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War der Raum mit den Ungeheuern schon dunkel gewesen, dann war der Korridor die schwärzeste Grube in allen sieben Höllen. Ruhig wie stilles Wasser, redete Arya sich ein, doch selbst nachdem sie ihren Augen etwas Zeit gelassen hatte, sich daran zu gewöhnen, war dort nichts weiter zu sehen als der schwache, graue Umriß der Tür, durch die sie gekommen war. Sie bewegte ihre Finger vor dem Gesicht, fühlte ihre Bewegung in der Luft, sah jedoch nichts. Sie war blind. Eine Wassertänzerin sieht mit allen Sinnen, erinnerte sie sich. Sie schloß die Augen und bemühte sich, ruhig zu atmen, eins, zwei, drei, sog die Dunkelheit in sich auf, streckte die Hände aus.

Ihre Finger strichen über groben, unfertigen Stein zu ihrer Linken. Sie folgte der Mauer, eine Hand daran gelegt, mit kleinen vorsichtigen Schritten durch die Dunkelheit. Alle Korridore führen irgendwohin. Wo es einen Weg hinein gibt, gibt es auch einen Weg hinaus. Angst schneidet tiefer als Schwerter. Arya wollte sich nicht fürchten. Es schien, als hätte sie schon einen weiten Weg hinter sich, als die Mauer plötzlich endete und kalte Luft an ihre Wange wehte. Loses Haar strich leicht über ihre Haut.

Von irgendwo weit unten hörte sie Geräusche. Das Scharren von Stiefeln, ferne Stimmen. Ein Hauch von flackerndem Licht strich über die Mauer, und sie sah, daß sie oben an einem großen, schwarzen Brunnen stand, einem Schacht, der zwanzig Fuß tief in die Erde ging. Mächtige Steine waren als Stufen in die runden Mauern gesetzt und führten wendelnd in die Tiefe, finster wie die Stufen zur Hölle, von der Old Nan ihnen erzählt hatte. Und etwas kam aus der Dunkelheit herauf, aus dem Bauch der Erde…

Arya lugte über den Rand und spürte den kalten, schwarzen Atem auf ihrem Gesicht. Weit unten sah sie das Licht einer einzelnen Fackel, klein wie die Flamme einer Kerze. Zwei Männer konnte sie erkennen. Ihre Schatten krümmten sich an den Seiten des Brunnens, ragten auf wie Riesen. Sie konnte ihre Stimmen hören, die den Schacht herauf hallten.

«… einen Bastard gefunden«, sagte einer.»Der Rest wird bald kommen. Ein Tag, zwei Tage, zwei Wochen…«

«Und wenn er die Wahrheit erfährt, was wird er tun?«fragte eine zweite Stimme mit dem schwungvollen Akzent der Freien Städte.

«Das wissen nur die Götter«, sagte die erste Stimme. Arya sah einen Fetzen von grauem Qualm, der von der Fackel in die Höhe trieb und sich dabei wie eine Schlange wand.»Die Narren haben versucht, seinen Sohn zu töten, und was das Schlimmste ist: Sie haben einen Mummenschanz daraus gemacht. Er ist kein Mann, den man abschieben kann. Ich warne Euch, der Wolf und der Löwe werden einander bald an die Kehle gehen, ob wir es nun wollen oder nicht.«

«Zu früh, zu früh«, klagte die Stimme mit dem Akzent.»Was nützt uns ein Krieg jetzt? Wir sind noch nicht bereit. Wartet noch.«

«Ebenso könnte man die Zeit anhalten. Haltet Ihr mich für einen Zauberer?«

Der andere kicherte.»Mindestens. «Flammen leckten an der kalten Luft. Die langen Schatten reichten fast bis zu ihr hinauf. Einen Augenblick später tauchte der Mann mit der Fackel in ihrem Blickfeld auf, sein Begleiter neben ihm. Arya kroch vom Brunnen zurück, ließ sich auf den Bauch fallen und preßte sich an die Wand. Sie hielt die Luft an, als die Männer zum oberen Ende der Treppe kamen.

«Was soll ich für Euch tun?«fragte der Fackelträger, ein beleibter Mann mit kurzem, ledernem Umhang. Selbst in schweren Stiefeln schien er geräuschlos über den Boden zu schweben. Ein rundes, vernarbtes Gesicht und dunkle Bartstoppeln waren unter seiner Stahlhaube auszumachen, und er trug ein Kettenhemd über hartem Leder, und einen Dolch und ein Kurzschwert am Gürtel. Es schien Arya, als hätte er etwas seltsam Vertrautes an sich.

«Wenn eine Hand sterben kann, warum nicht auch eine zweite?«erwiderte der Mann mit dem Akzent und dem gelben

Gabelbart.»Ihr habt den Tanz früher schon getanzt, mein Freund. «Ihn hatte Arya noch nie zuvor gesehen, dessen war sie sicher. Gräßlich fett, und dennoch schien er leichten Fußes zu wandeln, trug sein ganzes Gewicht auf den Fußballen, wie es ein Wassertänzer getan hätte. Seine Ringe glitzerten im Fackelschein, rotgolden und mattsilbern, mit Rubinen besetzt, Saphiren, geschlitzten, gelben Tigeraugen. An jedem Finger steckte ein Ring, an manchen zwei.

