»Dafür ist jetzt keine Zeit, außer du begleitest mich.« Er legte die freie Hand um ihre Hüfte.
»Ihr Götter, du hast dich nicht verändert, du Bastard! Wenn es nicht mein Körper ist – für den du mehr bezahlen wirst, als er wert ist, das versichere ich dir –, was willst du dann?«
»Ich dachte schon, das würdest du nie fragen. Es geht um deinen kleinen Anschlag auf Theron an Bord seiner Barke. Kein sehr kluger Schachzug für ein Mitglied des ehemaligen Kaiserhauses. Riskant für dich, riskant für Kadakithis, den Therons Zorn mit dir treffen wird, wenn er erfährt, wer versucht hat, ihn an die Haie zu verfüttern. Und nicht gut für die Überlebenden deiner Familie.«
»Ich frage dich noch einmal, Halbblut, was willst du?«
Darauf gab es in diesem Augenblick zwei Antworten. Eine davon hatte mit dem Gott in seinem Kopf zu tun, der flüsterte: Sie ist eine Frau, und Frauen verstehen nur eines. Sie ist eine Kämpferin. Es ist lange her, daß Wir eine Kämpferin hatten. Gib sie Uns, und Wir werden sehr dankbar sein – und sie wird Unsere bereitwillige Dienerin sein. Anders kannst du ihr nicht trauen.
Dem Gott in seinem Kopf entgegnete er: Dir kann ich nicht trauen! Vergiß sie! Zu der Dame sagte er: »Chenaya, abgesehen von dem Offensichtlichen, auf das wir noch eingehen werden« – während er sie fest genug mit dem Ellbogen hielt, daß ein kleiner Ruck ihr den Hals brechen würde, hob er ihren weiten, weißen Rock von hinten –, »möchte ich, daß du etwas für mich tust. Es gibt hier eine Faktion, die eine Frau braucht, eine Frau, die auf Beschluß der Götter unbesiegbar ist. Was ich erbitte, erbitte ich für Kadakithis, für das Bestehen deines Geschlechts und für das Wohl von Freistatt. Was der Gott will, fürchte ich, ist etwas anderes.«
Sie war eine Kämpferin und gottgebunden. Er hoffte, daß sie ihn verstehen würde.
Der Posten am Tunneleingang zur Rattenfalle, Zips Stützpunkt in Abwind, war geknebelt und zappelte hilflos in einer Lache seines eigenen Blutes.
Zip war ausgerutscht und im Halbdunkel über den Jungen gestolpert, ehe ihm bewußt wurde, was es war: Syncs Visitenkarte – Hände und Füße des Postens waren abgehackt.
Zip dankte dem Gott, vor dessen morastigem Altar er manchmal betete, daß er allein nach Haus gekommen war, als er sich auf Hände und Knie stützte und mit seinem Gürteldolch den Qualen des zitternden Jungen ein Ende machte.
Die Taktiken des 3. Kommandos sollten Furcht einflößen, das wußte er, aber es änderte nichts daran, daß er sich übergeben mußte. Es trug auch nicht zur Verbesserung von Zips Zustand bei, daß es nicht länger als eine halbe Stunde hätte dauern können, bis der Posten verblutet wäre. Syncs Leute beobachteten ihn wahrscheinlich aus der baufälligen Hütte, die Zip seinen Stützpunkt nannte.
Sync, der Führer des 3. Kommandos, sagte ruhig hinter ihm: »Hast du einen Augenblick Zeit, Söhnchen? Ein paar Leute möchten mit dir reden.«
Den ganzen Winter hindurch hatten Syncs Leute Zip nicht belästigt, hatten Freundschaft vorgetäuscht, hatten die VFBF sich selbst überlassen, solange sie hin und wieder einem Vorschlag des kaltblütigen Führers des 3. Kommandos folgten.
Doch damals war Rede von einem Bündnis gewesen – bevor Theron Freistatt besucht hatte; bevor Zips Faktion zu viele Freistätter rekrutiert hatte; bevor irgendein Idiot unter ihnen die S’danzo Illyra bedrängt und ihr Kind getötet hatte; bevor ein für Straton bestimmter Pfeil vor Zips Tür gelegt worden war; bevor Kama Zips Bett verlassen und sich mit Fackelhalter, dem Palastpriester, zusammengetan hatte; bevor Zip sich bei Jubal unbeliebt gemacht hatte; bevor die Dinge zu verdammt kompliziert geworden waren, weil Zip das Gebiet nicht halten konnte, das er auf der anderen Seite des Schimmelfohlenflusses erobert hatte, ein Gebiet, an dem er nie interessiert gewesen war.
