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Seine Augen weiteten sich im Mondschein, aber sie wandte ihm den Rücken zu und sagte zu Dismas: »An einem Haken in der Stallung hängt ein Lederbeutel mit Rotwein. Hol ihn…«

Ein plötzlicher Lärm aus der Stallung unterbrach sie. Alle blickten zu dem niedrigen Gebäude. Ein Krachen war zu hören, Bersten von Holz, das klägliche Wiehern der Stute, Gestus’ Verwünschungen und über all dem das gebrüllte Gebet des Priesters.

»Hol den Wein«, wiederholte Chenaya und drückte Dismas’ Arm kameradschaftlich. »Auf dem Wandbrett findest du Pergament, Tintenfaß und Federkiel. Bring alles mit.«

Als sie allein waren, drehte sie sich wieder zu Walegrin um. »Ihr seid der Kommandant der Garnison in diesem Dreckloch«, sagte sie. Sie verschränkte die Arme auf der Brust und blickte ihn fest an. »Und Eure Truppe kommt Ordnungshütern hier in Freistatt noch am nächsten. Ich nehme es Euch nicht übel, daß Ihr mit meinem ränkeschmiedenden Onkel verkehrt. Schließlich wollen wir alle auf die schnellstmögliche Weise weiterkommen.«

»Wenn Euer Onkel Ränke schmiedet«, verteidigte ihn Walegrin, »dann zum Wohl der Stadt.«

Chenaya warf den Kopf zurück und lächelte spöttisch. »Molin Fackelhalter tut nichts, was nicht vor allem zu seinem eigenen Wohl ist. Aber ich habe Euch nicht hierhergebeten, um mich mit Euch über die Schwächen meines Onkels zu unterhalten. Und wie Ihr selbst hingewiesen habt, es ist spät.« Sie rieb ihr Kreuz. »Und ich hatte eine harte Nacht.«

Walegrin verschränkte ebenfalls die Arme und ahmte unbewußt Chenayas herausfordernde Haltung nach. Er blickte auf sie hinunter. »Und warum habt Ihr mich dann hierhergebeten?«

»Ihr seid die Ordnungshüter.« Sie hob die Stimme, um den Krach aus der Stallung zu übertönen. »Was ist zur Zeit Euer größtes Problem in der Stadt?«

Er kratzte sich am Kinn und dachte nach. »Zur Zeit?« Er schürzte die Lippen und bemühte sich um ein ernstes, strenges Gesicht. »Ich würde sagen, den Dieb von Tempus’ Pferd zu finden, bevor er die Stadt in Schutt und Asche legt!«

Sie blickte ihn geringschätzig an, wandte ihm den Rücken zu und folgte ihren Freunden. »Kehrt in Euer Bett zurück, Kommandant. Ich habe den Falschen ausgewählt! Ich werde Kadakithis selbst beschützen, wie ich es immer getan habe!«

Da eilte er ihr nach, faßte sie bei der Schulter. Chenaya wirbelte herum und schlug seine Hand zur Seite. »Wartet!« bat er, als sie ihn wieder stehenlassen wollte. »Was ist mit Kadakithis? Wenn Gefahr für ihn besteht, dann laßt mich helfen!«

Sie ließ abschätzend die Augen über seine Hünengestalt schweifen. Sie hatte ihn seit ihrer Ankunft in Freistatt im Auge behalten und fand, daß er einer der wenigen ehrlichen Menschen in der Stadt war. Er konnte mit seinen Waffen gut genug umgehen, war jedoch kein brillanter Kämpfer. Offenbar waren seine Männer ihm aber treu ergeben.

Sie brauchte seine Hilfe nicht nur, sie wollte sie.

»Die VFBF«, sagte sie schließlich und holte zur Beruhigung tief Atem, »hat damit angefangen, Rankaner und Beysiber kaltblütig zu morden. Männer, Frauen, Kinder – ganz gleich, ob sie bewaffnet waren oder nicht. Die Volksfront begann mit einer Schreckensherrschaft, die dazu führte, daß Freistatt wie ein großer Kuchen geteilt wurde. Und ihre Schandtaten haben ihr die Feindschaft von nahezu jedem Bürger der Stadt eingebracht.« Sie hielt inne, weil sie plötzlich an Zip dachte. »Ihr Führer glaubt immer noch an den Wunschtraum einer ilsigischen Befreiung, aber die übrigen töten nur um der Macht willen, die sie empfinden, wenn sie jemanden im Schmutz zertreten können.«

Dismas kehrte mit Weinbeutel, Pergament, Federkiel und Tintenfaß zurück. »Behalt das einstweilen«, sagte sie und nahm ihm nur den Lederbeutel ab. Sie zog den Stöpsel heraus, schluckte einen Mundvoll, wischte sich die Lippen und reichte den Wein an Walegrin weiter, der ihrem Beispiel folgte. »Wie geht es da drinnen?« fragte sie Dismas und deutete mit dem Kopf zur Stallung.

