Kaum war sie an der Abwinderseite angekommen, versperrten ihr zwei Männer den Weg. »Wie wär’s, wenn du mit deinen restlichen Schätzen auch so großzügig bist?« sagte der links vor ihr und deutete auf ihren Beutel.
»Und mit deinen anderen Reizen ebenfalls?« meinte der andere.
Ein abfälliges Lächeln zuckte über Chenayas Züge, als sie vernahm, wie weitere hinter ihr herbeischlichen und mit leisem Scharren ihre Klingen aus den Scheiden zogen. Sie trugen keine Armbänder, gehörten demnach also nicht zu Zips Leuten. Aus ihrer Lumpenkleidung schloß sie, daß es Moruths Männer waren.
Moruth – der Bettlerkönig – war einer der Faktionsführer, der es gewagt hatte, sich der VFBF zu widersetzen. Nun, sie war nicht nach Abwind gekommen, um Moruths Gunst zu gewinnen. Es war Seines Bettelkönigs Pech, daß die Absicht sie hierhergeführt hatte, Zip zu becircen.
Sie machte sich gar nicht Mühe, sich nach den zweien hinter ihr umzudrehen. Ihr Atem und ihr ständiges Scharren mit den Füßen verrieten ihr genau, wo sie standen. »Ihr gebt die passenden Opfer ab«, sagte sie hart. »Ich werde euer Blut dem Führer der VFBF als Trankopfer darbieten.«
Der Mann, der als erstes gesprochen hatte, erbleichte, aber er wich nicht zurück. »Du gehörst zu den Vobfs?« fragte er mißtrauisch. »Du trägst kein Band um den Arm.«
»Verunstaltet die Seide«, antwortete sie. Sie wartete und forderte sie mit hochmütigem Blick auf, entweder ihren Zug zu machen oder ihr aus dem Weg zu gehen.
»Sie muß sich für ziemlich gut mit dieser Klinge halten«, sagte einer hinter ihr.
Chenaya hatte keine Lust, noch mehr Zeit zu vergeuden. »Paßt gut auf«, sagte sie ungeduldig. »Ich gebe Geschmeiß nicht oft Unterricht.« Ein gedämpfter Aufschlag war zu hören, dann ein Stöhnen der Verblüffung und Furcht, als der Wurfstern sich in den Hals des ersten grub. Sein Schwert fiel in den Schmutz und seine Leiche hinterher.
Noch ehe der Wurfstern einschlug, hatte Chenaya ihr Schwert gezückt. Brüllend schwang sie es gegen den Mann rechts vor ihr. In entsetzlicher Furcht riß er sein Schwert hoch, um seinen Kopf zu schützen. Ihre Klinge krachte zweimal von oben gegen seine, dann schwang sie im Bogen hinunter und schlitzte seinen Bauch auf. Beim Rückwärtsschwung schlug sie ihm das Schwert aus der Hand und trennte dabei ein paar Finger ab.
Sie hatte keine Zeit zuzusehen, wie er fiel. Sie wirbelte herum, duckte sich zur Abwehrhaltung, aber ihre Gegner waren Bettler, keine kampferprobten Krieger. Sie konnte nur noch ihre Rücken sehen, als sie hastig Schutz unter der Brücke suchten. Lachend warf sie einen zweiten Stern. Ein gellender Schrei zerriß die Luft, einer der zwei fliehenden Bettler stürzte kopfüber den Uferhang hinunter und in den Fluß. Vor Schmerzen brüllend zog er sich dann aufs Ufer und schleppte sich hinter seinem Kameraden her.
Wieder lachte sie – es war ein bitterer, herausfordernder Laut, der in ihrer Kehle schnarrte. Als sie über die Schulter blickte, sah sie gerade noch, wie die Straßenbahn-Gel, die von der anderen Brückenseite aus zugeschaut hatten, wie Schatten in der Sonne dahinschwanden. Auch auf der Abwinder Seite zogen sich ungewollte Zeugen hastig in Gassen und Eingänge zurück. Chenaya bückte sich, um ihre Klinge an den Lumpen eines Toten abzuwischen, dann hob sie ihren ersten Stern auf und säuberte auch ihn.
Zweifellos würde Zip rasch alles erfahren. Das war ihre Absicht gewesen. Deshalb war sie auf diese Senkgrubenseite der Stadt gekommen. Sie steckte den Gladius zurück in die Scheide und schritt weiter, ohne noch einen Gedanken an die Toten zu verschwenden, die sie zurückgelassen hatte.
Komm zu mir, Zip! dachte sie beschwörend. Komm zu mir!
Es gab Häuser in Abwind, die sich als Schenken ausgaben. Doch nur Mama Bechos konnte sich wirklich als eine ausweisen. Trotzdem gab es Säufer in Freistatt, die sich nicht herablassen würden, auch nur auf ihre Schwelle zu spucken, geschweige denn zu trinken, was dort angeboten wurde.
