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Seine nackten Wangen waren rot vor Kälte, und seine Beine beklagten sich mit jedem Schritt, doch Tyrion beachtete sie nicht. Der Wind umwehte ihn, Kies knirschte unter seinen Füßen, während vor ihm das weiße Band der Form der Hügel folgte, höher und immer höher anstieg, bis es sich jenseits des westlichen Horizontes verlor. Er kam an einem mächtigen Katapult vorüber, so hoch wie eine Stadtmauer, dessen Fuß tief in der Mauer versenkt war. Der Wurfarm war zur Reparatur entfernt und dann vergessen worden. Er lag dort wie ein zerbrochenes Spielzeug, halb von Eis umschlossen.

Von der anderen Seite des Katapultes war eine Stimme zu hören.»Wer geht da? Halt!«

Tyrion blieb stehen.»Wenn ich zu lange stehenbleibe, werde ich festfrieren, Jon«, rief er, als leise eine helle, zottige Gestalt angelaufen kam und an seinen Fellen schnüffelte.»Hallo, Ghost.«

Jon Snow trat näher. Mit seinen Schichten von Fell und Leder sah er größer und schwerer aus, und die Kapuze seines Mantels hatte er tief ins Gesicht gezogen.»Lannister«, sagte er und riß den Schal von seinem Mund.»Hier hätte ich Euch zuallerletzt erwartet. «Er trug einen schweren Speer mit Eisenspitze, größer als er selbst, und ein Schwert saß in der Lederscheide an seiner Seite. Vor seiner Brust hing ein schwarz schimmerndes Kriegshorn mit silbernem Gurt.

«Hier hätte ich zuallerletzt erwartet, daß mich jemand sieht«, gab Tyrion zu.»Ich bin einer plötzlichen Eingebung gefolgt. Wenn ich Ghost anfasse, wird er mir die Hand abreißen?«

«Nicht wenn ich dabei bin«, versicherte Jon.

Tyrion kraulte den weißen Wolf hinter den Ohren. Die roten Augen betrachteten ihn gleichmütig. Das Tier reichte ihm inzwischen bis zur Brust. Ein Jahr noch, so fürchtete Tyrion, dann würde er zu ihm aufblicken.»Was machst du heute nacht hier oben?«fragte er.»Abgesehen davon, daß du dir deine Männlichkeit abfrierst…«

«Ich bin zur Wache eingeteilt«, erklärte Jon.»Schon wieder. Ser Alliser hat freundlicherweise dafür gesorgt, daß der Wachhabende besonderes Interesse für mich hegt. Er scheint zu glauben, wenn sie mich die halbe Nacht wach halten, schlafe ich bei den morgendlichen Übungen ein. Bisher habe ich ihn enttäuscht.«

Tyrion grinste.»Und hat Ghost schon das Jonglieren

gelernt?«

«Nein«, sagte Jon lächelnd,»aber Grenn hat sich heute morgen gegen Halder behauptet, und Pyp verliert sein Schwert nicht mehr ganz so oft wie sonst.«

«Pyp?«

«Pypar ist sein richtiger Name. Der kleine Junge mit den großen Ohren. Er hat gesehen, wie ich mit Grenn arbeite, und mich dann um Hilfe gebeten. Thorne hatte ihm noch nie gezeigt, wie man ein Schwert richtig hält. «Er wandte sich um und sah nach Norden.»Ich habe eine Meile der Mauer zu bewachen. Wollt Ihr mit mir gehen?«

«Sofern du langsam gehst«, sagte Tyrion.

«Der Wachhabende sagt, daß ich in Bewegung bleiben muß, damit mein Blut nicht gefriert, aber er hat nicht gesagt wie schnell.«

Sie gingen, mit Ghost wie einem weißen Schatten an Jons Seite.»Ich reise am Morgen ab«, sagte Tyrion.

«Ich weiß. «Jon klang seltsam traurig.

«Ich habe vor, auf dem Weg in den Süden auf Winterfell Station zu machen. Falls es eine Nachricht gibt, die ich für dich überbringen kann…«

«Sagt Robb, daß ich die Nachtwache kommandieren und ihn sichern werde, so daß er ebensogut mit den Mädchen stricken und Mikken bitten kann, sein Schwert zu Hufeisen einzuschmelzen.«

«Dein Bruder ist größer als ich. «Tyrion lachte.»Ich weigere mich, Botschaften zu überbringen, die mich das Leben kosten können.«

«Rickon wird fragen, wann ich heimkomme. Versucht zu erklären, wohin ich gegangen bin, falls Ihr es könnt. Sagt ihm, er kann alle meine Sachen haben, solange ich weg bin, das wird ihm gefallen.«

Die Leute schienen heute eine ganze Menge von ihm zu verlangen, dachte Tyrion Lannister.»Du könntest das alles in einem Brief festhalten, weißt du.«

«Rickon kann noch nicht lesen. Bran…«Plötzlich hielt er inne.»Ich weiß nicht, welche Nachricht ich Bran senden soll. Helft ihm, Tyrion.«

«Wie könnte ich ihm helfen? Ich bin kein Maester, der seine Schmerzen lindern kann. Ich kenne keinen Zauber, der ihm seine Beine wiedergeben könnte.«

«Ihr habt mir geholfen, als ich es brauchte«, erwiderte Jon Snow.

