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Sein Partner Crit stand einen Augenblick lang nur stumm da und fixierte ihn. Er hatte Crit am Ende des Blocks, bei den niedergebrannten Häusern zurückgelassen.

»Wie bin ich unbemerkt so nahe herangekommen?« fragte Crit scharf. »Du weißt es nicht. Das mache ich hier!«

»Ich will den Hundesohn finden, der auf mich geschossen hat«, brummte Strat. »Ich muß Genaueres wissen!« Es gab da eine Verbindung! Crit konnte fast alle Stücke richtig aneinanderlegen. Das war es, was Crit auf der Welt tat, kleine Stücke zu einem großen Bild zusammenfügen. Crit hatte so ein Bild gemacht, das zeigte, was Strat doch für ein Narr war. Und diesen Mann sah Crit jetzt in ihm. Er aber wollte ihm den alten Straton wieder zeigen, die Sache bereinigen, den Schmerz bewältigen und nicht zulassen, daß die Schmerzen ihn noch länger bei der Arbeit behinderten.

Ja, die Sache abschließen, damit er, wenn die Stiefsöhne abzogen, diese mörderische Stadt verlassen konnte, ohne das Gefühl, daß er getrieben wurde.

Raus aus dieser Stadt, unter Tempus’ Kommando, ohne ein weiteres Wort und ohne daß etwas unerledigt blieb. Mehr wollte er nicht.

Der Braune stupste ihn sanft in die Rippen, streifte mit samtigen Lippen über seine Hand, zeigte ihm beharrlich seine Zuneigung.

Nichts milderte die dumpfe Schwüle, kein Windhauch strich durch das schmale Fenster, durch das nichts weiter als ein Luftschacht zu dem kahlen Hof zu sehen war. Irgendwo schrie ein Baby, und eine Ratte stieß ihren Todesschrei in den Fängen eines nächtlichen Jägers aus. Auf dem Dachboden unmittelbar darüber raschelten Flügel. Irgend etwas hatte wohl die Vögel geweckt, die nun ihrem Unmut Luft machten, da sie ja ein Recht auf ihren Schlaf hatten. Und plötzlich flatterten alle panisch auf. Stilcho, der im Dunkeln nackt vor diesem Fensterschlitz stand, zuckte zusammen. Die Vögel drängten sich flügelschlagend durch die schmale Öffnung hinaus in die Dunkelheit. Etwas hatte die Vögel, die sonst nur tagsüber den Dachboden verließen, in Panik versetzt.

Er schauderte, verkrampfte die Hände um das Fensterbrett und blickte auf die Frau, die ohne Decke auf dem verschwitzten Bettuch lag. In diesem Loch im zweiten Stock war man eher bewußtlos, als daß man schlief. Die abgestandene Luft stank nach menschlichen Ausscheidungen und Generationen von ungewaschenen Bewohnern. Aber eine andere Unterkunft hatten sie nicht, Moria und er. Er war noch am Leben. Moria hatte alles verkauft, was sie hatte, und ging ihrem alten Handwerk nach, was ihm furchtbare Angst machte, denn auch in Freistatt hängte man Diebe, wenn man sie erwischte, und Moria war aus der Übung. Sie rührte sich. »Stilcho«, murmelte sie. »Stilcho.«

»Schlaf weiter.« Wenn er jetzt zu ihr ging, würde sie seine Verkrampfung spüren und wissen, daß ihn grauenvolle Angst quälte. Aber sie stand auf. Die Holzstützen, um die sie einem Netz gleich Seile gespannt hatten, knarrten. Sie kam zu ihm, schmiegte den schweißgebadeten, müden Körper an seinen und schlang die Arme um ihn. Trotzdem hörte sein Zittern nicht auf, und sie spürte es.

»Stilcho!« Nun schwang Angst aus ihrer Stimme. »Stilcho, was ist los?«

»Ein Alptraum«, antwortete er. »Nur ein Traum, nichts weiter.« Er hielt sie fest, war dankbar für ihre feuchte Wärme an seiner Haut. Wärme des Lebens. Glut der Leidenschaft. Er war Ischade entflohen, Magiern entflohen und jenen Kräften, die ihn als ihren Boten zur Hölle benutzt hatten. Er lebte wieder, aber ein Auge war tot; eines sah die Lebenden, doch das andere…

Wieder erschauderte er. Er hatte heute nacht in die Hölle geblickt.

»Stilcho.«

Er drehte sich mit dem Rücken zum Fenster. Es fiel ihm schwer, seine nackten Schultern waren der Nachtluft ausgesetzt, aber schlimmer noch, sein Gesicht war der tieferen Dunkelheit im Raum zugewandt, in der sein lebendes Auge blind war. Dann sah sein anderes um so deutlicher – und was sich dort bewegte, nahm plötzlich klarere Form an.