Der Gladiator grinste. »Eine solche Paarung habe ich noch nie gesehen! Hört doch selbst, wie die Stute es genießt. Ich hatte schon gedacht, sie würde die Box niedertrampeln, aber sie sind ganz versessen aufeinander.«

»Ich dachte, ich hätte Gestus fluchen gehört.« Sie nahm Walegrin den Wein ab und bot ihn Dismas an.

Der Gladiator hob den Beutel an die Lippen und trank. »Er hat einen Tritt auf die Hand abbekommen«, erklärte er. »Er wollte dem Tros den Sattel abnehmen, aber die Stute hatte bereits den Schweif in der Höhe.«

»Ich kenne Männer, die auch nicht warten konnten, bis sie ausgezogen waren«, spöttelte sie. »Ich glaube, ihr habt alle etwas von einem Pferd.« Dann zwinkerte sie.

»Die VFBF«, erinnerte Walegrin und bemühte sich um Geduld. »Und Kadakithis. Besteht Gefahr?«

Der Krach aus der Stallung endete plötzlich. Augenblicke später trat Rashan heraus und kam über den Rasen auf sie zu. Sie reichte ihm den Weinbeutel. Er trank durstig, dann nahm er die Schreibsachen, die Dismas ihm reichte, und blickte Chenaya fragend an.

»Tempus kam mit einem Vorschlag zu mir«, sagte sie zu Walegrin. »Einem von Bedeutung für ganz Freistatt. Ihr wißt, daß Theron versprochen hat, am Neujahrstag wieder hierherzukommen und die Stadt zu dem zu machen, worauf er versessen ist: zu einer Bastion des Rankanischen Reiches an seiner Südgrenze.« Sie blickte Dismas an, und die beiden tauschten eine stumme Botschaft aus. »Ihr wißt auch, daß ich gegen Theron bin.«

Walegrin ließ den Blick über die Gesichter der Anwesenden schweifen. »Ihr und Eure Gladiatoren wart es, die seine Barke überfielen und seinen Doppelgänger töteten.« Kein Zweifel klang aus seiner ruhigen Stimme.

Chenaya streckte die Hand hoch und tippte Walegrin auf die Stirn, genau wie ihr Vater es gern bei ihr tat. Sie hatte nie versucht, ein Geheimnis daraus zu machen, genausowenig hatte sie erwartet gehabt, daß es fehlschlagen würde. Ihr Armbrustbolzen hatte sein Ziel genau getroffen. Es war nur das falsche gewesen. Der Mann in Therons Prunkstaat war nicht Theron gewesen, und dem Thronräuber war es gelungen, die Stadt zu verlassen, ehe sie es noch einmal versuchen konnte.

Ihre Lippen verzogen sich spöttisch. »Tempus war so dumm, mich mit diesem Wissen erpressen zu wollen, das hier anscheinend ein offenes Geheimnis ist. Er wird bald mit seinen Stiefsöhnen und dem 3. Kommando abziehen.« Walegrin nickte. Der bevorstehende Abzug der beiden Truppen war keine Neuigkeit. »Nun, seine Idee war, daß ich die Kontrolle über die VFBF übernehme und sie benutze, die verschiedenen Faktionen zu einer Verteidigungstruppe für Freistatt zusammenzuschmieden.« Soweit stimmten ihre Worte, dann fügte sie ihre eigenen Gedanken und Pläne hinzu. »Und Theron damit Widerstand entgegensetze, wenn er kommt.«

Der Standortkommandant rieb sich das Kinn und wünschte sich, er hätte das nicht gehört. »Es ist Euch doch bewußt, daß Ihr ihn des Hochverrats anklagt?«

Chenaya zuckte die Schultern, nahm einen Schluck Wein und reichte ihm den Beutel wieder. »Ich würde nicht darauf beharren«, erklärte sie. »Tempus schuldet mehr Loyalitäten, als Ihr und ich uns auch nur vorzustellen vermöchten. Er schließt sich Theron an, verschwört sich jedoch gegen ihn. Wer kann seine Beweggründe schon durchschauen?« Wieder zuckte sie mit den Schultern. »Nun, ich finde seine Idee an sich gar nicht schlecht – nur seine Art der Ausführung gefällt mir nicht so recht. Seht Euch um, Walegrin. Ihr erwartet doch nicht, daß diese Stadt ein weiterer folgsamer Untertan des Reiches wird, oder? Etwas tut sich hier. Nennen wir es ruhig Rebellion.«

Rashan gab den Wein an Dismal weiter, ehe er ruhig sagte: »Wenn Ihr bei Therons Rückkehr mit Widerstand rechnet, braucht Freistatt Verteidigungskräfte. Theron ist ein Mörder und ein Thronräuber. Loyale Rankaner sollten sich gegen ihn erheben!«