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Sie tastete nach dem Beutel, den sie an den Gürtel gebunden hatte. Er enthielt eine Mischung aus Zucker und dem hochwertigen Krrf, den Gestus für sie besorgt hatte. Sie drückte den Beutel in der Hand und grinste. Nein, das war bestimmt nicht der Grund ihrer Unruhe. Sie hatte vor, den kleinen Streich, den sie Tempus spielen würde, so richtig zu genießen.

Und dann?

Weit draußen auf dem Wasser blitzte etwas im Mondschein. Ein gedämpftes Platschen war zu hören. Sie strengte die Augen an und sah das Silberschimmern einer Finne, die durch die Wellen schnitt. Sie war nur flüchtig zu sehen, ehe sie untertauchte. Ein Delphin? fragte sie sich. Oder ein Hai?

Die Welt, vor allem die Diebeswelt, war voll von Haien. Sie dachte an Kadakithis und Shupansea, die sich im ihrem Palast verkrochen, und sie dachte an Zip und an den Verrat, den sie plante. Da erkannte sie plötzlich, was der Grund ihrer düsteren Stimmung war.

Aber es muß getan werden! sagte sie sich fluchend. Früher oder später würde es ohnehin geschehen.

Chenaya streckte den Arm aus. Die Metallringe ihrer Manica glänzten in Sabellias Pracht. Sie spitzte die Lippen und pfiff dünn und schrill.

Es war unmöglich, Reyk in der Dunkelheit zu sehen. Sie hörte nicht einmal seinen Flügelschlag. Wahrscheinlich hatte er unmittelbar über ihr gekreist und war auf ihren Pfiff hin heruntergestoßen. Sie spürte nur den plötzlichen Luftzug seines Flügelschlags an ihrer Wange, dann sein Gewicht auf ihrem Handgelenk.

Sie strich dem Falken sanft über den Rücken. »Hallo, kleiner Freund. Hast du gut gespeist?« Sie hatte Spuren von Beyarlfedern zwischen seinen Krallen erwartet. Einige der heiligen Vögel waren vor einer Weile über das Wasser geflogen. Aber Reyks Krallen waren sauber. Sie holte seinen Riemen aus ihrem Gürtel und schlang ihn um sein Bein.

Gemeinsam saßen sie still da und sahen zu, wie der silberne Prunkwagen der Göttin über das Meer segelte. Es störte Chenaya auch gar nicht, daß die Mondgöttin sie ebenfalls zu beobachten schien. Ihr Licht beruhigte sie, und Auge in Auge dankte sie Sabellia für diese kleine Erleichterung.

Reyk spreizte plötzlich die Flügel. Die Krallen spannten sich um ihren Arm; er stieß einen knappen, durchdringenden Ton aus.

Die scharfen Augen des Falken hatte Dismas entdeckt, ehe Chenaya seine Schritte auf dem Pier vernahm. Reyk beruhigte sich sofort, als er den Gladiator erkannte, der sich leise wie ein Dieb seiner Herrin näherte. »Jetzt, Lady«, flüsterte Dismas aufgeregt. »Zeit und Ort sind perfekt. Eine bessere Gelegenheit bekommen wir so schnell nicht wieder.«

Chenaya drückte den Beutel mit Krrf und Zucker erneut und spürte, wie ihr Puls plötzlich raste. Sie hatte hier auf dem Pier lange auf Dismas’ Meldung gewartet. »Was ist mit Walegrin und Rashan?« fragte sie und erhob sich.

»Sie müßten inzwischen bereits unterwegs nach Landende sein. Gestus hat Eure Botschaft abgegeben und ist zurückgekehrt, um aufzupassen, während ich Euch hole.«

Sie nahm Reyks Riemen wieder ab und steckte ihn mit einer Hand in ihren Gürtel. »Wo ist er?«

Der riesige Gladiator zögerte einen Moment und schluckte. »Bei der Vampirfrau Ischade.« Er wischte sich Schweiß von der Stirn. »Es ist nicht weit, aber wir sollten uns beeilen. Er ist bereits eine ganze Stunde dort.«

»Hoch, kleiner Freund.« Sie sandte Reyk in die Lüfte. Seine Schwingen schlugen einen gleichmäßigen Rhythmus, als er zum Nachthimmel aufstieg und verschwand. Wieder drückte Chenaya den Krrfbeutel. »Gehen wir.« Sie schlug Dismas kameradschaftlich auf den Arm. Aus ihrer Stimme schwang mehr als nur eine Spur Schadenfreude.

Dismas führte sie die Uferpromenade entlang, dann die Straße der Gerüche hinauf und durch eine Gasse, die sie nicht kannte. Und dann befanden sie sich in einer wahren Wildnis, dichter, als sie auf dieser Seite des Schimmelfohlenflusses für möglich gehalten hätte. In einem breiten Graben hielten sie an.

»Dort!« flüsterte er.

