Ihr die Mahlzeiten nicht versäumen könnt, doch gibt es einige, denen es dort zu laut ist. Kann es nicht ändern. Wir sind voll bis unters Dach, oder zumindest so gut wie. Ihr habt die Wahclass="underline" diese Zimmer oder die Straße.«
Sie wählten die Zimmer, staubige Mansarden am obersten Ende einer engen, schmalen Treppe.»Laßt Eure Stiefel hier unten«, erklärte ihnen Masha, nachdem sie ihr Geld bekommen hatte.»Der Junge wird sie putzen. Ich möchte nicht, daß ihr den Schlamm meine Treppe hinauftragt. Achtet auf die Glocke. Wer sich bei den Mahlzeiten verspätet, bekommt nichts zu essen. «Sie widmete ihnen weder ein Lächeln noch ein Wort von süßen Kuchen.
Als die Glocke zum Abendessen rief, war das Läuten ohrenbetäubend. Catelyn hatte sich trockene Kleider angezogen. Sie saß am Fenster und sah sich an, wie der Regen über die Scheibe lief. Das Glas war milchig und voller Blasen, und draußen sank die feuchte Dämmerung herab. Catelyn konnte die schlammige Kreuzung kaum erkennen, wo sich die beiden großen Straßen trafen.
Der Kreuzweg gab ihr zu denken. Wenn sie sich von hier aus gen Westen wandten, war es ein leichter Ritt nach Riverrun. Ihr Vater hatte stets einen weisen Rat für sie bereit, wenn sie ihn am dringendsten brauchte, und sie sehnte sich danach, mit ihm zu sprechen, ihn vor dem aufkommenden Sturm zu warnen. Wenn sich Winterfell für einen Krieg bereit machen mußte, um wie vieles mehr galt das dann für Riverrun, welches King's Landing so viel näher lag und in dessen Westen die Macht von Casterly Rock wie ein Schatten aufragte. Wäre ihr Vater nur mehr bei Kräften gewesen, hätte sie es vielleicht gewagt, doch Hoster Tully hütete seit zwei Jahren das Bett, und Catelyn wollte ihn ungern belasten.
Die Straße nach Osten hin war wilder und gefährlicher, führte durch felsiges Vorgebirge und dichte Wälder in die Mondberge hinauf, über hochgelegene Pässe und tiefe
Schluchten ins Grüne Tal von Arryn und zu den steinernen Fingern jenseits davon. Über dem Tal ragte hoch und uneinnehmbar die Eyrie auf, deren Türme nach dem Himmel griffen. Dort würde er ihre Schwester finden… und vielleicht einige der Antworten, nach denen Ned suchte. Sicher wußte Lysa mehr, als sie in ihrem Brief zu erwähnen gewagt hatte. Vielleicht hatte sie genau den Beweis, den Ned brauchte, um die Lannisters zu ruinieren, und falls es zum Krieg käme, würden sie die Arryns und die Lords des Ostens, die ihnen ihre Dienste schuldeten, brauchen.
Doch war die Bergstraße voller Gefahren. Schattenkatzen lauerten auf diesen Pässen, Erdrutsche waren alltäglich, und die Bergstämme waren gesetzlose Banditen, die von den Hochlagen herunterstiegen, um zu rauben und zu töten, und sich wie Schnee verflüchtigten, sobald sich die Ritter aus dem Tal auf die Suche nach ihnen machten. Selbst Jon Arryn, der größte Lord, den die Eyrie je gesehen hatte, war stets mit Truppenstärke gereist, wenn er die Berge überquerte. Catelyns ganzer Trupp war ein ältlicher Ritter, und dessen Rüstung war die Treue.
Nein, dachte sie, Riverrun und die Eyrie würden warten müssen. Ihr Weg führte gen Norden nach Winterfell, wo ihre Söhne und ihre Pflicht schon auf sie warteten. Sobald sie jenseits des Necks in Sicherheit waren, würde sie sich einem von Neds Vasallen erklären und Reiter mit dem Befehl vorausschicken, daß sie eine Wache auf der Kingsroad aufstellten.
Der Regen verhüllte die Felder jenseits des Kreuzwegs, doch sah Catelyn das Land in ihrer Erinnerung ganz klar. Der Marktplatz lag gleich auf der anderen Seite und das Dorf noch eine Meile weiter, ein halbes Hundert weißer Katen um eine kleine, steinerne Septe herum. Mittlerweile wären es mehr, denn der Sommer war lang und friedlich gewesen. Nördlich von hier führte die Kingsroad am Grünen Arm des Trident entlang, durch fruchtbare Täler und grüne Wälder, an blühenden Dörfern, stabilen Fluchtburgen und den Festungen der Flußlords vorüber.
