Sie setzte sich lässig auf, warf die dünne Decke zurück, erhob sich und schlüpfte in einen ärmellosen Morgenrock aus blaßblauer Seide. Auf einem kunstvoll geschnitzten Tischchen neben ihrem Bett lag ein Bronzekamm. Sie griff danach und fuhr damit durch die dichte blonde Lockenpracht, während sie ihr Gemach durchquerte und sich aufs Fensterbrett setzte. Die Sonne fühlte sich wunderbar warm an auf ihrer Haut. Es würde ein sehr heißer Tag werden.
Sie schloß die Augen und lehnte sich zurück. Ihre Gedanken wanderten zu dem seltsamen Treffen in der Rattenfalle. Es war das erste Mal, daß sie Zip, dem Führer der sogenannten Volksfront für die Befreiung Freistatts, begegnet war oder ihn überhaupt gesehen hatte. Zip war zur Zeit bei niemandem sonderlich beliebt, und wenn Freistatt von irgend etwas befreit sein wollte, dann von den blutigen, terroristischen Taktiken seiner Faktion.
Irgendwie hatte sie Zip in ihrer Vorstellung und nach den Geschichten, die sie gehört hatte, für gleichaltrig gehalten. Wahrscheinlich, weil ihn jeder immer Junge nannte. Es hatte sie überrascht, daß er um mehrere Jahre älter war als sie. Sie rief sich sein Aussehen ins Gedächtnis: dunkelhaarig, recht gutaussehend, ein hübsches Stirnband. Er hatte jedoch nicht viel von ihr gehalten, das hatten seine Augen nur zu deutlich verraten.
Tempus hatte im Garten nicht nur den einen amüsanten Antrag gemacht. Sowohl seine Stiefsöhne wie das 3. Kommando zogen von Freistatt ab, hatte er ihr erzählt. Dadurch würde die Stadt so gut wie schutzlos zurückbleiben, außer, jemand übernahm die Kontrolle über die VFBF, um mit ihr alle anderen Faktionen der Stadt zu vereinen.
»Benutz deine Gabe«, hatte er ihr ins Ohr gebrummt, während er an ihren Röcken herumfingerte. »Du bist unschlagbar. Übernimm die Kontrolle!«
Kontrolle, wahrhaftig. Sie war es gewesen, die die Dinge unter Kontrolle gehabt hatte, sogar, als er sie auf den Boden schob. Sie lächelte darüber. Es war offenbar ein Morgen des Lächelns für sie.
Tempus hatte sogar versucht, sie zu erpressen, damit sie seinen Vorschlag annahm. Offenbar war ihm klar geworden, daß sie und ihre Gladiatoren es gewesen waren, die Therons Barke angegriffen hatten, als der verdammte Usurpator unerwartet nach Freistatt gekommen war. Leider hatte der verschlagene alte Thronräuber so etwas vorhergesehen und einen bedauernswerten Pechvogel in seine Gewänder gesteckt, während er sich anderswo aufhielt. Ihr Angriff war erfolgreich gewesen, sie hatten nur den Falschen erwischt.
Trotzdem war des Geheimnisvollen Plan gar nicht so dumm, und ihr war des Nachts eine Idee gekommen wie ein Traum, wie die Stimme Savankalas persönlich, um sie zu leiten. Sie öffnete die Augen, blinzelte nachdenklich in die Sonne und widmete sich dann wieder dem Kamm und ihrem Haar.
Zwischen ihr und Kadakithis war es in letzter Zeit zu Spannungen gekommen, und Chenaya wußte durchaus, daß sie an dem Bruch ihrer kameradschaftlichen Bande schuld war. Sie hatte die vermißte Gemahlin ihres Vetters nach Freistatt zurückgebracht. Nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern um seine Vermählung mit der Beysiberin Shupansea zu verhindern. Trotz eines ranakanischen Gesetzes, das Scheidungen in der kaiserlichen Familie verbot, hatte Kadakithis offenbar die Absicht, Ende des Sommers sein Verlöbnis mit der Beysa bekanntzugeben.
Chenaya legte den Kamm auf ihren Schoß und lehnte sich zurück. Wenn sie nicht etwas unternahm, diesen Bruch wieder zu kitten, würde sich das herzliche Verhältnis zwischen ihnen nie mehr herstellen lassen. Sie ertrug es nicht, daß ihr kleiner Prinz böse auf sie war. Sie sah ein, daß sie wohl auch Frieden mit der fischäugigen Frau würde schließen müssen, die er heiraten wollte.
Tempus hatte ihr die Möglichkeit dazu gegeben. Sie blickte zur Sonne hinauf. Hab Dank, leuchtender Vater, hab Dank, daß du die Welt mit einer solchen Zahl von Narren gefüllt hast.
Wieder lächelte sie, stand auf und kleidete sich an. Es würde ein guter Tag für sie werden, voll unterhaltsamer Ereignisse.
