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Des Ersten Hasards unüberlegte Äußerung wurde durch eine Schülerin unterbrochen, die aufgeregt hereinstürmte.

»Edle Hasards, ein Mann, ein Fremder hat unsere Schutzzauber durchbrochen«, rief sie. »Er kommt die Treppe hoch – mit seinem Pferd!«

Der gutaussehende Erste Hasard senkte den Kopf und bemühte sich, die nervösen Finger auf seinem Schoß ruhig zu halten. »Wir haben ihn gerufen«, log er die Schülerin mit den großen, erschrockenen Augen an. »Kehr an deine Arbeit zurück… Was gibt es zum Abendessen? Wir haben natürlich Gäste, den Mann und – sein Pferd.«

»Abendessen?« Die Schülerin war ein junges Hexlein, zierlich und hübsch, mit prächtigem Haar, und nicht einmal das Sackgewand der Novizen konnte die sanften Kurven von Busen und Hüften und die schmale Taille völlig verbergen. Randal fragte sich, weshalb sie ihm bisher nie aufgefallen war. Doch rasch verdrängte er jeden Gedanken an sie. Schließlich war er verlobt und würde bald Jihan heiraten, eine Machtquelle, die er in der verstörten Magiergilde nie erwähnte.

Das Mädchen, das sich mühsam faßte, zählte auf: »Papageien, Flöhe und Eichhörnchen, edle Hasards – ein Eintopf, wenn es euch recht ist.«

»Was?« brauste der Erste Hasard auf. Dann, als das Mädchen die Hand auf den Mund drückte und ihre Augen sich noch mehr weiteten: »Schon gut, geh jetzt. Und sieh zu, daß wir bis zum Abendessen nicht gestört werden. Geh schon, Mädchen, lauf.«

Als sie rücklings aus dem Gemach hastete, war ganz laut Hufschlag zu hören, dann ein Klirren, als zerbreche Porzellan auf dem Marmorboden.

Und dann kamen ein Mann und ein Pferd durch die große Flügeltür, aus der die Schülerin soeben geflohen war. Der Reiter saß noch im Sattel des Pferdes, aus dessen Augen feurige Intelligenz sprach. Sein Fell war merkwürdig scheckig, rot und schwarz und grau, doch es bestand kein Zweifeclass="underline" es war das Trospferd seines Befehlshabers.

Trotz eines quälenden Niesanfalls eilte Randal ihm entgegen, und als er wieder reden konnte, rief er: »Willkommen, Befehlshaber, willkommen, willkommen!«

»Hasard«, wandte der Geheimnisvolle sich an Katze. »Würdet Ihr uns alleinlassen, Erster Hasard? Mein Magier und ich müssen uns unterhalten.«

»Euer Magier!« Katze tat unwillkürlich, als wäre er immer noch so mächtig wie einst. Dann erinnerte er sich an seine Lage. Er erbleichte. »O ja, Euer Magier. Ich verstehe, Lord Tempus. Das Abendessen wird nach Sonnenuntergang serviert, wenn Ihr uns die Ehre geben würdet. Ich bin sicher, wir können ein paar – ah, Karotten – für Euer – Pferd finden.«

Kein Wort über die Entweihung der Magiergilde durch ein Pferd; kein weiterer Versuch, die Oberhand zurückzugewinnen. Katze kaute nur an seiner Lippe.

Obwohl Randais Augen bereits tränten, empfand er ein tiefes Bedauern für den gutaussehenden jungen Ersten Hasard, obwohl er sich früher mehr als alles andere gewünscht hatte, eine so gute Figur, ein so schönes Gesicht und eine so vornehme Herkunft zu haben wie dieser Rankaner, der jetzt aus seinem eigenen Gemach eilte, damit Randal und sein Befehlshaber unter vier Augen miteinander reden konnten.

Aber, was man war, nicht wie man aussah, war derzeit in Freistatt von Bedeutung. Und Randal war der einzige Kriegermagier in einer Stadt, die bald Krieger mehr schätzen würde als Zauberer.

»Ihr braucht mich, Befehlshaber?« Randal bemühte sich, deutlich zu sprechen.

»Ja, Randal.« Tempus ließ die Zügel fallen. Der Hengst blieb wie angewurzelt stehen, während der hünenhafte Krieger auf den kleinen, schmächtigen Magier zuging, einen Arm um dessen schmale Schultern legte und ihn zu des Ersten Hasards Alkoven führte. »Ich brauche deine Hilfe. Ich brauche deine Anwesenheit. Ich brauche deine volle Aufmerksamkeit – jetzt und immer.«

Randal spürte, wie ihn Stolz durchwallte. »Ich bin für Euch da, Geheimnisvoller, jetzt und immer – das wißt Ihr. Ich habe den Heiligen-Trupp-Eid geleistet. Das habe ich nie vergessen.«

Niko offenbar schon, doch nicht einmal diese Wolke konnte sich vor das Licht von Tempus’ Gunst schieben – jedenfalls nicht völlig, sagte Randal sich.

