Im Herzen eines khalasar ist niemand ungestört. Dany spürte die Blicke, als sie ihn entkleidete, hörte die leisen Stimmen, als sie die Dinge mit ihm tat, die Doreah sie gelehrt hatte. Es bedeutete ihr nichts. War sie nicht Khaleesi? Allein seine Augen zählten, und als sie ihn bestieg, sah sie dort etwas, das sie nie zuvor gesehen hatte. Sie ritt ihn so wild wie ihren Silbernen, und im Augenblick seiner größten Lust rief Khal Drogo ihren Namen.
Sie waren schon auf der anderen Seite des Dothrakischen Meeres, als Jhiqui mit den Fingern über die sanfte Wölbung an Danys Bauch strich und sagte:»Khaleesi, Ihr erwartet ein
Kind.«
«Ich weiß«, antwortete Dany. Es war ihr vierzehnter Namenstag.
Bran
Unten im Hof lief Rickon mit den Wölfen um die Wette.
Bran sah von seinem Fensterplatz aus zu. Wohin der Junge auch lief, stets war Grey Wind vor ihm da, sprang voraus, um ihm den Weg abzuschneiden, bis Rickon ihn sah, vor Freude juchzte und in eine andere Richtung hastete. Shaggydog blieb ihm auf den Fersen, wirbelte herum und schnappte nach den anderen Wölfen, wenn diese ihm zu nahe kamen. Sein Fell war nachgedunkelt, schimmerte nun schwarz, und seine Augen waren wie grünes Feuer. Brans Wolf» Summer «war der letzte. Er war wie Silber und Rauch, mit Augen von gelbem Gold, die alles sahen, was es zu sehen gab. Kleiner als Grey Wind und wachsamer. Bran fand, daß er der Klügste aus dem Wurf war. Er hörte das atemlose Lachen seines Bruders, wenn er auf seinen kleinen Beinchen über die festgetretene Erde hastete.
Seine Augen brannten. Er wollte gern dort unten sein, lachen und rennen. Zornig über diesen Gedanken wischte Bran die Tränen fort, bevor sie über seine Wangen kullerten. Sein achter Namenstag war schon gewesen. Fast war er nun ein Mann, zu alt zum Weinen.
«Es war nur eine Lüge«, sagte er verbittert, als er an die Krähe in seinem Traum denken mußte.»Ich kann nicht fliegen. Ich kann nicht mal gehen.«
«Krähen sind allesamt Lügner«, gab Old Nan ihm von ihrem Stuhl aus recht, auf dem sie mit ihren Handarbeiten saß.»Ich kenne eine Geschichte über eine Krähe.«
«Ich will keine Geschichten mehr hören«, fuhr Bran sie mit gereizter Stimme an. Früher hatte er Old Nan und ihre Geschichten gemocht. Doch jetzt war es etwas anderes. Jetzt ließ man sie den ganzen Tag bei ihm, damit sie auf ihn achtete und ihn säuberte und damit er nicht so allein war, doch machte sie alles nur noch schlimmer.»Ich hasse deine dummen Geschichten.«
Zahnlos lächelte die alte Frau ihn an.»Meine Geschichten? Nein, mein kleiner Lord, nicht meine. Die Geschichten sind einfach da, vor mir und nach mir, und auch vor dir.«
Sie war eine sehr häßliche, alte Frau, dachte Bran verächtlich, ausgezehrt und faltig, fast blind, zu schwach zum Treppensteigen, mit nur ein paar Büscheln von weißem Haar auf ihrem fleckig rosafarbenen Schädel. Niemand wußte, wie alt sie wirklich war, doch sein Vater sagte, man habe sie bereits Old Nan genannt, als er noch ein Junge war. Ganz sicher war sie der älteste Mensch auf Winterfell, vielleicht der älteste der Sieben Königslande. Nan war als Amme für einen Branden Stark nach Winterfell gekommen, dessen Mutter bei seiner Geburt gestorben war. Er war der ältere Bruder von Lord Rickard, Brans Großvater, gewesen, oder vielleicht auch ein jüngerer Bruder, oder ein Bruder von Lord Rickards Vater. Manchmal erzählte Old Nan es auf die eine und manchmal auf die andere Weise. In allen Geschichten war der kleine Junge mit drei Jahren an einer Sommergrippe gestorben, doch Old Nan blieb hernach mit ihren eigenen Kindern auf Winterfell. Sie hatte beide Söhne im Krieg verloren, als König Robert den Thron bestieg, und ihr Enkel starb während Balon Greyjoys Rebellion auf den Mauern von Pyke. Ihre Töchter waren lange schon verheiratet und fortgezogen und gestorben. Geblieben war von ihren Blutsverwandten nur noch Hodor, der einfältige Riese, der im Stall arbeitete, doch Old Nan lebte immer noch, strickte und häkelte und erzählte ihre Geschichten.
«Es ist mir egal, wessen Geschichten es sind«, erklärte Bran.»Ich hasse sie. «Er wollte keine Geschichten mehr hören, und er wollte auch Old Nan nicht mehr ertragen. Er wollte seine Mutter und seinen Vater. Er wollte rennen, mit Summer an seiner Seite. Er wollte auf die Turmruine klettern und die Krähen füttern. Er wollte mit seinen Brüdern wieder
Ponyreiten. Er wollte, daß es wieder wurde, wie es einmal gewesen war.
