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Dany ritt nah an seiner Seite.»Dennoch«, beharrte sie.»Das gemeine Volk wartet auf ihn. Magister Illyrio sagt, sie nähen Drachenbanner und beteten um Viserys Rückkehr über die Meerenge, damit er sie befreien soll.«

«Das gemeine Volk betet um Regen, gesunde Kinder und einen Sommer, der nie endet«, erklärte ihr Ser Jorah.»Ihm ist es egal, ob die hohen Herren um den Thron würfeln, solange man es nur in Frieden läßt. «Er zuckte mit den Achseln.»So war es schon immer.«

Schweigend ritt Dany eine Weile, rang mit seinen Worten wie mit einem Vexierspiegel. Es widersprach allem, was Viserys ihr je gesagt hatte, wenn sie glauben sollte, daß es die Menschen so wenig interessierte, ob ein wahrer König oder ein Usurpator über sie regierte. Doch je länger sie über Jorahs Worte nachsann, desto wahrer klangen sie in ihren Ohren.

«Worum betet Ihr, Ser Jorah?«fragte sie ihn.

«Heimat«, sagte er. Seine Stimme war von Sehnsucht erfüllt.

«Auch ich bete um eine Heimat«, erklärte sie ihm und glaubte daran.

Ser Jorah lachte.»Dann seht Euch um, Khaleesi.«

Doch war es nicht die Steppe, die Dany sah. Es waren King's Landing und der große Red Keep, den Aegon, der Eroberer, errichtet hatte. Es war Dragonstone, wo sie geboren war. Vor ihrem inneren Auge brannten in ihnen tausend Lichter, ein Feuerschein in jedem Fenster. Vor ihrem inneren Auge waren alle Türen rot.

«Mein Bruder wird die Sieben Königslande nie zurückerobern«, stellte Dany fest. Sie merkte, daß sie es seit langem schon gewußt hatte. Ihr ganzes Leben hatte sie es gewußt. Nur hatte sie sich nie gestattet, die Worte auszusprechen, nicht einmal im Flüsterton, doch nun sagte sie diese, damit Ser Jorah und alle Welt sie hören sollten.

Ser Jorah warf ihr einen prüfenden Blick zu.»Ihr glaubt nicht daran.«

«Er könnte keine Armee führen, nicht einmal, wenn mein Herr und Hoher Gatte ihm eine gäbe«, sagte Dany.»Er hat kein Geld, und der einzige Ritter, der ihm folgt, schimpft ihn geringer als eine Schlange. Die Dothraki verhöhnen seine Schwäche. Er wird uns niemals in die Heimat führen.«

«Kluges Kind. «Der Ritter lächelte.

«Ich bin kein Kind«, fuhr sie ihn böse an. Ihre Fersen preßten sich in die Flanken ihres Pferdes, was den Silbernen zum Galopp trieb. Schneller und immer schneller raste sie voran, ließ Jorah und Irri und die anderen weit hinter sich, mit warmem Wind im Haar und der versunkenen Sonne rot im Gesicht. Als sie das khalasar erreichte, dämmerte der Abend.

Die Sklaven hatten ihr Zelt am Ufer eines Teiches aufgebaut. Sie hörte rauhe Stimmen aus dem geflochtenen Graspalast auf dem Hügel. Bald schon würde man Gelächter von dort hören, wenn die Männer ihres khas erzählten, was heute im Gras geschehen war. Wenn sich Viserys humpelnd wieder unter die anderen mischte, würde jeder Mann, jede Frau, jedes Kind im Lager wissen, daß er ein Fußgeher war. Es gab keine Geheimnisse im khalasar.

Dany überließ ihren Silbernen den Sklaven zum Striegeln und betrat ihr Zelt. Kühl und finster war es unter der Seide. Als sie die Zelttür hinter sich zufallen ließ, sah Dany, wie ein Finger von staubig rotem Licht durchs Zelt nach ihren Dracheneiern griff. Einen Augenblick lang verschwammen tausend Tropfen roter Flammen vor ihren Augen. Sie blinzelte, und dann waren sie fort.

Stein, sagte sie zu sich. Sie sind nur aus Stein, selbst Illyrio hat es gesagt, die Drachen sind alle tot. Sie legte ihre Handfläche an das schwarze Ei, die Finger sanft um die Rundung des Eis gespreizt. Der Stein war warm. Fast schon heiß.»Die Sonne«, flüsterte Dany.»Sie haben sich beim Reiten in der Sonne erwärmt.«

Sie befahl ihren Dienerinnen, ihr ein Bad zu bereiten. Doreah schichtete draußen vor dem Zelt Holz für ein Feuer auf, während Irri und Jhiqui die große Kupferwanne — ebenfalls ein Brautgeschenk — von den Lastpferden und Wasser vom Teich holten. Als das Bad dampfte, half Irri ihr hinein und stieg dann dazu.

