Fat Tom war auf seinem Posten und bewachte die Tür zum Turm der Hand. Er wunderte sich, als Arya ihm entgegenstürmte und er die Septa rufen hörte.»Moment mal, meine Kleine«, wollte er sagen und griff nach ihr, doch schob sich Arya an ihm vorbei und rannte die Wendeltreppe des Turmes hinauf, wobei ihre Füße auf dem Steinboden klapperten, während Fat Tom hinter ihr keuchte und schnaufte.
Ihre Schlafkammer war der einzige Ort, den Arya in ganz King's Landing mochte, und am besten gefiel ihr daran die Tür, ein massiver Brocken dunkler Eiche mit schwarzen, eisernen Beschlägen. Wenn sie diese Tür zuknallte und den schweren Riegel vorschob, konnte niemand in ihr Zimmer kommen, weder Septa Mordane oder Fat Tom noch Sansa oder Jory oder der Bluthund, niemand! Jetzt knallte sie sie zu.
Als der Riegel unten war, fühlte sich Arya endlich sicher genug, daß sie weinen konnte.
Sie lief zum Fenster und setzte sich hin, schniefte, haßte jeden und sich selbst am meisten. Es war alles ihre Schuld, alles Schlechte, was geschehen war. Sansa sagte es, und Jeyne
auch.
Fat Tom klopfte an ihre Tür.»Arya, Mädchen, was ist los?«rief er.»Bist du da drinnen?«
«Nein!«rief sie. Das Klopfen verstummte. Einen Augenblick später hörte sie ihn gehen. Fat Tom war stets leicht zu narren.
Arya trat an die Truhe am Fußende ihres Bettes. Sie kniete nieder, klappte den Deckel auf und begann, ihre Kleider mit beiden Händen herauszuwühlen, nahm beide Hände voller Seide und Satin und Samt und Wolle und warf alles auf den Boden. Dort, am Boden der Truhe hatte sie es versteckt. Fast zärtlich nahm Arya es hervor und zog die schlanke Klinge aus der Scheide.
Needle.
Wieder dachte sie an Mycah, und Tränen traten in ihre Augen. Ihre Schuld, ihre Schuld, ihre Schuld. Wenn sie ihn nie gebeten hätte, Schwert mir ihr zu spielen…
Es klopfte an der Tür, lauter als vorher.»Arya Stark, augenblicklich öffnest du diese Tür, hörst du mich?«
Arya fuhr herum, mit Needle in der Hand.»Kommt lieber nicht herein!«warnte sie. Wild hieb sie durch die Luft.
«Davon wird die Rechte Hand erfahren!«tobte Septa Mordane.
«Das ist mir egal«, schrie Arya.»Geht weg.«
«Du wirst dieses ungehörige Betragen noch bereuen, junge Dame, das kann ich dir versprechen. «Arya lauschte an der Tür, bis sich die Schritte der Septa entfernten.
Sie kehrte zum Fenster zurück, mit Needle in der Hand, und sah in den Burghof hinab. Wenn sie nur hätte klettern können wie Bran, dachte sie. Sie wäre aus dem Fenster und den Turm hinabgestiegen und von diesem gräßlichen Ort fortgelaufen, fort von Sansa und Septa Mordane und Prinz Joffrey, von ihnen allen. Hätte Verpflegung aus der Küche gestohlen,
Needle und ihre guten Stiefel und einen warmen Mantel eingepackt. Sie konnte Nymeria in den wilden Wäldern südlich des Trident suchen, und gemeinsam würden sie nach Winterfell heimkehren oder sich zu Jon auf die Mauer flüchten. Sie wünschte sich, Jon hätte bei ihr sein können. Dann hätte sie sich vielleicht nicht so allein gefühlt.
Ein leises Klopfen an der Tür riß sie aus ihren Träumereien.»Arya«, rief die Stimme ihres Vaters.»Öffne die Tür. Wir müssen reden.«
Arya durchquerte das Zimmer und hob den Riegel an. Vater war allein. Er wirkte eher traurig als böse. Da fühlte sich Arya nur noch schlechter.»Darf ich hereinkommen?«Arya nickte, dann senkte sie den Blick voller Scham. Vater schloß die Tür.»Wem gehört das Schwert?«
«Mir. «Fast hatte Arya Needle in ihrer Hand schon vergessen.
«Gib es mir.«
Widerstrebend reichte sie ihm ihr Schwert und fragte sich, ob sie es je wieder in der Hand halten würde. Ihr Vater drehte und wendete es im Licht, untersuchte beide Seiten der Klinge. Er prüfte die Spitze mit dem Daumen.»Das Schwert eines Banditen«, befand er.»Doch scheint es mir, als würde ich die Machart kennen. Es ist Mikkens Werk.«
Arya konnte ihn nicht belügen. Sie sah zu Boden. Lord Eddard Stark seufzte.»Meine neunjährige Tochter wird von meinem eigenen Schmied bewaffnet, und ich weiß nichts davon. Die Rechte Hand des Königs soll die Sieben Königslande regieren, doch scheint es mir, als könnte ich nicht einmal über meinen eigenen Haushalt herrschen. Wie kommt es, daß du ein Schwert besitzt, Arya? Woher hast du es?«
Arya kaute auf ihrer Unterlippe und sagte nichts. Sie wollte Jon nicht verraten, nicht einmal ihrem Vater.