«Ich habe dir nichts gegeben«, sagte Tyrion.»Worte.«

«Dann gebt auch Bran Eure Worte.«

«Du bittest einen Lahmen, einen Krüppel das Tanzen zu lehren«, sagte Tyrion.»So ernsthaft die Lektion auch sein mag, dürfte das Ergebnis doch eher grotesk ausfallen. Nur weiß ich, was es heißt, einen Bruder zu lieben, Lord Snow. Ich will Bran alles an Hilfe geben, was in meiner Macht steht, so wenig es auch sein mag.«

«Ich danke Euch, Mylord von Lannister. «Er zog seinen Handschuh aus und reichte ihm die nackte Hand.»Freund.«

Tyrion war seltsam gerührt.»Die meisten aus meiner Verwandtschaft sind Bastarde«, sagte er mit schiefem Lächeln,»aber du bist der erste, den ich zum Freund habe. «Mit den Zähnen zog er seinen Handschuh aus und nahm Snows Hand, Haut auf Haut. Der Junge hatte einen festen, kräftigen Druck.

Als er den Handschuh wieder angezogen hatte, wandte sich Jon Snow abrupt um und trat an die niedrige, eisige Nordbrüstung. Vor ihm fiel die Mauer jäh ab. Vor ihm waren nur Dunkelheit und Wildnis. Tyrion folgte ihm, und Seite an Seite standen sie am Rand der Welt.

Die Nachtwache ließ den Wald nicht näher als eine halbe

Meile an die Nordwand der Mauer kommen. Das Dickicht aus Eisenholz und Wachbäumen und Eichen, das einst dort gewachsen war, hatte man schon vor Jahrhunderten gerodet und einen breiten Streifen freier Fläche geschaffen, den kein Feind ungesehen überqueren konnte. Tyrion hatte gehört, daß an anderer Stelle der Mauer, zwischen den drei Festungen, der wilde Wald im Laufe der Jahrzehnte wieder zurückgekrochen war. An manchen Orten hatten graugrüne Wachbäume und fahlweiße Wehrbäume im Schatten der Mauer Wurzeln geschlagen, doch Castle Black hatte einen gewaltigen Bedarf an Feuerholz, und hier wurde der Wald noch immer von den Äxten der schwarzen Brüder in Schach gehalten.

Doch war er nie weit. Von hier oben konnte Tyrion sehen, wie die dunklen Bäume jenseits der freien Fläche aufragten wie eine zweite Mauer, die man parallel zur ersten errichtet hatte, eine Mauer der Nacht. Nur wenige Äxte waren je in diesem schrecklichen Wald geschwungen worden, wo nicht einmal das Mondlicht das uralte Gewirr von Wurzeln und Dornen und gierigen Ästen durchdringen konnte. Dort drüben wuchsen riesige Bäume, und die Grenzwachen sagten, sie schienen zu brüten und kannten keine Menschen. Es konnte nicht verwundern, daß die Nachtwache vom Verwunschenen Wald sprach.

Während er dort stand und diese Finsternis betrachtete, in der nirgendwo ein Feuer brannte, in welcher der Wind wehte und die Kälte wie ein Speer in seine Magengrube stach, schien es Tyrion Lannister, als konnte er fast das Geschwätz über die Anderen, die Feinde in der Nacht, für bare Münze nehmen. Seine Scherze von Grumkins und Snarks schienen nicht mehr ganz so spaßig.

«Mein Onkel ist da draußen«, flüstere Jon und stützte sich auf seinen Speer, derweil er in die Dunkelheit starrte.»In der ersten Nacht, die man mich hier oben Wache schieben ließ, dachte ich, heute kommt Onkel Benjen zurück, und ich bin der erste, der ihn sieht, und dann stoße ich ins Hörn. Nur ist er nie gekommen. Nicht in jener Nacht und nicht in irgendeiner Nacht seither.«

«Laß ihm Zeit«, sagte Tyrion.

Weit im Norden fing ein Wolf an zu heulen. Eine weitere Stimme nahm den Ruf auf, dann noch eine. Ghost neigte den Kopf und lauschte.»Wenn er nicht zurückkehrt«, versprach Jon,»werden Ghost und ich ihn suchen. «Er legte seine Hand auf den Kopf des Schattenwolfs.

«Das glaube ich dir«, sagte Tyrion, doch was er dachte, war, Und wer sucht dann nach dir? Ein Schauer lief ihm über den Rücken.