Ihre Stimme und die Nadeln schwiegen, und mit blassen, glänzenden Augen sah sie zu Bran auf und fragte:»Nun, Kind. Ist das die Art von Geschichte, die dir gefällt?«
«Nun«, sagte Bran zögerlich,»ja, nur… «
Old Nan nickte.»In dieser Finsternis kamen die Anderen zum ersten Mal«, erzählte sie, während ihre Nadeln klick klick klick machten.»Sie waren kalte Dinger, tote Dinger, die Eisen und Feuer und die Sonne haßten, und außerdem jedes Wesen mit warmem Blut in den Adern. Sie fielen über Burgen und Städte und Königreiche her, erschlugen zahllose Helden und Armeen, ritten ihre blassen, toten Pferde und führten Heerscharen von Erschlagenen an. Alle Schwerter der Menschen konnten ihrem Ansturm nicht standhalten, und selbst mit Jungfern und Säuglingen hatten sie kein Mitleid. Sie jagten die Jungfern durch erfrorene Wälder und fütterten ihre toten Diener mit dem Fleisch von toten Kindern.«
Ihre Stimme war ganz leise geworden, fast schon ein Flüstern, und Bran merkte, wie er sich vorbeugte, um sie verstehen zu können.
«Nun waren es die Zeiten, bevor die Andalen kamen, und lange bevor die Frauen aus den Städten der Rhoyne über die Meerenge flohen, und die hundert Königreiche jener Zeit waren die Königreiche der Ersten Menschen, die den Kindern des Waldes das Land genommen hatten. Doch hier und da lebten die Kinder noch immer im Wald, verborgen in ihren hölzernen Städten und den hohlen Hügeln, und die Gesichter der Bäume hielten Wacht. Als nun Kälte und Tod die Erde erfüllten, beschloß der letzte Held, die Kinder aufzusuchen, in der Hoffnung, daß ihre uralten Zauberkünste zurückgewinnen könnten, was die Armeen der Menschen verloren hatten. Er machte sich auf ins tote Land, mit einem Schwert, einem Pferd, einem Hund und einem Dutzend Gefährten. Jahrelang suchte er, bis er daran zweifelte, die Kinder des Waldes in ihren geheimen Städten je zu finden. Einer nach dem anderen starben seine Freunde, dann sein Pferd, und schließlich selbst sein Hund, und sein Schwert fror so hart, daß die Klinge brach, als er es benutzen wollte. Und die Anderen witterten sein warmes Blut und folgten schweigend seiner Spur, pirschten sich mit Meuten blasser, weißer Spinnen, groß wie Jagdhunde, an ihn heran… «
Mit einem Schlag flog die Tür auf, und Brans Herz machte einen Satz vor Schreck, doch war es nur Maester Luwin, und Hodor ragte auf der Treppe hinter ihm auf.»Hodor!«verkündete der Stalljunge, wie es seine Gewohnheit war, und grinste jedermann breit an.
Maester Luwin lächelte nicht.»Wir haben Besuch«, erklärte er,»und Eure Anwesenheit wird gewünscht, Bran.«»Ich höre gerade eine Geschichte«, klagte Bran.»Geschichten können warten, mein kleiner Lord, und wenn du zu ihnen zurückkommst, sind sie schon wieder da«, versprach Old Nan.»Besucher sind nicht so geduldig, und oftmals bringen sie selbst Geschichten mit.«
«Wer ist es?«fragte Bran Maester Luwin.»Tyrion Lannister und einige Männer der Nachtwache mit Nachricht von Eurem Bruder Jon. Robb trifft sich gerade mit ihnen. Hodor, würdest du Bran hinunter in die Halle helfen?»
«Hodor!«willigte Hodor selig ein. Er duckte sich, um seinen struppigen Kopf unter der Tür hindurch zu bekommen. Fast sieben Fuß war Hodor groß. Es war schwer zu glauben, daß er vom selben Blut wie Old Nan sein sollte. Bran überlegte, ob er, wenn er alt wäre, ebenso schrumpfen würde wie seine Urgroßmutter. Es schien unwahrscheinlich, selbst wenn Hodor tausend Jahre alt werden sollte.
