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Mittlerweile waren ihre Qualen nur noch schwindende Erinnerung. Noch immer tat ihr nach einem Tagesritt so manches weh, doch inzwischen hatte der Schmerz etwas Liebliches an sich, und jeden Morgen stieg sie bereitwillig in den Sattel, begierig zu erfahren, welche Wunder in den vor ihr liegenden Ländern auf sie warteten. Selbst in den Nächten fand sie bisweilen Freude, und wenn sie nach wie vor aufschrie, wenn Drogo sie nahm, so doch nicht mehr nur vor Schmerz.

Am Fuße des Hügels wuchs das Gras hoch und biegsam. Danys Pferd fiel in den Trab, und sie ritt auf die Steppe hinaus, verlor sich im Grün, glücklich allein. Im khalasar war sie nie allein. Kahl Drogo kam erst zu ihr, wenn die Sonne untergegangen war, doch ihre Dienerinnen speisten und badeten sie und schliefen am Eingang zu ihrem Zelt, Drogos Blutreiter und die Männer ihres khas waren nie weit, und ihr Bruder blieb ein ungeliebter Schatten, Tag und Nacht. Dany konnte ihn oben auf dem Hügel hören, mit schriller Stimme schrie er Ser Jorah wütend an. Sie ritt vorwärts, ergab sich dem Dothrakischen Meer.

Das Grün verschlang sie. Die Luft war voller Düfte von Erde und Gras, vermischt mit dem Geruch des Pferdes und Danys Schweiß und dem Öl in ihrem Haar. Dothrakische Düfte. Plötzlich drängte es sie danach, den Boden unter ihren Füßen zu spüren, ihre Zehen in die dicke, schwarze Erde zu graben. Als sie sich aus ihrem Sattel schwang, ließ sie den Silbernen grasen, während sie ihre hohen Stiefel auszog.

Viserys kam wie ein Sommersturm über sie, und sein Pferd bäumte sich auf, als er zu fest an dessen Zügeln riß.»Wag es nicht!«schrie er sie an.»Du gibst mir Befehle? Mir?«Er sprang von seinem Pferd und stolperte. Sein Gesicht war puterrot, als er auf die Beine kam. Er packte sie, schüttelte sie.»Hast du vergessen, wer du bist? Sieh dich an, sieh dich an!«

Dany mußte nicht hinsehen. Sie war barfüßig, mit geöltem Haar, trug das dothrakische Reitleder und eine bemalte Weste, die eins ihrer Brautgeschenke gewesen war. Sie sah aus, als gehörte sie hierher. Viserys war schmutzig und verschwitzt in seiner Stadtkleidung aus Seide und Ketten.

Er schrie noch immer.»Du wirst dem Drachen nichts befehlen. Hast du mich verstanden? Ich bin der Lord der

Sieben Königslande, ich werde keine Befehle von der Hure eines Reiterlords annehmen, hörst du, was ich sage?«Seine Hand fuhr unter ihre Weste, und seine Finger gruben sich schmerzhaft in ihre Brust.»Hörst du, was ich sage?«

Dany stieß ihn heftig von sich.

Viserys starrte sie an, und seine veilchenblauen Augen blickten ungläubig. Nie zuvor hatte sie sich ihm widersetzt. Zorn verzerrte seine Miene. Er würde ihr etwas antun, furchtbar weh tun, das wußte sie.

Krack.

Die Peitsche klang wie ein Blitzschlag. Sie rollte sich Viserys um den Hals und riß ihn rückwärts. Mit allen vieren von sich landete er im Gras, verdutzt und würgend. Die dothrakischen Reiter johlten, als er versuchte, sich zu befreien. Der mit der Peitsche, der junge Jhogo, schnarrte eine Frage hervor. Dany verstand seine Worte nicht, doch inzwischen war Irri da, und auch Ser Jorah mit dem Rest ihres khas.»Jhogo fragt, ob Ihr seinen Tod wünscht, Khaleesi«, sagte Irri.

«Nein«, erwiderte Dany.»Nein.«

Das verstand Jhogo. Einer der anderen bellte einen Kommentar, und die Dothraki lachten. Irri erklärte ihr:»Quara meint, Ihr solltet sein Ohr einfordern, um ihn Respekt zu lehren.«

Ihr Bruder lag auf den Knien, seine Finger krallten sich unter die Lederschlinge, er heulte unverständlich und rang um Luft.

«Sagt ihnen, ich wünsche nicht, daß man ihm etwas antut«, sagte Dany.

Irri wiederholte die Worte auf Dothrakisch. Jhogo zog an seiner Peitsche und riß Viserys wie eine Marionette herum. Wieder landete er der Länge nach am Boden, von der ledernen Umarmung befreit, eine dünne Blutspur unter seinem Kinn, wo die Peitsche tief eingeschnitten hatte.