«Früher ist nicht jetzt, und diese Hand ist nicht die andere«, sagte der vernarbte Mann, als sie den Korridor betraten. Starr wie Stein, sagte Arya sich, leise wie ein Schatten. Geblendet vom Licht ihrer eigenen Fackel, sahen sie Arya nicht, wie sie dort flach am Boden lag, kaum ein paar Schritte neben ihnen.

«Mag sein«, erwiderte der Gabelbart und hielt inne, um nach dem langen Anstieg zu Atem zu kommen.»Nichtsdestoweniger brauchen wir Zeit. Die Prinzessin erwartet ein Kind. Der khal wird sich nicht rühren, bis sein Sohn geboren ist. Ihr wißt, wie sie sind, diese Wilden.«

Der Mann mit der Fackel schob etwas. Arya hörte ein tiefes Rumpeln. Ein mächtiger Felsbrocken, rot im Fackelschein, glitt mit gewaltigem Rumpeln von der Decke herab, was sie fast aufschreien ließ. Wo der Eingang zum Brunnen gewesen war, fand sich jetzt nur noch Stein, fest und undurchdringlich.

«Wenn er sich nicht bald rührt, könnte es zu spät sein«, sagte der beleibte Mann mit der Stahlhaube.»Mittlerweile hat dieses Spiel nicht mehr nur zwei Spieler, falls dem jemals so gewesen sein sollte. Stannis Baratheon und Lysa Arryn haben sich meines Einflußbereiches entzogen, und die Flüsterer melden, sie sammelten Krieger um sich. Der Ritter der Blumen schreibt nach Highgarden, drängt seinen Hohen Vater, seine Schwester an den Hof zu schicken. Das Mädchen ist eine Jungfer von vierzehn Jahren, süß und hübsch und fügsam, und Lord Renly und Ser Loras wollen, daß Robert sie bettet, sie heiratet und zur neuen Königin macht. Littlefinger… allein die Götter wissen, welches Spiel Littlefinger spielt. Doch Lord Stark ist derjenige, der mir den Schlaf raubt. Er kennt den Bastard, er kennt das Buch, und bald schon wird er die Wahrheit erfahren. Und jetzt hat seine Frau Tyrion Lannister entführt, dank Littlefingers Einmischung. Lord Tywin wird es als Frevel aufnehmen, und Jaime Lannister ist von seltsamer Zuneigung für den Gnom getrieben. Falls die Lannisters gen Norden ziehen, wird das auch die Tullys auf den Plan rufen. Wartet, sagt Ihr. Beeilt Euch, gebe ich zurück. Nicht einmal der beste aller Jongleure kann hundert Bälle endlos in der Luft halten.«

«Ihr seid mehr als ein Jongleur, alter Freund. Ihr seid ein wahrer Magier. Ich bitte Euch nur, Eure Magie noch etwas länger arbeiten zu lassen. «Sie gingen den Korridor hinunter in die Richtung, aus der Arya gekommen war, an dem Raum mit den Ungeheuern vorüber.

«Was ich tun kann, will ich tun«, sagte der mit der Fackel leise.»Ich brauche Gold und noch einmal fünfzig Vögel.«

Sie ließ sie weit vorausgehen, dann schlich sie ihnen nach.

Leise wie ein Schatten.

«So viele?«Die Stimmen wurden schwächer, je dunkler das Licht vor ihr wurde.»Die Ihr braucht, sind schwer zu finden… so jung, ihre Briefe zu kennen… vielleicht ältere… sterben nicht so leicht.«

«Nein. Die Jüngeren sind sicherer… behandelt sie gut…«

«… falls sie ihre Zungen hüten…«»… das Risiko…«

Lange nachdem ihre Stimmen verklungen waren, konnte Arya noch das Licht der Fackel sehen, einen qualmenden Stern, der sie aufforderte, ihm zu folgen. Zweimal schien er zu verschwinden, doch ging sie weiter geradeaus, und beide Male fand sie sich am oberen Ende einer steilen, schmalen Treppe wieder, und die Fackel leuchtete weit unter ihr. Sie eilte ihr nach, tiefer und immer tiefer. Einmal stolperte sie über einen Stein, fiel gegen die Wand, und ihre Hand fand rauhe Erde, von

Holz gestützt, während der Tunnel mit Stein verkleidet gewesen war.

Es schien ihr, als wäre sie ihnen meilenweit nachgeschlichen. Schließlich waren sie verschwunden, doch konnte sie nur weiter vorangehen. Sie fand die Mauer wieder und folgte ihr, blindlings und ohne Orientierung, stellte sich vor, Nymeria tappte neben ihr durch die Finsternis. Am Ende stand sie knietief in faulig stinkendem Wasser, wünschte, sie hätte darauf tanzen können, wie Syrio es wohl vermochte, und fragte sich, ob sie wohl jemals wieder Licht sehen würde. Es war vollkommen dunkel, als Ayra schließlich in die Nachtluft hinaustrat.