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Doch diesmal zwinkerte Lowan Vigeles zurück. »Wußte ich doch, daß deine teuren Hauslehrer sich bezahlt machen würden.« Er tippte ihr mit der Fingerspitze auf die Stirn. »Ich habe deiner Tante das Tablett mit dem Frühstück gebracht.«

Sie grinste ihn ironisch an.

Lowan holte geduldig tief Atem und schob die Tür auf. Lady Rosanda blickte verlegen in ihrem Bett auf, als ein Stück kalter Braten von ihren Lippen auf das Tablett auf ihrem Schoß fiel. Hastig kaute sie den Bissen im Mund hinter vorgehaltener Hand.

Lowan schloß die Tür von außen und bedachte seine Tochter mit dem Blick des zu Unrecht Verdächtigten.

Chenaya strich das Haar zurück und weigerte sich, zerknirscht dreinzuschauen. »Wie kann man nur so selbstsüchtig sein!« tadelte sie ihn. »Zu tugendhaft, um das anzubieten, was du hast? Hab doch Mitleid! Der einzige Mann, den sie viele Jahre lang gesehen hat, ist Onkel Molin.« Sie täuschte ein Schaudern vor.

Lowan Vigeles nahm sie am Arm und führte sie von Rosandas Tür eine breite Treppe zum Erdgeschoß hinab. »Ich habe Dayrne eine Vollmacht mitgegeben, das müßte die Dinge beschleunigen. Heute nachmittag werde ich mich nach Handwerkern umsehen, damit wir mit dem Bau der Kaserne und der Nebengebäude anfangen können; und Dismas und Gestus werde ich mit der Herstellung der Übungsmaschinen beauftragen.«

»Nicht diese beiden«, wehrte sie ab. »Ich brauche sie heute selbst. Du kannst Ouoijen dafür nehmen und Leyn, wenn er Zeit hat. Aber es eilt nicht. Es wird Wochen dauern, bevor irgend jemand kommt – falls sie dem Aufruf überhaupt folgen.«

Lowan schüttelte den Kopf, als sie das Haus zum hinteren Garten verließen, wo sich die Volieren für fast zwanzig Falken befanden. »Sie werden ihm folgen, Tochter. Meine Schule in Ranke hat so gut wie alle der besten Auctorati hervorgebracht, die je in den Spielen kämpften. Sie werden kommen, wenn ich rufe. Und Dayrne hat genug Geld dabei, jeden anderen Kämpfer einzukaufen, den er für geeignet erachtet.«

Sie nickte. Ihr würde Dayrne an der Seite fehlen, aber es gab keinen besseren Fachmann, wenn es darum ging, Kampfschüler und Gladiatoren auszusuchen. Und außer ihr selbst und Lowan könnte sie keinem anderen eine solche Mission anvertrauen.

»Ich muß zum Übungsplatz, Vater«, sagte sie plötzlich. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm voll Zuneigung einen Kuß auf die Wange. »Danach werde ich den ganzen Tag fort sein. Mach dir keine unnötigen Gedanken, falls ich heute nacht nicht zurückkomme.«

Lowan bedachte sie mit einem Zwinkern.

Sie stieß ihm kameradschaftlich in die Rippen. »Es ist geschäftlich.« Dann blickte sie kurz nachdenklich drein und bemerkte: »Nun, einiges davon ist geschäftlich. Anderes dürfte ein reines Vergnügen werden.«

Lowan Vigeles beäugte Chenaya argwöhnisch. »Möchtest du nicht über deinen Freund der kommenden Nacht sprechen?« Er seufzte.

Sie sagte nichts weiter zu ihrem Vater. Nach ein paar Tagen würde er ihr vergeben, wenn er herausfand, was sie getan hatte. Tempus andererseits… Aber was scherte sie sich um ihn? Sie grinste und genoß die blendende Stimmung, die sie heute erfüllte. Hatte sie reines Vergnügen gesagt? Sie kicherte.

Lowan blickte sie erstaunt an. Sie tätschelte seine Hand, zwinkerte ihm zu und ging zum Übungsplatz, wo Daphne und elf der besten Gladiatoren arbeiteten.

Die Sonne näherte sich dem Mittag, als Chenaya gestattete, für heute mit den Übungskämpfen Schluß zu machen. Sie schickte Daphne, Leyn und die anderen ins Haus zurück, während sie Dismas und Gestus zu sich rief. Die beiden waren ein Team und fast immer zusammen. Sie sahen sich mit ihrem sandfarbigen Haar, den gestutzten Bärten und den gewaltigen Muskeln sogar ähnlich.