»Mit mir reden? Nennst du das Reden?« Zips Stimme zitterte, aber Sync würde nicht erkennen, ob aus Zorn oder Angst. In diesem Moment hätte Zip das selbst nicht zu sagen vermocht.
Hände und Knie blutverschmiert, dachte Zip, daß es das nun wohl war: der Tod, den er verdient und den er sich nur zu oft ausgemalt hatte. Er fragte sich, ob es eine Klinge von hinten sein würde, die das Reden übernahm. Syncs sagte mit dem rankanischen Akzent neben ihm: »Ja, reden, das stimmt. Wenn dein Mann hier geredet und nicht gleich zugeschlagen hätte, würde er jetzt noch leben.« Behandschuhte Finger langten zu ihm hinunter. Das Armband über den Handschuhen zeigte die Insignien des 3. Kommandos aus makellos poliertem Silber – ein sich aufbäumendes Pferd mit Pfeilen zwischen den Zähnen.
Sogar Theron, der durch die Schwerter des 3. Kommandos auf den Thron gekommen war, wollte die Einheit auflösen oder sie zumindest heftiger an die Kandare nehmen. Das war der Grund, meinten manche, weshalb Tempus, der sie gegründet hatte, sie wieder zurückbekam: niemand sonst vermochte sie zu lenken. Ohne eine starke Hand an der Spitze würden sie einen rankanischen Kaiser nach dem anderen niedermetzeln und den Thron jeweils an den höchsten Bieter versteigern – Zip hatte gehört, wie Sync und Kama darüber Witze machten, als sie betrunken waren.
Zip ließ zu, daß Sync ihm aufhalf, und versuchte, das klebrige Blut von den Händen zu wischen. Er stritt nicht mit Sync wegen des toten Postens. Man stritt nicht mit Sync, jedenfalls nicht über jemanden, der sich nicht mehr lebendig machen ließ.
Die übrigen kamen nun zum Vorschein; es waren mindestens zwanzig Kämpfer.
Eine Faust schien auf Zips Magen zu drücken, als er Kama im Kampfanzug sah, auf dessen hartem Leder die Insignien des Kommandos sich in Rot über der rechten Brust abhoben.
Er war nicht fertig mit ihr, würde es nie sein. Er sagte: »Also, hier bin ich. Redet!« Er stellte fest, daß seine Zunge schwer war.
Als endlich das Bild des niedergemetzelten Jungen verschwand, erkannte er, daß um sie herum die Führer anderer Oberstadtbanden waren: Critias, ein Untergrundmann der Heiligen Trupps, der sich selten in Uniform sehen ließ; Straton, sein breitschultriger Partner, der Hexenliebhaber; Jubal, so schwarz wie Ischades Umhang und mit noch finstererer Miene; Walegrin, der Standortkommandant und Bruder der S’danzo, dessen Kind Zips Männer getötet hatten; und eine blonde Frau, die er nicht kannte, mit Lederharnisch und einem Vogel auf der Schulter.
Er sollte wachsam sein – eine Versammlung dieser Art hatte sich nicht für etwas so Unwichtiges wie seine Hinrichtung eingefunden. Aber immer wieder wanderte sein Blick zu Kama zurück, und das Bild ihres Vaters schob sich vor diese Frau, die ihn Dinge über die Liebe gelehrt hatte, die er zuvor nicht für möglich gehalten hätte.
Und da wurde ihm bewußt, weshalb diese Bonzen aus der Oberstadt zur Rattenfalle gekommen waren: auf Anweisung von Kamas Vater. Alle von ihnen hörten auf Tempus, einige von sich aus, andere, weil er ihr Befehlshaber war. Und keiner von ihnen hatte ein gutes Wort über Zip zu sagen, nur die Tochter des Geheimnisvollen vielleicht.
Furcht schärfte seine Augen, und er blickte hinter die versammelten Führer auf ihre Truppen und dorthin, wo seine Rebellen lauerten. Nicht einer von ihnen würde eingreifen, um ihn zu retten – dazu war die Übermacht zu groß.
Außerdem wären weder die Rattenfalle noch Zip wert, gerettet zu werden.
Während er tief atmete und beschloß, dieser Meute von ausgebildeten Kämpfern nichts zu sagen, erinnerte sich Zip, daß hier doch etwas durchaus wert war, gerettet zu werden: hinter den Männern in dem langen Schuppen befand sich ein Vorrat an Zündstoffen, die er von den beysibischen Glasmachern erstanden hatte: Flaschen, in denen sich alchimistisches Gebräu befand. Sobald die Zündschnüre brannten, wurden die Flaschen geworfen und explodierten dann mit einer solchen Gewalt, daß der Druck einer einzigen explodierenden Flasche eine ganze Straße räumen konnten – oder einen Palastsaal.