Chenaya trat durch den niedrigen, türlosen Eingang. Ihre Augen paßten sich rasch dem Halbdunkel an. Dutzend Augenpaare drehten sich nach ihr um und musterten sie. Das waren völlig andere Gäste als die Kunden des Wilden Einhorns. Im Einhorn waren die Mienen drohend oder verschwörerisch oder gleichgültig. Die Gesichter hier im Mama Bechos drückten nur Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit aus.
Chenaya dachte an die Männer, die sie an der Brücke hatten ausnehmen wollen. Sie hatten ihr Gold gewollt und dafür bezahlt. Sie sah hier im Mama Bechos Männer, die dasselbe getan und den Tod, den sie gab, begrüßt hätten. Warum auch nicht? Für ihresgleichen hatte das Leben wenig zu bieten, wenig, woran sie hingen.
»Willst du was, Schätzchen, oder bist du bloß wegen der schönen Aussicht hier?« Ein Berg von einer Frau in zerlumptem Kittel lehnte einen Ellbogen auf das Brett, das als Schanktisch diente, und grinste sie anzüglich an. Sie wischte einen Tonkrug mit einem schmierigen Lappen aus, der bestimmt seit Wochen kein sauberes Wasser mehr gesehen hatte.
»Schätzchen«, antwortete Chenaya Mama Becho lächelnd, »ich will zweierlei: erstens, einen Becher mit einem anständigen Trunk, am liebsten Vuksibah, falls es so was in diesem Loch gibt.« Aller Augen wandten sich ihr zu, ob wegen der Erwähnung dieses teuren Branntweins oder der Bekleidung, wußte sie nicht, aber es war ihr auch gleichgültig. »Wenn du keinen hast, dann einen guten Wein oder klares Wasser.« Sie lehnte sich auf das Brett gegenüber der fetten Wirtin und spürte, wie es sich unter ihrer beider Gewicht bog. Der Atem der Wirtin war schlimmer als faulig, trotzdem gelang Chenaya ein Grinsen. »Dann will ich Zip.«
Damit hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit aller gewonnen. Sie langte in ihren Beutel und holte wieder eine Handvoll Münzen heraus. Ohne einen Blick darauf oder ihren Wert auch nur zu schätzen, warf sie sie über die Schulter; eine nur legte sie auf das Brett. Es war eine glänzende Goldkrone.
»Ich wette, jemand hier weiß, wie man sich mit ihm in Verbindung setzen kann«, sagte sie zu Mama Becho, so laut, daß alle Anwesenden es hören konnten. »Und wenn er durch die Tür tritt, verstreue ich noch eine Handvoll Münzen.«
»Und was ist, wenn wir bloß dein Glitzer nehmen, Mädchen?« rief ein hagerer, verkrüppelter Mann, der in einer dunklen Ecke hockte. Er spielte mit einem Silberstück, das zu ihm gerollt war.
»Halt’s Maul, Haggit!« fauchte Mama Becho. »Siehst du nicht, daß wir eine feine Dame hier haben? Also paß auf deine Manieren auf!«
Chenaya warf Haggit die Goldkrone zu, und er fing sie geschickt. »Ich verschenke mein Gold, wenn ich es für richtig halte. Zwei, die es mir wegnehmen wollten, liegen tot an der Brücke.« Sie blickte ihn hart und durchdringend an. »Ich will Zip sprechen, und ich werde jeden anständig entlohnen, um ihn zu finden. Wenn du versuchst, ein falsches Spiel zu treiben, Haggit, wirst du dafür bezahlen!«
Haggit blickte sie einen langen Moment finster an, biß prüfend in die Goldkrone, dann stand er auf und ging hinaus. Einer nach dem anderen verließen auch die übrigen Gäste die Schankstube. Nicht eine von Chenayas Münzen war am Boden übersehen worden.
»Jetzt hast du mir meine Gäste vertrieben«, beklagte sich Mama Becho. Sie wischte immer noch den gleichen Krug mit demselben dreckigen Lappen aus. »Mach dir’s bequem, Schätzchen.« Sie deutete auf die tuchbedeckten Bretter auf Schragen, die als Tische dienten. »Wer weiß, wann Zip auftaucht. Der Junge kommt und geht, wie’s ihm Spaß macht.«
Chenaya blieb, wo sie war, als die alte Frau verschwand, um ihren Wein zu bringen. Zip würde kommen, daran zweifelte sie nicht. Sie hatte mit genug Geld um sich geworfen, um dafür zu sorgen, und einige seiner Feinde hatte sie auch getötet. Ja, er würde schon kommen, wenn auch vielleicht nur aus Neugier.
Sie holte tief Atem. Was war das für ein Geruch? Sie blickte auf die Türöffnung, durch die Mamo Becho gegangen war. Eine alte, fadenscheinige Decke hing davor; dünner Rauch trieb um die Seiten herein.