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Einen solchen Kampf verstand sie. Sie führte ihn selbst in ihrer eigenen kalten Finsternis. Sie verschob Dinge nur von einem Tag auf den anderen, weil sie wußte, daß sie am nächsten ihrem Appetit nicht Herr werden konnte; aber am dritten würde sie die Dinge wieder im Griff haben. So lebte sie nach den Gezeiten und Rhythmen des Mondes, und weil sie das wußte, hielt es sie von zerstörerischen Verlockungen ab.

»Nein«, entgegnete sie. »Ich finde allein nach Haus. Morgen nacht. Kommt morgen.«

Sie wartete. In seinem prekären Gleichgewicht, in seinem Kampf, wies sie ihn auf eine Erprobung dieses Gleichgewichts hin, und sie wußte sogar, in welche Richtung seine Seele glitt.

Er kämpfte dagegen an. Sie hatte nicht gewußt, ob er es könnte, aber sie war sicher gewesen, daß er es versuchen würde. Sie kannte den stummen Grimm in ihm, eine Hälfte gegen die andere, und beide befürchteten Schmach. Aber da war das, was er ihr schuldete. Er ließ den Tros rückwärts aus der Gasse gehen, während sie allein weiterschritt.

Bei einer anderen Frau wäre vielleicht der Pulsschlag gerast, und sie hätte Schwäche in den Knien verspürt, wenn sie wußte, wer und welche Augen zornig auf ihren Rücken starrten. Aber sie wußte genau, was er tun würde, nämlich ganz still auf dem Trospferd sitzen bleiben, bis sie außer Sicht war. Und daß er warten würde, nur um zu beweisen, daß er warten konnte, wenn seine Integrität bezweifelt wurde. Und im Gegensatz zu ihr kannte er keine Gezeiten.

Er rührte sie, auf vage und theoretische Weise. Sie empfand Achtung für ihn. Sie ging ein ungeheures Risiko ein, indem sie sein Angebot der Bezahlung annahm, denn sie wußte wirklich nicht, ob sie beide oder auch nur einer von ihnen überleben würden. Vielleicht kannte er die Gefahr, vielleicht auch nicht. Um sich selbst empfand sie vage Angst. Es war wieder diese schreckliche Langeweile, diese Fessel der Gezeiten.

Roxane fehlte ihr auf sonderbare Art. Sie vermißte ihre Dienstboten, die sie betrogen hatten. Sie vermißte sie mit dem Gefühl, das ihrem entkräfteten Körper entsprang, der uralten Langeweile, die nun um so schwerer zu ertragen war, da sie eine kurze Zeitlang – solange sie eine Feindin und eine Herausforderung gehabt – wirklich gelebt hatte.

Nur ihre Liebhaber konnten sie berühren, wenn die Langeweile am schwersten war. Es war nicht der Sex, wofür sie tötete. Es war der Augenblick der Seelenqual, des Schreckens, der Macht oder der Furcht oder des Kummers – es war nicht wichtig, was. Es hielt nie auch nur lange genug an, es zu erkennen. Da war lediglich der Augenblick, der immer wieder versucht werden mußte, um zu erkennen, was es war.

Vielleicht war das der einzige Augenblick, in dem sie lebte.

Das Trospferd donnerte fort von der Gasse, sein Reiter warf nicht einen Blick zurück; und der Stiefsohn Straton drückte sich an die Mauer und blickte Tempus nach, bis Pferd und Reiter mit der Nacht verschmolzen.

Dann drehte er sich abrupt um und spähte durch die dunkle, leere Gasse, obwohl er wußte, daß Ischade sie bereits wieder verlassen hatte.

Daß sie ihn in die Hölle schicken würde, weil er ihr nachspionierte.

Er hörte Gerüchte über sie, hatte unzählige Gerüchte gehört, ohne sie wirklich zu hören. Es hatte ihn entsetzlich mitgenommen, und er war lange genug durch die Hölle gegangen, daß es das Vertrauen in ihm selbst erschütterte, in seine Entscheidungen, in den törichten Einfall, der ihn in blindem Ärger, ohne seine übliche Vorsicht, ohne seinen Verstand zu benutzen, auf die Straße getrieben hatte. Jetzt würde er den Rest seines Lebens unter plötzlichen Stichen in der Schulter leiden, wenn er seinen Arm falsch bewegte. Es war ein unvorhersehbarer Schmerz, der ihn wütend machte, wenn er durch ihn schoß und ihn zwang, in einer unnatürlichen Haltung zu verharren, bis er schließlich nachließ. Er kam so plötzlich und war so unbestimmbar, daß er nicht spüren konnte, ob es von den vernarbten Sehnen und dem Gelenk kam, die in einer bestimmten Bewegung plötzlich erstarrten, oder ob es lediglich der Schmerz war, der den Arm im Augenblick des Zusammenzuckens lähmte. Er versuchte es mit Übungen und entschlossenem Widerstand, wenn der Arm zu erstarren drohte; aber in üblen Augenblicken verriet er ihn doch.

