Seine Häscher drängten sich um einen Bach, ein kurzes Stück die Straße hinauf. Die Pferde hatten ihren Durst mit eisig kaltem Wasser gelöscht und kauten an braunen Grasbüscheln herum, die aus Felsspalten wuchsen. Jyck und Morrec kauerten beieinander, kläglich und trübsinnig. Mohor ragte über ihnen auf, stützte sich auf seinen Speer und trug eine runde Eisenhaube, mit der er aussah, als hätte er eine Schüssel auf dem Kopf. Nicht weit davon saß Marillion, der Sänger, ölte seine Holzharfe und klagte darüber, was die Feuchtigkeit seinen Saiten antat.
«Wir brauchten eine Rast«, sagte der unbedeutende Ritter Ser Willis Wode gerade zu Catelyn Stark, als Tyrion sich ihnen näherte. Er war einer von Lady Whents Mannen, halsstarrig und unerschütterlich, und der erste, der sich im Wirtshaus erhoben hatte, um Catelyn Stark beizustehen.
«Ser Willis spricht Wahres aus, Mylady«, sagte Ser Rodrik.»Das ist schon das dritte Pferd, das wir verloren haben…«
«Wir werden mehr als nur Pferde verlieren, wenn uns die Lannisters einholen«, erinnerte sie ihn. Ihr Gesicht war vom scharfen Wind gerötet und ausgezehrt, doch hatte es nichts von seiner Entschlossenheit eingebüßt.
«Die Chancen dafür stehen schlecht«, warf Tyrion ein.
«Die Lady hat dich nicht nach deiner Meinung gefragt«, fuhr Kurleket ihn an, ein großer, dicker Esel mit kurzgeschorenem Haar und einem Schweinsgesicht. Er gehörte zu den Brackens und stand im Dienste von Lord Jonos. Tyrion hatte sich besondere Mühe gegeben, sich alle Namen einzuprägen, damit er ihnen später für ihre zartfühlende Behandlung danken konnte Ein Lannister beglich stets seine Rechnungen. Das würde Kurleket eines Tages erfahren, wie auch seine Freunde Lharys und Mohor, und der gute Ser Willis und die Söldner Bronn und Chiggen. Eine besonders harsche Lektion plante er für Marillion jenen mit der Holzharfe und dem lieblichen Tenor, der sich so mannhaft mühte, Gnom auf Hohn und Flötenton zu reimen damit er ein Lied über seine Entrüstung schreiben konnte.
«Laßt ihn sprechen«, befahl Lady Stark.
Tyrion Lannister setzte sich auf einen Stein.»Mittlerweih dürften unsere Verfolger über den Neck jagen und Eurer Lüge über die Kingsroad nachhetzen… vorausgesetzt, es gibt Verfolger, was keineswegs sicher ist. Oh, zweifellos hat die Nachricht meinen Vater erreicht… doch liebt mein Vater mich nicht über alle Maßen, und ich bin mir nicht sicher, ob er sich überhaupt rühren wird. «Es war nur eine halbe Lüge. Lord Tywin Lannister kümmerte sich keinen Deut um seinen verkrüppelten Sohn, doch ließ er keine Kränkung der Ehre seiner Familie zu.»Dies ist ein grausames Land, Lady Stark. Beistand werdet Ihr erst finden wenn Ihr das Grüne Tal erreicht, und jedes Pferd, das Ihr verliert erschwert die Last der anderen um so mehr. Schlimmer noch, Ihr geht das Risiko ein, mich zu verlieren. Ich bin klein und nicht stark, und wenn ich sterbe, welchen Sinn ergibt das alles dann?«Das war absolut keine Lüge. Tyrion wußte nicht, wie lange er diese Geschwindigkeit noch durchhalten konnte.
«Man könnte sagen, daß Euer Tod der Sinn ist, Lannister«, erwiderte Catelyn Stark.
«Ich glaube nicht«, sagte Tyrion.»Wenn Ihr meinen Tod wünschtet, hättet Ihr nur ein Wort sagen müssen, und einer Eurer standhaften Freunde hier hätte mir gern sein rotes Lächeln gewidmet. «Er sah Kurleket an, doch war der Mann zu schwer von Begriff, um den Spott zu verstehen.
«Die Starks ermorden Männer nicht in ihren Betten.«»Ebensowenig wie ich«, sagte er.»Ich sage es Euch noch einmaclass="underline" Ich hatte mit dem Mordversuch an Eurem Sohn nichts zu tun.«
«Der Attentäter war mit Eurem Dolch bewaffnet. «Tyrion fühlte, wie Hitze in ihm aufstieg.»Es war nicht mein Dolch«, beharrte er.»Wie oft muß ich es noch beschwören? Lady Stark, was immer Ihr von mir halten mögt… ich bin kein dummer Mensch. Nur ein Narr würde einem gemeinen Wegelagerer seinen eigenen Dolch geben.«
Einen Moment nur glaubte er, den Anflug eines Zweifels in ihren Augen zu erkennen, doch was sie sagte, war:»Warum sollte Petyr mich belügen?«
«Warum scheißt ein Bär in die Wälder?«rief er.»Weil es seine Art ist. Das Lügen fällt einem Mann wie Littlefinger so leicht wie das Atmen. Ihr solltet es doch wissen, Ihr vor allen anderen.«
Sie trat einen Schritt auf ihn zu, mit angespannter Miene.»Und was soll das heißen, Lannister?«
Tyrion neigte seinen Kopf.»Nun, jedermann bei Hofe hat ihn erzählen gehört, er hätte Euch entjungfert, Mylady.«
«Das ist eine Lüge!«entfuhr es Catelyn Stark.
