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Gerade wollte er die letzte Schweinefleischpastete essen, welche die Köche zum Abendbrot aufgetischt hatten, da setzte Jon sich ihm gegenüber. Der dicke Junge riß die Augen auf, als er Ghost sah.»Ist das ein Wolf?«

«Ein Schattenwolf«, sagte Jon.»Er heißt Ghost. Der Schattenwolf ist das Siegel der Familie meines Vaters.«

«Unseres ist ein schreitender Jägersmann«, sagte Samwell Tarly.

«Jagst du gern?«

Ein Schauer durchfuhr den Jungen.»Ich hasse es. «Er sah aus, als würde er gleich wieder weinen.

«Was ist denn los?«fragte Jon.»Warum fürchtest du dich dauernd so sehr?«

Sam starrte den Rest seiner Schweinefleischpastete an und schüttelte kraftlos den Kopf, fürchtete sich sogar zu sehr, um zu sprechen. Brüllendes Gelächter erfüllte die Halle. Jon hörte, wie Pyp mit hoher Stimme quiekte. Er stand auf.»Gehen wir hinaus. «Argwöhnisch blickte das runde, feiste Gesicht zu ihm hoch.»Wieso? Was wollen wir draußen tun?«

«Reden«, sagte Jon.»Hast du die Mauer schon gesehen?«»Ich bin dick, nicht blind«, gab Samwell Tarly zurück.»Natürlich habe ich sie gesehen. Sie ist siebenhundert Fuß hoch. «Dennoch stand er auf, legte einen pelzbesetzten Umhang um seine Schultern und folgte Jon aus dem Speisesaal hinaus, noch immer wachsam, als fürchtete er, draußen in der Nacht könne ihn ein grausamer Scherz erwarten. Ghost tappte neben ihnen her.»Ich hätte nie gedacht, daß es so wäre«, sagte Sam, während sie gingen, und seine Worte dampften in der kalten Luft. Schon jetzt ächzte und keuchte er bei dem

Versuch, Schritt zu halten.»Alle Gebäude stürzen ein, und es ist so… so…«

«Kalt?«Harter Frost ließ sich auf die Burg hernieder, und Jon konnte das leise Knirschen grauer Gräser unter seinen Stiefeln hören.

Sam nickte betrübt.»Ich hasse die Kälte«, sagte er.»Gestern nacht bin ich im Dunkeln aufgewacht, und das Feuer war ausgegangen, und ich war mir sicher, daß ich bis zum Morgen erfroren sein würde.«

«Dort, woher du kommst, muß es wärmer sein.«

«Erst letzten Monat habe ich zum ersten Mal Schnee gesehen. Wir kamen durch diese Hügellandschaft, ich und die Männer, die mein Vater ausgesandt hat, mich in den Norden zu bringen, und plötzlich fiel dieses weiße Zeug vom Himmel, wie weicher Regen. Anfangs fand ich es nur wunderschön, wie Federn, die vom Himmel schwebten, doch hörte es nicht auf, bis ich bis auf die Knochen durchgefroren war. Die Männer hatten Schnee in den Barten und auf den Schultern, und noch immer fiel mehr und mehr davon. Ich fürchtete schon, es würde nie aufhören.«

Jon lächelte.

Die Mauer ragte vor ihnen auf, schimmerte fahl im Licht des halben Mondes. Am Himmel darüber leuchteten die Sterne klar und hell.»Wird man mich zwingen, dort hinaufzusteigen?«fragte Sam. Sein Gesicht erstarrte wie alte Milch, als er die großen, hölzernen Stufen erklomm.»Ich würde sterben, wenn ich hinaufklettern sollte.«

«Es gibt eine Winde«, sagte Jon.»Sie können dich in einem Käfig nach oben ziehen.«

Samwell Tarly zog die Nase hoch.»Es gefällt mir nicht in der Höhe.«

Das war zuviel. Jon sah ihn fragend an, ungläubig.

«Fürchtest du dich vor allem?«fragte er.»Das verstehe ich nicht. Wenn du wirklich so eine Memme bist, wieso bist du dann hier? Warum sollte ein Feigling zur Nachtwache gehen?«

Samwell Tarly sah ihn lange an, und sein rundes Gesicht schien in sich zusammenzufallen. Er setzte sich auf den eisbedeckten Boden und fing an zu weinen, mit tiefen, erstickenden Schluchzern, die seinen ganzen Leib zum Beben brachten. Jon Snow konnte nur dastehen und zusehen. Wie der Schneefall auf den Hügeln schien es, als würden die Tränen kein Ende nehmen. Es war Ghost, der wußte, was zu tun war. Still wie ein Schatten schlich der helle Schattenwolf heran und begann, die warmen Tränen von Samwell Tarlys Gesicht zu lecken. Der dicke Junge schrie auf, erschrocken… und irgendwie, von einem Augenblick zum anderen, wandelte sich sein Schluchzen zu Gelächter. Jon Snow lachte mit ihm. Danach saßen sie auf der gefrorenen Erde, in ihre Umhänge gewickelt und Ghost zwischen sich. Jon erzählte die Geschichte, wie Robb und er die neugeborenen Welpen im spätsommerlichen Schnee gefunden hatten. Es schien schon tausend Jahre her zu sein. Es dauerte nicht lange, bis er sich von Winterfell erzählen hörte.

