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Chenaya winkte ab. »Loyale Rankaner haben mit dieser Sache wenig zu tun. Freistatt ist etwas völlig anderes, ein Schmelztiegel unterschiedlichster Interessensgruppen, von denen keine etwas von Theron hält. O ja, Tempus’ Idee ist gut, aber weil er Tempus Thaies ist und ein Narr, überschätzt er den Wert seiner Stiefsöhne und des 3. Kommandos. Auch ohne sie ist Freistatt keineswegs schutzlos. Und wir brauchen die VFBF gar nicht, um ihren Platz einzunehmen.«

Sie hob die Hand und begann ein paar Gründe an den Fingern abzuzählen. »Die Beysiber haben gut fünfhundert Krieger, und das ohne die Harka Bey, die eine unbekannte Größe sind. Die Garnison hat wenigstens sechzig Soldaten, die fast alle hier rekrutiert wurden und hier aufgewachsen sind. Dann sind da die Höllenhunde, die sich vom Reich im Stich gelassen fühlen, ich glaube, sie würden für uns kämpfen. Mit Jubal und seinen Männern muß man ebenfalls noch rechnen; falls Theron diese Region befrieden sollte, haben sie nichts zu gewinnen, wohl aber viel zu verlieren.« Sie tippte mit einer Hand auf ihre Brust und mit den Knöcheln der anderen auf Dismas’ Schulter. »Ich habe meine zwölf Gladiatoren, die namhaftesten in der Geschichte der Arena. Und bis Neujahr werden es hundert Mann mehr sein, die besten Kämpfer, die je aus rankanischen Schulen kamen.«

Walegrin blickte nachdenklich drein. Er schien zu vergessen, daß auch er Hochverrat beging, als er sagte: »Wir könnten noch weitere von der Straße rekrutieren. Und wir haben unsere Zauberer. Freistatt ist voll von Magiern.«

»Was wir nicht brauchen«, fuhr Chenaya fort, ermutigt durch seine Teilnahme, »ist die VFBF. Diese Gruppe hat zu viel Unfrieden verursacht und dadurch die Spaltungen gefördert, die so viele Leben kosteten. Am schnellsten können wir diese Faktionen vereinigen, wenn wir Zip und seiner blutdürstigen Bande ein Ende machen.«

Der Standortkommandant nickte bedächtig, denn er fand, daß sie recht hatte. Sogar Zips eigene Leute, der Großteil der ilsigischen Bevölkerung, hatte sich von den Ideen der VFBF abgewandt, als allgemein bekannt wurde, daß diese Gruppe von nisibischen Aufwieglern unterstützt wurde, die lediglich Aufruhr an Rankes hinterster Grenze stiften wollten, während ihre von Dämonen abstammenden Hexer ihre Eroberungszüge vom Hexenwall durch die Königreiche ringsum fortsetzten.

»Ohne das 3. Kommando waren wir nie imstande, an die Vobfs heranzukommen«, gab Walegrin zu bedenken. »Wieso glaubt Ihr, daß sich daran etwas ändern wird? Sie sind wie Ratten, und ihr Zuhause ist nicht bloß die Rattenfalle, sie haben auch das Labyrinth und Abwind in der Hand.«

Chenaya nahm einen weiteren tiefen Schluck, als der Beutel wieder bei ihr anlangte. »Jede Ratte kann mit dem richtigen Käse aus ihrem Loch gelockt werden«, antwortete sie. »Die Falle habe ich bereits gestellt. Ich brauche nur noch Eure Hilfe, sie zuschnappen zu lassen.«

Gestus führte den Tros aus der Stallung. Das mächtige Streitroß wirkte völlig verwirrt und stand noch unter dem Einfluß des Krrfs. Chenaya hätte geschworen, daß das Tier grinste. Sie deutete auf das Pergament und das Tintenfaß in Rashans Hand. »Schreibt für mich, Priester«, wies sie ihn an. »In Eurer schönsten Schrift.«

Rashan blickte über die Schulter, fand den Vollmond und setzte sich in sein bestes Licht. Er nahm den Federkiel, den er schon zuvor ins Tintenfaß gesteckt hatte, und hielt ihn bereit.

»Schreibt…« Chenaya hielt überlegend inne. »Danke für den Liebesdienst des Hengstes.« Da lachte sie, weil sie sich an ihre Begegnung mit dem Geheimnisvollen im Garten erinnerte. »Unterschreibt mit meinem Namen in großen Buchstaben.«

Rashan bedachte sie mit einem mißfälligen Blick, genau wie Lowan Vigeles in einem solchen Fall getan hätte. Sie achtete ebensowenig darauf, und er schrieb. Als er fertig war, nahm sie das Pergament und reichte es Gestus. »Befestige es am Sattel«, befahl sie, »und laß den Tros laufen.«

Der Gladiator blickte sie entsetzt an. Er war schließlich ein Dieb, und er hatte sich eingebildet, er hätte bei einem sehr schlauen und tollkühnen Diebstahl mitgeholfen. Ein guter Dieb gab seine Beute nicht zurück. »Pferd laufen lassen?« fragte er ungläubig.