»Genausowenig wie wir. Die Trupps brechen in Kürze nach Ranke auf, Niko wird sich ihnen dort anschließen, dann marschieren sie gen Osten. Wir wollen dich auf diesem Marsch dabeihaben, Randal – als ein Heiliger Truppler, wie er sein soll.«

»Wie er sein soll? Ich verstehe nicht. Es war Niko, der den Paarbund gebrochen hat, nicht…«

»Es geht nicht um Niko. Es geht um Jihan.«

»Oh. Oh!« Randal glitt unter des Geheimnisvollen Arm weg. »Das… Sie – nun, es war nicht meine Idee, die Vermählung. Das müßt Ihr wissen. Ich bin nicht einmal – gut – mit Frauen. Und sie ist – anstrengend.« Die Worte überschlugen sich schier, nun, da er endlich mit jemandem reden konnte, der sein Problem verstehen würde. »Ich habe sie bisher hingehalten, ihr erklärt, daß ich nicht kann – Ihr wißt schon –, bis wir verheiratet sind. Aber ich verliere so viel – Kraft, und es gibt derzeit ohnehin so wenig. Sie sagt, sie wird es gutmachen, durch ihren Vater, aber ich bin nicht gottgebunden, ich bin gebunden…«

»Auf andere Art, ich weiß, Randal. Ich glaube, ich habe eine Lösung, die dich vom Haken bringt, wenn du mir hilfst.«

»O Geheimnisvoller, ich wäre Euch ja so dankbar. Sie ist – bitte faßt es nicht als Beleidigung auf – eher Eure Art von Problem als meine. Wenn Ihr mich nur von ihr befreien könntet, ohne daß es den Trupps schadet. Ich könnte mich davonstehlen und in Ranke wieder zu euch stoßen. Ich…«

»Kein Davonstehlen, Randal«, sagte Tempus, und seine Lippen entblößten die Zähne.

Dieses Lächeln kannten alle Stiefsöhne. Randal sagte benommen: »Wir dürfen ihr nicht – weh tun, Befehlshaber. Ich soll mich nicht davonstehlen? Aber wie…?«

»Mit deiner Erlaubnis, Randal, werde ich sie dir ausspannen – dir deine Braut vor der Nase wegschnappen.«

»Erlaubnis! O Tempus, ich wäre Euch ja so dankbar, so unendlich dankbar.«

»Dann habe ich sie also?«

»Was? Meine Erlaubnis? Beim Heiligen Buch und den Teufeln, die mich lieben, ja! Spannt sie mir aus! Und mögen die…«

»Deine Erlaubnis genügt, Randal. Wir wollen lieber keine Kräfte mithineinziehen, deren Reaktion wir nicht vorhersehen, geschweige denn kontrollieren können.«

Die Dame lustwandelte allein im Garten, während im Herrenhaus eine kultivierte Oberstadtgesellschaft stattfand. Das Haar dieser Dame war blondgelockt und hochgebunden, wie es zur Zeit unter den Edelfrauen der Hauptstadt Mode war. Kleine goldene Spangen mit den Bildern rankanischer Götter hielten es zusammen.

Er trat von hinten auf sie zu und schlang in Sekundenschnelle den linken Arm um ihren Hals. Er sagte lediglich: »Pst, ich bin nicht gekommen, um dir weh zu tun«, während sich in seinem Innern ein Gott regte, der gar nicht dort sein sollte.

Er achtete nicht auf die lüsternen und immer verlockenderen Vorschläge, die der Kriegsgott in seinem Kopf machte, und gab der Dame Zeit, zu erraten, wer sie hielt.

Sie brauchte dazu nicht lange, sie war keine typische rankanische Edle – niemand ohne Tempus’ übernatürliche Schnelligkeit und besonderen Fähigkeiten hätte sie überraschen können.

Sie erstarrte, und jeder Muskel spannte sich – es war ihr erster Zug, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihre Ausbildung einzusetzen, um sich seinem Griff zu entziehen.

»Halt dich ruhig, Chenaya, sonst hast du dir die Folgen selbst zuzuschreiben!«

»Zur Hölle mit dir, Tempus«, knirschte sie mit erstaunlich damenhafter Stimme, die so gar nicht zu ihren Worten paßte. Er spürte, wie sie die Fäuste ballte und sich dann entspannte. Die Gäste im Haus hinter ihm plauderten und ließen die Weinkelche klingen.