Rotgefärbte Spucke flog aus dem Mund der dicken Wirtin,
als sie Catelyn Stark anflehte:»Tötet ihn nicht hier drinnen!«
«Tötet ihn nirgendwo«, drängte Tyrion.
«Bringt ihn an einen anderen Ort, kein Blut hier drinnen, M'lady, ich will hier keinen Streit von hohen Herren.«
«Wir bringen ihn nach Winterfell zurück«, sagte sie, und Tyrion dachte: Nun, vielleicht… Inzwischen hatte er einen Augenblick Zeit gehabt, einen Blick in die Runde zu werfen und sich einen besseren Überblick über die Lage zu verschaffen. Er war nicht gänzlich unglücklich über das, was er sah. Oh, diese Stark war schlau gewesen, daran konnte kein Zweifel bestehen. Die Männer zu zwingen, öffentlich den Eid zu bestätigen, welchen die Lords, denen sie dienten, ihrem Vater geleistet hatten, und sie um Beistand zu ersuchen, und sie war eine Frau, ja, das war hübsch. Doch war ihr Erfolg damit nicht so vollkommen, wie es ihr vielleicht lieb gewesen wäre. Etwa fünfzig Gäste waren seiner groben Schätzung nach im Schankraum. Catelyn Starks Bitte hatte kaum ein Dutzend aufgebracht. Die anderen sahen verwirrt aus, oder ängstlich oder verdrossen. Nur zwei der Freys hatten sich gerührt, wie Tyrion aufgefallen war, und die hatten sich schnell wieder gesetzt, als ihr Hauptmann sich nicht rührte. Er hätte gelächelt, wenn ihm nicht der Mut dazu gefehlt hätte.
«Dann also Winterfell«, sagte er statt dessen. Es war ein langer Ritt, wie er bereits wußte, nachdem er gerade erst von dort gekommen war. So manches konnte auf dem Weg geschehen.»Mein Vater wird sich fragen, was aus mir geworden ist«, fügte er hinzu und fing den Blick des Ritters auf, der angeboten hatte, sein Zimmer zu räumen.»Er wird jedem eine erkleckliche Belohnung zahlen, der ihm berichtet, was heute hier geschehen ist. «Natürlich würde Lord Tywin nichts dergleichen tun, doch Tyrion wollte es dann wiedergutmachen, sobald er frei wäre.
Ser Rodrik warf einen Blick auf seine Herrin, besorgt, wie es der Lage angemessen war.»Seine Männer kommen mit«, erklärte der alte Ritter.»Und wir danken Euch allen, wenn Ihr Schweigen über das bewahrt, was Ihr hier gesehen habt.«
Tyrion konnte sein Lachen gerade noch herunterschlucken. Schweigen? Der alte Narr. Wenn er nicht das ganze Wirtshaus mitnahm, würde sich die Nachricht im selben Moment ausbreiten, in dem sie fort waren. Wie ein Pfeil würde der freie Ritter mit der Goldmünze in der Tasche nach Casterly Rock fliegen. Wenn nicht er, dann ein anderer. Yoren würde die Geschichte gen Süden tragen. Der einfältige Sänger würde ein Lied daraus machen. Die Freys würden es ihrem Herrn melden, und allein die Götter wußten, was er tun würde. Lord Walder Frey mochte eidlich an Riverrun gebunden sein, doch war er ein vorsichtiger Mann, der schon lange lebte, indem er stets dafür sorgte, daß er auf der Siegerseite stand. Zumindest würde er seine Vögel gen Süden nach King's Landing schicken, doch vielleicht wagte er auch weit mehr.
Catelyn Stark verschenkte keine Zeit.»Wir müssen sofort aufbrechen. Wir werden frische Pferde brauchen, und Proviant für unterwegs. Ihr Männer, seid versichert, daß Euch der ewige Dank des Hauses Stark gewiß ist. Sollte sich einer von Euch dazu entschließen, uns bei der Bewachung unserer Gefangenen zu helfen und sie sicher nach Winterfell zu bringen, so verspreche ich ihm eine ordentliche Belohnung. «Mehr war nicht nötig. Die Narren stürmten vor. Tyrion sah sich ihre Gesichter an. Ganz sicher sollten sie ihren Lohn bekommen, das schwor er sich, wenn auch vielleicht nicht ganz so, wie sie es sich vorstellten.
Doch selbst noch, als man ihn nach draußen schaffte, die Pferde im Regen sattelte und seine Hände mit einem Stück Seil fesselte, verspürte Tyrion Lannister eigentlich noch keine Furcht. Sie würden ihn niemals bis nach Winterfell bringen, darauf wollte er wetten. Nach einem Tag schon wären ihnen Reiter auf den Fersen, Vögel würden sich in die Lüfte schwingen, und sicher würde sich einer der Flußlords bei seinem Vater lieb Kind machen wollen und zur Hilfe eilen. Tyrion gratulierte sich eben zu seiner Scharfsinnigkeit, als ihm jemand eine Kapuze über die Augen zog und ihn in einen Sattel hob.