«Oh, böser, kleiner Gnom«, sagte Marillion erschrocken. Kurleket zog seinen Dolch, ein tückisches Stück schwarzen Eisens.
«Auf Euer Wort, Mylady, werfe ich Euch seine lügnerische Zunge zu Füßen. «Seine Schweinsaugen wurden aus Vorfreude ganz feucht.
Catelyn Stark starrte Tyrion mit einer Kälte im Gesicht an, wie er sie nie zuvor gesehen hatte.»Petyr Baelish hat mich einmal geliebt. Er war noch ein kleiner Junge. Seine Leidenschaft war für uns alle eine Tragödie, doch war sie wirklich und rein und nichts, worüber man spotten sollte. Er
wollte meine Hand. Das ist die ganze Wahrheit. Ihr seid wahrlich ein böser Mann, Lannister.«
«Und Ihr seid wahrlich eine Närrin, Lady Stark. Littlefinger hat nie jemand anderen als Littlefinger geliebt, und ich versichere Euch, daß er nicht mit Eurer Hand prahlt, sondern mit Euren prallen Brüsten und dem süßen Mund und der Hitze zwischen Euren Beinen.«
Kurleket faßte ihm ins Haar, riß seinen Kopf mit hartem Ruck nach hinten und legte seine Kehle frei. Tyrion spürte den kalten Kuß von Stahl unter seinem Kinn.»Soll ich ihn bluten lassen, Mylady?«
«Töte mich, und die Wahrheit stirbt mit mir«, keuchte Tyrion.
«Laß ihn reden«, befahl Catelyn Stark.
Widerstrebend ließ Kurleket Tyrions Haar los.
Tyrion holte tief Luft.»Was hat Littlefinger Euch erzählt, wie ich zu seinem Dolch gekommen bin? Das beantwortet mir.«
«Ihr habt ihn bei einer Wette gewonnen, während des Turniers an Prinz Joffreys Namenstag.«
«Als mein Bruder Jaime vom Ritter der Blumen aus dem Sattel geworfen wurde, das war seine Geschichte, nicht?«
«Das war sie«, bestätigte sie. Ihre Stirn legte sich in Falten.
«Reiter!«
Der Schrei kam vom windgeformten Kamm hoch über ihnen. Ser Rodrik hatte Lharys die Felswand hinaufklettern lassen, damit er die Straße im Auge behielt, während sie rasteten.
Eine lange Sekunde etwa rührte sich niemand. Catelyn Stark reagierte als erste.»Ser Rodrik, Ser Willis, zu Pferd«, rief sie.
«Schafft die anderen Tiere hinter uns. Mohor, bewache die Gefangenen…«
«Bewaffnet uns!«Tyrion sprang auf und packte sie beim Arm.»Ihr werdet jedes Schwert brauchen.«
Sie wußte, daß er recht hatte, Tyrion konnte es sehen. Die Bergstämme kümmerten sich nur wenig um Feindseligkeiten zwischen den großen Familien. Sie würden Starks und Lannisters mit gleicher Inbrunst niedermetzeln, ganz wie sie sich gegenseitig schlachteten. Catelyn selbst mochten sie schonen. Sie war noch jung genug, um Söhne zu gebären. Dennoch zögerte sie.
«Ich höre sie!«rief Ser Rodrik. Tyrion wandte seinen Kopf, um zu lauschen, und da war es: Hufgetrappel, ein Dutzend Pferde oder mehr kamen näher. Plötzlich waren alle in Bewegung, griffen nach ihren Waffen, rannten zu ihren Pferden.
Kieselsteine regneten um sie herum, als Lharys springend und rutschend vom Kamm herunterkam. Atemlos landete er vor Catelyn Stark, ein linkisch wirkender Mann mit wilden Büscheln von rostfarbenem Haar, das unter einer kegelförmigen Stahlhaube hervorlugte.»Zwanzig Mann, vielleicht fünfundzwanzig«, sagte er keuchend.»Milk Snakes oder Moon Brothers, würde ich vermuten. Sie müssen Späher draußen haben, M'Lady… versteckte Wachen… sie wissen, daß wir hier sind.«
Ser Rodrik Cassel war bereits zu Pferd, ein Langschwert in der Hand. Mohor kauerte hinter einem Felsen, beide Hände an seinem Speer mit Eisenspitze, einen Dolch zwischen den Zähnen.»Du, Sänger«, rief Ser Willis Wode.»Hilf mir mit diesem Brustharnisch. «Wie erstarrt saß Marillion da, klammerte sich an seine Harfe, sein Gesicht so blaß wie Milch, doch Tyrions Mann Morrec sprang eilig auf und half dem Ritter mit dessen Rüstung.