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Zip rührte sich unter ihr und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, den Arm hatte er dabei um ihren Dolch geschlungen. Er versuchte arglos dreinzusehen, und es gelang ihm auch fast, aber sein Blick war mißtrauisch. »Also gut, Liebste«, spöttelte er. »Was hast du vor?«

Sie zog den Dolch aus dem Holz, schob ihn in den Stiefelschaft zurück, erhob sich und streckte die Hand hinunter, um Zip hochzuhelfen. Es wunderte sie nicht, daß er sie ablehnte und ohne ihre Hilfe aufstand. Mit viel Getue bürstete er Mama Bechos Staub von seiner Kleidung.

»Komm morgen nacht mit allen deinen Männern – der gesamten VFBF – zu dem alten Marstall bei den Getreidespeichern.«

Zip runzelte die Stirn, bückte sich und hob den Becher auf, der stehengeblieben war. Er drehte ihn in den Händen, ohne zu trinken. »Das ist direkt gegenüber von den Verliesen.«

Chenaya grinste ihn spöttisch an. »Nur nicht nervös werden, Zip. Ich habe gehört, daß du ein Mann der Tat bist. Und bei mir kannst du zupacken.« Sollte er das auslegen, wie er wollte, dachte sie boshaft. »Zufällig ist mir der Posten gewogen, der morgen nacht am Tor der Götter Wache hält – Krrf sei Dank –, und ein Wort von mir wird dieses Tor öffnen.« Sie strich das Haar mit einer Hand zurück, stemmte sich mit der anderen vom Boden und goß den Rest des sauren Weins aus ihrem Becher in sich hinein. Dann öffnete sie die Finger und ließ den Tonbecher vor ihren Stiefeln auf dem Boden zerschellen.

»Und jetzt«, sagte sie herausfordernd, »kannst du mit deinen Spielgefährten weiter hilflosen Krämern und blutlosen Edelleuten auflauern und die Revolution in den Wind schreiben…« Sie nahm ihm den Becher ab, mit dem er herumgespielt hatte, leerte ihn in einem Zug und betrachtete ihn über den Rand hinweg. Einen Augenblick später lagen die Scherben bei den anderen auf dem Boden. »… Oder die VFBF kann endlich einen wirkungsvollen Schlag landen. Also, was sagst du?«

Zip blickte nachdenklich drein. »Auch wenn Kadakithis tot ist, brauchen wir eine wirkungsvolle Verteidigung gegen Theron.« Er kratzte sich am Kinn.

»Theron wird euch wahrscheinlich dankbar sein«, meinte sie. Sie konnte mit Sicherheit davon ausgehen, daß Zip den Thronräuber nie kennengelernt hatte und nichts von dem verschlagenen Verstand des alten Generals wußte. Theron wollte Freistatt als Bastion an Rankes Südgrenze. Nichts würde ihn überzeugen können, daß es besser wäre, die Stadt aus der eisernen Faust des Reiches zu lösen. Auch nicht die Hinrichtung des rechtmäßigen Erben der Krone, die er sich angeeignet hatte.

Doch das würde Zip nicht verstehen. Er war ein Kämpfer, kein Politiker.

»Unnötig, meine ganzen Leute mitzubringen«, entgegnete Zip. »Ein kleiner Trupp – zwei oder drei – sind genug, um hineinzuschleichen und zu tun, was getan werden muß.«

Chenaya trat näher. Sie war fast so groß wie Zip und hatte fast ebenso breite Schultern. Wieder atmete sie seinen Geruch ein und biß sich auf die Lippe. »Ein kleiner Trupp für den Prinzen und seine Fischliebste«, stimmte sie zu und nickte mit dem Kopf wie eine geduldige Lehrerin, deren Schüler sich Mühe gibt, aber etwas beschränkt ist. »Die übrigen werden sich jedes einzelnen Beysibers im Palast annehmen – und wer sich sonst in den Weg stellt.«

Ganz offensichtlich überschlugen sich die Gedanken in seinem Kopf. Er warf einen raschen Blick auf seinen Mann an der Tür. Der hatte jedes Wort gehört, und seine Augen glänzten vor Eifer, aber er verhielt sich still. Zip stiefelte hin und her und zertrat Tonscherben unter den Sohlen. »Und die Garnison?« fragte er. »Wie sieht’s mit einem Fluchtweg aus? Wie mit bewaffnetem Widerstand im Palast?«

Chenaya lachte verächtlich. »Tempus hat mir gesagt, daß du ein Mann bist, der weiß, wann man zuschlagen muß. Aber du hörst dich mit deinen endlosen Fragen wie Molin Fackelhalter an.«

Zip verstummte, stapfte jedoch weiter hin und her.