Die Fenster waren dunkel. Nichts ließ darauf schließen, daß sich jemand im Innern aufhielt. Aber Tempus Thaies’ mächtiges Trospferd war neben der Gartentür angebunden.

»Eine Stunde, hast du gesagt?« vergewisserte sie sich. »Wo ist unser anderer Partner?«

Er deutete stumm ins tiefere Dickicht.

Sie lächelte und warf einen bewundernden Blick auf Tempus’ prächtigen Hengst. Eine seltene Rasse, diese Tros. Kein anderes Pferd kam an Kraft, Ausdauer und Intelligenz auch nur annähernd an sie heran. Sie hatte in ihrem ganzen Leben bisher nur zwei andere gesehen. Es überraschte sie, daß Tempus das Tier unbewacht gelassen hatte.

Ja, eine seltene Rasse, diese Trospferde, und sie war entschlossen, sich auch eines zu verschaffen.

»Hol Gestus und seht zu, daß ihr so schnell wie möglich nach Landende zurückkehrt. Habt in der Stallung alles bereit, wenn ich komme. Und sorgt dafür, daß auch Walegrin und Rashan dort sind.«

»Aber Herrin!« protestierte Dismas. »Die Vampirfrau und der Geheimnisvolle – Ihr werdet vielleicht unsere Hilfe brauchen!«

Chenaya schüttelte den Kopf. »Ich werde mit ihnen fertig. Tu, was ich gesagt habe, und sieh zu, daß alles bereit ist. Und unauffällig! Ich möchte nicht, daß mein Vater etwas bemerkt.« Sie stieß ihm spielerisch die Hand auf die Brust. »Geh!«

Sie sah ihm nach, bis er wieder in der Nacht verschwunden war, dann lehnte sie sich in die Schatten zurück und holte tief Atem. Nun, da ihre Freunde aus dem Weg waren, konnte sie unbesorgt mit ihrem Streich weitermachen. Es wäre eine Beleidigung für die beiden guten Männer gewesen, wenn sie erklärt hätte, weshalb sie sie wegschickte. Aber sie kannte Tempus Thaies, und sie kannte auch die Geschichten über Ischade. Falls irgend etwas schiefging, wollte sie nicht, daß ihre Männer dafür bezahlen mußten.

Chenaya löste den Beutel mit Krrf und Zucker von ihrem Gürtel, lockerte seine Verschlußschnur und ging auf das dunkle Haus zu. Sie vermutete, daß das Trospferd ausgebildet war, Krieger zu erkennen. Sie jedenfalls hätte es ihm beigebracht, und das erwartete sie auch von Tempus. Aber sie war eine Frau und hatte in dieser Nacht ihre Waffen zu Haus gelassen. Reyk war Waffe genug – und ihr gottgegebenes Glück.

Sie näherte sich dem Tier langsam und murmelte sanfte Worte. Der Tros beäugte sie mißtrauisch und schnaubte einmal. Er verhielt sich jedoch still, und das ermutigte sie. Sie langte in den Beutel und holte eine Handvoll des Pulvers heraus. Sie wagte kaum zu atmen, als sie den letzten Schritt machte, der sie in Reichweite des Pferdes brachte.

Der Tros roch den Zucker, nicht aber den Krrf. Er leckte ihn eifrig aus ihrer Hand und wieherte nach mehr. Chenaya erfüllte ihm den Wunsch nur zu gern. Es war genug Krrf in dem Zucker, um mehrere kräftige Männer zu töten. Genug, hoffte sie, dieses Tier sehr, sehr glücklich zu machen.

Handvoll um Handvoll verleibte sich der Tros den gesamten Beutel ein. Chenaya spähte immer wieder über die Schulter zur Tür und den Fenstern von Ischades Haus, bereit, sofort wegzulaufen, wenn jemand herausschaute.

Die Augen des Pferdes wurden rasch glasig. Es leckte den letzten Rest Pulver von ihren Fingern und blickte sie auf eine Weise an, daß sie fast laut aufgelacht hätte. Wenn ein Pferd in den Himmel kommen könnte, wäre dieses Tier auf dem Weg dorthin.

Amüsier dich gut, Pferdchen, dachte sie grinsend, und mach mir keine Schwierigkeiten.

Sie unterschätzte Tempus und seinen Stolz nicht wirklich; so unbewacht das Pferd auch war, würde es doch nicht leicht zu stehlen sein. Vorsichtig löste sie die Zügel und streichelte den Hengst über den Widerrist, während sie gleichzeitig in sein Ohr murmelte. Der Tros rührte sich nicht und gab auch keinen Laut von sich. Sie hielt den Atem an, klammerte die Finger um den Sattelknauf und schwang sich rasch in den Sattel. Das Pferd zitterte, und seine Ohren zuckten. Chenaya wartete kurz, dann machte sie es sich im Sattel bequem und lächelte.