«Ich habe ihn gewarnt, daß so etwas geschehen würde, Mylady«, rechtfertigte sich Ser Jorah Mormont.»Ich habe ihm gesagt, daß er auf dem Hügel bleiben soll, ganz wie Ihr befohlen hattet.«

«Das weiß ich«, erwiderte Dany mit einem Blick auf Viserys. Er lag am Boden, sog lautstark Luft in seine Lungen, rotgesichtig und schluchzend. Er war ein beklagenswertes Geschöpf. Schon immer war er ein beklagenswertes Geschöpf gewesen. Warum hatte sie das vorher nie gesehen? In ihrem Inneren war eine Leere, wo einst ihre Angst gewesen war.

«Nehmt sein Pferd«, befahl Dany Ser Jorah. Staunend sah Viserys sie an. Er konnte nicht glauben, was er hörte, und ebensowenig konnte Dany fassen, was sie sagte. Dennoch kamen die Worte hervor.»Laßt meinen Bruder hinter uns zum khalasar zurücklaufen. «Für die Dothraki war der Mann, der nicht ritt, kein Mann, der Niederste der Niederen, ohne Ehre oder Stolz.»Laßt jedermann ihn sehen, was er ist.«

«Nein!«schrie Viserys. Er wandte sich Ser Jorah zu, flehte ihn in der Gemeinen Zunge mit Worten an, welche die Reiter nicht verstanden.»Schlagt sie, Mormont. Prügelt sie. Euer König befiehlt es. Tötet diese dothrakischen Hunde, daß es ihr eine Lehre ist.«

Der verbannte Ritter sah von Dany zu ihrem Bruder. Sie barfuß mit Schmutz zwischen den Zehen und Öl im Haar, er mit Seide und Stahl. Dany konnte den Entschluß von seinem Gesicht ablesen.»Er wird laufen, Khaleesi«, sagte er. Er nahm das Pferd ihres Bruders, während Dany ihren Silbernen bestieg.

Mit offenem Mund sah Viserys ihn an und setzte sich in den Dreck. Er hielt den Mund, doch wollte er sich nicht rühren, und seine Augen versprühten Gift, als sie weiterritten. Bald schon hatte er sich im hohen Gras verirrt. Als sie ihn nicht mehr sehen konnten, bekam Dany es mit der Angst zu tun.»Wird er den Weg finden?«fragte sie Ser Jorah, während sie ritten.

«Selbst jemand, der wie Euer Bruder mit Blindheit geschlagen ist, sollte in der Lage sein, unserer Spur zu folgen«, erwiderte er.»Er ist stolz. Vielleicht schämt er sich zu sehr, um zurückzukommen.«

Jorah lachte.»Wohin sollte er gehen. Wenn er das khalasar nicht findet, dürfte das khalasar mit großer Wahrscheinlichkeit ihn finden. Es ist schwer, im Dothrakischen Meer zu ertrinken, Kind. «Dany erkannte, daß er recht hatte. Das khalasar war wie eine marschierende Stadt, doch marschierte sie nicht blindlings. Stets ritten Kundschafter weit vor der Hauptkolonne, wachsam auf der Suche nach Wild oder Beute oder Feinden, während Vorreiter das Heer flankierten. Ihnen entging nichts, nicht hier, in diesem Land, aus dem sie stammten. Diese Steppen waren ein Teil von ihnen… und jetzt auch von ihr.

«Ich habe ihn geschlagen«, wunderte sie sich. Da es nun vorüber war, erschien es ihr wie ein seltsamer Traum, den sie geträumt hatte.»Ser Jorah, glaubt Ihr… er wird so wütend sein, wenn er zurückkommt…«Ein Schauer durchfuhr sie.»Ich habe den Drachen geweckt, nicht?«

Ser Jorah schnaubte.»Kann man die Toten wecken, Mädchen? Euer Bruder Rhaegar war der letzte Drache, und der ist am Trident gefallen. Viserys ist kaum der Schatten einer Schlange.«

Seine schroffen Worte erstaunten sie. Es war, als sei alles, was sie je geglaubt hatte, in Frage gestellt.»Ihr… Ihr habt ihm Euer Schwert geweiht…«

«Das habe ich getan, Mädchen«, gestand Ser Jorah ein.»Und wenn Euer Bruder der Schatten einer Schlange ist, wozu macht das seine Diener?«Seine Stimme klang verbittert.

«Er ist noch immer der wahre König. Er ist… «

Jorah hielt sein Pferd an und sah zu ihr herüber.»Sprecht die Wahrheit. Würdet Ihr Viserys auf einem Thron sehen wollen?«

Dany dachte darüber nach.»Er wäre kein sehr guter König, was?«

«Es haben schon Schlimmere geherrscht… wenn auch nicht viele. «Der Ritter gab seinem Pferd die Sporen und ritt voran.