Cersei war von den unehelichen Kindern ihres Mannes sicher nicht eben begeistert, doch am Ende machte es nur wenig, ob der König einen Bastard oder hundert hatte. Gesetz und Sitte gaben denen von niedriger Geburt nur wenig Rechte. Gendry, das Mädchen aus dem Grünen Tal, der Junge in Storm's End, keiner konnte Roberts ehelichen Kindern eine Bedrohung sein..
Seine Überlegungen endeten mit einem leisen Klopfen an der Tür.»Ein Mann will Euch sprechen, Mylord«, rief Harwin.»Er will seinen Namen nicht nennen.«
«Schickt ihn herein«, antwortete Ned überrascht.
Der Besucher war ein untersetzter Mann mit rissigen, schlammverklebten Stiefeln und einem braunen Umhang von gröbstem Tuch, sein Gesicht war von einer Kapuze verborgen, die Hände in bauschigen Ärmeln zurückgezogen.
«Wer seid Ihr?«fragte Ned.
«Ein Freund«, sagte der Kapuzenmann mit eigentümlicher, leiser Stimme.»Wir müssen unter vier Augen sprechen, Lord Stark.«
Neugier war stärker als Vorsicht.»Harwin, geht bitte«, befahl er. Erst als sie hinter verschlossener Tür allein waren, schob der Besucher seine Kapuze zurück.
«Lord Varys?«sagte Ned erstaunt.
«Lord Stark«, sagte Varys höflich und setzte sich.»Ob ich Euch wohl um einen Trunk bitten dürfte?«
Ned schenkte zwei Becher voll Sommerwein und reichte einen davon Varys.»Ich hätte einen Schritt neben Euch gehen können und hätte Euch doch nicht erkannt«, sagte er ungläubig.
Nie zuvor hatte er den Eunuchen in anderer Kleidung als Seide und Samt und prunkvollstem Damast gesehen, und dieser Mann roch nach Schweiß an Stelle von Veilchen.
«Das hatte ich inständig gehofft«, sagte Varys.»Es wäre nicht gut, wenn gewisse Leute erführen, daß wir miteinander gesprochen haben. Die Königin beobachtet Euch aufmerksam. Dieser Wein ist erlesen. Seid bedankt.«
«Wie seid Ihr am Rest meiner Garde vorbeigekommen?«fragte Ned. Porther und Cayn standen draußen vor dem Turm und Alyn auf der Treppe.
«Der Red Keep war stets nur den Geistern und Spinnen bekannt. «Varys lächelte entschuldigend.»Ich werde Euch nicht lange aufhalten, Mylord. Es gibt Dinge, die Ihr wissen solltet. Ihr seid die Rechte Hand des Königs, und der König ist ein Narr. «Das Unangenehme in der Stimme des Eunuchen war fort. Jetzt war seine Stimme dünn und scharf wie eine Peitsche.»Euer Freund, ich weiß, und dennoch ein Narr… und dem Untergang geweiht, wenn Ihr ihn nicht rettet. Heute war er nah dran. Sie hatten gehofft, ihn im Handgemenge töten zu können.«
Einen Moment lang war Ned sprachlos vor Schreck.»Wer?«Varys nippte an seinem Wein.»Wenn ich es Euch wirklich sagen muß, dann seid Ihr ein noch größerer Narr als Robert, und ich stehe auf der falschen Seite.«
«Die Lannisters«, sagte Ned.»Die Königin… nein, das will ich nicht glauben, nicht einmal von Cersei. Sie hat ihn gebeten, nicht zu kämpfen!«
«Sie hat ihm verboten zu kämpfen, vor seinem Bruder, seinen Rittern und dem halben Hof. Sagt ehrlich, wüßtet Ihr eine bessere Möglichkeit, Robert zum Handgemenge zu bewegen? Ich frage Euch.«
Ned wurde flau im Magen. Der Eunuch hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Sag Robert, er kann nicht, soll nicht oder darf etwas nicht tun, und es ist so gut wie getan.»Selbst wenn er gekämpft hätte… wer würde es wagen, den König zu schlagen?«
Varys zuckte mit den Schultern.»Vierzig Reiter waren im Handgemenge. Die Lannisters haben viele Freunde. Inmitten dieses Durcheinanders von wiehernden Pferden und splitternden Knochen und Thoros von Myr, der sein albernes Feuerschwert schwingt, wer wollte es da Mord nennen, wenn ein Hieb Seine Majestät zufällig töten würde?«Er ging zum Weinkrug und schenkte sich nach.»Wenn es geschehen wäre, würde sich der Mörder neben ihn hocken und trauern. Fast kann ich ihn weinen hören. Wie traurig. Doch ohne jeden Zweifel würde die hochherzige und mitfühlende Witwe Mitleid zeigen, den armen Unglückseligen auf die Beine heben und ihm einen sanften Kuß der Vergebung auf die Wange hauchen. Der Gute König Joffrey hätte keine andere Wahl, als ihn zu begnadigen. «Der Eunuch strich mit der Hand über seine Wange.»Oder vielleicht würde Cersei ihm den Kopf von Ser Ilyn abschlagen lassen. So wäre für die Lannisters das Risiko geringer, wenn auch eine unangenehme Überraschung für ihren kleinen Freund.«