Catelyn kannte sie alle: die Blackwoods und die Brackens, von jeher Feinde, deren Streitigkeiten ihr Vater stets beilegen mußte; Lady Whent, die letzte ihres Geschlechts, die mit ihren Geistern in den Gewölben von Harrnhal lebte; der jähzornige Lord Frey, der sieben Frauen überlebt hatte und seine Zwillingsburgen mit Kindern, Enkeln und Großenkeln füllte, dazu Bastarde und Bastardenkel. Sie alle waren Vasallen der Tullys, deren Schwerter auf den Dienst für Riverrun eingeschworen waren. Catelyn fragte sich, ob das wohl genügte, falls es zum Krieg käme. Ihr Vater war der zuverlässigste Mensch, der je gelebt hatte, und sie hegte keinerlei Zweifel daran, daß er seine Vasallen rufen würde… doch würden seine Vasallen auch kommen? Auch die Darrys und Rygers und Mootons hatten den Eid auf Riverrun abgelegt, und dennoch hatten sie am Trident an der Seite von Rhaegar Targaryen gekämpft, während Lord Frey mit seinem Aufgebot erst eintraf, als die Schlacht schon längst vorüber war, wobei er einigen Zweifel daran ließ, welcher Armee er sich hatte anschließen wollen (ihrer, so hatte er den Siegern im nachhinein feierlich erklärt, doch seither hatte ihr Vater ihn stets den Späten Lord Frey genannt). Es durfte nicht zum Krieg kommen, dachte Catelyn leidenschaftlich. Sie durften es nicht zulassen.
Ser Rodrik erschien, als das Schmettern der Glocke nachließ.»Wir sollten uns besser sputen, wenn wir heute abend speisen wollen, Mylady.«
«Es dürfte sicherer sein, wenn wir bis hinter dem Neck nicht Ritter und Lady sind«, erklärte sie ihm.»Gewöhnliche Reisende erregen weniger Aufmerksamkeit. Sagen wir: ein Vater mit seiner Tochter, die wegen einer Familienangelegenheit unterwegs sind.«
«Wie Ihr wünscht, Mylady«, stimmte Ser Rodrick ihr zu. Erst als sie lachte, merkte er, was er getan hatte.»Die alten Umgangsformen sterben nur schwerlich, meine… meine Tochter. «Er wollte an seinem fehlenden Backenbart zupfen und seufzte ärgerlich.
Catelyn nahm ihn beim Arm.»Kommt, Vater«, sagte sie.»Ihr werdet sehen: Masha Heddle versteht es, einen Tisch zu decken, wie ich finde, doch versucht, sie nicht allzusehr zu loben. Ihr Lächeln werdet Ihr nicht ernstlich sehen wollen.«
Der Schankraum war lang und zugig, mit einer Reihe mächtiger Holzfässer an einem Ende und einem Kamin an der anderen. Ein Servierjunge lief mit Fleischspießen hin und her, während Masha Bier aus den Fässern zapfte und dabei ihr Bitterblatt kaute.
Die Bänke waren voll besetzt, Dörfler und Bauern mischten sich mit allerlei Reisenden. Der Kreuzweg schuf seltsame Bekanntschaften. Färber mit schwarzen und roten Händen teilten die Bank mit nach Fisch stinkenden Flußbewohnern, ein muskulöser Schmied quetschte sich neben einen verhutzelten, alten Septon, zähe Söldner und weiche, feiste Kaufleute tauschten Neuigkeiten wie alte, lustige Kumpane.
Unter den Anwesenden fanden sich mehr Recken, als es Catelyn recht sein konnte. Drei am Feuer trugen das Abzeichen mit dem roten Hengst der Brackens, und es gab auch eine große Gruppe in blauen Kettenhemden mit Hauben von silbrigem Grau. Auf deren Schultern fand sich ein weiteres, vertrautes Wappen; die Zwillingstürme des Hauses Frey. Sie betrachtete ihre Gesichter, doch sie alle waren zu jung, um sie kennen zu können. Der älteste von ihnen konnte nicht älter als Bran gewesen sein, als sie in den Norden gegangen war.
Ser Rodrik suchte ihnen einen freien Platz auf der Bank nahe der Küche. Ihnen gegenüber spielte ein hübscher Jüngling auf seiner Holzharfe.»Sieben Grüße an Euch, liebe Leute«, sagte er, als sie sich setzten. Ein leerer Weinbecher stand vor ihm auf dem Tisch.
«Und auch Euch, Sänger«, erwiderte Catelyn. Ser Rodrik rief nach Brot und Fleisch und Bier in einem Ton, der sofort bedeutete. Der Sänger, ein Jüngling von wohl achtzehn Jahren, musterte sie unverhohlen und fragte, wohin sie reisten und woher sie kämen und was sie Neues zu berichten hätten, wobei er die Fragen schnell wie Pfeile fliegen ließ und nie auf eine Antwort wartete.»Wir haben King's Landing vor zwei Wochen verlassen«, gab Catelyn zurück und beantwortete die sicherste seiner Fragen.