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Plötzlich fragte sich Tempus, ob es Jihan etwas ausmachen würde, wenn sie es erfuhr. Sie war ebensowenig menschlich wie die zierliche und doch so gefährliche Ischade oder wie Roxane.

Jihan war immer noch dabei zu lernen, wie es mit dem Leben war; eine Frau zu sein, war beunruhigend und verwirrend für sie, ganz im Gegensatz zu den Hexen und den verfluchten Frauen, die alles mit Hexenblut bekämpften.

Ischade, die im Vergleich mit Tempus nicht größer als ein Kind war, kam ganz in Schwarz gehüllt herbei, ihr Gesicht glich dem Zaubermond in der Mittsommernacht, ihre Augen waren wie die Hölle, die sie bewachte.

»Geheimnisvoller«, hauchte sie, »seid Ihr Euch sicher?«

»Nie«, antwortete er grinsend. »Über gar nichts.«

Er sah, wie die Nekromantin zurückwich. Sie fühlte den Gott, der in ihm steckte, einen Gott, den Krieger Lord Sturm nannten und dessen Name in mehr Sprachen übersetzt war, als die Diebeswelt kannte, der jedoch immer dasselbe meinte: die Veranlagung des Menschen, zu kämpfen und zu töten, um zu erobern und die Lust zu befriedigen. An schlechten Tagen dachte Tempus, daß der Gott, der ihn verfolgte, lediglich eine Erfindung seines Verstands war, der er die Schuld für seine Ausschweifungen und Sünden und die Verantwortung für jeden Tod geben konnte, den er verursacht hatte.

Doch als er Ischades Reaktion auf den Gott in ihm bemerkte, wurde ihm bewußt, daß er wirklich war.

Die Nekromantin trat entschlossen einen Schritt näher, legte den Kopf schief, benetzte die Lippen und sagte: »Ihr scherzt mit mir, wenn ER hier ist?« Als Tempus nicht antwortete, machte sie das Schutzzeichen. »Dann befreit Eure Hexe. Da drüben ist weniger zu befürchten als jetzt hier bei Euch.«

Und mein Kämpfer Strat? wollte er oder der Gott fragen, tat es jedoch nicht. Man fragte Ischade nicht, man verhandelte. Aber Tempus war im Augenblick nicht in einer Position zu verhandeln. Außer…

»Ischade, wartet!« rief er – oder der Gott. Und als sie näher kam, beugte er sich zu ihr hinunter und ließ den Gott der Schändung und Plünderung etwas ins Ohr der Nekromantin flüstern, die alle teilweise Toten und ruhelosen Toten befehligte, die sich nie zu Freistatts Göttern begaben.

Tempus versuchte, nicht mitzuhören, was der Gott sagte oder die Nekromantin antwortete, doch die Abmachung, auf die sie sich einigten, ging auch ihn an – sie betraf das Fleisch seines Fleisches und die Seele seines Stiefsohns Strat.

Als er sich aufrichtete, berührte das zerbrechliche, bleiche Geschöpf seinen Arm und blickte in seine Augen. Einen Moment lang, glaubte er, eine Träne in ihren zu sehen, aber dann schloß er, daß es das Leuchten der Leidenschaft war, die Nekromanten und ihresgleichen überkam.

Er konnte überleben, was der Gott Ischade versprochen hatte – zumindest nahm er es an.

Es würde interessant sein, es herauszufinden, das heißt, falls Sturmbringer ihm nicht einen Tritt versetzte, daß er von einer Dimension in die andere flog.

Ein wenig verwirrt, als Ischade im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten verschwand, schwang er sich auf seinen Troshengst und streichelte beruhigend seinen Hals.

Im Norden winkte ihm ein ruhigeres Leben. Wenn er sich nur damit zufriedenzugeben vermöchte, könnte er Pferde züchten und eine neue Generation Kämpfer aufziehen, um mit seinem Freund Bashir die Grenze gegen die nördlichen Zauberer zu halten.

Aber wie sehr er sich auch in solchen Zeiten wie dieser nach einem anderen Leben sehnte, würde der Gott ihm keine Ruhe lassen.

Fackelhalter, der halbnisibisische Priester, hatte behauptet, sein ganzer Fluch und die Gottbesessenheit seien reine Einbildung. Das mochte an dem Tag, an dem der Priester es gesagt hatte, sogar so gewesen sein, aber hier und jetzt stimmte es wahrhaftig nicht.

Als Jihan endlich kam – ihr muskulöser, geschmeidiger Körper war weiblicher als der des schönsten sterblichen Mädchens –, war er mehr denn bereit, zu sein, was er war, ihr die Folgen ihrer Verbindung und ihrer Spiele klarzumachen.

Sie blieb etwa eine Armlänge vor dem Trospferd stehen, das einen Schritt zurückwich: der Hengst erinnerte sich zu gut, wie sie ihn immer gestriegelt hatte, bis sein Fell fast durchgescheuert war.