Ned spürte, wie Wut in ihm aufstieg.»Ihr wußtet von dieser Verschwörung, und doch habt Ihr nichts getan.«
«Ich befehlige Ohrenbläser, keine Krieger.«
«Ihr hättet früher zu mir kommen können.«
«Oh, ja, ich gestehe. Und Ihr wäret auf direktem Wege zum König gelaufen, ja? Und wenn Robert von der Gefahr erfahren hätte, was hätte er dann getan? Das frage ich mich.«
Ned dachte darüber nach.»Er hätte sie allesamt zum Teufel gewünscht und dennoch gekämpft, um zu zeigen, daß er sich nicht fürchtet.«
Varys breitete die Arme aus.»Ich werde Euch ein weiteres Geständnis machen, Lord Eddard. Ich war neugierig zu sehen, was Ihr tun würdet. Warum seid Ihr nicht zu mir gekommen? fragt Ihr, und ich muß antworten: Weil ich Euch nicht vertraut habe, Mylord.«
«Ihr habt mir nicht vertraut?«Ned war nun erst recht erstaunt.
«Im Red Keep leben zwei Sorten von Menschen, Lord Eddard«, erklärte Varys.»Jene, die dem Reich gegenüber loyal sind, und jene, die nur sich selbst gegenüber Loyalität empfinden. Bis zum heutigen Morgen konnte ich nicht sagen, was Ihr wäret… also habe ich gewartet… und nun weiß ich es ganz sicher. «Er lächelte ein unverblümtes, schmales, kleines Lächeln, und einen Moment lang waren sein privates Gesicht und seine öffentliche Maske eins.»Langsam verstehe ich, warum die Königin Euch so fürchtet. Oh ja, ich verstehe es.«
«Ihr seid es, den sie fürchten sollte«, sagte Ned.
«Nein. Ich bin, was ich bin. Der König nutzt meine Dienste, doch schämt er sich dessen. Ein wirklich machtvoller Krieger ist unser Robert, und ein derart mannhafter Mann empfindet nur wenig Liebe für Leisetreter und Spione und Eunuchen. Sollte der Tag kommen, an dem Cersei flüstert: >Töte diesen Mann<, schneidet mir Ilyn Payne im Handumdrehen den Kopf ab, und wer wird schon um den armen Varys trauern? Weder im Norden noch im Süden singt man den Spinnen Lieder. «Er berührte Ned mit seiner weichen Hand.»Doch Ihr, Lord Stark… ich glaube…nein, ich weiß… Euch würde er nicht töten, nicht einmal für seine Königin, und darin könnte unsere Rettung liegen.«
Das alles war zuviel. Einen Moment lang wünschte sich Eddard Stark nichts so sehr wie eine baldige Rückkehr nach Winterfell, in den schlichten Norden, wo der Feind der Winter war und die Wildlinge jenseits der Mauer blieben.»Sicher hat Robert noch andere loyale Freunde«, wandte er ein.»Seine Brüder, seine…«
«… Frau?«beendete Varys die Frage mit schneidendem Lächeln.»Seine Brüder hassen die Lannisters, das stimmt, doch ist es nicht ganz dasselbe, die Königin zu hassen und den König zu lieben, nicht wahr? Ser Barristan liebt seine Ehre, Grand Maester Pycelle liebt sein Amt, und Littlefinger liebt Littlefinger.«
«Die Königsgarde… «
«Ein papierner Schild«, sagte der Eunuch.»Versucht, nicht so erschrocken auszusehen, Lord Stark. Jaime Lannister ist selbst ein Waffenbruder der Weißen Schwerter, und wir wissen alle, was sein Eid wert ist. Die Zeiten, in denen Männer wie Ryam Redwyne und Prinz Aemon, der Drachenritter, den weißen Umhang trugen, sind zu Staub und Liedern geworden, nur noch Ser Barristan Selmy ist aus echtem Stahl gemacht, und Selmy ist alt. Ser Boros und Ser Meryn sind bis ins Mark Kreaturen der Königin, und den anderen gegenüber hege ich tiefes Mißtrauen. Nein, Mylord, wenn die Schwerter im Ernst gezogen werden, seid Ihr der einzig wahre Freund, den Robert Baratheon noch hat.«