Als sie drei Schritte vor ihm war, machte der Kater einen Satz. Links, dann rechts wollte er, und rechts, dann links war Arya, schnitt ihm den Weg ab. Wieder fauchte er und versuchte, zwischen ihren Beinen hindurchzukommen. Schnell wie eine Schlange, dachte sie. Ihre Hände schlossen sich um ihn. Sie drückte ihn an ihre Brust, fuhr herum und lachte laut, während seine Krallen über ihr Lederwams kratzten. Blitzschnell küßte sie ihn zwischen die Augen und riß den Kopf gleich wieder zurück, bevor die Krallen ihr Gesicht gefunden hatten. Der Kater heulte und fauchte.
«Was machst du mit der Katze, Junge?«Erschrocken ließ Arya die Katze fallen und drehte sich zu der Stimme um. Der Kater machte sich augenblicklich davon. Am Ende der Gasse stand ein Mädchen mit einem Wust von goldenen Locken, gekleidet wie eine Puppe in blauen Satin. Neben ihr stand ein pausbackiger, kleiner, blonder Junge, auf dessen Wams mit Perlen ein stolzierender Hirsch gestickt war, und an seiner Seite trug er ein kleines Schwert. Prinzessin Myrcella und
Prinz Tommen, dachte Arya. Eine Septa, die so groß war wie ein Zugpferd, ragte über ihnen auf, und hinter ihr standen zwei große Männer in roten Mänteln, die Leibgarde der Lannisters.
«Was hast du mit der Katze gemacht, Junge?«fragte Myrcella erneut mit ernster Stimme. Zu ihrem Bruder sagte sie:»Was für ein zerlumpter Junge, nicht? Sieh ihn dir an. «Sie kicherte.
«Ein lumpiger, dreckiger, stinkiger Junge«, gab Tommen ihr recht.
Sie erkennen mich nicht, dachte Arya. Sie merken nicht mal, daß ich ein Mädchen bin. Was nicht verwundern konnte. Sie war barfuß und schmutzig, ihr Haar vom langen Rennen durch die Burg zerzaust, und bekleidet war sie mit einem von Katzenkrallen zerfetzten Lederwams und groben, braunen Hosen, die über ihren verschorften Knien abgeschnitten waren. Man trägt nicht Samt und Seide, wenn man Katzen jagt. Eilig senkte sie den Blick und fiel auf ein Knie. Vielleicht würden sie sie nicht erkennen. Falls sie es täten, würde sie es auf ewig zu hören bekommen. Septa Mordane wäre zu Tode gekränkt, und Sansa würde wegen der Schande nie mehr mit ihr sprechen.
Die alte, fette Septa trat vor.»Junge, wie bist du hier hereingekommen? In diesem Teil der Burg hast du nichts verloren.«
«Seinesgleichen kann man nicht draußen halten«, sagte einer der roten Mäntel.»Das ist, als wollte man die Ratten fernhalten.«
«Zu wem gehörst du, Junge?«forderte die Septa zu wissen.»Antworte mir. Was ist los mit dir? Bist du stumm?«
Aryas Stimme blieb in ihrer Kehle stecken. Wenn sie antwortete, würden Tonnen und Myrcella sie ganz sicher erkennen.
«Godwyn, bring ihn her«, verlangte die Septa. Der größere
der beiden Gardisten kam die Gasse herunter.
Panik packte ihre Kehle wie die Hand eines Riesen. Arya hätte nicht sprechen können und wenn ihr Leben davon abgehangen hätte. Ruhig wie stilles Wasser, formte sie tonlos mit ihrem Mund.
Als Godwyn nach ihr griff, wich Arya ihm aus. Schnell wie eine Schlange. Sie beugte sich nach links, ließ seine Finger von ihrem Arm abgleiten, tänzelte um ihn herum. Sanft wie Sommerseide. Bis er sich umgedreht hatte, rannte sie schon die Gasse hinunter.
Flink wie ein Reh. Die Septa kreischte ihr hinterher. Arya kroch zwischen Beinen hindurch, die dick und weiß wie Marmorsäulen waren, sprang auf, stieß mit Prinz Tommen zusammen und hüpfte über ihn, als der auf den Allerwertesten plumpste und» Uff «sagte, wich der zweiten Wache aus, und schon hatte sie alle hinter sich und rannte ihnen davon.
Sie hörte Rufen, dann stampfende Schritte, die immer näher kamen. Sie ließ sich fallen und rollte ab. Der rote Mantel stürmte an ihr vorüber, stolperte. Arya sprang wieder auf die Beine. Sie sah ein Fenster über sich, hoch und schmal, kaum mehr als eine Schießscharte. Arya sprang, bekam den Sims zu fassen, zog sich nach oben. Sie hielt die Luft an, als sie sich hindurchschob. Glatt wie ein Aal. Als sie vor einer erschrockenen Putzfrau auf den Boden sprang, hüpfte sie auf, bürstete die Binsen von ihren Kleidern und war schon wieder unterwegs, zur Tür hinaus durch einen langen Korridor, eine Treppe hinunter, über einen verborgenen Hof, um eine Ecke und über eine Mauer und durch ein niedriges, schmales Fenster in einen stockfinsteren Keller. Die Geräusche hinter ihr wurden immer leiser.