Im scharfen Galopp ging es durch den Regen, und es dauerte nicht lange, bis Tyrion Krämpfe in den Oberschenkeln bekam und sein Hinterteil vor Schmerzen brannte. Selbst nachdem sie das Wirtshaus weit hinter sich gelassen hatten und Catelyn Stark einen raschen Trab angeschlagen hatte, war es eine elende, unbequeme Reise über unebene Erde, was durch seine Blindheit noch verschlimmert wurde. Jedes Schwanken, jede Biegung drohte ihn vom Pferd zu werfen. Die Kapuze dämpfte die Geräusche, so daß er nicht verstehen konnte, was man um ihn herum sprach, und der Regen durchweichte den Stoff, der an seinem Gesicht klebte, bis selbst das Atmen zum Kampf wurde. Das Seil scheuerte seine Handgelenke wund und schien im Verlauf der Nacht immer enger zu werden. Gerade will ich mich mit gebratenem Geflügel an ein warmes Feuer setzen, da muß dieser jämmerliche Sänger den Mund aufmachen, dachte er traurig. Der jämmerliche Sänger war mit ihnen gekommen.»Daraus läßt sich ein großartiges Lied machen, und ich werde es sein, der es tut«, hatte er Catelyn Stark erklärt, als er seine Absicht verkündete, mit ihnen zu reiten, um zu sehen, wie das» glorreiche Abenteuer «ausginge. Tyrion fragte sich, ob der Junge das Abenteuer noch immer so» glorreich «fände, wenn die Reiter der Lannisters sie erst eingeholt hatten.
Schließlich nahm der Regen ein Ende, und das Licht des frühen Morgens sickerte durch den nassen Stoff über seinen Augen, als Catelyn Stark den Befehl zum Absteigen gab. Grobe Hände zogen ihn von seinem Pferd, befreiten seine Handgelenke und rissen ihm die Kapuze vom Kopf. Als er die schmale, steinige Straße sah, das Vorgebirge, das hoch und wild um sie aufragte, und die zerklüfteten, schneebedeckten
Gipfel am fernen Horizont, verließ ihn alle Hoffnung noch im selben Augenblick.»Das ist die Bergstraße«, stöhnte er und sah Lady Stark vorwurfsvoll an.»Die östliche Straße. Ihr sagtet, Ihr wolltet nach Winterfell!«
Catelyn Stark schenkte ihm den Anflug eines Lächelns.»Oft und laut«, gab sie ihm recht.»Zweifellos werden Eure Freunde dorthin reiten, wenn sie uns verfolgen. Ich wünsche ihnen eine gute Reise.«
Noch lange, lange Tage danach erfüllte ihn die Erinnerung mit bitterem Zorn. Sein Leben lang hatte sich Tyrion seiner Gerissenheit gerühmt, der einzigen Gabe, welche die Götter ihm gegeben hatten, und doch hatte diese siebenmal verdammte Wölfin Catelyn Stark ihn in jeder Hinsicht übertölpelt. Diese Erkenntnis war ihm ein größeres Ärgernis als der bloße Umstand seiner Entführung.
Sie machten nur so lange halt, wie es nötig war, die Pferde zu füttern und zu tränken, und schon waren sie wieder unterwegs. Diesmal ersparte man Tyrion die Kapuze. Nach der zweiten Nacht fesselten sie auch seine Hände nicht mehr, und als sie das Hochland erreicht hatten, machten sie sich kaum noch die Mühe, ihn überhaupt zu bewachen. Es schien, als fürchteten sie seine Flucht nicht. Und wieso sollten sie auch? Hier oben war das Land rauh und wild, und die kleine Bergstraße war kaum mehr als ein steiniger Pfad. Falls er fortliefe, wie weit konnte er kommen, allein und ohne Proviant? Den Schattenkatzen wäre er ein Leckerbissen, und die Stämme, die in den Bergfestungen wohnten, waren Räuber und Mörder, die sich nur dem Gesetz des Schwertes unterwarfen.
Und dennoch trieb diese Stark sie gnadenlos an. Er wußte, welches Ziel sie hatte. Es war im selben Augenblick klargeworden, als man ihm die Kapuze vom Kopf zog. Diese Berge waren das Reich des Hauses Arryn, und die Witwe der verstorbenen Rechten Hand war eine Tully, Catelyn Starks
Schwester… und keine Freundin der Lannisters. Tyrion hatte die Lady Lysa während ihrer Jahre in King's Landing flüchtig kennengelernt und sah der Erneuerung dieser Bekanntschaft nicht eben freudig entgegen.