Выбрать главу

Todesstille herrschte auf dem Hof. Jon spürte Ser Allisers Blicke.»Worauf wartet Ihr?«fragte er Rast und die anderen mit einer Stimme, die trügerisch sanft geworden war, doch war es Jon, der den ersten Angriff wagte. Halder bekam sein Schwert kaum rechtzeitig hoch.

Jon trieb ihn zurück, griff mit jedem Hieb an, hielt den älteren Jungen auf den Fersen. Kenne deinen Feind, hatte Ser Rodrik ihn einst gelehrt. Jon kannte Halder, von brutaler Kraft, doch von nur geringer Geduld, ohne Freude an der Verteidigung. Entmutigte man ihn, vernachlässigte er seine Deckung, so sicher wie die Sonne unterging.

Das Klirren von Stahl hallte über den Hof, und die anderen stürzten sich mit in die Schlacht. Jon wehrte einen wilden Hieb auf seinen Kopf ab, und die heftige Erschütterung durchfuhr seinen Arm, als die Schwerter aneinanderprallten. Er schlug Halder einen Seitenhieb in die Rippen, was ihn mit einem dumpfen Grunzen von Schmerz belohnte. Der Gegenschlag traf Jon an der Schulter. Ketten knirschten, und Schmerz flammte an seinem Hals hinauf, doch für einen Augenblick war Halder aus dem Gleichgewicht. Jon riß das linke Bein unter ihm weg, und er stürzte unter Fluchen und Krachen.

Grenn wollte nicht weichen, ganz wie Jon es ihn gelehrt hatte, und er gab Albett mehr, als diesem lieb war, doch Pyp stand unter Druck. Rast hatte ihm zwei Jahre und vierzig Pfund voraus. Jon trat hinter ihn und schlug den Helm des Vergewaltigers wie eine Glocke. Als Rast ins Taumeln kam, schob sich Pyp unter dessen Deckung, schlug ihn nieder und hielt ihm die Klinge an den Hals. Als er sich zwei Schwertern gegenübersah, wich Albett zurück.»Ich gebe auf«, rief er.

Angewidert betrachtete Ser Alliser das Geschehen.»Dieser Mummenschanz ist für heute lang genug gegangen. «Er verließ sie. Der Unterricht war beendet.

Daeron half Halder auf die Beine. Der Steinmetzsohn riß seinen Helm vom Kopf und warf ihn über den Hof.»Einen Moment lang dachte ich, ich hätte dich endlich, Snow.«

«Einen Moment lang vielleicht«, erwiderte Jon. Seine Schulter pochte. Er schob sein Schwert in die Scheide und versuchte, sich den Helm abzunehmen, doch als er seinen Arm anhob, ließ der Schmerz ihn die Zähne zusammenbeißen.

«Laßt mich«, sagte eine Stimme. Dickfingrige Hände lösten den Helm von der Halsberge und hoben ihn sanft an.»Hat man Euch weh getan?«

«Es ist nicht das erste Mal, daß ich blaue Flecken habe. «Er betastete seine Schulter und zuckte zusammen. Der Hof leerte sich um sie herum.

Das Haar des dicken Jungen war von Blut verfilzt, wo Halder seinen Helm in Stücke gehauen hatte.»Ich heiße Samwell Tarly und bin aus Horn…«Er hielt inne und leckte seine Lippen.»Ich meine, ich war aus Horn Hill, bis ich… fort bin. Ich bin hier, um das Schwarz zu tragen. Mein Vater ist Lord Randyll, ein Vasall der Tyrells von Highgarden. Ich war einmal sein Erbe, nur…«Seine Stimme erstarb.

«Ich bin Jon Snow, Ned Starks Bastard, von Winterfell.«

Samwell Tarly nickte.»Ich… wenn ihr wollt, könnt ihr mich Sam nennen. Meine Mutter nennt mich Sam.«

«Ihn kannst du Lord Snow nennen«, sagte Pyp, als er sich zu ihnen gesellte.»Frag lieber nicht, wie seine Mutter ihn nennt.«

«Die beiden heißen Grenn und Pypar«, sagte Jon.

«Grenn ist der Häßliche«, sagte Pyp.

Grenn zog ein finsteres Gesicht.»Du bist häßlicher als ich. Wenigstens habe ich keine Ohren wie eine Fledermaus.«

«Vielen Dank euch allen«, wandte sich der dicke Junge feierlich an die Runde.

«Warum bist du nicht aufgestanden und hast gekämpft?«wollte Grenn wissen.

«Ich wollte es, ehrlich. Aber ich… ich konnte nicht. Ich wollte nicht, daß er mich weiter schlägt. «Er sah zu Boden.»Ich… ich fürchte, ich bin ein Feigling. Das sagt mein Hoher Vater immer.«

Grenn war wie vom Donner gerührt. Selbst Pyp wußte dazu nichts zu sagen, und Pyp mangelte es sonst nie an Worten. Welcher Mann würde sich selbst einen Feigling nennen?

