Keuchend erwachte er, verloren in der Dunkelheit, und er sah einen mächtigen Schatten über sich.»Ich habe nichts gehört«, flüsterte er, zitternd vor Angst, doch dann sagte der Schatten:»Hodor«, und zündete eine Kerze am Bett an, und Bran seufzte vor Erleichterung.
Hodor wusch ihm den Schweiß mit einem warmen, feuchten
Lappen ab und kleidete ihn mit flinken und sanften Händen an. Als es Zeit wurde, trug er ihn in die Große Halle hinunter, wo man nahe des Feuers einen großen Tisch aufgestellt hatte. Den Platz des Lords am Kopfende des Tisches hatte man leer gelassen, doch Robb saß rechts davon, und Bran ihm gegenüber. An jenem Abend aßen sie Ferkel und Taubenpastete und weiße Rüben in Butter, und danach hatte der Koch Honigwaben versprochen. Summer fraß Tafelreste aus Brans Hand, während Grey Wind und Shaggydog in der Ecke um einen Knochen stritten. Winterfells Hunde wagten sich jetzt nicht mal in die Nähe der Großen Halle. Anfangs hatte Bran es noch seltsam gefunden, doch gewöhnte er sich daran.
Yoren war der älteste unter den schwarzen Brüdern, daher hatte der Haushofmeister ihn zwischen Robb und Maester Luwin gesetzt. Dem alten Mann war ein säuerlicher Geruch zu eigen, als hätte er sich seit langem nicht gewaschen. Er riß mit den Zähnen am Fleisch herum, brach die Rippen auf, um das Mark aus den Knochen zu saugen, und zuckte auf die Frage nach Jon Snow nur mit den Schultern.»Ser Allisers Fluch«, brummte er, und zwei seiner Gefährten lachten laut, was Bran nicht verstand. Doch als Robb nach Neuigkeiten über ihren Onkel Benjen fragte, wurden die schwarzen Brüder seltsam still.
«Was ist mit ihm?«fragte Bran.
Yoren wischte seine Hände an der Weste ab.»Das sind traurige Neuigkeiten, Mylords, und eine grausame Art und Weise, für Euer Fleisch und Euren Met zu zahlen, doch wer die Fragen stellt, muß auch die Antworten ertragen können. Stark ist verschwunden.«
Einer der anderen Männer sagte:»Der alte Bär hat ihn auf die Suche nach Ser Waymar Royce geschickt, und nun ist er lange schon überfällig, Mylord.«
«Zu lange«, fügte Yoren hinzu.»Höchstwahrscheinlich ist er tot.«
«Mein Onkel ist nicht tot«, erhob Robb Stark die Stimme laut und voller Zorn dagegen. Er stand von der Bank auf und legte die Hand an das Heft seines Schwertes.»Hört Ihr mich? Mein Onkel ist nicht tot!«Seine Stimme hallte von den steinernen Mauern zurück, und plötzlich fürchtete sich Bran.
Der alte, säuerlich riechende Yoren sah zu Robb auf, unbeeindruckt.»Was immer Ihr sagt, Mylord«, erwiderte er. Er lutschte an einem Stück Fleisch zwischen seinen Zähnen herum.
Der jüngste der schwarzen Brüder rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum.»Es gibt niemanden auf der Mauer, der den Verwunschenen Wald besser kennt als Benjen Stark. Er wird den Weg zurück schon finden.«
«Na ja«, sagte Yoren,»vielleicht findet er ihn, vielleicht aber auch nicht. Schon früher sind gute Männer in diese Wälder gegangen und nie zurückgekehrt.«
Bran konnte nur noch an Old Nans Geschichte von den Anderen und dem letzten Helden denken, der von Toten und Spinnen, die groß wie Hunde waren, durch die weißen Wälder gejagt wurde. Einen Moment lang fürchtete er sich, bis ihm einfiel, wie die Geschichte endete.»Die Kinder werden ihm helfen«, platzte er heraus,»die Kinder des Waldes!«
Theon Greyjoy kicherte, und Maester Luwin sagte:»Bran, die Kinder des Waldes sind seit Tausenden von Jahren tot und begraben. Geblieben sind von ihnen nur die Gesichter an den Bäumen.«
«Hier unten mag das stimmen, Maester«, warf Yoren ein,»aber jenseits der Mauer, wer kann es da schon wissen? Da oben kann man nie so recht sagen, was lebt und was tot ist.«
An diesem Abend, als alle Teller abgeräumt waren, trug Robb selbst Bran ins Bett. Grey Wind ging voraus, und
Summer blieb dicht hinter ihnen. Sein Bruder war kräftig für sein Alter und Bran leicht wie ein Lumpenbündel, doch die Treppe war steil und dunkel, und Robb atmete schwer, als sie oben ankamen.