»Interessiert an einem Spielchen, Freunde?«

Die beiden blickten erst sich und dann sie an und schwiegen. Sie konnten sich vorstellen, was sie meinte. Sie hatten ihr schon öfter bei ihren Spielchen geholfen.

»Niemand kann sich so unauffällig herumtreiben wie ihr zwei«, fügte sie hinzu. Tatsächlich waren die beiden das geschickteste Diebes- und Einbrecherpaar in Ranke gewesen, ehe man sie schließlich erwischt und zur Arbeit in Lowans Schule verurteilt hatte. »Und wenige können schneller rennen.«

Dismas verschränkte die Arme und unterdrückte ein Grinsen. »Ihr braucht uns nicht um den Bart zu streichen, Herrin«, sagte er in fließendem Rankene. »Es ist zu heiß, herumzustehen und Schmeicheleien auszutauschen, auch wenn sie stimmen.«

Chenaya trat zu Dismas und rieb ihren Körper gegen seinen. »Bist du nicht nett zu ihm?« zog sie Gestus auf. Sie tupfte auf den ledernen Lendenschutz unter Dismas’ Kilt. »Er ist heute so brummig.«

»Niemand schuld«, antwortete Gestus schulterzuckend. Das war das Seltsame an diesem Paar. So sehr sie sich auch in allem anderen ähnlich waren, Gestus war es nie gelungen, Rankene zu beherrschen, während Dismas es wie ein Höfling sprach.

Sie stellte sich wieder ein paar Schritte vor sie und wurde ernst. »Ich möchte, daß ihr jemanden für mich beschattet. Ich gebe euch ein pralles Säckel mit. Und falls er in ein Freudenhaus geht…« Sie zögerte und kratzte sich an der Schläfe. »Na ja, laßt euch etwas einfallen.« Jetzt verschränkte auch Gestus die Arme und grinste. Ganz offensichtlich hatte sie ihr Interesse geweckt. »Hauptsache, ihr paßt auf, daß ihr nicht auffallt.« Sie deutete mit einem Fingerschnippen auf ihre Nietengürtel. »Tragt etwas Unauffälligeres.«

Dismas nahm die Arme von der Brust, Gestus ebenfalls. »Der Name unseres Fuchses?« fragte er verschwörerisch.

»Kein Fuchs«, entgegnete sie. »Ein gefährlicher Puma. Kommt ihm ja nicht in die Quere! Ihr sollt ihn nur beschatten und mir berichten, was er unternimmt.« Sie winkte sie näher herbei und sie beugten sich hinab, um zu hören. Sie blickte in alle Richtungen, dann drückte sie einen Finger an die Lippen. »Und da ist noch was, das euch sicher Spaß macht. Ich möchte, daß mir einer von euch vor Sonnenuntergang einen halben Ziegel Krrf hierher bringt.«

Beide zogen die Augenbrauen hoch.

Sie sollte recht behalten, der Tag wurde glühend heiß, zu heiß für ihre übliche lederne Kampfkleidung. Aber sie wollte sichergehen, daß sie auffiel, deshalb zog sie eine weitfallende Hose und Bluse aus glänzend schwarzer Seide an, dazu spiegelblanke Stiefel, die fast bis an die Knie reichten, aber nicht so hoch, daß sie die Griffe der Dolche verborgen hätten, die sie in jeden Schaft gesteckt hatte. Über eine Schulter schlang sie einen Lederriemen, an dem mehrere bandaranische Wurfsterne so befestigt waren, daß eine einfache Drehung sie aus ihrer Nietenhalterung löste. An ihrer rechten Hüfte trug sie einen Gladius, ein Kurzschwert, dessen goldene Parierstange in Form von Vogelschwingen geschmiedet war. Zum Schluß, weil sie es bei Zip gesehen hatte, legte sie ein Schweißband aus blütenweißem Linnen um die Stirn.

Aller Blicke wandten sich ihr zu, als sie herausfordernd den Karawanenplatz Richtung Abwind überquerte. Sie lächelte und blinzelte den Gaffern zu, manchmal strich sie leicht über den Schwertgriff. Nur ein paar hatten soviel Mumm zurückzulächeln, die meisten blickten rasch irgendwoandershin und beschleunigten den Schritt.

Als sie sich der Schimmelfohlenbrücke näherte, stürmte eine Schar schmutzstarrrender Gassenkinder auf sie zu. Sie lächelte, steckte ihre Hand in den Beutel an ihrem Gürtel und warf eine Handvoll Münzen über die Schulter. Die Kinder verloren das Interesse an ihr und balgten sich um die glitzernden Münzen.

Lachend ging sie an dem verlassenen Wachthäuschchen vorbei und über die Brücke.