Jeyne Poole weinte derart hysterisch, daß Septa Mordane sie schließlich fortbrachte, damit sie ihre Fassung wiederfand, doch Sansa saß mit gefalteten Händen auf ihrem Schoß da und sah wie gebannt zu. Nie zuvor hatte sie gesehen, wie ein Mensch starb. Auch sie hätte weinen sollen, so dachte sie, doch wollten die Tränen nicht kommen. Vielleicht hatte sie alle Tränen für Lady und Bran verbraucht. Es wäre anders gewesen, wenn es sich um Jory oder Ser Rodrik oder Vater gehandelt hätte, sagte sie sich. Der junge Ritter mit dem blauen Umhang bedeutete ihr nichts, irgendein Fremder aus dem Tal von Arryn, dessen Name ihr entfallen war, sobald sie ihn gehört hatte. Und nun würde auch die Welt seinen Namen vergessen, soviel war Sansa klar, man würde keine Lieder von ihm singen. Das war traurig.
Nachdem man die Leiche fortgeschafft hatte, rannte ein Junge mit einem Spaten über den Platz und schaufelte Erde auf die Stelle, wo er gestürzt war, um das Blut zu verdecken. Dann wurde das Turnier wieder aufgenommen.
Auch Ser Balon Swann unterlag Gregor, und Lord Renly unterlag dem Bluthund. Renly wurde derart heftig aus dem Sattel gerissen, daß er rückwärts von seinem Streitroß zu fliegen schien, mit beiden Händen in der Luft. Sein Kopf schlug mit hörbarem Knacken auf, das die Menge aufstöhnen ließ, doch brach nur das goldene Geweih an seinem Helm. Eine Sprosse war gebrochen. Als Lord Renly wieder auf die Beine kam, jubelte das Volk ihm zu, denn König Roberts ansehnlicher, junger Bruder war einer der Favoriten. Er reichte seinem Bezwinger die gebrochene Sprosse mit anmutiger Verbeugung. Der Bluthund schnaubte und warf das Geweihstück in die Menge, wo sich das gemeine Volk um das kleine Stückchen Gold stritt und schlug, bis Lord Renly dazwischentrat und den Frieden wiederherstellte. Mittlerweile war Septa Mordane allein zurückgekehrt. Jeyne fühlte sich nicht wohl, wie sie erklärte. Sie hatte sie in die Burg zurückgebracht. Sansa hatte Jeyne schon fast vergessen.
Später fiel ein unbekannter Ritter mit kariertem Umhang in Ungnade, als er Beric Dondarrions Pferd tötete, woraufhin er aus dem Turnier genommen wurde. Lord Beric hob seinen Sattel auf ein neues Pferd, nur um sofort von Thoros von Myr herabgestoßen zu werden. Ser Aron Santagar und Lothor Brune ritten dreimal ergebnislos gegeneinander. Danach fiel Ser Aron durch Lord Jason Mallister, und Brune fiel durch Yohn Royces jüngeren Sohn Robar.
Am Ende blieben noch vier: der Bluthund und sein monströser Bruder Gregor, Jaime Lannister der Königsmörder, und Ser Loras Tyrell, der Jüngling, den man den Ritter der Blumen nannte.
Ser Loras war der jüngste Sohn von Mace Tyrell, dem Lord von Highgarden und Wächter des Südens. Mit sechzehn war er der jüngste Reiter auf dem Platz, doch hatte er am Morgen bei seinen ersten Kämpfen drei Ritter der Königsgarde aus dem Sattel gehoben. Nie zuvor hatte Sansa einen so schönen Mann gesehen. Seine Rüstung war kunstvoll verziert und als Strauß von tausend verschiedenen Blumen bemalt, und sein schneeweißer Hengst war mit einer Decke aus roten und weißen Rosen behängt. Nach jedem Sieg nahm Ser Loras seinen Helm ab, ritt langsam am Zaun entlang, zupfte eine einzelne weiße Rose aus der Decke und warf sie einer schönen Maid in der Menge zu.
Sein letzter Kampf des Tages ging gegen den jüngeren Royce. Die Runen von Ser Robars Vorvätern boten nur wenig Schutz, als Ser Loras seinen Schild spaltete und ihn aus dem Sattel trieb, daß er mit schrecklichem Krachen zu Boden stürzte. Stöhnend lag Robar da, als der Sieger seine Runde um den Platz drehte. Schließlich rief man nach einer Trage und trug ihn, benommen und reglos, in sein Zelt. Nichts von alledem sah Sansa. Sie hatte nur Augen für Ser Loras. Als das weiße Pferd vor ihr stehenblieb, glaubte sie, das Herz solle ihr übergehen.