Sein Selbstvertrauen war bereits auf der Straße gestorben, noch ehe Haught ihn in die Finger bekam. Es war die Beschädigung eines Körpers, für den er immer geschäftsmäßig gesorgt und den er gut behandelt und heil und gesund gehalten hatte, bis zu diesem Ende seines Lebens, da er begann, voll Neid auf Krämer und Kaufleute und ihre Gattinnen und Bälger zu blicken. Söldnerdienst war für junge Männer, er hatte bereits ein anderes Leben in Betracht gezogen, solange sein Körper und sein Verstand noch heil waren. Bei seinem Einfallsreichtum, seiner Erfahrung und seinen Beziehungen…

Bis ein einziger Moment der Unüberlegtheit ihn verkrüppelt und ihn vor den Augen ganz Freistatts auf das Pflaster geschleudert hatte. Nicht die Alpträume, aus denen er schweißgebadet erwachte, waren so schlimm; nicht die Angst; sondern die Befürchtung, daß er es verdient und daß Crit recht hatte: Seine ganze Welt war ein Gespinst aus Spinnweben und Mondschein.

Die Frau, deren Gesicht er im Liebesakt sah, das bezaubernde dunkle Gesicht, das schwarze Haar, das wie feinste Seide auf dem Kissen ausfächerte – das Gesicht, das im sanften Schein von Feuer und Kerzen nachdenklich über ihm lächelte…

… er vermochte es nicht an der zu sehen, die durch die Straßen wanderte; die wahllos einen Liebhaber nach dem anderen in den verkommensten Gassen Freistatts nahm – der Mörderin.

Er folgte ihr. Er hatte Dinge gesehen, die er nicht vergessen konnte. Er hatte sich für die Vernunft entschieden, für Crit, dafür, sie zu verlassen, wenn die Stiefsöhne aus der Stadt abzogen. Er würde nicht zurückblicken und allmählich diese Träume verlieren. Der Arm würde heilen, und er würde wieder zu sich finden, irgendwo, irgendwann.

Aber an diesen Betrug hätte er nie gedacht, diesen doppelten Betrug – sie mit seinem Befehlshaber.

Er wünschte die Verdammnis auf sie beide herab. Er hatte sich eingebildet, er hätte alle Gefühle gekostet, die es nur gab. Er hatte bisher nicht daran gedacht, daß er eine wirkliche Macht in Freistatt gewesen war, noch ehe sie ihn in ihr Bett mitgenommen hatte. Daß sie ihn fast zu einem wirklich Mächtigen gemacht hatte. Aber das hatte sich geändert. Er war nutzlos für sie. Also warf sie ihre Netze aus und fing sich einen, der geeigneter für ihre Zwecke war.

Er stürmte um die Ecke, den Bürgersteig entlang, und zuckte zusammen. Es war dieselbe Straße. Es war die gleiche blinde Wut. Wiederholung, ein neues Mal. Der Braune wartete auf ihn: er wartete immer, eine Farce der Treue, ihr Geschenk, das ihn nie verlassen würde. Er brachte ihn in die Stallung, und dann hörte er mitten in der Nacht seinen Hufschlag auf den Kopfsteinen unter seinem Fenster. Im Traum hörte er ihn trotten, hörte seinen Atem, hörte, wie er von einem Huf auf den anderen trat. Und da war diese kleine Stelle auf seiner Hinterbacke, die – nicht da war. Sie hatte keine Farbe, war nur ein Schönheitsfehler, und wenn man auf diesen münzengroßen Fleck starrte, bildete man sich ein, daß gar kein Pferd da war, nur das Kopfsteinpflaster oder die Mauer dahinter, oder ein Schimmer, hinter dem vielleicht die Wahrheit sichtbar wurde. Im Licht seines verlorenen Selbstvertrauens waren diese Treue und Beharrlichkeit beängstigend.

Er ging zu ihm, griff nach den herunterhängenden Zügeln und legte den linken Arm um seinen Hals, den linken wieder, um festzustellen, ob er weh tun würde; er drückte den warmen Pferdehals fest an sich, tätschelte ihn, um festzustellen, ob der Braune nach ihm schnappen und sich als eine Kreatur der Hölle erweisen würde. Ja, nun quälte ihn Schmerz, aber mit Ärger vermischt; und er war wieder ein verdammter Narr, auf derselben Straße, wo ihn schon einmal ein Heckenschütze erwischt hatte.

»Strat!«

Er wirbelte herum, von eisiger Furcht getrieben, die sich in Zorn verwandelte. »Verdammt! Was machst du hier?«