Mit einem Ruck flog ihr Kopf in den Nacken. Ihr Rückgrat bog sich nach hinten, peitschte dann nach vorn. Ihr rechtes Bein wurde aus dem Sattel gestoßen, und das Knie schlug ihr ins Auge.
Die Welt drehte sich wie verrückt. Waren diese blitzenden Sterne am Himmel oder in ihrem Kopf? Sie drückte mit den Schenkeln, so fest sie nur konnte, klammerte sich mit einer Hand an den Sattel, mit der anderen an die Zügel.
Ein metallisches Quietschen war zu hören, dann ein Krachen. Das Pferd stolperte und torkelte und zerstörte Ischades Zaun und Gartentür. Es bäumte sich auf und hämmerte mit den beschlagenen Hufen auf das verbogene Schmiedeeisen ein. Dann bäumte es sich aufs neue auf, raste davon und prallte gegen einen kräftigen Baum.
Es taumelte zurück und stierte mit großen, feuchten Augen auf das unverschämte Hindernis. Benommen, verwirrt machte es einen Schritt zur Seite, dann einen zweiten und blieb stehen.
Chenaya zögerte. Sie hatte Angst, den Sattel oder Zügel loszulassen. Ihr Herz donnerte gegen die Rippen. Blut sickerte über ihr Kinn, sie hatte sich in die Lippe gebissen. Kurz ließ sie den Sattel los und massierte den schmerzenden Rücken. Der Atem, den sie viel zu lange angehalten hatte, zischte durch ihre Zähne. Sie blickte zurück zu Ischades Zaun, lachte leise und streichelte den kräftigen Nacken des Tros.
»Das hat recht spaßig ausgesehen. Mach’s noch mal.«
Chenaya war die Stimme inzwischen vertraut. Sie hob die Augen, um nach dem Beobachter Ausschau zu halten. Er hockte auf einer bequemen Astgabel des Baumes, gegen den der Tros gerannt war.
»Weiß der Geheimnisvolle, daß du sein Pferd stiehlst?« fragte Zip spöttisch.
Sie drückte einen Finger auf die Lippen und schaute schnell zu Ischades dunklen Fenstern zurück. »Ich glaube, dazu ist er zu beschäftigt, der Vampirfrau näherzukommen, wenn du weißt, was ich meine.« Sie bemühte sich um den gleichen leichten Ton. »Was hast du heute nacht vor? Wie wär’s, wenn wir zusammen was unternehmen?«
Zip baumelte abwesend mit den Beinen, ganz so, wie sie es am Pier getan hatte.
Er rieb sein Kinn, ein kaum erkennbarer Schatten gegen den Sternenhimmel. »Nichts, was ich lieber täte. Es war ziemlich langweilig«, sagte er in affektiertem Rankene. »Man kann dir so leicht folgen.«
»Wenn ich es möchte«, bestätigte sie. »Ich nahm an, daß du mich nicht aus den Augen verlieren willst.« Sie spähte hinauf und mußte den Kopf zurücklegen. Sie fragte sich, was ihm durch den Kopf ging, während er sich auf die Astgabel stellte. Sie bewunderte seinen Mut, wenn auch nicht gerade seine Vernunft, als er zu balancieren begann.
»Zusammen, hast du gesagt?«
Sie streichelte den Tros wieder. »Was hältst du von einem Ritt?« Sie grinste breit. Zip trug die Schatten wie einen Umhang, während sie in Sabellias Licht eingehüllt war. Sie wußte, daß er ihr Grinsen sehen konnte. »Du kannst mir bei dem Streich helfen, den ich Tempus Thaies spiele. Aber überleg es dir rasch.« Wieder warf sie einen Blick über die Schulter zu dem verdunkelten Haus. Sie fragte sich, weshalb der Krach niemanden herausgelockt hatte. Aber sie wollte nicht warten, es herauszufinden – Zips wegen. »Das ist hier eine verrufene Gegend, wie ich hörte, und eine Dame muß auf ihren Ruf achten.«
»Erwartest du, daß ich mich hinter dich setze?« fragte er skeptisch. »Nach allem, was ich gerade gesehen habe?«
Chenaya beugte sich vor und kraulte das Pferd zwischen den Ohren. »Keine Angst. Wir sind inzwischen die besten Freunde, nicht wahr, Pferdchen?« Der Tros widersprach nicht.
Zip zauderte. Sie fragte sich, ob er überhaupt schon einmal geritten war, oder ob er Angst hatte, weil es Tempus’ Pferd war, zu dessen Diebstahl sie ihn einlud. Sie konnte auf jeden Fall nicht warten, bis er den Mumm dazu fand. Dismas hatte ihr versichert, daß Tempus in Ischades Haus war. Vielleicht schlüpfte er gerade in diesem Augenblick in seine Hose und langte nach seinem Schwert…
Sie blies Zip einen Kuß zu. »Bedauere, Liebster. Es ist entweder ja oder nein, aber keine Zeit zu überlegen – so ist es bei mir.« Sie raffte die Zügel mit beiden Händen. »Aber wie wär’s mit morgen nacht?« Sie versetzte dem Tros mit den Fersen einen Stoß und schnalzte mit der Zunge. Das Pferd galoppierte durch die Schlachthausgegend und bog auf den Landweg ein, ehe Zip noch ein Wort herausbrachte.