«Ich kenne eine Geschichte von einem Jungen, der Geschichten haßte«, sagte Old Nan mit ihrem dämlichen, leisen Lächeln, während ihre Nadeln ständig klapperten, klick klick klick, bis Bran sie hätte anschreien können.
Nie mehr würde es sein, wie es gewesen war, das wußte er. Die Krähe hatte ihn zum Fliegen verleitet, doch als er aufwachte, war er zerschmettert, und seine Welt hatte sich verändert. Alle hatten ihn verlassen, sein Vater und seine Mutter und seine Schwestern und selbst sein Bastardbruder Jon. Sein Vater hatte ihm versprochen, er würde auf einem echten Pferd nach King's Landing reiten, doch waren sie ohne ihn fort. Maester Luwin hatte Lord Eddard einen Vogel mit einer Botschaft nachgesandt, einen weiteren seiner Mutter und einen dritten Jon auf der Mauer, doch war bisher keine Antwort gekommen.»Oftmals verirren sich die Vögel, Kind«, hatte der Maester ihm erklärt.»Es gibt so manche Meile und so manchen Falken zwischen hier und King's Landing. «Doch kam es Bran so vor, als wären alle gestorben, während er geschlafen hatte… oder vielleicht war Bran gestorben, und alle hatten ihn vergessen. Auch Jory und Ser Rodrik und Vayon Poole waren fort, und Hüllen und Harwin und Fat Tom und ein Viertel der Garde.
Nur Robb und der kleine Rickon waren noch da, und Robb hatte sich verändert. Jetzt war er Robb, der Lord, oder zumindest gab er sich alle Mühe, es zu sein. Er trug ein echtes Schwert und lächelte nie. Seine Tage verbrachte er damit, die Garde zu drillen und sich im Schwertkampf zu üben, wobei er den Hof vom Klang des Stahls erzittern ließ, während Bran von seinem Fenster aus unglücklich zusah. Abends zog er sich mit Maester Luwin zurück, zum Gespräch oder um die Rechnungsbücher durchzugehen. Manchmal ritt er mit Hallis Mollen aus und war tagelang fort, besuchte ferne
Festungsanlagen. Immer wenn er länger als einen Tag fort war, weinte Rickon und fragte Bran, ob Robb je wiederkommen würde. Selbst wenn er zu Hause war, schien Robb, der Lord, stets mehr Zeit für Hallis Mollen und Theon Greyjoy als für seine Brüder zu haben.
«Ich könnte dir die Geschichte von Branden, dem Erbauer, erzählen«, sagte Old Nan.»Das war immer deine liebste.«
Vor Tausenden und Abertausenden von Jahren hatte Brandon der Erbauer Winterfell errichtet, und wie manche sagten, auch die Mauer. Manchmal sprach Old Nan von ihm, als wäre er ihr Brandon, der Säugling, den sie vor so vielen Jahren gepflegt hatte, und manchmal verwechselte sie ihn mit seinem Onkel Brandon, den der Irre König erschlagen hatte, bevor Bran auch nur geboren war. Sie lebte schon so lange, Mutter hatte ihm einmal erzählt, daß alle Brandon Starks in ihrem Kopf zu ein und derselben Person geworden seien.
«Das ist nicht meine Lieblingsgeschichte«, sagte er.»Am liebsten sind mir die unheimlichen. «Er hörte eine Art Tumult vor dem Fenster und wandte sich nach draußen. Rickon rannte über den Hof zum Wachhaus, und die Wölfe folgten ihm, doch das Turmzimmer lag in der falschen Richtung, deshalb konnte Bran nicht sehen, was vor sich ging. Vor Enttäuschung schlug er sich mit der Faust auf den Oberschenkel und spürte nichts.
«Oh, mein süßes Sommerkind«, sagte Old Nan leise,»was weißt du schon von der Angst? Die Angst gehört dem Winter, mein kleiner Lord, wenn der Schnee hundert Fuß hoch liegt und der Eiswind aus dem Norden heult. Angst gehört der langen Nacht, wenn die Sonne über Jahre ihr Gesicht verbirgt und kleine Kinder in Finsternis geboren werden und leben und sterben, während die Schattenwölfe ausgezehrt und hungrig werden und die Weißen Wanderer durch die Wälder streifen.«»Du meinst die Anderen«, sagte Bran nörgelnd.»Die Anderen«, stimmte Old Nan ihm zu.»Vor Tausenden und Abertausenden von Jahren gab es einen Winter, der kälter und härter und länger war als alles, was es seit Menschengedenken gegeben hat. Es kam eine Nacht, die eine Generation lang dauerte, und Könige zitterten und starben auf ihren Burgen ebenso wie die Schweinehirten in ihren Ställen. Mütter erstickten ihre Kinder lieber, als daß sie diese verhungern ließen, und sie weinten und fühlten, wie die Tränen auf ihren Wangen gefroren.«