«Habt ihr je einen Drachen gesehen?«fragte sie, während Irri ihr den Rücken schrubbte und Jhiqui Sand aus ihrem Haar wusch. Sie hatte gehört, daß die ersten Drachen aus dem Osten gekommen seien, aus den Schattenländern jenseits von Asshai und den Inseln der Jadesee. Vielleicht lebten dort noch immer welche, in fremden und wilden Reichen.

«Drachen sind ausgestorben, Khaleesi«, sagte Irri.

«Tot«, gab Jhiqui ihr recht.»Lange, lange schon.«

Viserys hatte ihr erzählt, die letzten Drachen der Targaryen seien vor kaum mehr als anderthalb Jahrhunderten gestorben, während der Regentschaft Aegons III., den man Drachentod nannte. Das schien Dany nicht sehr lange her zu sein.»Überall?«sagte sie enttäuscht.»Sogar im Osten?«Zauberkräfte waren im Westen verschwunden, als der Untergang über Valyria und die Länder des Langen Sommers kam, und weder mit Zauberkraft geschmiedeter Stahl noch Sturmsänger oder Drachen konnten ihn verdrängen, doch hatte Dany stets gehört, im Osten sei es anders gewesen. Es hieß, daß Sphinxen die Inseln des Jademeeres durchstreiften, daß Basilisken den Urwald von Yi Ti unsicher machten, daß Bannsänger, Hexenmeister und Wetterpropheten ihre Künste in

Asshai offen ausübten, während Schattenfänger und Blutmagiere im Schütze der Nacht schreckliche Zaubereien vollbrachten. Warum sollte es nicht auch Drachen geben?

«Keine Drachen«, sagte Irri.»Tapfere Männer sie getötet, denn Drachen schrecklich böse Tiere. Das ist bekannt.«

«Das ist bekannt«, gab Jhiqui ihr recht.

«Ein Händler aus Quarth hat mir einmal erzählt, Drachen kämen vom Mond«, steuerte die blonde Doreah bei, während sie ein Handtuch über dem Feuer wärmte. Jhiqui und Irri waren im selben Alter wie Dany, dothrakische Mädchen, die versklavt worden waren, als Drogo das khalasar ihres Vaters vernichtet hatte. Doreah war älter, fast zwanzig. Magister Illyrio hatte sie in einem Freudenhaus in Lys gefunden.

Silbrig feuchtes Haar fiel über ihr Gesicht, als Dany neugierig den Kopf umwandte.»Vom Mond?«

«Er hat mir erzählt, der Mond sei ein Ei, Khaleesi«, erklärte das Mädchen aus Lys.»Einst habe es zwei Monde am Himmel gegeben, doch einer sei der Sonne zu nah gekommen und von der Hitze geborsten. Tausend, Tausende von Drachen strömten herbei und tranken die Flammen der Sonne. Deshalb speien Drachen Feuer. Eines Tages wird auch der andere Mond die Sonne küssen, dann wird auch er bersten, und die Drachen kehren zurück.«

Die beiden dothrakischen Mädchen kicherten und lachten.»Du bist dummer Strohkopf, Sklavin«, sagte Irri.»Mond ist kein Ei. Mond ist Gott, Gattinfrau von Sonne. Das ist bekannt.«

«Das ist bekannt«, stimmte Jhiqui ihr zu.

Danys Haut war rosa und gerötet, als sie aus der Wanne stieg. Jhiqui legte sie nieder, um ihren Leib zu ölen und den Schmutz aus ihren Poren zu reiben. Danach besprenkelte Irri sie mit trockenen Blumen und Zimt. Während Doreah ihr Haar bürstete, bis es wie Silbergespinst aussah, dachte sie an den Mond, an Eier und Drachen.

Ihr Abendessen war ein schlichtes Mahl aus Früchten und Käse und geröstetem Brot mit einem Krug voll Honigwein zum Spülen.»Doreah, bleib und iß mit mir«, befahl Dany, als sie ihre anderen Mägde fortschickte. Das Mädchen aus Lys hatte honig-farbenes Haar und Augen wie der Sommerhimmel.

Sie senkte die Augen, als sie allein waren.»Dir ehrt mich, Khaleesi«, sagte sie, doch war es keine Ehre, nur ein Dienst. Noch lange, nachdem der Mond aufgegangen war, saßen sie beisammen und redeten.

Als Drogo in dieser Nacht kam, wartete Dany auf ihn. Er stand am Eingang ihres Zeltes und sah sie voller Überraschung an. Langsam erhob sie sich, öffnete ihr seidenes Schlafkleid und ließ es zu Boden gleiten.»Heute nacht müssen wir hinausgehen, Mylord«, erklärte sie, denn die Dothraki glaubten, daß alles Wichtige im Leben eines Mannes unter freiem Himmel stattfinden müsse.

Khal Drogo folgte ihr ins Mondlicht, und die Glöckchen in seinem Haar klingelten sanft. Nur wenige Meter von ihrem Zelt entfernt war ein Bett aus weichem Gras, und dort zog Dany ihn zu Boden. Als er sie umdrehen wollte, legte sie ihm eine Hand auf die Brust.»Nein«, sagte sie.»Heute nacht will ich in Euer Gesicht sehen.«