Der Bluthund fiel auf ein Knie. Ser Gregors Hieb schnitt durch die Luft, und endlich kam er wieder zu Sinnen. Er ließ sein Schwert sinken und funkelte Robert an, umzingelt von der Königsgarde und einem Dutzend weiterer Ritter und Gardisten. Wortlos wandte er sich ab und stapfte davon, stieß Barristan Selmy beiseite.»Laß ihn gehen«, sagte Robert, und schon war alles vorüber.
«Ist der Bluthund jetzt der Sieger?«fragte Sansa Ned.
«Nein«, erklärte er.»Es wird noch einen letzten Kampf geben, zwischen dem Bluthund und dem Ritter der Blumen.«
Doch sollte Sansa recht behalten. Einige Augenblicke später kam Loras Tyrell wieder auf den Platz, in einem schlichten
Leinenwams, und sprach zu Sandor Clegane:»Ich schulde Euch mein Leben. Der Tag ist Euer, Ser.«
«Ich bin kein Ser«, erwiderte der Bluthund, doch nahm er den Sieg an, ebenso die Siegerbörse und, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, die Liebe des gemeinen Volkes. Sie jubelten ihm zu, als er vom Platz ging, um sich in sein Zelt zurückzuziehen.
Als Ned mit Sansa zum Feld der Bogenschützen ging, schlossen sich Littlefinger, Lord Renly und einige andere ihnen an.»Tyrell muß gewußt haben, daß die Stute rossig war«, vermutete Littlefinger.»Ich wette, daß der Junge die ganze Sache geplant hat. Gregor hatte von jeher eine Vorliebe für große, übellaunige Hengste mit mehr Mut als Verstand. «Die Vorstellung schien ihn zu amüsieren.
Sie amüsierte Ser Barristan Selmy keineswegs.»Es liegt nur wenig Ehre in solchen Tricks«, sagte der alte Mann steif.
«Wenig Ehre und zwanzigtausend Goldstücke«, lächelte Lord Renly.
Am Nachmittag gewann ein Knabe namens Anguy, ein unbekannter Jüngling aus den Dornischen Marschen, das Bogenschießen, indem er auf hundert Schritte besser als Ser Balon Swann und Jalabhar Xho traf, nachdem alle anderen Schützen auf geringeren Distanzen ausgeschieden waren. Ned schickte Alyn, der ihn suchen und ihm eine Stellung in der Garde der Hand anbieten sollte, doch war der Junge so übervoll von Wein und Sieg und nie gekanntem Reichtum, daß er ablehnte.
Der Buhurt dauerte drei Stunden. Fast vierzig Männer nahmen teil, Edelfreie, unbedeutende Ritter und frisch ernannte Knappen, die sich ihren Ruf erwerben wollten. Sie fochten mit stumpfen Waffen in einem Tumult von Schlamm und Blut, kleine Trupps kämpften gemeinsam und wandten sich dann gegeneinander, während sich Bündnisse bildeten und zerbrachen, bis nur noch ein Mann stand. Sieger war der rote Priester Thoros von Myr, ein Wahnsinniger, der sich den Kopf rasiert hatte und mit einem flammenden Schwert kämpfte. Schon früher hatte er Buhurts gewonnen, da das Feuerschwert die Pferde der anderen erschreckte, und Thoros selbst war durch nichts zu schrecken. Am Ende gab es drei gebrochene Gliedmaßen, ein zertrümmertes Schlüsselbein, ein Dutzend gequetschte Finger, zwei Pferde, die eingeschläfert werden mußten, und mehr Schnitte, Stauchungen und Prellungen, als irgendwer zu zählen bereit war. Ned war hoch zufrieden, daß Robert nicht teilgenommen hatte.
Am Abend beim Festmahl war Eddard Stark hoffnungsfroher, als er es seit langer Zeit gewesen war. Robert war bester Laune, die Lannisters nirgendwo zu sehen, und selbst seine Töchter wußten sich zu benehmen. Jory brachte Arya mit, und Sansa sprach mit ihr auf freundliche Weise.»Das Turnier war herrlich«, seufzte sie.»Du hättest kommen sollen. Wie war deine Tanzstunde?«
«Mir tut alles weh«, vermeldete Arya glücklich und führte stolz einen riesigen blauen Fleck am Bein vor.
«Du mußt eine schreckliche Tänzerin sein«, sagte Sansa zweifelnd.
Später, als Sansa fort war, um einer Gruppe von Sängern zu lauschen, welche den komplexen Rundgesang von ineinander verwobenen Balladen mit dem Titel» Drachentanz «aufführten, untersuchte Ned die Prellung selbst.»Ich hoffe, Forel ist nicht allzu hart mit dir«, sagte er.
