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Die Diener sorgten dafür, daß die Becher den ganzen Abend über voll waren, doch konnte sich Sansa später nicht erinnern, den Wein auch nur gekostet zu haben. Sie brauchte keinen Wein. Sie war trunken von den Bildern dieser Nacht, benommen vom Zauber, mitgerissen von Schönheit, die sie sich stets erträumt, doch nie gehofft hatte, sie je zu erleben. Sänger saßen vor dem Zelt des Königs, erfüllten die

Dämmerung mit Musik. Ein Jongleur sorgte für eine Kaskade brennender Keulen, die durch die Luft wirbelten. Der Narr des Königs, ein Pfannkuchengesichtiger Einfaltspinsel namens Moon Boy, tanzte im Narrenkleid auf Stelzen und verhöhnte jedermann mit derart gewandter Grausamkeit, daß Sansa sich schon fragte, ob er tatsächlich einfältig war. Selbst Septa Mordane konnte sich seiner nicht erwehren, und als er sein kleines Lied über den Hohen Septon sang, mußte sie so sehr lachen, daß sie Wein über sich vergoß.

Und Joffrey war die Höflichkeit in Person. Den ganzen Abend über unterhielt er sich mit Sansa, überhäufte sie mit Komplimenten, brachte sie zum Lachen, verriet ihr manches vom Klatsch und Tratsch bei Hofe, erklärte Moon Boys Scherze. Sansa war davon so bezaubert, daß sie allen Anstand vergaß und Septa Mordane, die zu ihrer Linken saß, gar nicht beachtete.

Währenddessen kamen und gingen die Gänge. Eine dicke Suppe aus Gerste und Wildbret. Salate aus süßem Gras und Spinat und Pflaumen, mit geraspelten Nüssen bestreut. Schnecken in Honig und Knoblauch. Sansa hatte noch nie vorher Schnecken gegessen. Joffrey zeigte ihr, wie man die Schnecke aus ihrem Haus bekam, und fütterte sie höchstpersönlich mit dem ersten süßen Bissen. Dann gab es Forelle, frisch aus dem Fluß, in Tonerde gebacken. Der Prinz half ihr, die harte Hülle aufzubrechen, um an das flockige, weiße Fleisch darunter zu kommen. Und als der Fleischgang gebracht wurde, bediente er sie selbst, schnitt eine königliche Portion vom Braten und lächelte, als er diese auf ihren Teller legte. An seinen Bewegungen konnte sie sehen, daß sein rechter Arm ihm noch immer Schwierigkeiten bereitete, doch beklagte er sich nicht.

Später gab es Bries und Taubenpastete und Bratäpfel mit Zimt und Zitronenkuchen mit Zuckerguß, doch da war Sansa mittlerweile so satt, daß sie nicht mehr als zwei kleine

Zitronenkuchen schaffte, sosehr sie diese auch liebte. Schon überlegte sie, ob sie es noch mit einem dritten versuchen sollte, als der König zu schreien begann.

Mit jedem Gang war König Robert lauter geworden. Von Zeit zu Zeit hatte Sansa gehört, wie er lachte oder einen Befehl über die Musik und das Klappern von Tellern und Besteck hinweg brüllte, doch waren sie zu weit von ihm entfernt, als daß sie seine Worte hätte verstehen können.

Nun konnte jedermann ihn hören.»Nein«, donnerte er mit einer Stimme, die alle anderen Gespräche erstickte. Erschrocken sah Sansa, daß der König auf den Beinen war, rot im Gesicht und wankend. Er hielt einen Weinkelch in der Hand und war so betrunken, wie man es nur sein konnte.»Du sagst mir nicht, was ich zu tun habe, Frau«, schrie er Königin Cersei an.»Ich bin hier der König, hast du mich verstanden? Hier herrsche ich, und wenn ich sage, daß ich morgen kämpfe, dann kämpfe ich morgen!«Alle starrten zu ihm hinauf. Sansa sah Ser Barristan und Renly, den Bruder des Königs, und den kleinen Mann, der so seltsam zu ihr gesprochen und ihr Haar berührt hatte, doch niemand rührte sich, um einzugreifen. Das Gesicht der Königin war eine Maske, so blutleer, daß sie eine Skulptur aus Schnee hätte sein können. Sie erhob sich vom Tisch, sammelte ihre Röcke um sich und stürmte wortlos davon, mit ihrer Dienerschaft im Schlepptau.

Jaime Lannister legte dem König eine Hand auf die Schulter, doch der König stieß ihn harsch von sich. Lannister stolperte und fiel. Der König brach in schallendes Gelächter aus.»Der große Ritter. Ich kann Euch noch immer in den Dreck stoßen. Vergeßt das nicht, Königsmörder. «Er schlug sich mit dem juwelenbesetzten Kelch an die Brust und verspritzte den Wein auf seinem seidenen Gewand.»Gebt mir meinen Hammer, und kein Mann im ganzen Reich kann gegen mich bestehen!«

Jaime Lannister stand auf und bürstete den Schmutz von seinen Kleidern.»Ganz wie Ihr meint, Majestät. «Seine

Stimme klang gepreßt.

