Das Schlammtor war offen, und ein Trupp von städtischen Wachmännern stand in goldenen Umhängen unter den Fallgittern und stützte sich auf Speere. Als sich eine Kolonne von Reitern von Westen her näherte, kam Bewegung in die Gardisten, und sie riefen Befehle und trieben die Karren und das Fußvolk beiseite, um den Ritter mit seiner Eskorte hereinzulassen. Der erste Reiter, der durchs Tor kam, trug ein langes, schwarzes Banner. Die Seide flatterte im Wind, als lebte sie. Auf dem Stoff war ein nächtlicher Himmel zu sehen, durch den ein roter Blitz zuckte.»Macht Platz für Lord Beric!«rief der Reiter.»Macht Platz für Lord Beric!«Und gleich hinter ihm kam der junge Lord persönlich, ein fescher Mann auf einem schwarzen Renner, mit rotgoldenem Haar und einem schwarzen, sternenübersäten Umhang.»Hier, um beim Turnier der Hand zu kämpfen, Mylord?«rief ein Gardist ihm zu.»Hier, um das Turnier der Hand zu gewinnen«, rief Lord Beric zurück, als die Menge jubelte.
Ned bog dort, wo die Straße begann, vom Platz ab und folgte ihrem verschlungenen Lauf einen langen Hügel hinauf, vorbei an Hufschmieden, die an offenen Öfen arbeiteten, fahrenden Rittern, die um Kettenhemden feilschten, und ergrauten Eisen war enhändlern, die alte Klingen und Rasiermesser von ihren Wagen aus verkauften. Je weiter sie hügelan ritten, desto größer wurden die Gebäude. Der Mann, zu dem sie wollten, wohnte ganz oben auf dem Hügel, in einem riesigen Haus aus Holz und Mörtel, dessen obere Geschosse über die schmale Gasse ragten. Auf der Doppeltür prangte eine Jagdszene, aus Ebenholz und Wehrholz geschnitzt. Ein paar steinerne Ritter standen am Eingang Wache, in schmucken Rüstungen aus poliertem, rotem Stahl, die sie in Greif und Einhorn verwandelten. Ned ließ sein Pferd bei Jacks und drängte sich hinein.
Die schlanke, junge Dienstmagd bemerkte Neds Amtsabzeichen und das Wappen auf dem Wams sogleich, und der Meister kam eilig hervor, lächelte und verneigte sich tief.»Wein für die Rechte Hand des Königs«, ließ er das Mädchen wissen und winkte Ned zu einer Liege.»Ich bin Tobho Mott, Mylord, bitte, bitte, macht es Euch bequem. «Er trug einen schwarzen Samtmantel, auf dessen Ärmel mit silbernem Faden Hämmer gestickt waren. Um seinen Hals hing eine schwere Silberkette mit einem Saphir, der so groß war wie ein Taubenei.»Wenn Ihr neue Waffen für das Turnier der Hand benötigt, seid Ihr zum rechten Haus gekommen. «Ned machte sich nicht die Mühe, ihn zu berichtigen.»Meine Arbeit ist kostspielig, und dafür will ich mich nicht entschuldigen, Mylord«, sagte er, während er zwei gleiche Silberkelche füllte.
«Nirgendwo in den Sieben Königslanden werdet Ihr Arbeiten wie die meine finden, das kann ich Euch versprechen. Besucht jede Schmiede in King's Landing, wenn Ihr wollt, und vergleicht selbst. Jeder Dorfschmied kann ein Kettenhemd anfertigen. Meine Arbeiten sind Kunstwerke.«
Ned nahm einen Schluck vom Wein und ließ den Mann erzählen. Der Ritter der Blumen kaufte alle seine Rüstungen hier, so prahlte Tobho, und viele hohe Herren, die sich mit feinem Stahl auskannten, selbst Lord Renly, der Bruder der Königin. Vielleicht hatte die Hand Lord Renlys neue Rüstung gesehen, die grüne mit dem goldenen Geweih? Kein anderer Waffenschmied in dieser Stadt bekam ein so dunkles Grün hin. Er kannte das Geheimnis, wie man die Tönung in den Stahl selbst einbrachte, Farbe oder Lack waren die Stützen eines guten Handwerkers. Oder vielleicht wünschte die Hand eine Klinge? Tobho hatte schon als Junge in den Schmieden von Qohor gelernt, valyrischen Stahl zu bearbeiten. Nur jemand, der den alten Zauber kannte, konnte alte Waffen nehmen und sie neu schmieden.»Der Schattenwolf war das Siegel der Familie Stark, nicht wahr? Ich könnte einen Helm in Form des Schattenwolfes herstellen, der so wirklich aussieht, daß die Kinder auf der Straße vor Euch weglaufen«, schwor er.