«Manchmal träume ich davon«, sagte er.»Ich laufe durch diesen langen, leeren Saal. Meine Stimme hallt von überall, doch niemand antwortet, und so laufe ich schneller, öffne Türen, rufe Namen. Ich weiß nicht einmal, wen ich suche. In den meisten Nächten ist es mein Vater, doch manchmal ist es statt dessen Robb, oder meine kleine Schwester Arya, oder mein Onkel. «Der Gedanke an Benjen Stark stimmte ihn traurig. Sein Onkel wurde noch vermißt. Der alte Bär hatte einen Suchtrupp ausgesandt. Ser Jaremy Rykker hatte zwei solche angeführt, und Quorin Halfhand war vom Shadow Tower aus losgegangen, doch hatten sie, abgesehen von einigen Markierungen an Bäumen, mit denen sein Onkel seinen Weg gezeichnet hatte, nichts gefunden. Im steinigen Hochland des Nordwestens hatten die Markierungen plötzlich aufgehört, und es hatte sich keine Spur von Ben Stark mehr gefunden.

«Findest du jemals jemanden in deinen Träumen? «fragte Sam. Jon schüttelte den Kopf.»Niemanden. Die Burg ist immer leer. «Niemals hatte er irgendwem von diesem Traum erzählt, und er begriff auch nicht, warum er jetzt Sam davon erzählte, doch irgendwie war ihm wohl dabei, darüber zu reden.»Selbst die Raben sind aus ihrem Horst verschwunden, und die Ställe sind voller Knochen. Das macht mir immer angst. Da fange ich an zu laufen, werfe Türen auf, stürme den Turm hinauf, immer drei Stufen auf einmal, rufe nach jemandem, irgend jemandem. Dann finde ich mich vor der Tür zur Gruft wieder. Drinnen ist es schwarz, und ich kann die Wendeltreppe sehen, die in die Tiefe führt. Irgendwie weiß ich, daß ich hinuntergehen muß, doch ich will nicht. Ich fürchte mich vor dem, was mich dort erwarten könnte. Die alten Könige des Winters sind dort unten, sitzen auf ihren Thronen, mit steinernen Wölfen zu ihren Füßen und eisernen Schwertern auf dem Schoß, doch nicht vor denen fürchte ich mich. Ich schrei heraus, daß ich kein Stark bin, daß ich dort nicht hingehöre, aber es nützt nichts. Ich muß dennoch gehen, also steige ich hinab, betaste dabei die Wände, ohne Fackel, mit der ich mir den Weg leuchten könnte. Immer dunkler wird es, bis ich schreien möchte. «Er hielt inne, fragend, verlegen.»Da wache ich dann immer auf. «Mit kalter und klammer Haut, zitternd im Dunkel seiner Zelle. Ghost sprang dann neben ihm aufs Bett, und dessen Wärme war so tröstend wie der Sonnenaufgang. Stets schlief er dann mit dem Gesicht im zottig weißen Haar des Schattenwolfes ein.»Träumst du von Horn Hill?«fragte Jon.

«Nein. «Sams Mund wurde schmal und hart.»Ich habe es dort gehaßt. «Brütend kraulte er Ghost hinter einem Ohr, und Jon ließ dem Schweigen Raum. Nach einer langen Weile begann Samwell Tarly zu erzählen, und Jon Snow lauschte wortlos und erfuhr, wie es sein konnte, daß ein erklärter Feigling zur Mauer kam.

Die Tarlys waren eine Familie von alten Ehren, Vasallen des Mace Tyrell, dem Lord von Highgarden und Wächter des Südens. Als ältester Sohn von Lord Randyll Tarly sollte Samwell reiches Land, eine starke Festung und ein sagenumwobenes, doppelhändiges Schwert mit Namen Heartsbane erben, geschmiedet aus valyrischem Stahl und seit fast fünfhundert Jahren vom Vater an den Sohn vererbt.

Aller Stolz, den sein Vater bei Samwells Geburt empfunden haben mochte, verflog, als der Junge zu einem tumben, weichen und ungeschickten Kind heranwuchs. Sam hörte gern Musik und spielte seine eigenen Lieder, trug weichen Samt, spielte in der Küche bei den Köchen und sog die saftigen Düfte in sich auf, während er Zitronenkuchen und Blaubeertörtchen stibitzte. Seine Leidenschaft gehörte den Büchern, kleinen Katzen und dem Tanzen, so ungeschickt er auch sein mochte. Doch wurde ihm übel, wenn er Blut sah, und er weinte schon, wenn auch nur ein Huhn geschlachtet wurde. Ein Dutzend Waffenmeister kam und ging auf Horn Hill und versuchte, aus Samwell den Ritter zu machen, den sein Vater sich wünschte. Der Junge wurde verflucht und gezüchtigt, geprügelt und ausgehungert. Ein Mann ließ ihn in seinem Kettenhemd schlafen, um ihn soldatischer zu machen. Ein anderer zog ihm die Kleider seiner Mutter an und stellte ihn auf dem Burghof zur Schau, um ihn durch Scham zur Tapferkeit zu zwingen. Er wurde nur immer dicker und ängstlicher, bis Lord Randylls Enttäuschung in Zorn und später in Verachtung umschlug.»Einmal«, gestand Sam, und seine Stimme wurde zu einem Flüstern,»kamen zwei Männer in die Burg, Hexenmeister aus Qarth, mit weißer Haut und blauen Lippen.