Hodor hob Bran mit Leichtigkeit hoch, als wäre dieser ein Heuballen, und drückte ihn an seine mächtige Brust. Stets roch er nach Pferden, doch war es kein unangenehmer Geruch. Seine Arme waren mit Muskeln bepackt und von braunem Haar bedeckt.»Hodor«, sagte er erneut. Theon Greyjoy hatte einmal bemerkt, daß Hodor nicht viel wisse, doch zweifelsohne seinen Namen kenne. Old Nan hatte wie eine Henne gegackert, als Bran ihr das erzählte, und ihm anvertraut, daß Hodor in Wahrheit Walder hieße. Niemand wußte, woher» Hodor «kam, sagte sie, doch als er damit anfing, es zu sagen, fingen alle an, ihn so zu rufen. Es war das einzige Wort, das er kannte.
Sie ließen Old Nan im Turmzimmer mit ihren Handarbeiten und Erinnerungen zurück. Hodor summte wahllos vor sich hin, als er Bran die Treppe hinunter und über den Korridor trug, wobei Maester Luwin hinter ihnen blieb und sich beeilen mußte, wenn er mit den langen Schritten des Stalljungen mithalten wollte.
Robb saß auf dem Platz seines Vaters, trug ein Kettenhemd, hartes Leder und das ernste Gesicht von Robb, dem Lord. Theon Greyjoy und Hallis Mollen standen hinter ihm. Ein Dutzend Gardisten reihte sich vor den grauen Steinmauern unter hohen, schmalen Fenstern aneinander. In der Mitte des Raumes stand der Zwerg mit seinen Dienern und vier Fremden im Schwarz der Nachtwache. Bran spürte sofort den Zorn im Saal, als Hodor ihn durch die Tür trug.
«Ein jeder Mann der Nachtwache ist hier auf Winterfell so lange willkommen, wie er bleiben möchte«, verkündete Robb gerade mit der Stimme von Robb, dem Lord. Sein Schwert lag auf seinen Knien, die nackte Klinge für jedermann zu sehen. Selbst Bran wußte, was es bedeutete, einen Gast mit gezücktem Schwert zu empfangen.
«Ein jeder Mann der Nachtwache«, wiederholte der Zwerg,»doch nicht ich, wenn ich dich recht verstehe, Junge?«
Robb stand auf und deutete mit seinem Schwert auf den kleinen Mann.»Ich bin hier der Lord, solange meine Mutter und mein Vater fort sind, Lannister. Ich bin nicht Euer Junge.«
«Wenn Ihr ein Lord sein wollt, solltet Ihr vielleicht die Höflichkeitsgebote eines Lords beachten«, gab der kleine Mann zurück, ohne das Schwert zu beachten, das auf sein Gesicht zeigte.»Euer Bastard von einem Bruder besitzt allen Anstand Eures Vaters, wie mir scheint.«
«Jon«, stöhnte Bran in Hodors Armen auf.
Der Zwerg fuhr herum und sah ihn an.»So stimmt es also, daß der Junge lebt. Ich konnte es kaum glauben. Ihr Starks seid schwer zu töten.«
«Das solltet Ihr Lannisters nie vergessen«, sagte Robb und ließ sein Schwert sinken.»Hodor, bring meinen Bruder her.«
«Hodor«, sagte Hodor, trottete lächelnd voran und setzte Bran auf den hohen Stuhl der Starks, auf dem die Lords von Winterfell seit jenen Tagen saßen, als sie sich noch Könige des Nordens nannten. Der Stuhl war aus kaltem Stein, von zahllosen Hintern blankpoliert, und geschnitzte Köpfe von Schattenwölfen knurrten an den Enden seiner massiven Lehnen. Bran hielt sich an ihnen fest, als er sich setzte, und seine nutzlosen Beine baumelten herab. Der große Stuhl gab ihm das Gefühl, halb noch ein Säugling zu sein.
Robb legte eine Hand auf seine Schulter.»Ihr sagtet, Ihr hättet etwas mit Bran zu besprechen. Nun, hier ist er, Lannister.«
Bran wurde unbehaglich zumute, als er Tyrion Lannisters Augen sah. Eines war schwarz, und eines war grün, und beide sahen ihn an, musterten ihn, schätzten ihn ein.»Wie ich höre, warst du ein begabter Kletterer, Bran«, begann der kleine Mann schließlich.»Sag, wie kam es, daß du an jenem Tag gestürzt bist?«»Bin ich nicht«, betonte Bran. Er war nie gestürzt, nie nie nie.
«Bran erinnert sich nicht an den Sturz, und auch nicht daran, daß er geklettert ist«, erläuterte Maester Luwin milde.»Seltsam«, wunderte sich Tyrion Lannister.