Tempus glitt aus dem Sattel, als sie mit kehliger Stimme voll kindlicher Eitelkeit sagte: »Du wolltest mich sehen, Tempus? Ich kann mir nicht vorstellen, weshalb. Ich habe dich nicht zu meiner Hochzeit eingeladen.«

»Weil es keine geben wird!« Er streckte den Arm aus und ging einen Schritt auf sie zu.

Seine Hand schloß sich um ihren Arm, als ihre nach seinem Gürtel langte.

Sie rangen miteinander, und er warf sie zu Boden, indem er sein Bein zwischen ihre Schenkel stieß.

Als Jihan unter ihm zu fluchen und zu toben begann, gingen Critias, Strat und Randal an die Opferung der Ochsenlenden und des Öls, um den Gott zu beschwichtigen, während Ischade tat, was sie tun mußte, um ihre Schutzzauber aufzulösen.

Es war nicht leicht, der Gischttochter Gewalt anzutun. Sie war so stark und flink wie er.

Er hatte mit der Lust gerechnet und ihrer Erinnerung an die gespielten Vergewaltigungen, um ihren Ärger in Leidenschaft zu verwandeln und ihren Körper in ein Instrument, das er meisterhaft spielen konnte.

Und etwas dieser Art geschah auch, doch wer wen vergewaltigte, hätte er nicht mit Sicherheit zu sagen vermocht, während sie halb nackt in den Trümmern herumrollten, ohne sich um irgend etwas um sie herum zu kümmern, während eine Hexe ihre Zauber wirkte, Soldaten ein uraltes Ritual sprachen und Randal, der tysianische Hasard, eine feurige Opferhandlung vornahm, die das, was immer in Tasfalens Haus lauerte, endlich freisetzen sollte.

Da Tempus auf seine Weise Opfer Sturmbringers, des Vaters Jihans, war und Jihans Beine ihn umklammerten, während ihre Zähne sich in seinen Hals gruben, und da der Gott in ihm dieses Vergewaltigungsspiel liebte und Jihan ebenfalls, entging ihm das Schauspiel, das sich gegenüber in Tasfalens Haus abspielte.

Tatsächlich löschte das Feuerwerk in seinem Schädel, als der Gott und er und Jihan und ihr Vater zusammenkamen, das Scheinbild der Flammensäule des vergangenen Winters, die zum Himmel aufstieg aus Tasfalens Haus.

Später erfuhr er, daß die Türen und Fenster von Tasfalens Haus von selbst aufschwangen und ein Feuerwesen hinausflog und flatternd hoch über dem Haus kreiste.

Und in den Rauch verschwand, der überall wallte, Rauch, der von Tasfalens Schornstein aufstieg oder zu ihm hinunterwogte, als käme das Licht, das aus jedem Fenster loderte, von etwas, das weißglühend im Haus brannte.

Aber was in Tempus brannte, war das Licht als solches.

Jihan war ihm in allen körperlichen Dingen ebenbürtig. Als sie schließlich still beisammenlagen und mehr als nur ihren eigenen Atem hören und mehr als nur ihre eigenen Seelen sehen konnten, flüsterte sie ihm zu, das Gesicht an seinem Hals vergraben: »O Geheimnisvoller, weshalb hast du so lange gebraucht, zurückzukommen und mich wieder zu nehmen? Wie konntest du mir das antun? Und Randal?«

»Ich kümmere mich um Randal. Er wird verstehen. Ich will dich, Jihan – ich will dich bei mir. Ich…« Es fiel ihm schwer, das zu sagen, aber er mußte es, nicht nur Randais wegen, sondern um aller willen, die ihm vertrauten. »Ich – brauche dich, Jihan! Wir alle brauchen dich! Komm nach Norden und Osten und überallhin mit mir – schau dir die ganze Welt an.«

»Aber mein Vater…« Die Augen der Gischttochter glühten so rot wie das Feuer auf der anderen Straßenseite, das er jetzt erst bemerkte.

»Wird er den Wunsch seiner Tochter nicht respektieren?«

Jihans Arme schlangen sich um seinen Hals in einer Umklammerung, die weder Tempus noch der Tod brechen könnte, und sie zog ihn zu sich hinab. »Gut, Geheimnisvoller, dann zeigen wir ihm, daß es mein Wunsch ist.«

Er war nicht sicher, ob er es selbst mit Hilfe des Kriegsgottes so schnell schon wieder fertigbrächte. Aber der Gott war ebenso unersättlich wie sie, und obwohl Sturmbringer vor Ärger grollte und die Erde erschütterte, daß sie sich bald in einem Wolkenbruch herumwälzten, der das Feuer auf dem Altar und in Tasfalens Haus löschte, war es zu spät, als daß Jihans Vater sie noch hätte abhalten können.