Arya
Ihr Vater hatte wieder mit dem Rat gestritten. Arya konnte es an seinem Gesicht sehen, als er zu Tisch kam, wiederum zu spät, wie so oft schon. Der erste Gang, eine dicke, süße Suppe aus Kürbissen, war bereits abgedeckt, als Ned Stark den Kleinen Saal betrat. So nannte man ihn, um ihn von dem Großen Saal zu unterscheiden, in welchem der König tausend Gäste bewirten konnte, dennoch war der Kleine Saal ein langer Raum mit hohem Gewölbe, und auf den Bänken fand sich Platz für zweihundert Leute.
«Mylord«, sagte Jory, als Vater eintrat. Er stand auf, und der Rest der Garde mit ihm. Jeder dieser Männer trug einen neuen Umhang, schwere, graue Wolle mit weißer Borte. Eine Hand aus Blattsilber hielt die wollenen Falten der Umhänge zusammen und kennzeichnete die Träger als Männer der Leibgarde der Rechten Hand. Sie waren nur fünfzehn, so daß die meisten Bänke leer standen.
«Behaltet Platz«, sagte Eddard Stark.»Ich sehe, Ihr habt ohne mich begonnen. Zu meiner Freude gibt es in dieser Stadt noch Männer, die bei Verstand sind. «Er machte ein Zeichen, daß man mit dem Essen fortfahren solle. Die Diener brachten Teller mit Rippenspeer, mit einer Kruste von Knoblauch und Gewürzen.
«Auf dem Hof spricht man davon, daß es ein Turnier geben soll, Mylord«, berichtete Jory, als er sich wieder setzte.»Es heißt, daß Ritter aus dem ganzen Reich kommen, um zu Ehren Eurer Ernennung als Rechte Hand des Königs zu kämpfen und zu feiern.«
Arya konnte sehen, wie wenig glücklich ihr Vater darüber war.»Sagt man auch, daß es das letzte auf der Welt ist, das ich mir wünschen würde?«
Sansas Augen waren groß wie die Teller geworden.»Ein Turnier«, hauchte sie. Sie saß zwischen Septa Mordane und Jeyne Poole, so weit von Arya wie möglich, ohne von ihrem Vater dafür getadelt zu werden.»Wird man uns erlauben, es zu besuchen, Vater?«
«Du weißt, wie ich darüber denke, Sansa. Wie es scheint, muß ich Roberts Spiele in die Wege leiten und um seinetwillen vorgeben, mich geehrt zu fühlen. Doch deshalb werde ich nicht gleich meine Töchter seinen Torheiten aussetzen.«
«Oh, bitte«, drängte Sansa.»Ich möchte es sehen.«
Septa Mordane meldete sich zu Wort.»Prinzessin Myrcella wird anwesend sein, Mylord, und die ist jünger als Lady Sansa. Alle Hofdamen werden zu einem so großen Ereignis wie diesem erwartet, und da das Turnier zu Euren Ehren stattfindet, sähe es seltsam aus, wenn Eure Familie nicht teilnähme.«
Vater machte ein gequältes Gesicht.»Vermutlich. Also schön, ich werde dir einen Platz verschaffen, Sansa. «Er sah Arya.»Euch beiden.«
«Ich mache mir nichts aus dem blöden Turnier«, sagte Arya. Sie wußte, Prinz Joffrey würde dort sein, und sie haßte Prinz Joffrey.
Sansa hob den Kopf.»Es wird ein prächtiges Ereignis. Da bist du kaum erwünscht.«
Zorn blitzte über Vaters Miene.»Genug, Sansa. Noch mehr davon, und ich ändere meine Meinung. Ich bin diesen endlosen Krieg, den ihr beiden führt, leid. Ihr seid Schwestern. Und ich erwarte, daß ihr euch wie Schwestern aufführt, habt ihr das verstanden?«
Sansa biß sich auf die Lippe und nickte. Arya senkte den Blick und starrte trübsinnig auf ihren Teller. Sie spürte die Tränen, die in ihren Augen brannten. Wütend rieb sie diese fort, entschlossen, nicht zu weinen.
Nur das Klappern von Messern und Gabeln war zu hören.»Entschuldigt mich«, verkündete ihr Vater am Tisch.»Ich habe heute nur wenig Appetit. «Er verließ den Saal.
Nachdem er fort war, tuschelte Sansa aufgeregt mit Jeyne Poole. Unten am Tisch lachte Jory über einen Scherz, und Hüllen fing von Pferden an.»Euer Streitroß, nun, es mag nicht das beste für das Turnier sein. Nicht wieder dasselbe, oh, nein, ganz und gar nicht dasselbe. «Die Männer hatten das alles schon gehört. Desmond Jacks und Hüllens Sohn Harwin schrien ihn gemeinsam nieder, und Porther rief nach mehr Wein.