Samwell Tarly schien ihnen anzusehen, was sie dachten. Er sah, daß Jon ihn musterte, und sein Blick wich ihm aus, schnell wie ein verschrecktes Tier.»Es… es tut mir leid«, sagte er.»Ich will nicht… sein, wie ich bin. «Schwerfällig ging er zur Waffenkammer.

Jon rief ihm nach.»Du warst verletzt«, sagte er.»Morgen bist du besser.«

Traurig blickte Sam über seine Schulter.»Nein, bin ich nicht«, erwiderte er und zwinkerte eine Träne fort.»Ich werde nie besser.«

Als er gegangen war, sah Grenn sich fragend um.»Niemand mag Memmen«, sagte er beklommen.»Ich wünschte, wir hätten ihm nicht geholfen. Was ist, wenn sie uns auch für Memmen halten?«

«Du bist zu dumm, um eine Memme zu sein«, erklärte Pyp.

«Bin ich nicht«, widersprach Grenn.

«Bist du doch. Wenn dich im Wald ein Bär angreifen würde, wärst du zu dumm, um wegzulaufen.«

«Wäre ich nicht«, beharrte Grenn.»Ich würde schneller weglaufen als du. «Plötzlich hielt er inne, zog ein finsteres Gesicht, als er Pyps Grinsen sah und merkte, was er eben gesagt hatte.

Sein dicker Hals wurde gleich puterrot. Jon ließ sie im Streit zurück und ging in die Waffenkammer, hängte sein Schwert auf und legte seine arg mitgenommene Rüstung ab.

Das Leben auf Castle Rock folgte einem strengen Plan. Die Vormittage gehörten dem Schwertkampf, die Nachmittage der Arbeit. Die schwarzen Brüder teilten neue Rekruten vielen verschiedenen Aufgaben zu, um herauszufinden, wo ihre Talente lagen. Jon genoß die seltenen Nachmittage, an denen man ihn mit Ghost an seiner Seite aussandte, Wild für den Tisch des Lord Commander zu erlegen, doch für jeden Tag, den er mit der Jagd zubrachte, gab es ein Dutzend bei Donal Noye in der Waffenkammer, wo er den Wetzstein drehte, während der einarmige Schmied Äxte schärfte, die vom Gebrauch stumpf geworden waren, oder den Blasebalg pumpte, wenn Noye ein neues Schwert hämmerte. Dann wieder überbrachte er Nachrichten, ging Wache, mistete die Ställe aus, befiederte Pfeile, half Maester Aemon mit seinen Vögeln oder Bowen Marsh mit seinen Rechnungen und Inventuren.

An diesem Nachmittag schickte ihn der Wachhabende mit vier Fässern von frisch zerkleinertem Stein zum Windenkäfig, damit er den Kies auf den eisigen Wegen oben auf der Mauer verstreute. Es war eine einsame und langweilige Arbeit, selbst mit Ghost an seiner Seite, doch machte es Jon nichts aus. An klaren Tagen konnte man von der Mauer aus die halbe Welt sehen, und die Luft war stets kalt und erfrischend. Hier konnte er nachdenken, und er merkte, daß er über Samwell Tarly nachdachte… und seltsamerweise über Tyrion Lannister. Er überlegte, welchen Reim sich Tyrion auf diesen dicken Jungen gemacht hätte. Die meisten Menschen würde eine schwere Wahrheit eher leugnen, als sich ihr zu stellen, hatte der Zwerg ihm grinsend erklärt. Die Welt war voller Memmen, die vorgaben, Helden zu sein. Es war schon eine verquere Art des Mutes nötig, um seine Feigheit einzugestehen, so wie Samwell Tarly es getan hatte.

Mit seiner verletzten Schulter ging die Arbeit nur langsam voran. Es war schon spät am Nachmittag, als Jon allen Kies auf den Wegen verstreut hatte. Er blieb noch oben, um sich anzusehen, wie die Sonne unterging und den Himmel im Westen blutfarben werden ließ. Schließlich, als die Dämmerung über dem Norden niedersank, rollte Jon die leeren Fässer wieder zum Käfig und gab den Männern an der Winde das Zeichen, ihn hinunterzulassen.

Das abendliche Mahl war fast schon vorüber, als er mit Ghost den Speisesaal betrat. Eine Gruppe von schwarzen Brüdern würfelte beim Glühwein am Feuer. Seine Freunde saßen auf einer Bank nahe der westlichen Mauer und lachten. Pyp war mitten in einer Geschichte. Der Komödiantensohn mit den großen Ohren war ein geborener Lügner mit hundert verschiedenen Stimmen, und er lebte seine Geschichten mehr, als daß er sie erzählte, spielte, wenn nötig, alle Rollen, den König im einen Moment und einen Schweinehirten im nächsten. Wenn er sich in ein Mädchen aus einer Bierschenke oder eine jungfräuliche Prinzessin verwandelte, sprach er mit hoher Falsettstimme, die jedermann Tränen lachen ließ, und seine Eunuchen waren stets gespenstisch treffende Karikaturen von Ser Alliser. Jon amüsierte sich wie alle über Pyps Mätzchen… doch wandte er sich an diesem Abend ab und ging statt dessen zum Ende der Bank, wo Samwell Tarly allein saß, so weit wie möglich abseits der anderen.