Lord Renly trat lächelnd vor.»Du hast deinen Wein verschüttet, Robert. Laß mich dir einen neuen Kelch bringen.«

Sansa zuckte zusammen, als Joffrey seine Hand auf ihren Arm legte.»Es wird spät«, sagte der Prinz. Er hatte einen sonderbaren Ausdruck im Gesicht, als sähe er sie gar nicht.»Braucht Ihr Begleitung zurück zur Burg?«

«Nein«, setzte Sansa an. Sie sah nach Septa Mordane und fand sie zu ihrem Erstaunen mit dem Kopf auf der Tischplatte, leise und damenhaft schnarchend.»Ich wollte sagen… ja, vielen Dank, das wäre sehr freundlich. Ich bin müde, und der Weg ist so dunkel. Für etwas Schutz wäre ich dankbar.«

Joffrey rief:»Hund!«

Sandor Clegane schien geradewegs aus dem Dunkel der Nacht zu erstehen, so schnell war er da. Er hatte seine Rüstung gegen ein rotes Wollgewand mit ledernem Hundekopf vorn auf der Brust getauscht. Das Licht der Fackeln ließ sein verbranntes Gesicht in trübem Rot aufleuchten.»Ja, Majestät?«sagte er.

«Bringt meine Verlobte auf die Burg zurück und sorgt dafür, daß ihr kein Leid getan wird«, erklärte der Prinz ihm barsch. Und ohne jedes Abschiedswort schritt Joffrey davon und ließ sie stehen.

Sansa fühlte, daß der Bluthund sie beobachtete.»Dachtet Ihr, Joff würde Euch persönlich geleiten?«Er lachte. Es klang, als knurrten Hunde im Zwinger.»Die Chancen stehen schlecht. «Er zog sie widerstandslos auf die Beine.»Kommt, Ihr seid nicht die einzige, die Schlaf braucht. Ich habe zuviel getrunken, und morgen werde ich wohl meinen Bruder töten müssen. «Wieder lachte er.

Von plötzlicher Angst ergriffen stieß Sansa Septa Mordane an die Schulter, in der Hoffnung, sie damit zu wecken, doch die schnarchte nur noch lauter. König Robert war davongewankt, und plötzlich stand die Hälfte aller Bänke leer. Das Festmahl war beendet, und mit ihm hatte auch der schöne Traum sein Ende gefunden.

Der Bluthund nahm sich eine Fackel, um ihnen damit den Weg zu leuchten. Sansa folgte ihm auf dem Fuße. Der Boden war felsig und uneben. Im flackernden Licht schien er sich unter ihren Füßen zu bewegen und zu verschieben. Sie hielt ihren Blick gesenkt, achtete darauf, wohin sie trat. Sie gingen zwischen den Zelten, jedes davon mit seinem eigenen Banner, die Rüstung davor aufgehängt, und die Stille wog mit jedem Schritt nur schwerer. Sansa konnte seinen Anblick nicht ertragen, so sehr machte er ihr angst, doch war sie in aller Form zur Höflichkeit erzogen. Eine wahre Lady würde sein Gesicht nicht bemerken, so sagte sie sich selbst.»Ihr seid heute stattlich geritten, Ser Sandor«, brachte sie hervor.

Sandor Clegane knurrte sie an:»Erspare mir deine leeren Komplimente, Mädchen… und dein Ser. Ich bin kein Ritter. Ich spucke auf die und deren Schwüre. Mein Bruder ist ein Ritter. Hast du den heute reiten gesehen?«

«Ja«, flüsterte Sansa zitternd.»Er war…«»Stattlich?«beendete der Bluthund ihren Satz. Er spottete, das merkte sie.»Niemand war ihm gewachsen«, brachte sie endlich hervor, stolz auf sich. Es war nicht gelogen. Urplötzlich machte Sandor Clegane mitten auf einem dunklen und leeren Feld halt. Sie konnte nur neben ihm stehenbleiben.»Irgendeine Septa hat dich gut abgerichtet. Du bist wie einer von diesen Vögeln von den Summer Isles, was? Ein hübscher, kleiner, sprechender Vogel, der all die hübschen, kleinen Worte wiederholt, die man ihm beigebracht hat.«

«Das ist nicht nett. «Sansa spürte, wie das Herz in ihrer Brust zu flattern begann.»Ihr macht mir angst. Ich möchte gehen.«

«Niemand war ihm gewachsen«, schnarrte der Bluthund.

«Das ist wohl wahr. Niemand war Gregor je gewachsen. Dieser Junge heute, sein zweiter Gegner, oh, das war eine hübsche Angelegenheit. Das hast du doch gesehen, nicht? Der dumme Junge hatte hier nichts zu suchen. Kein Geld, kein Knappe, keiner, der ihm in die Rüstung half. Diese Halsberge war nicht ordentlich befestigt. Meinst du, Gregor hätte das nicht bemerkt? Du meinst, Ser Gregors Lanze sei versehentlich hochgerutscht, nicht? Hübsches, kleines, sprechendes Mädchen, wenn du das glaubst, dann bist du wahrlich hirnlos wie ein Vogel. Gregors Lanze trifft dort, wo Gregor treffen will. Sieh mich an. Sieh mich an!«Sandor Clegane setzte seine riesige Hand unter ihr Kinn und zwang ihr Gesicht nach oben. Er kauerte vor ihr und brachte die Fackel näher heran.»Hier ist was Hübsches für dich. Sieh es dir gut und lange an. Du weißt, daß du es möchtest. Ich habe gesehen, wie du dich auf dem ganzen Weg die Kingsroad hinunter abgewandt hast. Sieh es dir nur an.«