Niemand sprach mit Arya. Es war ihr egal. Es gefiel ihr so. Sie hätte ihre Mahlzeiten allein in ihrer Schlafkammer eingenommen, wenn man sie nur gelassen hätte. Manchmal tat sie es, wenn Vater mit dem König oder irgendeinem Lord oder den Abgesandten von sonstwo speisen mußte. Den Rest der Zeit aßen sie in seinem Solar, nur er und sie und Sansa. Dann vermißte Arya ihre Brüder am meisten. Sie wollte Bran ärgern und mit dem kleinen Rickon spielen und sich von Robb anlächeln lassen. Sie wollte, daß Jon ihr Haar zerzauste und sie» kleine Schwester «nannte. Doch waren sie alle fort. Sie hatte niemanden als Sansa, und Sansa wollte nicht einmal mehr mit ihr sprechen, es sei denn, ihr Vater zwang sie dazu.
In Winterfell hatten sie die Hälfte der Mahlzeiten in der Großen Halle eingenommen. Ihr Vater sagte immer, ein Lord müsse mit seinen Männern essen, falls er hoffte, daß sie bei ihm blieben.»Du mußt die Männer kennen, die dir folgen«, hörte sie ihn einmal zu Robb sagen,»und sie dich. Dafür mußt du sorgen. Verlange von deinen Leuten nicht, für einen Fremden zu sterben. «In Winterfell hatte er jeden Tag ein zusätzliches Gedeck auf seinem Tisch, und jeden Tag lud er einen anderen ein, sich zu ihm zu setzen. An einen Abend wäre es Vayon Poole, und die Rede wäre von Kupfer, Brotvorräten und Dienerschaft. Beim nächsten Mal wäre es Mikken, und ihr
Vater hörte ihm zu, was Rüstungen und Schwerter anging, wie heiß ein Schmiedeofen sein sollte und wie man Stahl am besten temperte. Am nächsten Tag mochte es Hüllen mit seinem endlosen Gerede von Pferden sein, oder Septon Chayle aus der Bibliothek oder Jory oder Ser Rodrik oder sogar Old Nan mit ihren Geschichten.
Arya hatte nichts mehr geliebt, als am Tisch ihres Vaters zu sitzen und ihnen allen zuzuhören. Auch hatte sie es geliebt, den Männern auf den Bänken zu lauschen, fahrenden Rittern, zäh wie Leder, höflichen Rittern und kühnen, jungen Knappen, ergrauten, alten Recken. Sie warf Schneebälle nach ihnen und half, Pasteten aus der Küche zu stehlen. Deren Frauen gaben ihr Kuchen, und sie erfand Namen für ihre Säuglinge und spielte Monster-und-Maid und Such-den-Schatz und Komm- auf-mein-Schloß mit deren Kindern. Fat Tom nannte sie oft» Arya im Wege«, denn er sagte, im Wege stehe sie stets. Es gefiel ihr weitaus besser als» Arya Pferdegesicht«.
Nur war das Winterfell, eine andere Welt, und jetzt hatte sich alles verändert. Heute aßen sie seit ihrer Ankunft in King's Landing zum ersten Mal mit den Männern. Arya haßte es. Sie haßte den Klang ihrer Stimmen, die Geschichten, die sie erzählten. Sie wiren ihre Freunde gewesen, sie hatte sich bei ihnen sicher gefühlt, doch das war alles nur Lüge gewesen. Sie hatten zugelassen, daß die Königin Lady tötete, das war schlimm genug, doch dann hatte der Bluthund Mycah gefunden. Jeyne Poole hatte Arya erzählt, man habe ihn in so viele Teile gehackt, daß er dem Schlachter in einem Sack gebracht wurde, und anfangs hatte der arme Mann geglaubt, es sei ein geschlachtetes Schwein gewesen. Und niemand hatte etwas gesagt oder eine Klinge gezogen oder irgendwas, weder Harwin, der immer so kühn daherredete, noch Alyn, aus dem ein Ritter werden sollte, oder Jory, der Hauptmann der Garde war. Nicht einmal ihr Vater.
«Er war mein Freund«, flüsterte Arya ihrem Teller zu, ganz leise, damit niemand sie hörte. Unangetastet lag ihr Rippenspeer da, inzwischen kalt, und eine dünne Fettschicht sammelte sich darunter auf dem Teller. Arya betrachtete das Essen, und ihr wurde übel. Sie begann sich zu erheben.
«Was glaubst du, wohin du gehst, junge Dame?«fragte Septa Mordane.
«Ich habe keinen Hunger. «Arya hatte große Mühe, sich der höfischen Umgangsform zu erinnern.»Dürfte ich mich bitte entschuldigen?«rezitierte sie steif.
«Das darfst du nicht«, sagte die Septa.»Du hast dein Essen kaum angerührt. Du setzt dich hin und ißt deinen Teller leer.«
«Eßt es selbst!«Bevor noch irgendwer sie aufhalten konnte, stürmte Arya zur Tür, während die Männer lachten und Septa Mordane ihr laut etwas nachrief.