Was immer der Mann dort auch gerufen haben mochte, wurde von den donnernden Hufen der Stute übertönt, da Kama sie erbarmungslos mit den Zügeln peitschte und Hals über Kopf zur Stiefsohnkaserne galoppierte.
Es gab nichts, was Crit ihr sagen könnte – außer vielleicht, wieso sie Zip vergeben konnte, der sie verraten und versucht hatte, ihr den Anschlag auf Strat in die Schuhe zu schieben.
Tasfalens Herrenhaus in der Oberstadt war ein prunkvolles Gebäude mitten in Freistatts vornehmstem Viertel gewesen.
Jetzt stand es einsam und verkohlt da, ansonsten aber unbeschädigt, während ringsum nur die schwarzen Gerippe ausgebrannter Häuser zu sehen waren, von denen dann und wann ein geschwärzter Balken in die Tiefe stürzte und so die gespenstische Stille brach.
Nicht einmal Ratten huschten des Nachts durch diese Straßen, seit die Flammensäule die ganze Hexerei erstickt hatte, die von dem samtbehangenen Schlafgemach des Hauses ausgegangen war.
Aber Tempus hatte mitten in der Nacht, gegenüber von Tasfalens Haustür, ein Treffen befohlen – eine Zusammenkunft aller Beteiligten –, nachdem seine Vorbereitungen alle getroffen waren.
Der schlaflose Veteran war der einzige, dem die endlosen Stunden nicht anzumerken waren, die er und seine Leute in der vergangenen Woche in Freistatt gearbeitet hatten.
Crit, der die Hauptlast der Aufgaben getragen hatte, schwankte vor Erschöpfung, während er die Fackeln in den Schutt des Hauses gegenüber dem Tasfalens steckte; wäre das Licht besser gewesen, hätten die schwarzen Ringe um seine Augen eine deutlichere Sprache gesprochen, was er durchgemacht und was es ihn gekostet hatte, Ischades Erlaubnis zu erbitten, heute nacht hier zu tun, was getan werden mußte.
Strat, Crits Partner, arbeitete stumm neben ihm. Er lud fette Ochsenlenden von einem schnaubenden Braunen, dem seine Last gar nicht gefiel, und Öl in kindsgroßen, reichverzierten Tongefäßen, und legte alles auf einen behelfsmäßigen Altar, genau gegenüber Tasfalens Tür.
Tempus beaufsichtigte die Arbeit seiner Stiefsöhne wortlos und wartete auf das Erscheinen der Hexe. Ischade hatte verlangt, daß dieses Treffen um Mitternacht stattfinde – Nekromanten bleiben eben Nekromanten. Sie war nicht sehr erfreut über dieses Unternehmen, das hatte zumindest Randal gesagt.
Das interessierte Tempus kaum; der Gott war in ihm, wild und stark, wodurch alles wie in Feuer gerahmt und alle Bewegungen unendlich langsam zu sein schienen: sein Unterführer, der hexenhörige Strat, die Pferde mit den Opferlasten. Wenn er sich nicht daran erinnert hätte, daß er es für wichtig gehalten hatte, hier abzuziehen, ohne etwas schuldig zu bleiben, würde er sich damit jetzt nicht abgeben.
Aber Ischade schuldete ihm diesen Gefallen. Und er wiederum schuldete etwas, was er nicht schuldig bleiben wollte – er schuldete es der Nisibisihexe, die zuletzt hinter der Tür des durch Schutzzauber gesicherten Hauses gegenüber gesehen worden war.
Tasfalens Tür. Sie hatte sich nicht geöffnet, seit die Flammensäule die ganze Umgebung gesäubert hatte. Was dort herauskommen mochte, wußte nicht einmal Ischade. Kräfte hatten sich gesammelt, um den Erdboden hier zu reinigen, aber sie hatten dicht vor dem Haus angehalten – Kräfte, von denen niemand gedacht hätte, daß sie zusammenarbeiten würden, hatten jene Tür gesichert. Ischades Kräfte und andere aus einer tieferen Hölle, Sturmbringers elementare Gewalt, und jene, aus der Art von Himmel, in der Jihans Vater herrschte.
So zumindest verstand Tempus es. Der Gott in ihm verstand etwas anders – etwas von gefangener Leidenschaft und Lust ohne Ablaß.
Was immer es war – Nisibisihexe, ihr rasender Geist, ein gefangener Dämon, eine Scherbe von einer nisibisischen Machtkugel – es hatte da drinnen nicht seit Winterende von den Vorräten und hin und wieder einer Maus überlebt.