»Es laufen lassen?« wiederholte Walegrin überflüssigerweise.

»Ich bin keine Närrin, Kommandant. Es macht mir zwar Spaß, Tempus ein wenig zu ärgern, aber ich unterschätze ihn nicht. Die Stute wird ein Fohlen bekommen, dann habe ich meinen eigenen Halbtros. Ich kann zwei Jahre warten. Würde ich jedoch den da behalten, käme es zur offenen Auseinandersetzung zwischen Tempus und mir.« Sie blickte zu Sabellia hinauf, die friedlich am dunklen Himmel dahinzog. »Wer weiß, welche kosmischen Kräfte das auslösen würde, ob es nicht zu einem Krieg zwischen den Göttern käme?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, wenn ich dieses Risiko eingehe, dann für etwas Wichtigeres als ein Pferd, selbst einen Tros.«

Rashan machte das Zeichen seines Gottes. »Hoffen wir, daß Tempus ebenso vernünftig ist. Ihr kennt ihn besser als er Euch, Kind.«

Gestus führte den Tros zum Tor. Doch ehe er hindurch war, zerriß ein schriller, durchdringender Pfiff die Nacht. Chenaya schrie schmerzerfüllt auf und preßte die Hände an die Ohren. Durch tränenfeuchte Augen sah sie, daß die anderen das gleiche taten. Der Tros bäumte sich unerwartet auf und entriß dem Gladiator die Zügel. Wiehernd galoppierte er außer Sicht, wie in Erwiderung des seltsamen Pfiffes. Der Hufschlag fügte dem messerscharfen Pfeifen Donner hinzu.

Abrupt verstummte das Pfeifen. Chenaya richtete sich auf, trotz des Klingeins in ihren Ohren fand sie die Kraft zu lächeln. »Ich weiß nicht genau, was das war«, sagte sie, »aber ich glaube, unsere lebende Legende hat endlich bemerkt, daß sein Pferd verschwunden ist.« Sie rieb sich die Ohren. »Ich hoffe, der Zettel fällt nicht herunter.«

Walegrin wirkte völlig verwirrt. Er flüsterte dem Priester mit überlauter Stimme zu: »Wovon hat sie geredet? Götter und kosmische Kräfte und was noch alles! Ich glaube allmählich, daß Molin recht hat. Ihr seid alle verrückt!«

Rashan schüttelte den Kopf und tat sein Bestes, den erregten Kommandanten zu beruhigen. »Ihr werdet es bald genug erfahren. Tempus ist Hunderte von Jahren alt, erzählt man sich. Stellt Euch nun seine ganzen Kräfte in dieser jungen Frau vor.« Er verbeugte sich in Chenayas Richtung. »Sie ist wahrlich die Tochter der Sonne!«

Chenaya knirschte mit den Zähnen. »Hört damit auf, Rashan! Ich habe Euch gesagt, daß ich dieses Titels und Eurer Hirngespinste leid bin! Geht jetzt! Ihr habt Euren Teil in dieser Nacht getan, und ich muß mit dem Kommandanten noch einige Pläne besprechen.«

Rashan protestierte. »Aber der Traum!« erinnerte er sie. »Wir müssen darüber reden. Savankala fordert Euch auf, Eurer Bestimmung zu folgen!«

Sie winkte ab, und ihr Ärger wuchs. Solches Gerede war allein mit dem Priester schon beunruhigend genug. In Walegrins Gegenwart erfüllte es sie mit Zorn. »Ich habe gesagt, Ihr sollt gehen!« sagte sie scharf. »Wenn ich wirklich bin, was Ihr glaubt, werdet Ihr nicht wagen, Euch mir zu widersetzen. Also geht!«

Rashan blickte sie sorgenvoll an, geduldig, nicht ärgerlich, nicht enttäuscht. »Ihr glaubt es nicht«, sagte er sanft, »aber Ihr werdet es bald glauben. Er wird es Euch zeigen. Wenn Ihr in sein Antlitz blickt, werdet Ihr die Wahrheit erkennen.« Er hob einen Finger und deutete auf sie. »Blickt in sein Antlitz, Kind. Erschaut, wer Ihr seid.« Er drehte sich um und schritt durch das Tor.

Sie seufzte. Ihr Ärger wandte sich plötzlich gegen sie selbst. Rashan war ihr Freund, und er meinte es gut. Sie beschloß erneut, seine Einbildung nicht zwischen ihre Freundschaft kommen zu lassen. In so unruhigen Zeiten und in einer Stadt wie dieser waren Kameraden, denen man wirklich trauen konnte, dünn gesät.