Arya war außer Atem und hatte sich verirrt. Jetzt wäre sie dran, falls man sie erkannt hätte, doch glaubte sie nicht daran. Sie war zu schnell gewesen, flink wie ein Reh.
Sie kauerte sich in der Dunkelheit an eine feuchte Mauer und lauschte ihren Verfolgern, doch hörte sie nur ihren Herzschlag und das ferne Tropfen von Wasser. Still wie ein Schatten, sagte sie zu sich. Sie fragte sich, wo sie war. Als sie nach King's Landing gekommen waren, hatte sie oft Alpträume gehabt, in denen sie sich in der Burg verirrte. Vater sagte, der Red Keep sei eigentlich kleiner als Winterfell, doch in ihren Träumen war er riesig, ein endloser, steinerner Irrgarten mit Mauern, die sich zu verschieben und hinter ihr zu bewegen schienen. Dort fand sie sich wieder, wie sie durch düstere Hallen wanderte, an verblaßten Wandteppichen vorüber, endlose Wendeltreppen hinab, über Höfe und Brücken hetzend, und niemand antwortete auf ihr Rufen. In einigen der Räume schien Blut aus den roten Steinwänden zu tropfen, und nirgends konnte sie ein Fenster finden. Manchmal hörte sie dann die Stimme ihres Vaters, doch stets aus weiter Ferne, und so schnell sie ihr auch nachlief, wurde seine Stimme doch stets leiser und immer leiser, bis sie ganz verklungen und Arya in der Dunkelheit nun ganz allein war.
Hier war es sehr dunkel, wie Arya auffiel. Sie legte die Arme um ihre nackten Knie, drückte sie fest an ihre Brust und zitterte. Leise wollte sie warten und bis zehntausend zählen. Dann konnte sie sicher hinausklettern und den Weg nach Hause suchen.
Als sie bei siebenundachtzig war, hatten sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt. Nun nahm manches im Raum Formen an. Riesenhafte, leere Augen starrten sie hungrig aus der Finsternis an, und undeutlich sah sie die gezackten Schatten langer Zähne. Sie verzählte sich. Sie schloß die Augen, biß sich auf die Lippen und verscheuchte ihre Angst. Wenn sie wieder hinsähe, wären die Ungeheuer fort. Wären nie dagewesen. Sie tat, als wäre Syrio dort neben ihr und flüsterte ihr ins Ohr. Ruhig wie stilles Wasser, sagte sie sich. Stark wie ein Bär. Wild wie eine Wölfin. Erneut schlug sie die Augen auf.
Die Ungeheuer waren noch da, doch die Angst war verschwunden.
Ayra stand auf, bewegte sich ganz vorsichtig. Überall um sie herum sah sie diese Köpfe. Einen davon berührte sie, neugierig, fragte sich, ob sie wohl echt waren. Ihre Fingerspitzen strichen über einen mächtigen Unterkiefer, der sich kalt und hart anfühlte. Mit einem Finger betastete sie einen Zahn, schwarz und scharf, wie ein Dolch aus Finsternis. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
«Es ist tot«, sagte sie laut.»Es ist nur ein Schädel, es kann mir nichts tun. «Dennoch schien das Ungeheuer zu wissen, daß sie da war. Sie spürte, wie seine leeren Augen sie in der Dunkelheit beobachteten, und in diesem trüben, höhlenartigen Raum war etwas, dem sie nicht gefiel. Sie wich vor dem Schädel zurück und stieß gegen einen zweiten, der noch größer als der erste war. Einen Moment lang fühlte sie, wie sich seine Zähne in ihre Schulter bohrten, als wollte er ein Stück aus ihr herausbeißen. Arya fuhr herum und merkte, wie Leder zerriß, als ein mächtiger Zahn an ihrem Wams nagte, und dann rannte sie. Ein weiterer Schädel ragte vor ihr auf, das größte Ungeheuer von allen, doch Arya hielt sich keinen Augenblick auf. Sie sprang über einen Grat aus schwarzen Zähnen, groß wie Schwerter, stürzte durch hungrige Mäuler und warf sich gegen die Tür.
Ihre Hände fanden einen schweren Eisenring im Holz, und sie zog mit Leibeskräften daran. Die Tür widersetzte sich ihr kurz, bis sie langsam nach innen schwang, mit lautem Knarren, von dem Arya sicher war, daß man es in der ganzen Stadt hören konnte. Sie öffnete die Tür gerade weit genug, um in den Korridor dahinter zu schlüpfen.