»O Götter! Sie haben etwas auf die Stadt losgelassen! Moria, etwas bewegt sich durch die Stadt…«

»Was? Was denn?« Moria, die Diebin, faßte seine Arme mit plötzlich harten Händen und schüttelte ihn, soweit sie ihn überhaupt zu bewegen vermochte. »Stilcho, hör auf, hör auf, hör auf!«

Das Baby brüllte jetzt aus dem Fensterschlitz weiter unten im Luftschacht. Die Armen teilten notgedrungen ihren Krach, ihre Auseinandersetzungen mit den Nachbarn, die wie sie in Elendsquartieren hausten, wo selbst leise Stimmen durch die dünnen Wände zu hören waren.

»Pst«, sagte er. »Es ist schon gut.« Doch das war eine Lüge.

»Wir sollten zu IHR zurückkehren. Wir sollten…«

»Nein!« In diesem Punkt war er eisern. Und wenn sie beide verhungerten.

Doch manchmal, in Nicht-ganz-Träumen, spürte er Ischades Berührung so fest, wie er sie immer gespürt hatte, und vermutete voll Unbehagen, daß sie genau wußte, wo ihre entflohenen Dienstboten sich aufhielten.

»Wir hätten ein Haus«, gab Moria zu bedenken und brach in Tränen aus. »Wir wären sicher vor dem Gesetz.« Sie grub ihr Gesicht in seine Brust und drückte ihn ganz fest an sich. »Ich komme von hier! Ich kann nicht mehr so leben, es stinkt, Stilcho, es stinkt, und ich stinke, und ich bin müde und kann nicht schlafen…«

»Nein!« Da war wieder seine Vision. Rote Augen stierten ihn aus der Schwärze an. Er versuchte, den Blick davon abzuwenden, aber es wurde immer wirklicher. Er wollte es verdrängen; er drehte sich zu dem Rest Sternenlicht um und krallte die Finger ins Fensterbrett, bis sie schmerzten. »Zünd die Lampe an.«

»Wir haben kein…«

»Zünd die Lampe an!«

Sie ging, und er hörte sie mit der Zunderschachtel und dem Docht hantieren, und er versuchte an Licht zu denken, an irgendein reines, gelbgoldweißes Licht: das der Sonne am Morgen, das der brennenden Sommersonne, irgendwas, das die Kraft hatte, die Dunkelheit zu vertreiben.

Doch die Sonne, die er sich dort in der Dunkelheit mit seinem lebenden Auge ausmalte, rötete, spaltete sich, dehnte sich aus und erlosch in tiefster Finsternis, kehrte jedoch in vertrautem Schein zurück.

Es dauerte eine Zeitlang, bis die Lampe allmählich kräftig, verschwenderisch brannte. Er drehte sich um und sah Morias Gesicht, hager, schweißnaß und furchtgequält. Einen Moment lang war sie eine Fremde, eine Erscheinung, deren Anwesenheit er sich genausowenig erklären konnte wie die Vision, die ihn geweckt hatte: die von etwas, das in den Himmel über Freistatt geschleudert worden war und nun frei dahinschoß. Doch dann stellte Moria die Lampe auf das kleine Nischenbrett, und nun verwandelte ihr Schein ihren Körper ganz in Schatten und rosige Farbtöne, ihr Haar zu feinem Goldgespinst. Haughts Magie war gründlich. Sie sah immer noch wie eine rankanische Dame aus, wenngleich eine gefallene.

Sie brauchte ihn, hier an diesem Ort, das glaubte er jedenfalls. Er brauchte sie unbedingt. Manchmal befürchtete er, wahnsinnig zu werden, manchmal glaubte er, daß er es bereits war.

Das Schlimmste war, wenn er träumte, sie würde aufwachen und eine Leiche an ihrer Seite finden, die sterblichen Überreste einer in die Hölle gezerrten Seele; und die Leiche war, wie sie nach zwei Jahren im Grab aussehen mußte.

Am Tag lastete die brütende Hitze in der seit den Regengüssen unbewegten Luft über Freistatt. Die wenigen Kunden auf dem Markt tätigten lustlos ihre Einkäufe. Die Händler fächelten sich Kühlung zu und hielten sich im Schatten, während ihr Gemüse welk wurde und der Fisch noch mehr stank. Es gab schlimme Probleme in der arg mitgenommenen Stadt. Gerüchte breiteten sich durch alle Straßen und Gassen aus, und überall raunte man dieselben Namen.

Oben auf dem Hügel erhielt ein Offizier der Garnison von höherer Instanz einen Befehl, den er weiterleiten sollte.