Lowan Vigeles Grundstück reichte zwar bis zum Fuchsfohlenfluß, aber der größte Teil seines Besitzes war von einer breiten Mauer mit Wehrgang umgeben. Im Süden befanden sich die Stallungen. Durch das Südtor ritt Chenaya. Dismas öffnete es rasch für sie und sprang hastig zur Seite, ehe der Tros ihn niedertrampeln konnte.
Chenaya riß mit aller Kraft an den Zügeln. Die Hufe des Streitrosses scharrten gewaltige Erdbrocken frei. Es bäumte sich auf und hätte sie fast abgeworfen, dann wurde es ganz still und zitterte.
Sie stieß erschöpft den Atem aus, schwang ein Bein über des Trospferds Nacken und rutschte auf den Boden. Dismas, Gestus, Walegrin und Rashan eilten an ihre Seite.
»Die verdammte Bestie hätte mich fast umgebracht!« fluchte Dismas. Er wischte sich den Staub von den Ärmeln und machte ein Gesicht, als würde er den Tros verschlingen, wenn man ihm nur Zeit ließ, ein gutes Feuer zu machen.
Chenaya strich das Haar aus der Stirn. Ihre goldenen Locken waren völlig zerzaust; Schweiß und Schmutz hatten Streifen über ihre Wangen gezogen. Sie wischte sich das Gesicht ab und reichte Gestus die Zügel. »Bring ihn in die Box zu Lowans Stute. Beeil dich! Sie ist brünstig, und der da hat genug Krrf in sich, die Lust einer ganzen Armee anzustacheln.« Sie klatschte dem Tros auf die hintere Flanke, als der Gladiator ihn wegführte. »Rashan, ich möchte, daß Ihr Savankalas Segen für diese Paarung erbittet. Die Stute muß empfangen. Ich brauche ein kräftiges Füllen von ihr!«
Des Priesters Augenbrauen zuckten hoch. »Ihr wollt, daß ich sich paarende Pferde segne?«
»Ihr seid doch ein Priester, Auge Savankalas, oder nicht?« Sie umarmte ihn und hauchte ihm einen Kuß auf die Wange. Rashan hatte in Landende gewohnt, während er den Bau ihres privaten Tempels am Ufer des Fuchsfohlenflusses beaufsichtigte. Sie hatten sich zu der Zeit häufig bis tief in die Nacht hinein unterhalten, und er hatte sie viel gelehrt.
»Meinetwegen.« Er rollte die Augen. »Aber wir müssen heute nacht noch miteinander reden.« Er wandte sich ab, um Gestus zu folgen, sprach jedoch weiter über die Schulter. »Ich hatte wieder einen Traum. Ihr müßt Euch die Botschaft anhören. Es war die Stimme des Donnerers höchstpersönlich.«
Sie blickte ihm schweigend nach. Seine Worte beunruhigten sie. Sein Gang und seine Haltung waren die eines Kriegers, nicht eines Priesters, und seine Figur machte einem Rankaner Ehre. Aber er war ein Priester und der oberste von Savankalas Hierophanten. Beunruhigend war, daß Rashan in letzter Zeit besondere Träume hatte, Botschaften des Gottes, behauptete er, Visionen von Chenayas Zukunft und ihrer Bestimmung. Den ganzen Winter hindurch hatten sie über die Bedeutung seiner Träume argumentiert. Es waren überhaupt keine Botschaften, hatte sie ihn zu überzeugen versucht. Nur die Wunschträume eines alten Mannes, der sah, wie sein Reich zerfiel.
An diese Meinung klammerte sie sich nun, als er mit Gestus und dem Tros in der Stallung verschwand. Sie war nicht wirklich eine Sonnentochter, das war lediglich ein Beiname, den ihr die Zuschauer in der Arena und ihre Mitgladiatoren gegeben hatten. Nichts weiter.
Zur Rechten räusperte sich jemand. Sie hatte ihren anderen Gast völlig vergessen.
»Lady«, sagte Walegrin. »Es ist mitten in der Nacht. Euer Mann hat gesagt, daß Ihr über etwas von allergrößter Wichtigkeit mit mir sprechen müßt und daß ich in Zivil kommen soll. Da Ihr Lord Fackelhalters Nichte seid, eilte ich hierher, aber der Morgen…«
Sie unterbrach ihn brüsk. »Wenn Ihr nur Onkel Molins wegen gekommen seid, Kommandant, dann geht besser gleich wieder.« Sie blickte ihn durchdringend an, keineswegs von seiner Größe eingeschüchtert. »Seid Ihr jedoch gekommen, um Eure Laufbahn zu fördern oder um Eurem Prinzen einen großen Dienst zu erweisen, dann bleibt und hört mir zu!«