Ned lächelte.»Habt Ihr einen Falkenhelm für Lord Arryn hergestellt?«
Tobho Mott hielt einen Moment lang inne und stellte seinen Wein ab.»Die Hand hat mich besucht, gemeinsam mit Lord Stannis, dem Bruder der Königin. Leider muß ich sagen, hat sie mir nicht die Ehre eines Auftrags erwiesen.«
Ruhig sah Ned den Mann an, sagte nichts, wartete. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, daß Schweigen manchmal mehr erreichte als Fragen. Und so war es auch diesmal.
«Sie baten, den Jungen sehen zu dürfen«, sagte der Schmied,»also habe ich sie nach hinten in die Schmiede geführt.«
«Den Jungen«, wiederholte Ned. Er hatte keine Ahnung, wer dieser Junge sein mochte.»Auch ich würde den Jungen gern sehen.«
Tobho Mott betrachtete ihn mit kühlem, mißtrauischem Blick an.»Wie Ihr wünscht, Mylord«, sagte er und war keineswegs mehr so freundlich wie gerade noch. Er führte Ned durch eine Hintertür und über einen schmalen Hof nach hinten in den grottenartigen Steinschuppen, wo die Arbeiten ausgeführt wurden. Als der Waffenschmied die Tür öffnete, schien es Ned, als käme er in einen Drachenschlund. Drinnen glühte in jeder Ecke ein Ofen, und die Luft stank nach Rauch und Schwefel. Schmiede blickten gerade so lange von ihren Hämmern und Zangen auf, daß sie sich den Schweiß von der Stirn wischen konnten, während barbrüstige Lehrlinge die Blasebalge betätigten.
Der Meister rief einen hochgewachsenen Burschen in Robbs Alter herüber, dessen Arme und Brust muskelbepackt waren.»Das ist Lord Stark, die neue Rechte Hand des Königs«, erklärte er ihm, während der Junge Ned aus trüben, blauen Augen ansah und schweißnasses Haar mit den Fingern zurückstrich. Volles Haar, zottig und zerzaust und schwarz wie Tinte. Der Schatten eines Bartes verdunkelte sein Kinn.»Das ist Gendry. Kräftig für sein Alter, und er arbeitet hart. Zeig der Hand den Helm, den du gemacht hast, Junge. «Fast scheu führte der Junge sie zu seiner Werkbank und einem stählernen Helm in der Form eines Bullenschädels mit zwei großen, gebogenen Hörnern.
Ned drehte den Helm mit seinen Händen herum. Er war aus grobem Stahl, unpoliert, doch ausgezeichnet geformt.»Das ist hervorragende Arbeit. Ich würde mich freuen, wenn ich ihn kaufen dürfte.«
Der Junge riß ihm den Helm aus der Hand.»Er ist nicht verkäuflich.«
Tobho Mott war vor Entsetzen starr.»Junge, das ist die Rechte Hand des Königs. Wenn Seine Lordschaft diesen Helm möchte, wirst du ihn verschenken. Er macht dir die Ehre, dich zu fragen.«»Ich habe ihn für mich gemacht«, beharrte der Junge stur.»Ich bitte hundertmal um Verzeihung, Mylord«, wandte sich der Meister eilig an Ned.»Der Junge ist ungeschlacht wie neuer Stahl, und wie neuer Stahl würden auch ihm einige Schläge guttun. Dieser Helm ist bestenfalls Handwerkskunst. Verzeiht ihm, und ich verspreche, daß ich Euch einen Helm schmiede, wie Ihr ihn noch nie gesehen habt.«
«Er hat nichts getan, wofür ich ihm verzeihen müßte. Gendry, als Lord Arryn bei dir war, worüber habt ihr gesprochen?«»Er hat mir nur ein paar Fragen gestellt, M'lord.«»Fragen welcher Art?«
Der Junge zuckte mit den Achseln.»Wie es mir ginge und ob ich gut behandelt würde und ob mir die Arbeit gefiele und Dinge über meine Mutter. Wer sie war und wie sie aussah und so was.«
«Was hast du ihnen erzählt?«
Der Junge schob eine Locke von schwarzem Haar aus seiner Stirn.»Sie starb, als ich klein war. Sie hatte gelbes Haar, und manchmal hat sie mir etwas vorgesungen, daran erinnere ich mich noch. Sie hat in einer Bierschenke gearbeitet.«
«Hat auch Lord Stannis dir Fragen gestellt?«
«Der Kahle? Nein, der nicht. Der hat die ganze Zeit kein Wort gesagt, hat mich nur finster angesehen, als wäre ich ein Vergewaltiger, der sich an seiner Tochter vergangen hätte.«
«Achte auf deine unflätigen Worte«, sagte der Meister.»Vor dir steht die Hand des Königs. «Der Junge senkte den Blick.»Ein kluger Junge, aber halsstarrig. Dieser Helm… die anderen nennen ihn stur wie ein Ochse, also hat er ihnen das Ding vor den Wanst geknallt.«