«Aber nein«, sagte Pycelle.»Sie und die Kinder waren auf
Reisen nach Casterly Rock, in Begleitung ihres Vaters. Lord Tywin hatte zum Turnier an Prinz Joffreys Namenstag ein ganzes Gefolge mitgebracht, zweifellos in der Hoffnung, zu sehen, wie sein Sohn Jaime die Krone des Siegers erringt. Darin wurde er traurigerweise enttäuscht. Mir fiel die Aufgabe zu, der Königin die Nachricht von Lord Arryns plötzlichem Tod zu überbringen. Nie habe ich schwereren Herzens einen Vogel auf die Reise geschickt.«
«Dunkle Schwingen, dunkle Worte«, murmelte Ned. Es war ein Sprichwort, das Old Nan ihn als Junge gelehrt hatte.
«So sagen die Fischweiber«, stimmte Grand Maester Pycelle ihm zu,»doch wissen wir, daß dem nicht immer so ist. Als Maester Luwins Vogel die Nachricht von Eurem Bran brachte, bewegte diese Nachricht alle, die auf der Burg reinen Herzens sind, war es nicht so?«
«Ganz wie Ihr sagt, Maester.«
«Die Götter sind gnadenreich. «Pycelle verneigte sich.»Kommt zu mir, sooft Ihr wollt, Lord Eddard. Ich bin da, um zu dienen.«
Ja, dachte Ned, als die Tür ins Schloß fiel, nur wem?
Auf dem Weg zurück in seine Gemächer traf er auf der Wendeltreppe zum Turm der Hand seine Tochter Arya, die mit den Armen ruderte und um ihr Gleichgewicht rang, da sie auf einem Bein stand. Die nackten Füße waren am rauhen Stein aufgeschrammt. Ned stand da und sah sie an.»Arya, was tust du?«
«Syrio sagt, eine Wassertänzerin kann stundenlang auf einem Zeh stehen. «Wild fuchtelte sie mit den Armen durch die Luft.
Ned mußte lächeln.»Auf welchem Zeh?«neckte er sie.
«Auf irgendeinem«, sagte Arya, ärgerlich wegen der Frage. Sie hüpfte vom rechten Bein aufs linke, schwankte gefährlich,
bis sie ihr Gleichgewicht wiederfand.
«Mußt du deine Übungen ausgerechnet hier machen?«fragte er.»Es wird ein langer, harter Sturz, wenn du diese Treppe hinunterfällst.«
«Syrio sagt, eine Wassertänzerin stürzt niemals. «Sie ließ ihr Bein sinken und stand auf beiden Füßen.»Vater, wird Bran jetzt herkommen und bei uns wohnen?«
«Noch lange nicht, meine Süße«, erklärte er ihr.»Er muß erst wieder zu Kräften kommen.«
Arya biß auf ihrer Lippe herum.»Was soll Bran tun, wenn er mündig wird?«
Ned kniete neben ihr.»Ihm bleiben noch Jahre, um die Antwort darauf zu finden, Arya. Im Augenblick genügt es, zu wissen, daß er leben wird. «An jenem Abend, als der Vogel von Winterfell gekommen war, hatte Eddard Stark die Mädchen mit in den Götterhain der Burg genommen, einen Acker mit Ulmen und Schwarzpappeln und Blick über den Fluß. Der Herzbaum dort war eine große Eiche, deren uralte Äste von Rauchbeerranken überwuchert waren. Sie knieten davor nieder, um ihren Dank zu überbringen, als sei er ein Wehrbaum. Sansa sank in Schlaf, als der Mond aufging, Arya einige Stunden später, und sie rollte sich unter Neds Umhang zusammen. Während der dunklen Stunde hielt er allein die Wacht. Als der Morgen über der Stadt graute, waren die Mädchen von dunkelroten Blüten des Drachenodems umgeben.»Ich habe von Bran geträumt«, hatte Sansa ihm zugeflüstert.»Ich habe gesehen, wie er lächelt.«
«Er sollte Ritter werden«, sagte Arya nun.»Ein Ritter der Königsgarde. Kann er noch immer Ritter sein?«
«Nein«, entgegnete Ned. Er sah keinen Grund, sie anzulügen.»Doch eines Tages könnte er Lord einer großen Festung werden und im Rat des Königs sitzen. Er könnte Burgen wie Brandon, der Erbauer, aus dem Boden stampfen oder mit einem Schiff übers Meer der Abenddämmerung segeln oder sich dem Glauben deiner Mutter anschließen und der Hohe Septon werden. «Nur wird er nie mehr an der Seite seines Wolfes laufen, dachte er mit einer Trauer, die zu tief für Worte war, oder bei einer Frau liegen oder seinen eigenen Sohn in Armen halten.