Die Tür schwang auf, ohne daß die Besucherin geklopft hatte. Die dunkelhaarige Schönheit, die mit mürrischem Gesicht auf sie zukam, war wie ein rankanischer Gladiator gekleidet. Die Frau blickte Chenaya mißbilligend an. Dann gab sie die stolze Haltung auf; sie ließ die Schultern hängen, stöhnte, fiel theatralisch rückwärts, wohlweislich auf das Bett, wo sie liegenblieb. »Jeden Tag bei Morgengrauen aufstehen und hinaus auf den Übungsplatz, Ihr habt es mir ja oft genug gesagt.« Ein Seufzen entrang sich den vollen Lippen, und ein zierlicher Finger wie aus Elfenbein deutete anklagend: »Ihr seid nicht fertig, Herrin.« Aus ihrem letzten Wort troffen Sarkasmus und Anklage.
»Daphne, Euer schlechtes Benehmen kann mir diesen Tag nicht verderben«, sagte Chenaya, als sie einen scharlachroten Kampfkilt anzog und einen breiten Ledergürtel umlegte, dessen Schnalle in ihrem Gold glänzte.
»Seit Daxus habt Ihr mir keine Kehlen mehr ausgeliefert!« beschwerte Daphne sich.
Chenaya schnürte ihre Sandalen und log geduldig. »Ich habe es Euch schon gesagt. Die einzigen anderen Namen, die ich Euch geben könnte, sind die von Raggah. Daxus hat alle Information über Eure Karawane an diesen götterverdammten Wüstenstamm verkauft. Sie waren es, die Euch an die Piraten der Aasfresserinsel verkauft haben. Es gab keine Verschwörung, sich Eurer zu entledigen. Es war für die Raggah ein ganz und gar übliches Geschäft.«
Das stimmte nicht. Aber jene anderen in Freistatt, die sich tatsächlich verschworen hatten, Daphnes Karawane nicht in Ranke ankommen zu lassen, waren zu wichtig – wenn man die Bedrohung durch Theron bedachte –, als ihnen von Daphne die Kehle durchschneiden zu lassen. Trotz Chenayas Versprechen würde Daxus, den sie ihr ans Messer geliefert hatte, der einzige bleiben.
»Ach nein?« fauchte Daphne. »Ein ganz und gar übliches Geschäft also. Sie fingen sich nur durch Zufall eine rankanische Prinzessin ein – Kadakithis’ Gemahlin. Nichts Persönliches. Für wie dumm haltet Ihr mich eigentlich?«
»Ich bin sicher, ich muß Euch erst noch besser kennenlernen.« Chenaya griff nach ihrem Schwert, das auf einer hölzernen Truhe am Fußende ihres Bettes lag. »Wenn Ihr nichts Besseres zu tun habt, als über die Ungerechtigkeit des Lebens zu jammern, dann erhebt Euch und geht zum Übungsplatz. Leyn wird heute Euer Ausbilder sein.«
Daphne setzte sich bestürzt, verärgert auf. Dann machte sie wieder ihr mürrisches Gesicht. »Leyn?« rief sie. »Wo ist Dayrne? Er ist mein Ausbilder!«
»Er ist vergangene Nacht zu einer größeren Mission aufgebrochen«, erklärte Chenaya ihrer neuesten Schülerin. »Er hat so einiges für mich zu erledigen, das ihn quer durchs Reich führt. Während seiner Abwesenheit, bildet Leyn Euch aus.« Sie deutete mit einem Finger auf Daphne. »Und keinen Protest! Ihr habt heute schon genug gejammert. Selbst der niedrigste meiner Männer kann Euch noch eine Menge beibringen. Und jetzt geht, Prinzessin.« Sie betonte den Titel als Ermahnung, daß Daphnes Rang absolut nichts bedeutete, solange sie Kampfkleidung trug.
Daphne erhob sich aufreizend langsam und warf hochmütig das lange schwarze Haar zurück. »Wie die Herrin befiehlt«, erwiderte sie mit gespielter Untertänigkeit und ging zur Tür. Als sie hindurchtrat, sagte sie laut genug, daß Chenaya es hören konnte, »Miststück!«
Das entlockte Chenaya ein weiteres Lächeln. Sie bildete ja schließlich keine Roboter aus, sondern Gladiatoren. Und Kämpfer ohne Temperament würden nicht viel taugen. Sie hatte Daphne beobachtet, für eine Prinzessin machte sie gute Fortschritte.
Auch Chenaya wollte zum Übungsplatz, doch ehe sie auf dem Korridor weiter als zur nächsten Tür kam, prallte sie in ihrer Gedankenversunkenheit gegen ihren Vater. »Oh, Entschuldigung«, murmelte sie und stützte die Hand an die Tür, die er soeben hinter sich geschlossen hatte. »Ist das nicht Tante Rosandas Gemach?« Sie zwinkerte betont arglos, weil sie wußte, daß sie ihn damit ärgern würde.