Er brachte Bran ins Bett, wickelte ihn in Decken und blies die Kerze aus. Eine Zeitlang saß Robb neben ihm im Dunkeln. Bran wollte gern mit ihm sprechen, doch wußte er nicht, was er sagen sollte.»Wir werden ein Pferd für dich finden, das verspreche ich dir«, flüsterte Robb schließlich.
«Werden sie je wiederkommen?«fragte Bran.
«Ja«, antwortete Robb mit solcher Hoffnung in der Stimme, daß Bran wußte, er hörte seinen Bruder und nicht nur Robb, den Lord.»Mutter wird bald wieder hier sein. Vielleicht können wir ihr entgegenreiten. Ob es sie wohl überraschen würde, dich auf einem Pferd zu sehen?«Selbst im dunklen Zimmer konnte Bran das Lächeln seines Bruders spüren.»Und danach reiten wir gen Norden, um uns die Mauer anzusehen. Wir erzählen Jon gar nicht, daß wir kommen, eines Tages sind wir einfach da, du und ich. Das wird ein Abenteuer.«
«Ein Abenteuer«, wiederholte Bran wehmütig. Er hörte, wie sein Bruder schluchzte. Das Zimmer war so dunkel, daß er die Tränen auf Robbs Gesicht nicht sehen konnte, also tastete er nach seiner Hand. Ihre Finger schlangen sich ineinander.
Eddard
«Lord Arryns Tod brachte große Trauer über uns, Mylord«, sagte Grand Maester Pycelle.»Ich wäre mehr als glücklich, Euch alles sagen zu können, was ich über die Art und Weise seines Dahinscheidens weiß. Nehmt doch Platz. Ist Euch nach Erfrischungen zumute? Ein paar Datteln vielleicht? Ich hätte auch Persimonen. Wein bekommt meiner Verdauung nicht mehr, wie ich fürchte, aber ich kann Euch ein Glas Milch anbieten, mit Honig gesüßt. Das finde ich bei dieser Hitze sehr erfrischend.«
Die Hitze war nicht zu leugnen. Ned spürte, wie das seidene Gewand an seiner Brust klebte. Dicke, feuchte Luft lag über der Stadt wie eine nasse Wolldecke, und am Ufer war es unruhig geworden, nachdem die Armen dem heißen, drückenden Straßengewirr entflohen waren und sich um Schlafplätze in der Nähe des Wassers drängten, wo noch ein leichter Wind wehte.»Das wäre sehr aufmerksam«, sagte Ned und setzte sich.
Mit Daumen und Zeigefinger hob Pycelle ein winziges Silberglöckchen und läutete leise. Eine schlanke, junge Dienstmagd eilte ins Solar.»Kalte Milch für die Rechte Hand des Königs und mich, wenn du so freundlich wärst, Kind. Gut gesüßt.«
Als das Mädchen ging, um ihre Getränke zu holen, faltete der Grand Maester seine Finger ineinander und ließ die Hände auf dem Bauch ruhen.»Das gemeine Volk sagt, das letzte Jahr des Sommers sei stets das heißeste. So ist es nicht, doch manchmal fühlt es sich so an, nicht wahr? An Tagen wie diesem beneide ich Euch Nordländer um Euren Sommerschnee. «Die schwere, juwelenbesetzte Kette um den Hals des alten Mannes klirrte leise, als er auf seinem Stuhl herumrutschte.»Ganz sicher war König Maekars Sommer heißer als dieser, und beinah so lang. Es gab Narren, selbst in der Citadel, die es als Zeichen dafür nahmen, daß der Große Sommer endlich gekommen sei, der Sommer ohne Ende, doch im siebten Jahr brach er plötzlich ab, und wir hatten einen kurzen Herbst und einen schrecklich langen Winter. Dennoch war die Hitze furchtbar, solange sie anhielt. Oldtown dampfte, war bei Tage in der Hitze wie ausgestorben und wurde erst am Abend lebendig. Wir spazierten durch die Gärten am Fluß und stritten über die Götter. Ich erinnere mich an die Gerüche dieser Nächte, Mylord… duftend und süß, Melonen zum Platzen reif, Pfirsiche und Granatäpfel, Nachtschatten und Mondbrüter. Damals war ich ein junger Mann und schmiedete noch an meiner Kette. Die Hitze hat mich damals nicht so sehr erschöpft wie heute. «Pycelles Augenlider waren so schwer, daß es aussah, als schliefe er halb.»Verzeiht mir, Lord Eddard. Ihr seid nicht gekommen, um den verschlungenen Pfaden meiner närrischen Gedanken zu einem Sommer zu folgen, der schon vergessen war, bevor Euer Vater geboren wurde. Seid so gut und verzeiht einem alten Mann seine Abschweifungen. Der Verstand ist wie ein Schwert, so fürchte ich. Die alten rosten. Ah, und hier kommt unsere Milch. «Das Mädchen stellte das Tablett zwischen die beiden Männer, und Pycelle warf ihr ein Lächeln zu.»Süßes Kind. «Er hob einen Becher, kostete, nickte.»Danke sehr. Du darfst gehen.«