«Wir sind keine Freunde«, sagte Jon. Er legte Sam die Hand auf die breite Schulter.»Wir sind Brüder.«
Und das waren sie tatsächlich, so dachte er bei sich, nachdem Sam gegangen war. Robb und Bran und Rickon waren die Söhne seines Vaters, und er liebte sie noch immer, doch wußte Jon, nie war er wirklich einer der Ihren gewesen. Dafür hatte Catelyn Stark gesorgt. Die grauen Mauern von Winterfell mochten ihn noch in seinen Träumen verfolgen, jetzt war jedoch Castle Black sein Leben, und seine Brüder waren Sam und Grenn und Halder und Pyp und die anderen Ausgestoßenen, die das Schwarz der Nachtwache trugen.
«Mein Onkel hat die Wahrheit gesagt«, flüsterte er Ghost zu. Er fragte sich, ob er Benjen Stark wohl jemals wiedersehen würde, um ihm das zu sagen.
Eddard
«Es ist das Turnier der Hand, das all diese Probleme verursacht, Mylords«, klagte der Kommandeur der Stadtwache vor dem Rat des Königs.
«Das Turnier des Königs«, verbesserte Ned.»Ich versichere Euch, daß die Hand daran nicht Anteil haben will.«
«Nennt es, wie Ihr wollt, Mylord. Ritter aus dem ganzen Reich kommen her, und auf jeden Ritter kommen zwei Edelfreie, drei Handwerker, sechs Soldaten, ein Dutzend Händler, zwei Dutzend Huren und mehr Diebe, als ich zu schätzen wage. Bei dieser verfluchten Hitze war die halbe Stadt wie im Fieber, und jetzt mit all diesen Besuchern… gestern nacht gab es einen Tod durch Ertrinken, eine Massenschlägerei in einer Taverne, drei Messerstechereien, eine Vergewaltigung, zwei Brände, Räubereien ohne Ende und ein alkoholisiertes Pferderennen auf der Straße der Schwestern. In der Nacht davor wurde der Kopf einer Frau in der Großen Septe gefunden, der dort im Regenbogenteich schwamm. Niemand scheint zu wissen, wie er dorthin gekommen ist oder wem er gehört.«
«Wie schrecklich«, sagte Varys erschauernd.
Lord Renly Baratheon zeigte weniger Mitgefühl.»Wenn Ihr den Frieden des Königs nicht erhalten könnt, Janos, sollte vielleicht ein anderer die Stadtwache führen, der dazu in der Lage ist.«
Der beleibte Janos blies seine Hängebacken auf wie ein wütender Frosch, und sein kahler Schädel rötete sich.»Aegon persönlich könnte den Frieden nicht erhalten, Lord Renly. Ich brauche mehr Männer.«
«Wie viele?«fragte Ned und beugte sich vor. Wie immer hatte sich Robert nicht die Mühe gemacht, der Ratssitzung beizuwohnen, und somit fiel es der Rechten Hand zu, in seinem Namen zu sprechen.
«So viele wie möglich, Lord Hand.«
«Stellt fünfzig neue Männer ein«, erklärte Ned.»Lord Baelish wird dafür sorgen, daß Ihr das Geld bekommt.«»Werde ich?«fragte Littlefinger.
«Das werdet Ihr. Wenn Ihr vierzigtausend Golddrachen für die Siegerbörse auftreibt, werdet Ihr doch sicher ein paar Kupferstücke zusammenkratzen können, um den königlichen Frieden zu erhalten. «Ned wandte sich wieder Janos Slynt zu.»Darüber hinaus werde ich Euch zwanzig gute Schwertkämpfer aus meiner eigenen Hausgarde zuweisen, die bei der Wache dienen, bis die Menge wieder fort ist.«
«Vielen Dank, Lord Stark«, sagte Slynt und verneigte sich.»Ich verspreche Euch, daß es zu unser aller Nutzen sein wird.«
Als der Kommandeur gegangen war, wandte sich Eddard Stark dem Rest des Rates zu.»Je eher dieses Narrenspiel ein Ende hat, desto besser wird es mir gefallen. «Als wären die Kosten und Unbill nicht ärgerlich genug, beharrten alle miteinander darauf, vom» Turnier der Hand «zu sprechen, als wäre er der Anlaß all dessen. Und Robert schien allen Ernstes zu glauben, er müsse sich geehrt fühlen!
«Das Reich gedeiht durch solcherart Ereignisse, Mylord«, sagte Grand Maester Pycelle.»Sie bieten den Großen eine Chance auf Ehre und den Kleinen eine Pause von ihren Kümmernissen.«
«Und bringen Geld in manche Tasche«, fügte Littlefinger hinzu.»Alle Gasthäuser der Stadt sind voll, und die Huren gehen O-beinig und klingeln bei jedem Schritt.«
Lord Renly lachte.»Wir können uns glücklich schätzen, daß mein Bruder Stannis nicht unter uns ist. Erinnert Ihr Euch, wie er einst versuchte, die Bordelle zu ächten? Der König fragte ihn, ob er vielleicht gern auch das Essen, Scheißen und Atmen ächten wollte, wo er doch schon dabei wäre. Um die Wahrheit zu sagen, frage ich mich manchmal, wie Stannis je diese seine häßliche Tochter zustande gebracht hat. Er geht ins Ehebett wie ein Mann auf dem Weg ins Schlachtfeld, mit grimmigem Blick und wild entschlossen, seine Pflicht zu tun.«
Ned hatte in das Gelächter nicht eingestimmt.»Auch ich mache mir Gedanken um Euren Bruder Stannis. Ich frage mich, wann er beabsichtigt, seinen Besuch auf Dragonstone zu beenden und seinen Sitz im Rat wieder einzunehmen.«
«Zweifelsohne sobald wir alle Huren im Meer versenkt haben«, erwiderte Littlefinger und rief damit weiteres Gelächter hervor.
