Eine Hand fiel auf seine Schulter. Er wirbelte herum und stieß einen Schrei aus. Nur gut, daß die Meute auf der anderen Straßenseite inzwischen verschwunden war.
Das ruhige schöne Gesicht, das ihn aus solcher Nähe anblickte – lächelte. Es war nicht das Lächeln des Mannes, dem dieser Körper gehört hatte. Es war nicht das der Hexe, die davon Besitz ergriffen hatte. Haught war immer noch ein Magier. Gegen eine andere Bedrohung könnte er seine Kräfte einsetzen; trotz der Schwächung aller Magie in der Stadt, war er noch erstaunlich mächtig.
Doch was hinter diesen Augen schlummerte, was dort wanderte – war der Tod. Der Gründe hatte, falls er sich daran erinnerte, langsame Rache zu nehmen und Magie gegen die Bannzauber zu schleudern (Haught spürte, daß sie erneuert waren), die diese Seele festhielten in…
Haught betete zu den fernen Göttern und drückte sich gegen den Laden, der ratterte, woraufhin er wieder zusammenzuckte. Ischade war da gewesen. Ischade war lange genug nahe genug gewesen, daß dieses – Ding, das wie Tasfalen aussah, es vielleicht wahrnehmen konnte und sich erinnerte und in einem Wutanfall Bannzauber und Seelen gleichzeitig zerschmetterte.
Aber der zurückgekehrte Geist hob lediglich die Hand und strich zärtlich über Haughts Wange. »Staub«, sagte er, das war sein einziges Wort. Täglich sammelte Haught den Staub, dem es gelang, ins Haus zu dringen, und siebte ihn nach dem magischen Staub durch, der möglicherweise dazwischen sein mochte – den Überresten der Machtkugel. Diesen Staub mischte er in einen Trank, den er dieser Kreatur gehorsam einflößte und von dem er nur ein bißchen für sich stahl. Er war sehr gewissenhaft in diesen Dingen. Er hatte Angst, es nicht zu sein. Haught hatte überhaupt viel Angst in diesen langen Monaten; er, der einmal ein paar unvergeßliche Augenblicke lang der größte Magier von Freistatt gewesen war, befürchtete Folgen, und die Ungewißheit lähmte ihn. Weil er die Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten hatte, wagte er sich an keine, so groß war seine Angst. Das war seine Art von Hölle. »Alles in Ordnung«, sagte er jetzt. »Geh wieder ins Bett. Schlaf wieder.« Als spreche er zu einem Kind.
»Hübsch«, sagte der Geist. Aber es war weder die Stimme noch die Berührung eines Kindes. Er hatte ein neues Wort gefunden. Haught schauderte und überlegte, wie er sich unauffällig zurückziehen könne, bis dieses Wesen wieder schlief. Aber es hatte ihn in die Enge getrieben. »Hübsch.« Die Stimme war nun klar, als wäre eine bisher vorhandene tiefere Klangfarbe verlorengegangen. Als wäre ein Teil des Wahnsinns weg. Aber nicht aller.
Haught wagte nicht, irgend etwas zu tun. Weder zu schreien noch davonzulaufen, vor allem nichts, was diesem Wesen das Gedächtnis zurückzubringen vermöchte. Er konnte Gedanken lesen, und er schützte sich vor diesem Geist mit allen Barrieren, die er nur zu errichten imstande war. Er wollte nicht wissen, was hinter diesen Augen vorging.
»Komm«, sagte er und versuchte den Arm des Wesens herunterzuziehen und es ins Bett zurückzuführen. Aber genausogut hätte es aus Stein sein können; und die ganze Hölle steckte in diesem tiefen Männerlachen.
Die langsamen Hufschläge hallten von den Wänden der engen Gasse wider. Eine andere Frau, die hier in diesem schwarzen Schlund von Freistatts dunklen Straßen überholt würde, hätte vielleicht daran gedacht, rasch irgendwo Zuflucht zu finden. Ischade drehte sich lediglich um und sah, daß ein Reiter in die Gasse eingebogen war und langsam näher kam.
Tatsächlich wußte sie jedoch, wer auf dem Pferd saß, noch ehe sie sich ihm überhaupt zugewandt hatte; und während eine andere Frau, die ihn erkannt hätte, sich nun erst recht versteckt hätte, schlang Ischade nur den schwarzen Umhang und die Arme um sich und blickte ihm mit müßiger Neugier entgegen.
»Folgt Ihr mir?« fragte sie Tempus.
