg nach oben. Castle Black lag unter ihm, scharf umrissen vom Licht des Mondes. Von hier sah man, wie kahl und leer es war, mit fensterlosen Türmen, bröckelnden Mauern, Höfen, die an geborstenen Steinen erstickten. Etwas abseits sah er die Lichter von Mole's Town, dem kleinen Dorf, das etwa eine halbe Wegstunde südlich an der Kingsroad lag, und hier und da das helle Glitzern von Mondlicht auf Wasser, wo eisige Bäche von den Bergen herabströmten, um sich durch die Steppe zu schneiden. Der Rest der Welt war leere Ödnis windgepeitschter Hügel und steiniger Felder voller Schneeflocken.
Schließlich sagte eine heisere Stimme hinter ihm:»Bei allen sieben Höllen, es ist der Zwerg«, und der Käfig kam ruckend zum Stehen und blieb dort hängen, schaukelte langsam hin und her, an knarrenden Seilen.
«Holt ihn rein, verdammt. «Ein Knarren war zu hören, ein lautes Knarren von Holz, als der Käfig seitwärts glitt, und dann war die Mauer unter ihm. Tyrion wartete, bis das Schaukeln ein Ende nahm, dann stieß er die Käfigtür auf und sprang aufs Eis hinab. Eine mächtige Gestalt in Schwarz stützte sich auf die Winde, während eine zweite den Käfig hielt. Ihre Gesichter waren von wollenen Schals verdeckt, so daß man nur ihre Augen sehen konnte, sie selbst waren dick und rund von schichtenweise Wolle und Leder, Schwarz auf Schwarz.»Und was könntet Ihr wollen, um diese nachtschlafende Zeit?«fragte der Mann an der Winde.
«Einen letzten Blick.«
Die Männer sahen sich säuerlich an.»Blickt soviel Ihr wollt«, sagte der andere.»Paßt nur auf, daß Ihr nicht hinunterfallt, kleiner Mann. Der alte Bär würde uns das Fell über die Ohren ziehen. «Eine kleine Holzhütte stand unter dem großen Kran, und Tyrion sah den trüben Schein von Kohlenpfannen und spürte einen kurzen Hauch von Wärme, als die Männer die Tür öffneten und wieder hineingingen. Und dann war er allein.
Schneidend kalt war es, und der Wind zerrte wie eine aufdringliche Geliebte an seinen Kleidern. Oben war die Mauer breiter als mancherorts die Kingsroad, daher fürchtete Tyrion nicht zu fallen, obwohl es glatter war, als ihm recht sein konnte. Die Brüder streuten zermahlene Steine über die Wege, doch das Gewicht zahlloser Schritte schmolz die Mauer darunter, wodurch das Eis um den Kies zu wachsen schien, ihn schluckte, bis der Weg wieder eben war und es Zeit wurde, neue Steine zu zermahlen.
Dennoch war es nichts, was Tyrion nicht meistern konnte. Er blickte in den Osten und den Westen der Mauer, die sich vor ihm erstreckte, eine endlose, weiße Straße ohne Anfang und ohne Ende, mit finsterem Abgrund zu beiden Seiten. Gen Westen, beschloß er aus keinem bestimmten Grund, und er begann, in diese Richtung zu laufen, folgte dem Weg, welcher dem Nordrand am nächsten war, wo der Kies am frischesten zu sein schien.