«Ich habe für heute sicher genug von Huren gehört«, sagte Ned, als er sich erhob.»Bis morgen früh.«
Harwin wachte an der Tür, als Ned zum Turm der Hand kam.»Ruft Jory in meine Gemächer, und sagt Eurem Vater, er soll mein Pferd satteln«, wies Ned ihn allzu brüsk an.»Wie Ihr wünscht, Mylord.«
Der Red Keep und das» Turnier der Hand «rieben ihn auf, dachte Ned, als er hinaufstieg. Er sehnte sich nach Trost in Catelyns Armen, nach dem Klirren der Schwerter, wenn Robb und Jon sich auf dem Hof miteinander maßen, nach den kühlen Tagen und den kalten Nächten des Nordens.
In seinen Gemächern legte er seine seidene Ratsherrenrobe ab und saß einen Augenblick mit dem Buch da, während er auf Jory wartete. Stammbaum und Historie der Großen Geschlechter aus den sieben Königslanden. Mit Beschreibungen zahlreicher Hoher Lords und Edler Ladies samt deren Kindern von Grand Maester Malleon. Pycelle hatte die Wahrheit gesagt, es war langweilige Lektüre. Dennoch hatte Jon Arryn darum gebeten, und Ned war sicher, daß er dafür seine Gründe gehabt hatte. Es war etwas daran, irgendeine Wahrheit stand in diesen mürben, vergilbten Seiten.
Kaum einer, der heute noch lebte, war geboren, als Malleon seine staubige Liste von Ehen, Geburten und Todesfällen aufgestellt hatte.
Ein weiteres Mal schlug er den Teil über das Haus Lannister auf und blätterte langsam in der Hoffnung darin, daß ihm etwas ins Auge springen würde. Die Lannisters waren eine alte Familie, die ihren Ursprung bis zu Lann, dem Listigen, einem Schwindler aus dem Zeitalter der Helden, zurückverfolgen konnten, der zweifellos nicht minder legendär als Bran, der Erbauer war, wenn auch bei Sängern und Geschichtenerzählern weitaus beliebter. In den Liedern war Lann der Mann, der die Casterlys ohne Waffen und nur mit seinem Verstand aus Casterly Rock lockte und der Sonne Gold stahl, um seinen Lockenkopf aufzuhellen. Ned wünschte, er hätte jetzt hier sein können, um diesem verdammten Buch die Wahrheit zu entlocken.
Lautes Klopfen an der Tür kündigte Jory Cassel an. Ned schloß Malleons Wälzer und bat ihn, einzutreten.»Ich habe der Stadtwache zwanzig meiner Gardisten versprochen, bis das Turnier vorüber ist«, erklärte er ihm.»Bei der Auswahl verlasse ich mich auf Euch. Gebt Alyn das Kommando und sorgt dafür, daß sich die Männer darüber im klaren sind, daß sie Streit beenden, nicht anzetteln sollen. «Ned erhob sich, öffnete eine Zederntruhe und nahm ein leichtes Unterhemd aus Leinen heraus.»Habt Ihr den Stalljungen gefunden?«
«Den Wachmann, Mylord«, sagte Jory.»Er schwört, daß er nie mehr ein Pferd anrührt.«»Was hatte er zu sagen?«
«Er behauptet, Lord Arryn gut gekannt zu haben. Dicke Freunde seien sie gewesen«, schnaubte Jory.»Die Hand habe den Burschen an ihren Namenstagen stets ein Kupferstück gegeben, sagt er. Konnte mit Pferden umgehen. Hat sie nie zu hart geritten und ihnen Karotten und Äpfel gebracht, so daß sie sich stets freuten, ihn zu sehen.«
«Karotten und Äpfel«, wiederholte Ned. Es klang, als wäre dieser Junge noch zu weniger nutze als die anderen. Und er war der letzte der vier, die Littlefinger aufgetrieben hatte. Jory hatte nacheinander mit jedem von ihnen gesprochen. Ser Hugh war schroff und wenig mitteilsam gewesen, arrogant wie nur ein frisch geschlagener Ritter sein konnte. Sollte Lord Eddard ihn sprechen wollen, würde er sich freuen, ihn zu empfangen, doch wolle er sich von einem einfachen Hauptmann der Garde nicht befragen lassen… selbst wenn besagter Hauptmann zehn Jahre älter und ein hundertmal besserer Schwertkämpfer war als er. Das Dienstmädchen war zumindest freundlich gewesen. Sie sagte, Lord Jon habe mehr gelesen, als gut für ihn war, und sei wegen der Anfälligkeit seines Sohnes voll Sorge und Schwermut und barsch gegenüber seiner Hohen Gattin gewesen. Der Schankkellner, inzwischen Schuhmacher, hatte nie ein Wort mit Lord Jon gewechselt, doch war er ein Füllhorn von Küchentratsch: Der Lord hatte Streit mit dem König, der Lord rührte sein Essen kaum an, der Lord schickte seinen Jungen als Mündel nach Dragonstone, der Lord entwickelte großes Interesse an der Zucht von Jagdhunden, der Lord hatte einen meisterlichen Waffenschmied aufgesucht, bei dem er eine neue Rüstung in Auftrag gab, aus mattem Silber gearbeitet, mit einem Falken aus blauem Jaspis und perlmuttenem Mond auf der Brust. Der Bruder des Königs war höchstpersönlich mitgegangen und hatte bei der Auswahl geholfen, so sagte der Kellner. Nein, nicht Lord Renly, der andere, Lord Stannis.