Nach einer Weile sagte Vater:»Ich vermute, es macht im
Grunde keinen Unterschied. «Ernst blickte er auf das Schwert in seinen Händen.»Das ist kein Spielzeug für Kinder, schon gar nicht für ein Mädchen. Was würde Septa Mordane sagen, wenn sie wüßte, daß du mit Schwertern spielst?«
«Ich habe nicht gespielt«, betonte Arya.»Ich hasse Septa Mordane.«
«Es reicht. «Die Stimme ihres Vaters war schroff und hart.»Die Septa tut nicht mehr als ihre Pflicht, wenn auch die Götter wissen, wie schwer du es der armen Frau machst. Deine Mutter und ich haben ihr die unmögliche Aufgabe übertragen, aus dir eine Dame zu machen.«
«Ich will keine Dame sein!«fuhr Arya ihn an.»Ich sollte dieses Spielzeug hier und jetzt auf meinem Knie zerbrechen und diesem Unsinn ein Ende bereiten.«
«Needle würde nicht zerbrechen«, sagte Arya trotzig, doch ihre Stimme verriet sie.
«Es hat einen Namen, ja?«Ihr Vater seufzte.»Ach, Arya. Du hast eine Wildheit an dir, Kind. >Das Wolfsblut< hat mein Vater es genannt. Lyanna hatte einen Hauch davon und mein Bruder Branden mehr als nur einen Hauch. Es hat sie beide in ein frühes Grab geführt. «Arya hörte Trauer in seiner Stimme. Er sprach nicht oft von seinem Vater, und auch nicht oft von Bruder und Schwester, die schon tot gewesen waren, als sie zur Welt kam.»Lyanna hätte vielleicht ein Schwert getragen, wenn mein Hoher Vater es erlaubt hätte. Manchmal erinnerst du mich an sie. Du siehst sogar aus wie sie.«
«Lyanna war schön«, wunderte sich Arya. Alle sagten das. Es war nichts, was man je über Arya sagte.
«Das war sie«, gab Eddard Stark ihr recht,»schön und eigensinnig und viel zu früh im Grab. «Er hob das Schwert und hielt es zwischen sie und ihn.»Arya, was wolltest du mit… Needle tun? Wen wolltest du damit aufspießen? Deine Schwester? Septa Mordane? Weißt du das Wichtigste vom
Schwertkampf?«
Das einzige, was ihr einfallen wollte, war die Lektion, die Jon ihr erteilt hatte.»Durchbohr sie mit der Spitze«, platzte sie heraus.
Ihr Vater schnaubte ein Lachen hervor.»Das ist vermutlich der Kern der Sache.«
Arya wollte es ihm unbedingt erklären, damit er sie verstand.»Ich wollte es lernen, aber…«Tränen traten in ihre Augen.»Ich habe Mycah gebeten, mit mir zu üben. «Plötzlich kam die Trauer über sie. Bebend wandte sie sich ab.»Ich habe ihn darum gebeten«, weinte sie.»Es war mein Fehler, ich war es… «
Plötzlich lagen die Arme ihres Vaters um sie. Sanft hielt er sie, als sie sich zu ihm umdrehte und an seiner Brust schluchzte.»Nein, meine Süße«, murmelte er.»Trauere um deinen Freund, aber gib dir nicht die Schuld. Du hast den Schlachterjungen nicht getötet. Dieser Mord liegt vor der Tür des Bluthundes, bei ihm und dieser grausamen Frau, der er dient.«
«Ich hasse sie alle«, vertraute Arya ihm an, rot im Gesicht, schniefend.»Den Bluthund und die Königin und den König und Prinz Joffrey. Ich hasse sie alle. Joffrey hat gelogen, es war nicht, wie er sagte. Und Sansa hasse ich auch. Sie konnte sich erinnern, sie hat nur gelogen, um Joffrey zu gefallen.«
«Wir alle lügen«, sagte ihr Vater.»Oder dachtest du wirklich, ich würde glauben, Nymeria wäre weggelaufen?«
Arya errötete schuldbewußt.»Jory hat versprochen, es nicht zu verraten.«
«Jory hat sein Wort gehalten«, sagte ihr Vater mit einem Lächeln.»Es gibt Dinge, die man mir nicht erzählen muß. Dieser Wolf wäre dir nicht freiwillig von der Seite gewichen, das hätte selbst ein Blinder gesehen.«