Arya stand auf einem Bein. Das beherrschte sie in letzter Zeit immer besser.»Syrio sagt, jeder Schmerz sei eine Lektion, und jede Lektion mache einen nur besser.«
Ned runzelte die Stirn. Dieser Syrio Forel war mit einem ausgezeichneten Ruf gekommen, und sein auffälliger Stil aus Braavos entsprach sehr gut Aryas schlanker Klinge, aber dennoch… vor einigen Tagen war sie herumgelaufen und hatte sich die Augen mit einem Fetzen schwarzer Seide verbunden. Syrio lehrte sie, mit den Ohren und der Nase und der Haut zu sehen, wie sie ihm erläuterte. Davor ließ er sie Pirouetten und Rückwärtssalto üben.»Arya, bist du dir sicher, daß du damit weitermachen willst?«
Sie nickte.»Morgen gehen wir Katzen fangen.«
«Katzen. «Ned seufzte.»Vielleicht war es ein Fehler, diesen Braavosi einzustellen. Wenn du möchtest, will ich Jory bitten, deinen Unterricht zu übernehmen. Oder vielleicht spreche ich ein stilles Wort mit Ser Barristan. In seiner Jugend war er der beste Krieger in den Sieben Königslanden.«
«Die will ich nicht«, erwiderte Arya.»Ich will Syrio.«
Ned fuhr mit den Fingern durch sein Haar. Jeder mittelmäßige Soldat konnte Arya die Grundlagen des Stechens und Hauens vermitteln, und zwar ohne diesen Unsinn mit Augenbinden, Radschlagen und Hüpfen auf einem Bein, doch kannte er seine jüngste Tochter gut genug, um zu wissen, daß mit diesem sturen, hervorspringenden Kinn nicht zu reden war.»Wie du möchtest«, sagte er. Sicher würde sie dessen bald müde sein.»Nur eins: sei vorsichtig.«
«Das will ich«, versprach sie feierlich, während sie mit fließenden Bewegungen von einem Bein aufs andere hüpfte.
Viel später, nachdem er die Mädchen durch die Stadt zurückgeleitet und beide sicher ins Bett gebracht hatte, Sansa mit ihren Träumen und Arya mit ihren blauen Flecken, stieg Ned zu seinen eigenen Gemächern oben im Turm der Hand hinauf. Der Tag war warm gewesen, und im Zimmer war es stickig. Ned trat ans Fenster und öffnete die schweren Läden, um die kühle Nachtluft einzulassen. Auf der anderen Seite des Großen Hofes fiel ihm der flackernde Schein von Kerzenlicht in Littlefingers Fenster auf. Es war schon weit nach Mitternacht. Unten am Fluß klangen die Festlichkeiten und der
Lärm erst langsam aus.
Er nahm den Dolch hervor und betrachtete ihn. Littlefingers Klinge, von Tyrion Lannister bei einer Turnierwette gewonnen, ausgesandt, um Bran im Schlaf zu töten. Warum? Warum sollte sich der Zwerg Brans Tod wünschen? Warum sollte sich irgendwer Brans Tod wünschen?
Der Dolch, Brans Sturz, das alles war irgendwie mit dem Mord Jon Arryn verbunden, das fühlte er in seiner Magengrube, doch die Wahrheit über Jons Tod war ihm noch ebenso schleierhaft wie zu Beginn seiner Nachforschungen. Lord Stannis war nicht zum Turnier nach King's Landing zurückgekehrt. Lysa Arryn schwieg hinter den hohen Mauern der Eyrie. Der Knappe war tot, und Jory suchte nach wie vor die Hurenhäuser ab. Was hatte er — abgesehen vom Bastard des Königs — denn schon in der Hand?
Daß der mürrische Lehrling des Waffenschmieds ein Sohn des Königs war, daran zweifelte Ned nicht. Das Aussehen der Baratheons war ihm ins Gesicht gestanzt, sein Kinn, seine Augen, das schwarze Haar. Renly war zu jung, um einen Sohn in diesem Alter zu haben, Stannis zu kalt und zu stolz auf seine Ehrbarkeit. Gendry mußte Roberts Sohn sein.
Doch da er das alles wußte, was sagte es ihm? Der König hatte noch andere Kinder von niedriger Geburt, überall in den Sieben Königslanden. Einen seiner Bastarde hatte er öffentlich anerkannt, einen Jungen in Brans Alter, dessen Mutter von edler Geburt war. Der Knabe war bei Lord Renlys Kastellan in Storm's End in Obhut.
Auch an Roberts erstes Kind erinnerte sich Ned, eine Tochter, die im Grünen Tal geboren wurde, als Robert selbst kaum mehr als ein kleiner Junge war. Ein süßes Mädchen, in das der junge Lord von Storm's End sich vernarrt hatte. Einst stattete er dem Mädchen täglich seinen Besuch ab, lange noch nachdem er das Interesse an der Mutter verloren hatte. Oft wurde Ned zur Gesellschaft mitgeschleift, ob er nun wollte oder nicht. Das Mädchen mußte inzwischen siebzehn oder achtzehn sein, älter als Robert, als der sie gezeugt hatte. Ein seltsamer Gedanke.