Der Hufschlag des Trospferds auf den Kopfsteinen endete und hallte von den Ziegelwänden nach. Eine Ratte huschte über einen mondhellen Flecken und verschwand durch einen Spalt in der Tür eines alten Lagerhauses. »Keine vertrauenerweckende Gegend für einen Spaziergang«, sagte der Reiter.
Sie lächelte: wild und finster. Dann lachte sie, und auch das Lachen war finster, aber es schwang eine Spur Bedauern mit. »Ritterlich?«
»Vernunft. Ein Pfeil…«
»Ihr habt mich nicht überrascht.« So viel sagte sie selten. Sie war es nicht gewöhnt, sich zu rechtfertigen oder sich überhaupt anderen mitzuteilen. Daß sie es bei diesem Mann tat, erstaunte sie selbst unbewußt. Sie verspürte so wenig direkt. Nur ihre Bewußtheit war allgegenwärtig wie ein ständig schwach zitterndes Netz. Aber möglicherweise wußte er das oder ahnte es. Vielleicht hatte sie ihm deshalb geantwortet, weil sie in dieser Bemerkung eine tiefere Frage vermutete, als die meisten hätten stellen können. Er war Schatten für sie. Sie war Schatten für ihn. Sie hatten keine und jede Identität in Freistatt, der Stadt mitternächtlicher Begegnungen, ständigen Kämpfens, unentwegter Ränke.
»Ich heile«, sagte er leise in einem Ton, der bis zu den Knochen drang. »Das ist mein Fluch.«
»Ich brauche es nicht«, entgegnete sie ebenso leise. »Das ist meiner.«
Er schwieg einen Augenblick. Vielleicht dachte er darüber nach. Dann: »Ich sagte, daß wir sie ausprobieren werden – deinen und meinen Fluch.«
Sie schauderte. Er war ein Mann, der durch Schlachtfelder und Blut stapfte, der Sturm und Grau war gegenüber ihrer Stille und tiefen Schwärze; ein Mann, der fast immer von Männern umgeben war, der verflucht war mit zu viel Liebe und zu vielen Wunden. Er war der personifizierte Gegensatz: das Licht und die Finsternis. Und sie kehrte so schnell zu Stillstand und Kälte zurück, allein.
»Ihr habt die Verabredung versäumt«, sagte sie. »Und ich warte nie. Ihr braucht Euch an die Abmachung nicht gebunden fühlen. Das hätte ich Euch gleich da gesagt. Was ich tat, tat ich. Aus meinen Gründen. Am klügsten wäre es, wenn wir einander fernbleiben.«
Sie drehte sich um und ging weiter. Doch der Tros sprang vorwärts wie von einer Hornisse gestochen, und Tempus machte schattengleich einen Bogen, um sich ihr in den Weg zu stellen.
Eine andere Frau wäre vielleicht zurückgewichen. Sie aber stand ganz still. Vielleicht dachte er, sie ließe sich bluffen, vielleicht war es Teil eines finsteren Spiels; aber in seinem Schweigen las sie eine andere Wahrheit.
Es war die Herausforderung. Es war die nicht zu befriedigende Frau. Der Mann, der (wie viel zu viele andere) zu einem Teil sie fürchtete, zu einem anderen abgewiesen zu werden und dessen Gottum bereits durch ihre Existenz in Frage gestellt wurde.
»Ich verstehe«, sagte sie schließlich. »Es geht nicht um Eure Männer, die Ihr mir damit abkaufen wollt.«
Danach herrschte drohendes Schweigen. Das Pferd schnaubte heftig und bäumte sich leicht auf. Aber er verlor weder seine Fassung noch die Kontrolle über das Tier.
Gekränkt war er weniger Sturm denn Mann, ein anständiger Mann, dessen Selbstachtung auf dem Spiel stand, der nun tatsächlich an die Leben und Seelen dachte, die er sich entschlossen hatte zu kaufen. Er war zwei Männer; oder ein Mann und ein viel unvernünftigeres Wesen.
»Ich begleite Euch nach Hause«, sagte er wie der abgewiesene Freier einer Müllerstochter. Und in diesem Augenblick mit der gleichen Endgültigkeit und im gleichen entsagungsvollen Tonfall. Doch es würde nicht bei der Gartentür bleiben. Sie konnte zwar nicht in die Zukunft sehen, aber sie kannte Männer, und sie wußte, daß er das um seines Selbst willen gesagt und angeboten hatte, in seinem ewigen Privatkrieg – mit dem Sturm. Mann der Grau- und Halbtöne. Er quälte sich selbst, weil er nur so gewinnen konnte.