Den anderen Jungfern hatte er weiße Rosen gegeben, doch für sie pflückte er eine rote.»Holde Jungfer«, sagte er,»kein Sieg ist auch nur halb so schön wie Ihr. «Schüchtern nahm Sansa die Blume entgegen, sprachlos ob seiner Galanterie. Sein Haar war eine Pracht fließender, brauner Locken, die Augen waren flüssiges Gold. Sie atmete den süßen Duft der Rose ein, saß da und drückte sie noch an sich, nachdem Ser Loras schon lange fortgeritten war.
Als Sansa endlich aufblickte, beugte sich ein Mann über sie und starrte sie an. Er war klein, mit spitzem Bart und einer Silbersträhne im Haar, fast so alt wie ihr Vater.»Ihr müßt eine ihrer Töchter sein«, sagte er zu ihr. Er hatte graugrüne Augen, die nicht lächelten, wenn sein Mund es tat.»Ihr seht aus wie eine Tully.«
«Ich bin Sansa Stark«, erwiderte sie beklommen. Der Mann trug einen schweren Umhang mit pelzbesetztem Kragen, befestigt mit einer silbernen Nachtigall, er hatte die unangestrengte Art und Weise eines hohen Herrn an sich, und doch kannte sie ihn nicht.»Ich hatte noch nicht die Ehre, Mylord.«
Eilig mischte sich Septa Mordane ein.»Liebes Kind, das ist Lord Petyr Baelish aus dem Kleinen Rat des Königs.«
«Eure Mutter war einst meine Schönheitskönigin«, gestand der Mann leise. Sein Atem roch nach Minze.»Ihr habt ihr Haar. «Seine Finger berührten ihre Wange, als er über eine kastanienbraune Locke strich. Jäh wandte er sich ab und ging davon. Inzwischen stand der Mond hoch am Himmel, und die Menge war müde, so daß der König erklärte, die drei letzten Kämpfe sollten am Morgen ausgetragen werden, vor dem Buhurt, einem ritterlichen Spiel, bei dem die Edlen sich in Gruppen miteinander maßen, einem regelrechten Handgemenge. Während das gemeine Volk nach Hause ging, von den Kämpfen des Tages sprach und dem Rest des Turniers, das am Morgen stattfinden sollte, zog sich der Hof ans Ufer zurück und begann das Festmahl. Drei mächtige Auerochsen wurden seit Stunden gegrillt und drehten sich langsam auf Holzspießen, während Küchenjungen sie mit Butter und Krautern begossen, bis das Fleisch knisterte und spritzte. Vor den Zelten standen Bänke und Tische mit Bergen von Erdbeeren und frischgebackenem Brot.
Sansa und Septa Mordane bekamen Plätze von hohen Ehren, zur Linken des erhöhten Podiums, auf dem der König neben seiner Königin saß. Als Prinz Joffrey sich zu ihrer Rechten setzte, spürte Sansa, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. Kein Wort hatte er zu ihr gesagt, seit diese schreckliche Sache geschehen war, und sie hatte nicht gewagt, ihn anzusprechen. Anfangs glaubte sie, ihn für das, was sie Lady angetan hatten, zu hassen, doch nachdem die Tränen getrocknet waren, dachte sie bei sich, es sei nicht Joffreys Werk gewesen, nicht wirklich.
Die Königin hatte es getan, sie war die Hassenswerte, sie und Arya. Wäre Arya nicht gewesen, wäre auch nichts Schlimmes geschehen.
Sie konnte Joffrey heute abend nicht hassen. Dafür war er zu hübsch. Er trug ein dunkelblaues Wams, besetzt mit einer Doppelreihe von goldenen Löwenköpfen, und um seine Stirn eine schmale, kleine Krone aus Gold, mit Saphiren besetzt. Sein Haar war so hell wie das Metall. Sansa sah ihn an und zitterte, fürchtete, er könne sie mißachten, wieder so abscheulich werden, daß sie weinend vom Tisch liefe.
Statt dessen lächelte Joffrey und küßte ihre Hand, edel und galant wie die Prinzen in den Liedern.»Ser Loras hat ein scharfes Auge für Schönheit, holde Jungfer.«
«Er war allzu freundlich«, wandte sie ein, um bescheiden zu bleiben und die Ruhe zu bewahren, obwohl ihr Herz vor Freude sang.»Ser Loras ist ein wahrer Ritter. Glaubt Ihr, daß er morgen gewinnen wird, Mylord?«
«Nein«, sagte Joffrey.»Mein Hund wird ihn erledigen, oder vielleicht mein Onkel Jaime. Und in ein paar Jahren, wenn ich alt genug bin, auf dem Platz zu stehen, werde ich sie allesamt erledigen. «Er hob eine Hand, um einen Diener mit einer Flasche gekühltem Sommerwein zu rufen, und schenkte ihr einen Becher voll. Ängstlich blickte sie zu Septa Mordane hinüber, bis Joffrey sich vorbeugte und auch den Becher der Septa füllte, so daß sie nickte, ihm anmutig dankte und kein Wort mehr sagte.