Arya neigte ihren Kopf zur Seite.»Kann ich im Rat des Königs sitzen und Burgen bauen und der Hohe Septon werden?«
«Du«, sagte Ned und küßte sie sanft auf die Stirn,»wirst einen König heiraten und über seine Burg herrschen, und deine Söhne werden Ritter und Prinzen und Lords sein und, ja, vielleicht sogar ein Hoher Septon.«
Arya verzog ihr Gesicht.»Nein«, widersprach sie,»das macht Sansa. «Sie knickte ihr rechtes Bein ein und übte wieder ihr Gleichgewicht. Ned seufzte und ließ sie dort stehen.
In seinen Gemächern zog er die schweißdurchnäßten Seidenkleider aus und goß sich kaltes Wasser aus dem Becken neben seinem Bett über den Kopf. Alyn trat ein, als er eben sein Gesicht abtrocknete.»Mylord«, sagte er.»Lord Baelish ist draußen und bittet um eine Audienz.«
«Geleitet ihn in mein Solar«, sagte Ned und nahm sich ein frisches Gewand aus dem leichtesten Leinen, das er finden konnte.»Ich komme gleich zu ihm.«
Littlefinger kauerte auf dem Fenstersitz, als Ned eintrat, und beobachtete, wie die Ritter der Königsgarde unten auf dem Hof mit ihren Schwertern übten.»Wenn nur der Verstand des alten Selmy so beweglich wie seine Klinge wäre«, sagte er versonnen,»würden unsere Ratsversammlungen erheblich lebendiger ausfallen.«
«Ser Barristan ist ein so tapferer und ehrenhafter Mann wie jeder andere aus der Königsgarde. «Ned hatte mittlerweile tiefen Respekt vor dem alten, weißhaarigen Lord Commander
der Königsgarde entwickelt.
«Und ebenso ermüdend«, fügte Littlefinger hinzu,»obwohl ich vermute, daß er sich im Turnier gut machen müßte. Im letzten Jahr hat er den Bluthund aus dem Sattel gehoben, und erst vier Jahre ist es her, seit er Sieger wurde.«
Die Frage, wer das Turnier gewinnen mochte, interessierte Eddard Stark nicht im geringsten.»Gibt es einen Anlaß für diesen Besuch, Lord Petyr, oder seid Ihr nur gekommen, um den Blick aus meinem Fenster zu genießen?«
Littlefinger lächelte.»Ich habe Cat versprochen, Euch bei Euren Nachforschungen zu helfen, und das habe ich getan.«
Dies verblüffte Ned. Versprochen oder nicht, fiel es ihm dennoch schwer, Lord Petyr Baelish zu vertrauen, der ihm erheblich zu verschlagen schien.»Habt Ihr etwas für mich?«
«Jemanden«, gab Littlefinger zurück.»Vier Jemande, um genau zu sein. Hattet Ihr daran gedacht, die Diener der Rechten Hand zu befragen?«
Ned legte die Stirn in Falten.»Wenn es möglich wäre. Lady Arryn hat ihren Haushalt zurück mit auf die Eyrie genommen. «In dieser Hinsicht hatte Lysa ihm keinen Gefallen getan. All jene, die ihrem Mann am nächsten gestanden hatten, waren mit ihr gegangen, als sie floh: Jons Maester, sein Haushofmeister, der Hauptmann seiner Garde, seine Ritter und Gefolgsmänner.
«Den Großteil ihres Haushaltes«, sagte Littlefinger,»nicht alle. Einige sind geblieben. Eine schwangere Küchenmagd, die eilig einen von Lord Renlys Pferdepflegern geheiratet hat, ein Stallknecht, der sich der Stadtwache angeschlossen hat, ein Schankkellner, der wegen Diebstahls seines Dienstes enthoben war, und Lord Arryns Knappe.«
Sein Knappe?«Ned war angenehm überrascht. Ein Knappe wußte oftmals eine ganze Menge von dem, was bei seinem Herrn vor sich ging.
«Ser Hugh aus dem Grünen Tale«, nannte Littlefinger ihn beim Namen.»Der König hat ihn nach Lord Arryns Tod zum Ritter geschlagen.«
«Ich werde ihn rufen lassen«, sagte Ned.»Und auch die anderen.«
Littlefinger zuckte zusammen.»Mylord, tretet nur einmal hier ans Fenster, wenn Ihr so gut sein wollt.«
«Wozu?«
«Kommt, und ich werde es Euch zeigen, Mylord.«
Mit fragender Miene trat Ned ans Fenster. Petyr Baelish machte eine beiläufige Geste.»Dort auf der anderen Seite des Hofes, an der Tür zur Waffenkammer, seht Ihr den Jungen, der dort hockt und ein Schwert mit einem Ölstein schleift?«
«Was ist mit ihm?«
«Er berichtet Varys. Die Spinne hat großes Interesse an Euch und Eurem Vorgehen entwickelt. «Er rutschte auf seinem Fensterplatz herum.»Nun seht zur Mauer hin. Weiter westlich, über den Ställen. Der Wachmann, der dort an der Brüstung lehnt?«