»Würdest du es tun, wenn Tempus euch führt?«

Er blieb mitten im Schritt stehen und blickte sie mit zusammengekniffenen Augen an. Er sagte auch jetzt nichts, aber es war unübersehbar, daß ihm Fragen auf der Zunge brannten.

Sie spuckte verächtlich, doch um Mama Bechos willen direkt auf Zips Stiefel. »Ich bin alles, was Tempus ist, Liebster«, sagte sie in grimmigem Spott über sein Zittern. »Und mehr. Vielleicht glaubst du das jetzt noch nicht, aber du wirst es bald.« Sie wandte ihm den Rücken zu und ging zum Schankbrett. »Hast du Würfel?« fragte sie Mama Becho.

Die alte Frau langte in ein Regal und brachte zwei vergilbte Elfenbeinwürfel zum Vorschein. Chenaya winkte Zip herbei. »Würfle«, befahl sie. »Die höheren Augen gewinnen.«

Er musterte sie und zögerte. Ihre Blicke hielten einander herausfordernd. Schließlich warf er die Würfel. »Elf«, stellte Chenaya fest. »Nicht schlecht.« Dann würfelte sie. »Zwölf.« Zip langte wieder nach den Würfeln und strahlte, als sie erneut mit elf schwarzen Augen liegenblieben.

Chenaya schaute gar nicht nach, als sie gewürfelt hatte.

Zip blinzelte.

Zwölf!

»Ich kann nicht geschlagen werden«, erklärte sie Zip, ohne den Blick von ihm zu nehmen. »Auf keine Weise!«

»Das nimmt dem Leben jeden Reiz, nicht wahr?« entgegnete er trocken.

Sie warf einen Blick über die Schulter. »Ruf deinen Mann«, befahl sie.

Zip tat es.

Der Mann, den sie mit dem Wurfstern fast rasiert hätte, kam herbei. »Wie wär’s mit dem schwarzen Fleck an der hinteren Wand«, sagte sie. Der Mann warf seinen Gürteldolch. Ein Messer aus ihren Stiefelschäften folgte. Es waren zwei gute Würfe, aber ihrer war dem Auge des Flecks näher.

»Gut, du hast also Glück und Geschicklichkeit«, sagte Zip. »Das heißt aber nicht, daß du dich mit dem Gott – oder Fluch, was immer es ist – des Geheimnisvollen messen kannst.«

Sie rollte die Augen und stieß einen langen Seufzer aus. »Ich wette um einen Kuß mit dir«, sagte sie schließlich. »Kennst du Rat-die-Zahl?« Sie wartete, bis er nickte. »Geh ans obere Ende des Schanktischs und kratz irgendeine Zahl zwischen eins und zehn ins Holz. Nein, wart. Machen wir’s spannender, zwischen eins und fünfundzwanzig.«

Mama Becho watschelte mit fliegendem Haar herbei. »O nein, das werdet ihr nicht!« schrie sie. »Ihr schneidet mir nicht in mein schönes Brett! Gar nicht so leicht, gutes Holz zu kriegen.«

Chenaya zog ihren Beutel vom Gürtel und leerte ihn auf die Theke. Die Münzen rollten in alle Richtungen. Sie ließ den leeren Lederbeutel auf das Häufchen fallen, das in der Mitte liegengeblieben war. »Mama«, sagte sie bedrohlich leise. »Halt’s Maul!«

»Also gut«, sagte Zip am anderen Ende des Schankbretts. Er verbarg die kratzende Hand mit der anderen. Schließlich warf er sein Messer nervös hoch und fing es wieder.

»Zweiundvierzig«, sagte Chenaya. »Betrüger!«

Zip starrte auf die Zahl, die er ins Holz gekratzt hatte, auf sein Messer, auf seinen Mann, auf sie. Wortlos ging er zu Chenaya und bezahlte seine Wettschuld.

Die glühende Sonne war längst hinter dem westlichen Rand der Welt verschwunden, und die schöne Sabellia, prächtig als volle Scheibe, streute die Bruchstücke eines Diamanten über das Meer. Chenaya ließ die Beine über den Kaiserpier baumeln, starrte auf das glitzernde Wasser und lauschte den gedämpften Lauten der beinahe stillen Diebeswelt. Der alte Pier knarrte sanft in der Brandung, Takelung und Gei der Fischerboote summten und sangen im Nachtwind. Viele andere Geräusche gab es nicht.

Hier war eines der Fleckchen, an die sie sich zurückzog, wenn sie Sorgen hatte. Sie hätte nicht zu sagen vermocht, was sie so beunruhigte, aber es fühlte sich an, als ob ein düsterer Schatten auf ihre Seele fiel. Sie bemühte sich, dieses Gefühl zu verdrängen. Das Meer machte sie oft melancholisch. Aber das ungute Gefühl blieb.