Falls es Roxane war, hinter Ischades undurchlässigen Schutzzaubern, die nicht einmal ein Riß im Gewebe der Magie schwächen könnte, mußte unendlich vorsichtig vorgegangen werden. Wenn es etwas anderes war, würde Tempus dagegen kämpfen – er hatte einmal wegen einer geringeren Sache mit Jihans sturmkaltem Vater gekämpft, bis beide aufgeben mußten.
Schnapper Jo kam zu dem Trospferd, neben dem Tempus stand. Die Arme des Dämons hingen so tief herab, daß die Finger fast über den Boden schleiften, und seine Zahnstümpfe schimmerten im Fackelschein. »Edler Herr«, brummte er, »habt Ihr sie gesehen? Schnapper weiß nicht.« In seiner Verzweiflung schwankte er wie ein Bär. »Gebieterin wird es nicht gefallen, nicht gefallen… Darf Schnapper jetzt gehen?«
»Habt Ihr den Stein hingelegt, Schnapper?« Es war ein bläulicher, mit Sprüngen durchzogener Edelstein, den Ischade Crit gegeben hatte. Für welchen Preis hatte Tempus nicht gefragt.
Und Ausreden hatte es für Crit nie gegeben. Aber es hatte an diesem Abend nicht wie sonst kameradschaftliche Verwünschungen oder Hänseleien zwischen den Stiefsöhnen gegeben. Als Randal kurz vorbeigekommen war, um Bescheid zu sagen, daß Jihan teilnehmen würde, hatte er nicht die üblichen freundschaftlichen Neckereien über sich ergehen lassen müssen. Strat hatte ihn nicht einmal Zuckohr genannt.
Tempus wußte, daß er ihnen zusetzte, aber er hatte seine Gründe. Und der Gott, der sich in ihn gedrängt hatte, war Zeichen genug, daß ihn sein Gespür nicht trog.
Einen Teil dieses ungeheuren Unterfangens – die Befreiung dessen, was immer hinter Tasfalens Türen lauerte – unternahm er, um ein völlig aus den Fugen geratenes Gleichgewicht wieder herzustellen. Das war etwas, das keiner seiner Helfer ahnte. Aber Niko, der abwesende Stiefsohn hätte es verstanden: Tempus kämpfte nun um Maat, die Ausgewogenheit in einer Stadt, die der Anarchie entgegentaumelte; und für die Stiefsöhne, die sich vielleicht bald dort hinbegaben, wo Nisibisimagie noch stark war und es besser nicht wäre, solange er einer Hexe von Nisiblut noch etwas schuldete.
Aber den größten Teil dieser scheinbar schlimmen Tat – die Randal ihn angefleht hatte, sein zu lassen, und die Ischade so sehr beunruhigte, daß sie hierhergekommen war – unternahm er um Jihans und ihres Vaters willen und wegen einer Heirat, die, wenn vollzogen, einen Gott an Freistatt binden würde, den keine kleine Diebeswelt beherbergen konnte.
Über dreihundert Jahre hatten Tempus gelehrt, daß Instinkt das einzige war, wonach er sich richten konnte; daß das Opfer eines Menschen nur dann gewürdigt wurde, wenn es einen Gott besänftigen sollte; und daß die einzige Befriedigung, die sich lohnte, in der Tat selbst lag – in der Ausführung, nicht im Ergebnis.
Deshalb würde seine bevorstehende Opferdarbietung – nicht die der Ochsenlenden auf dem Öl, sondern die seines eigenen Seelenfriedens – von den Männern gar nicht bemerkt werden. Aber er wußte es. Und der Gott würde es wissen. Und die Kräfte, die für das Gleichgewicht zuständig waren, würden es wissen.
Wie Jihans Vater reagieren würde, konnte nur Jihan wissen.
Eine Bewegung lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich, und das Gottesauge in ihm erkannte sofort, daß eine Frau sie verursachte. Er war bereit, sich Jihan in all ihrer unersättlichen Herrlichkeit zu stellen.
Aber es war Ischade, nicht Jihan, die kam. Besorgnis und Unsicherheit quälten Tempus plötzlich – etwas, das er in all den Jahren kaum je empfunden hatte. Würde Jihan seine Einladung mißachten? Seine Herausforderung? Die Macht in seinem Spiel? Könnte Sturmbringer Wind von Tempus’ Absicht bekommen und sich eingemischt haben? Einen Gott zu überlisten war nicht einfach. Aber es war auch nicht einfach, Tempus zu überlisten.
Randal hatte ihm versichert, daß Jihan gesagt hatte, sie würde hierherkommen. Er wußte, daß sie dachte, sie habe sich mit Randal eingelassen, um Tempus eifersüchtig, ihn empfänglich zu machen und ihn dazu zu bringen, ihr aus der Hand zu fressen. Die Frage war jedoch, ob Jihan überhaupt verstand, was sie tat und warum – daß Sturmbringer ihren Blick auf Randal gebannt hatte.